Donnerstag, 30. August 2012

Ein Kommentar zu Wikipedia: Und täglich kotzt das Murmeltier

Wikipedia Frühmittelalter
Wikipedia-Logo (Bild: Nohat / Wikimedia.org)
An sich ist dieses Blog als Gute-Laune-Blog konzipiert. Kritik soll hier eigentlich nur in homöopathischen Dosen vorkommen. Es gibt allerdings Dinge, die muss man in aller Ausführlichkeit "behandeln". So ein "Ding" ist Wikipedia. Nie käme es mir in den Sinn, dieses großartige Projekt grundsätzlich in Frage zu stellen. Sehr wohl aber muss darauf aufmerksam gemacht werden, wie Stammautoren und Andministratoren sich hinter einem Wust von oft abstrusen Formalien verbarrikadieren und jegliche Kritik, im Stil typisch preußischer Paragraphenreiter, an ihrer Tintenburg abprallen lassen.

Ein Beispiel: Als ich auf der Diskussionsseite eines Artikels höflich darauf aufmerksam machte, dass die Schreibweise eines überlieferten germanischen Namens nicht einmal ansatzweise dem Forschungsstand entspricht, unter anderem weil die Wissenschaftlerin XY längst eine aktuellere Übersetzung veröffentlicht hat, knallte mir ein Nutzer drei veraltete Literaturquellen vor den Latz, die beweisen sollten, dass meine Anmerkung nur eine unwichtige Minderheitenmeinung darstellt (Stichwort "Relevanzkriterien"!). Dies ist leider eine übliche Vorgehensweise bei Wikipedia, die ich auch schon in anderen Fällen beobachtet habe. Dabei liegt es eigentlich in der Natur der Sache, dass eine neuere Forschungsmeinung sich noch in weniger Fachliteratur wiederspiegelt, als eine ältere, welche über Jahrzehnte, oder gar Jahrhunderte, zirkulierte. Trotzdem, bei Wikipedia zählt leider oft Quantität, nicht Aktualität oder Qualität.

Bei Themen welche die Antike betreffen, wird "Der Neue Pauly" besonders gerne als ultimatives Totschlagargument ins Feld geführt. Dieses mehrbändige Nachschlagewerk kostet mindestens läppische 3380,10 Euro und hat dementsprechend keine besonder große Verbreitung bei Privatleuten. Dass die einzelnen Einträge eines so umfangreichen Werkes nie in jedem Fall dem neuesten Stand der Forschung entsprechen können (die aktuelle Ausgabe ist fast 10 Jahre alt), stört die Pauly-Jünger nicht. Wie ein heiliges Buch wird diese Enzyklopädie verehrt. Der im Neuen Pauly vertretenen Meinung, wird überdurchschnittlich oft der Vorzug eingeräumt. Jegliche andere Fachliteratur befördert man bei Diskussionen dementsprechend lässig in den Orkus. Dass z.B. die Einträge in Lexiken wie dem "Neuen Pauly", oder auch dem "Reallexikon der Germanischen Altertumskunde", oft auf längst überholten  Übersetzungen von Primärquellen beruhen, wird schlichtweg negiert. Dabei wird sogar im betreffenden Wikipedia-Artikel zum Neuen Pauly darauf hingewiesen, dass die ersten drei Bände für ihre qualitativen Mängel von der Fachwelt kritisiert wurden. Und bei Gott, auch zu den anderen Bänden würde mir noch so manches einfallen! Wie auch immer, da auf vielen Universitäten die Geschichtsstudenten auf diese spezielle Enzyklopädie geeicht werden, sie ist ja an sich auch praktisch,  wird wird sie von viel zu vielen Leuten maßlos überbewertet. Wer Zugang zu diesem Nachschlagewerk hat, der meint allzu oft, er könne es sich mehr oder weniger ersparen, in aktuelle Fachliteratur zu investieren, aber trotzdem überall, Pauly sei Dank, seinen Senf dazu geben - so z.B. bei Wikipedia.

Unter solchen Bedingungen ist es natürlich nicht möglich, dass Wikipedia auch nur annähernd den neuesten Stand der Forschung wiederspiergelt. Vor allem wenn einzelne Autoren wie Geier über "ihren" Artikeln wachen und jegliche Veränderung bzw. Richtigstellung als Angriff auf ihre "Dignitas" betrachten.

Was ist also mein Fazit? Soll ich es den vielen Autoren nachmachen, die Wikipedia frustriert den Rücken kehren (alleine im letzten Geschäftsjahr über 4000), da sie das dort vorherrschende Klima der infantilen Rechthaberei unerträglich finden? Oder wäre es nicht besser, sich einfach in Bereiche zurückzuziehen, die die Mehrheit nicht interessiert und wo man sich deshalb noch "ungestört" einbringen kann? Ich persönlich werde diesen letzteren Weg wählen und nur mehr über Dinge bei Wikipedia schreiben, die mein direktes Umfeld betreffen: die Heimatgemeinde, den Heimatbezirk und eventuell noch das Heimatbundesland. 


5 Kommentare

  1. Oh ja, wie gut kenne ich das! Wikipedia hat übrigens im letzten Jahr am Rande eines altertumswissenschaftlichen Kongresses in Berlin extra eine Veranstaltung abgehalten, um mehr Forscher dazu zu bringen, Wikipedia-Einträge zu verfassen. Herausgekommen ist, dass fast alle beteiligten Wissenschaftler mehrfach Artikel geschrieben oder korrigiert hatten, diese dann aber von den "Stammautoren" unverzüglich wieder verschlimmbessert wurden. Und genau diese NP-Fixierung wurde auch kritisiert. Ja, das ist ein hervorragendes Lexikon für den Einstieg in ein Thema, aber doch nicht der Wissenschaft letzter Wurf!
    Von anderen Fachrichtungen (Biologen, Geographen ect.) habe ich genau dasselbe gehört. Die Verantwortlichen bei Wikipedia kennen also das Problem, stecken aber lieber den Kopf in den Sand, weil sie ihre treuen Autoren nicht verärgern wollen. Ich schreibe seither auch nicht mehr...

    LG, Julia

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  2. Wikipedia ist seit ein paar Jahren sehr dazu angetan, einem den letzten Nerv zu ziehen. Ich kann dir da nur vollauf zustimmen. Dass man mehr "Fachleute" als Autoren wollte, hat außerdem dazu geführt, dass die Leserlichkeit vieler Artikel stark abgenommen hat. Unverständliche Fachvokabeln und verschachtelte Sätze bis zum Überdruss.

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  3. Ich kann Euch (Richard u. Julia) gut verstehen und kann die bei Wikipedia dafür verantwortlichen Autoren in diesen Fällen nur empfehlen, ihr Ego weniger wichtig als die übernommene Aufgabe zu nehmen.
    Als Medium gibt es für mich einfach keinen Weg vorbei an eine durch die Gesellschaft editierte "Gemeinschaftsbibliothek". Der Nutzen; schneller Zugriff, Verknüpfung von Information, Verfügbarkeit selbst auf dem Smartphone und - für die dritte Welt ganz wichtig - kostenloses Wissen erscheint mir zu wertvoll als wegen (meist) Detailfragen diesem Projekt die Unterstützung zu versagen. In der Breite der Artikel lässt sich mengen- als auch gütemäßig ein Zuwachs erkennen. Dennoch wird wohl immer um Neues "gerungen" werden müssen. Die Quellen, Funde, Erkenntnisse, Bezüge und Beteiligten werden immer mehr. Es wäre Schade, auf diese Art Fachleute zu verlieren.

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  4. meines Wissens ist die englische Wikipedia weitaus unproblematischer. Ich würde es dort versuchen. Die deutsche ist für mich nicht mehr "relevant" (pun intended)

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    1. Ich denke auch, dass die englische Wikipedia weitaus unproblematischer ist. Da ich durchs Bloggen mittlerweile kaum Freizeit für Wikipedia erübrigen kann, hat sich die Sache für mich aber vorläufig ohnehin erledigt.

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