Mittwoch, 26. September 2012

Zahngesundheit im Frühmittelalter

Von den Untersuchungen an unzähligen Skeletten wissen wir, dass im Frühmittelalter Karies deutlich seltener vorkam als heutzutage. Das liegt jedoch kaum an einer besseren Zahnhygiene, sondern vielmehr an anderen Ernährungsgewohnheiten, die das Gebiss offensichtlich schonten. Der Mangel an süßen Nahrungsmitteln wird hier einer der Hauptgründe gewesen sein. Vergleichsweise teurer und deshalb eher selten verwendeter Honig war ja das einzige Mittel zum Süßen von Speisen und Getränken (Anm.: Blei-Acetat bzw. Bleizucker kann hier wohl vernachlässigt werden).
Die Malflächen der Zähne wurden bei sehr vielen Menschen allerdings im Laufe der Zeit regelrecht flach geschliffen. Dies lag daran, dass die Mühlsteine mit denen man das Mehl mahlte, sich je nach Gesteinsart recht stark abnutzen konnten; der Abrieb in Form von feinstem Steinpulver wurde mit dem Mehl zu Brot gebacken und konnte so beim späteren Verzehr durch den Menschen, im Mund seine Wirkung als eine Art "Schmirgelstoff" entfalten.
Es stellt sich jedoch die Frage, ob dies nicht auch Vorteile mit sich brachte? Z.B. im Hinblick auf die Vermeidung oder Verminderung von Zahnstein. Wir erzeugen heute schließlich auch spezielle Zahncremen, denen genau deshalb ähnliche Schmirgelstoffe beigefügt werden. Natürlich sollte man solche speziellen Zahncremen nicht täglich verwenden. Und natürlich findet man bei den Gebissen frühmittelalterlicher Skelette, obwohl man dieses Brot mit "Schleiffaktor" aß, immer wieder Zahnstein. Trotzdem, ...

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6 Kommentare

  1. Ein Schleiffeffekt ist heutzutage sicher keine so gute Idee, da wir deutlich älter werden, da muss das Gebiss entsprechend länger halten...
    Zudem glaube ich, das hier ausnahmsweise mal nicht der böse Zucker der Hauptschuldige ist, denn im Hoch- und Spätmittelalter nimmt der Kariesbefall deutlich zu, obwohl auch da nur selten gesüsste Nahrungsmittel konsumiert wurden. Entscheidend ist nicht der reine Zucker, sondern der "versteckte" in den Kohlenhydraten (Getreidebrei ist für Zähne eine klebrige Sache). Im Frühmittelalter wurde mehr Fleisch gegessen als zur Römerzeit oder Hochmittelalter. Zudem waren die Menschen im FM allgemein gesünder, zumindest jene, die die ersten Jahre überlebten (da spielt aber nicht nur die Ernährung, sondern auch die geringere Bevölkerungsdichte und dezentrale Siedlungsweise eine Rolle).

    Abgesehen davon nehme ich gerne mehr Karies in Kauf, wenn ich dafür einen ordentlichen Zahnarzt zur Verfügung habe ;-)

    LG, Julia

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    1. Zucker kommt, da hast du vollkommen recht, in versteckter Form auch in Getreideprodukten vor - Stichwort Kohlehydrate. Ich neige allerdings dazu, dieser Sache nicht so große Bedeutung beizumessen. Und zwar aus folgenden Gründen:

      Römische Legionäre hatten bis ins 2. Jahrhundert hinein bessere Zähne als in späterer Zeit. So lauten zumindest diverse Befunde aus Britannien. Und das obwohl Getreidebrei ("puls") schon Jahrhunderte lang regelmäßig und in großen Mengen vertilgt wurde. Das passt demnach nicht wirklich zusammen.
      Es muss noch andere gewichtige Faktoren gegeben haben.

      Nun wissen wir, dass in der Spätantike, bis weit ins 8. Jahrhundert hinein, sich das Klima deutlich abkühlte. Man vermutet ja sogar, dass diese Klimaverschlechterung ("Pessimum der Völkerwanderungszeit") ein Auslöser der bekannten "Völkerwanderung" war.
      Ein deutlich kälteres Klima bedeutet, dass die Früchte nicht mehr solange der Sonnenbestrahlung ausgesetzt waren. Sie enthielten dadurch weniger Fruchtzucker, waren kleiner und bestimmte von den Römern importierte "Frucht-Pflanzen" aus dem Süden, wuchsen im Laufe der Zeit überhaupt nicht mehr in Mitteleuropa. Der Konsum von Fruchtzucker ging demnach bestimmt spürbar zurück (gut für die Zähne).
      Wir wissen auch, dass Bienen extrem empfindlich auf Umwelteinflüsse reagieren. Bei Bewölkung, Regen und allzu niedrigen Temperaturen, vermindert sich die Leistungsfähigkeit der fleißigen Honigsammler spürbar. Weniger Sonnentage im Jahr bedeuten auch, dass weniger Blüten vorhanden sind bzw. die Zeit der Blühte sich spürbar verkürzt. Die Honigproduktion ging, wenn man diese Faktoren bedenkt, demnach sicher deutlich zurück - ich habe irgendwo gelesen, bis zu 50 Prozent (gut für die Zähne).

      Ich würde der Kohlehydrat-Theorie demnach nur teilweise zustimmen. Zwar ging im Zuge der Klimaverschlechterung auch die Getreideproduktion zurück - und damit der Konsum von Getreide - aber eben auch massiv der Konsum von süßen Früchten (und man bedenke auch, dass der Import von Südfrüchten durch den Fall des Reichs, größtenteils zum Erliegen kam). Hier einfach dem Getreide bzw. den Kohlehydraten das Übergewicht zu geben, ist demnach ein wenig ich zu kurz gegriffen, denke ich mir.


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    2. Du schreibst "Römische Legionäre hatten bis ins 2. Jahrhundert hinein bessere Zähne als in späterer Zeit. So lauten zumindest diverse Befunde aus Britannien. Und das obwohl Getreidebrei ("puls") schon Jahrhunderte lang regelmäßig und in großen Mengen vertilgt wurde. Das passt demnach nicht wirklich zusammen."
      Da passt dein Argument aber nicht zu deiner nachfolgenden Theorie, denn die Klimaverschlechterung in Britannien setzt erst ab etwa 400-450 ein. Im 3. Jh. war es im Gegenteil sogar minim wärmer als vorher, da müsste dann also mehr Zucker im Obst gewesen sein. Übrigens stammt die Kohlenhydrate-Theorie nicht von mir, sondern ist die gängige Lehrmeinung unter Anthropologen (grundlegend dazu und für Nicht-Spezialisten halbwegs verständlich: S. Hillson "Recording dental caries in archaeological human remains", Int. J. Osteoarchaeol 11, S. 249-289). Wie man dann allerdings die Karieszunahme bei den erwähnten Legionären erklärt, weiss ich auch nicht.

      Ich bin allerdings nochmals über die Bücher und habe festgestellt, dass die ganze Sache nicht so einfach ist. Denn einerseits gibt es Belege für diverse Methoden der Zahnpflege, wir können aber nicht mehr feststellen, wie weit verbreitet und wie wirksam das war. Zudem sind Kariesbakterien offenbar evolutionsbedingt zeitlich und regional unterschiedlich agressiv, so dass schon Vergleiche innerhalb des römischen Reiches von einigen Anthropologen als schwierig beurteilt werden. Das wird dann wohl mit der Völkerwanderung nicht besser ;-)
      Wie so oft in der Wissenschaft wird es in der Karies-Frage also keine einfachen griffigen Erklärungen geben...

      LG, Julia

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    3. Mir ist klar, dass diese Punkte sich scheinbar widersprechen. Allerdings, wie du selbst schreibst, ist die Sache nicht so einfach. Ich denke, viele Faktoren haben Einfluss auf die Zahngesundheit gehabt. Z.B. hemmt Rotwein Karies. Nun ging der Weinanbau, und somit auch der Weinexport in entfernte Provinzen, z.B. nach Britannien, im Zuge einer Klimaverschlechterung bestimmt spürbar zurück. Und ausgerechnet im 2. Jh. kam es zu so einer vorübergehenden, teils sehr starken, Abkühlung: http://klimakatastrophe.files.wordpress.com/2008/09/sicre.jpg
      Legionäre, bekanntermaßen Weinliebhaber, mussten ihren Durst nun wohl vermehrt mit einem anderen Getränk stillen. Dies wiederum konnte der Zahngesundheit abträglich sein. "Konnte", wohlgemerkt. Ich behaupte nicht, dass es ganz sicher so war. Aber einen echten Beleg gibt es ja leider auch nicht für die Kohlehydrat-These.
      Was mich an letzerer Theorie auch sehr stört, wonach die Ablösung von kohlehydratreichem Getreide durch Fleisch gesund für die Zähne gewesen sein soll, ist folgendes: Da heißt es beispielsweise, faserige Nahrung wäre im Gegensatz zu klebrigem Getreidebrei gut für das Gebiss, da diese Fasern, wie Zahnseide, beim Kauen die Bakterien zwischen den Zähnen herausziehen. Mein Zahnarzt hingegen hat mir erzählt, dass faserige Nahrung schlecht ist, da eben genau diese Fasern leicht zwischen den Zähnen hängen bleiben und sich dann langsam im Mund zersetzen. Gerade Fleischprodukte, aber auch Obst, genauer gesagt Obstschalen, haben diesen Effekt, wie jeder aus praktischer Erfahrung weiß.
      Ich verputze selbst täglich eine Schüssel "klebrigen" Haferflockenbrei und weiß deshalb, wie unglaublich leicht man andererseits die Reste davon aus dem Mund spülen kann.
      Da ich im November wegen meiner jährlichen Vorsorgeuntersuchung sowieso zum Zahnarzt muss, werde ich ihm in der Frage jedenfalls noch auf den Zahn fühlen ;)

      Zusammenfassend: Das sich verändernde Klima hatte viele verschiedene Auswirkungen auf die Landwirtschaft (und somit auf die Ernährung bzw. die Zahngesundheit).
      Einerseits ging der Getreideanbau zurück, keine Frage. Andererseits aber auch der Anbau von süßem Obst und von Wein.
      Hier dem Getreide mehr Gewicht einzuräumen, halte ich persönlich für recht problematisch.

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    4. Wie gesagt, die Kohlenhydrat-These ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern gängige Lehrmeinung. Ich verstehe im Detail zu wenig von Dental-Anthropologie, um das wirklich fundiert beurteilen zu können, aber ich habe kaum eine wissenschaftliche Gegenmeinung gefunden.

      Zum Wein: ich denke, den kann man getrost ausschliessen. Nach Anzahl der (Wein-)Amphorenfunde nahm der Weinanbau und -vertrieb im ganzen römischen Reich bis weit ins 3. Jh. zu, unter anderem, weil sich neue zusätzliche Anbaugebiete etablierten. Und da der Weinkonsum im Frühmittelalter deutlich zurückging, müsste dann Karies ja häufiger geworden sein, nicht umgekehrt.

      Und noch zum Klima bzw. deinem Link: was das Wetter in Nord-Island mit dem Wein- und Obstanbau im römischen Reich zu tun haben soll, ist mir nicht klar. Da spielen Meeresströmungen wohl eine grössere Rolle, zudem ist dort im 5. Jh. (im Gegensatz zu England und Nordwesteuropa) auch eher eine Verbesserung als eine Kältewelle sichtbar...

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    5. Die Kurve bildet nicht nur die Oberflächentemperatur der Grönlandsee ab, sondern indirekt auch das europäische Klima.
      http://klimakatastrophe.wordpress.com/2008/09/
      Hier ist der Kälteeinbruch ab dem 2. Jahrhundert deutlich zu erkennen. Dies hat, da bin ich mir doch recht sicher, Einfluss auf den Weinanbau gehabt. Vor allem in Britannien, wo dieser selbst in wärmeren Klimaphasen eher schwierig war. Die Temperaturen erreichen im 2. Jh. vorübergehend Tiefstwerte, wie in der kleinen Eiszeit. Und in jenen Tagen kam der Weinanbau auf der Insel ja auch nahezu völlig zum Erliegen.
      Mir ist natürlich nicht bekannt, ob die verminderte Eigenproduktion in Britannien durch, sicher nicht billige, Importe ausgeglichen wurde.

      Weniger Wein im Frühmittelaler muss nicht zwingend zu einer Zunahme von Karies geführt haben. Denn wie gesagt, es wurden ja auch die Kariesverusacher deutlich weniger, wie süßes Obst und Honig.
      Ich vermute hier ein komplexes Zusammnenwirken vieler verschiedener Einflüsse.

      PS: Leider funktioniert im Moment das Forwarding jener E-Mails nicht, die mich über neue Kommentar benachrichtigen sollen. Deshalb dauert es oft länger, bis ich antworte.

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