Donnerstag, 18. Oktober 2012

Die Waldenser, Dolcino und die Konstantinische Schenkung

Darstellung der Konstantinischen Schenkung (13. Jahrhundert). Man beachte, wie auffällig untertänig ausgerechnet Konstantin d. Gr., der die Kirche eigentlich an der kurzen Leine hielt, sich hier dem Papst nähert ;)  (Foto: Wikimedia.org)

Die sogenannte Konstantinische Schenkung, also die von Kaiser Konstantin dem Großen durchgeführte Übertragung von weltlicher Macht auf die Päpste, erfreute sich bei einigen Ketzerbewegungen des Mittelalters keiner besonders großen Beliebtheit. Beispielsweise bei den auch in Österreich sehr umtriebigen Waldensern, die sogar ihre Gründung darauf zurückführten: Ein Gefährte des Papstes habe, so hieß es, diesen vor der Annahme der (unmoralischen) Schenkung abbringen wollen, sei daraufhin aber exkommuniziert und mit Gleichgesinnten der Verfolgung ausgesetzt worden. Diese Verfolgten, die im Gegensatz zur Amtskirche weiterhin weltlichen Besitz ablehnten und somit in der Tradition der Urkirche standen, seien die ersten Waldenser gewesen...
Leider ist dieser hübsche Gründungsmythos Unsinn, da die Waldenserbewegung erst im 12. Jh. von einem Herrn Waldes gegründet wurde und, was noch viel schwerer wiegt, die dem Mythos zugrunde liegende Konstantinische Schenkung, auf einer von einem Papst gefälschten Urkunde beruht :)
Etwas, das die Waldenser, als sie sich ihr Märchen ausdachten, noch nicht wussten, da besagte Fälschung erst im 15. Jahrhundert aufflog.

An der Konstantinischen Schenkung, die man nun einmal lange Zeit für bare Münze nahm, rieb sich auch der berühmt-berüchtigte (Radau-)Bruder Dolcino, der in Umberto Ecos Roman "Name der Rose" mehrmals Erwähnung findet. Auch er meinte, dass die Kirche ihre Unschuld verlor, als sie sich vom Armutsprinzip der Urkirche abwandte.
Ich persönlich halte diese angebliche Armut der Urkirche allerdings für einen Mythos. Nicht, weil ich etwa in Abrede stellen möchte, dass man sich anfangs noch deutlich bescheidener gab. Das mag durchaus so gewesen sein. Doch die Gründe hierfür waren wohl eher das erzwungene Leben im Untergrund - und weniger eine tiefe Überzeugung. Schließlich setzte sich das kirchliche Führungspersonal recht früh aus Mitgliedern der Oberschicht zusammen. Diesen Leuten dürfte, schon aus reiner Gewohnheit, durchaus etwas an einem gewissen Gepränge gelegen haben ;)

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