Montag, 29. Oktober 2012

War Rom in religiösen Fragen wirklich so tolerant?

Rom Inschrift
Tafel mit dem Senatsbeschluss zur Unterdrückung des
Bacchanalien-Kults aus dem Jahr 186 v. Chr.,
Kunsthistorisches Museum in Wien
(Foto: WolfgangRieger / Wikimedia.org)

Immer wieder kommt sie einem unter: Nämlich die Behauptung, Rom wäre in religiösen Frage so überaus tolerant gewesen. Einzig und alleine das Christentum hätte man nicht akzeptieren können, da dieses sich nicht völlig der Staatsgewalt unterwerfen wollte. (Hierbei schwingt dann auch oft ein leiser Vorwurf in Richtung Christen mit, wonach diese doch irgendwie selbst schuld an ihrem Schicksal waren - hätten sie doch einfach dem Kaiser geopfert ^^)
Das ist jedoch Unsinn, denn die Auseinandersetzung mit dem Christentum war kein Einzelfall in der römischen Geschichte, sondern lediglich das prominenteste Beispiel. Recht rabiat verhielt man sich gegenüber unliebsamen Religionen bereits zur Zeit der Republik. Bacchanalien, Kybelenkult und den Isisdienst, hat man teils mit brachialen Mitteln bekämpft. Auch über die Juden haben sich römische Intellektuelle ziemlich abfällig geäußert. Der Redner Valerius Maximus meinte beispielsweise, die Juden würden die römischen Sitten verderben. Unter Tiberius hat man dann kurzerhand 4000 von ihnen nach Sardinien deportiert, da sie nach dem Geschmack des Kaisers in der Stadt Rom einfach überhand nahmen.... Viele Unruhen in Judäa, und letztendlich sogar ein Krieg mit anschließender Vertreibung, fußten darauf, dass die Römer die religiösen Gepflogenheiten der Einheimischen teils bewusst missachteten. Vergessen sollte man auch nicht, welche Horrorgeschichten man aus fadenscheinigen Gründen beispielsweise den Karthagern in religiösen Fragen andichtete (Opferung von Säuglingen - ein überaus beliebter Topos!). Und last but not least: Den keltischen Druidenkult, der sich ursprünglich über weite Teile des europäischen Kontinents erstreckte, hat man seit Caesars Zeiten blutig bekämpft und vielerorts ausgerottet.
Nein, die Römer taugen in religiösen Fragen sicher nicht als vorbildliche Toleranz-Musterknaben. 

PS: Auch die vielgepriesenen Griechen, waren punkto Religion wohl nicht völlig von Gleichmut durchdrungen, denn mehr als nur einen Politiker oder Philosophen, siehe z.B. Sokrates, hat man unter anderem wegen Gotteslästerung ins Jenseits befördert...


Weiterführende Literatur:
Jörg Rüpke | Die Religion der Römer: Eine Einführung | C.H.Beck | 2006 | Infos bei Amazon

6 Kommentare

  1. Die Römer waren insofern "tolerant", dass es ihnen nicht um Gewissenskontrolle ging, sondern um die Wahrung der öffentlichen Ordnung. Fremde Kulte in privatem Rahmen zu tolerieren heisst ja nicht, dass man sie mit Respekt behandelt. Und dass den Machthabern jegliche Form von organisierten Gruppen suspekt war, hat vor allem mit Machtsicherung und der Befürchtung von Aufruhr zu tun. Es wurden ja nicht nur fremde religiöse Vereine verboten, sondern teilweise auch "römische" Kultvereine oder Feuerwehren, je nach aktueller Lage und Laune der Herrscher. Kameradschaft war etwas Gefährliches, das wusste man schon vom Militär...

    LG, Julia

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  2. Das Problem hierbei ist wohl, dass der Toleranzbegriff der den Römern heute meist zugeschrieben wird, ein moderner ist.
    Nur gab es unsere, von der Aufklärung geprägte, strickte Trennung zwischen Staat und Religion, im alten Rom eben nicht. Der Bürger musste zumindest den Schein waren und so tun, als ob er die offiziellen Staatskulte achtet; je nach Herrscher mal mehr, mal weniger. Religion war in Rom deshalb nie reine Privatsache.

    Ansonsten muss ich sagen, diese strickte Gewissenskontrolle des Einzelnen, gab es wohl nicht einmal im Mittelalter. Die Forschung tendiert, so habe ich den Eindruck, immer mehr in jene Richtung, dass es auch auf dem Höhepunkt der Machtentfaltung des Christentums, sehr viele Agnostiker oder Atheisten gab, die Sonntags einfach zuhause blieben, anstatt in die Kirche zu gehen; ohne, dass dies negative Folgen nach sich gezogen hätte (sicher, Ausnahmen gibt es immer).

    Aber es stimmt natürlich, dass Gruppierungen, die nicht unter der Kontrolle des Staates stehen, den Mächtigen schon immer suspekt waren. Auch die Karolinger haben Schwurgemeinschaften (coniurationes), die sich zum gegenseitigen Schutz bildeten, verboten. Man konnte ja nie wissen, ob die sich nicht eines Tages gegen das herrschende System wenden...

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  3. Nicht zu vergessen die Anhänger diverser philosophischer Schulen, die die römischen Zensoren immer wieder einmal aus der Stadt geworfen haben
    ;-)

    LG
    Leo

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    1. Stimmt.
      Aber welche philosophische Strömung war das noch schnell?
      Mir fällt es gerade nicht ein... vielleicht die Pythagoräer?
      Ich meine, wer das Essen von Bohnen verbietet, der ist einfach suspekt ;-)

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    2. Nachtrag:
      Aus Rom ausgewiesen hat man:
      173 v. Chr. zwei Epikureer
      161 v. Chr. verschiedene, nicht genau definierte Philosophen
      74 n. Chr. einige Kyniker

      Wahrscheinlich hat es noch mehr Ausweisungen von Philosophen gegeben.
      Aber das sind zumindest jene Fälle, die ich auf die Schnelle herausfinden konnte.

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    3. Hallo,
      so genau wusste ich das bisher gar nicht. Aber danke für die erhellende Auskunft
      ;-)

      LG
      Leo

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