Montag, 22. April 2013

Die legendäre Eberkopf-Formation


Von antiken Geschichtsschreibern ist uns die sogenannte Cuneus- bzw. Eberkopf-Formation überliefert. Lange Zeit ging die Forschung aufgrund des Namens  (cuneus = Keil) davon aus, dass es sich bei dieser häufig den Germanen zugeschriebenen Schlachtaufstellung um eine Art Dreieck handelte, das wie eine Speerspitze in die feindlichen Reihen eindrang. Hans Delbrück erkannte jedoch bereits vor knapp 100 Jahren:

Es kann keine unsinnigere Form des taktischen Körpers geben. Ein Haufen von Menschen bleibt, mag er auch noch so fest zusammenhalten, immer die Summe von einzelnen Individuen. Diese können zwar von hinten nach vorne drängen, aber nicht wie ein zugespitztes Stück Eisen den Druck auf einem bestimmten Punkt konzentrieren.

Diese Analyse ist zutreffend; das Dreieck taugt als Angriffsformation absolut nicht; auch aus folgenden Gründen:

1. Der Anführer an der Spitze wäre gleichzeitig drei Feinden gegenübergestanden (siehe Bild oben) und hätte demnach einem sicheren Tod ins Auge geblickt. Man kann nun freilich einwenden, dass die im Dreieck seitlich hinter ihm stehenden Männer ohne weiteres nachrücken konnten, um zu helfen. Es stellt sich allerdings die Frage, warum man dann überhaupt in dreieckiger Formation angreift und nicht gleich mehr Männer ins erste Glied stellt? Die Verzögerung durch das Nachrücken hätte dem Angriff auf jeden Fall die beabsichtigte Wucht genommen.
2. Mit einer ausreichenden Anzahl an Speeren, Pfeilen und Schleudergeschossen, könnte man die Spitze des Dreiecks problemlos bereits aus der Ferne "kappen".
3. Was sollte den feindlichen Feldherren daran hindern, im Moment der Feindberührung blitzschnell den linken und den rechten Flügel seiner Truppen nach außen schwenken zu lassen (siehe Bild oben), um das Dreieck in die Zange zu nehmen? Schließlich lädt dessen Form regelrecht zu so einem Manöver ein.

Doch wie hat der cuneus tatsächlich ausgesehen? Antike Überlieferungen, in denen die Schlachtaufstellung der Germanen beschrieben wird, lassen vermuten, dass er die Form eines Rechtecks besaß; beispielsweise 20 Mann breit und 15 Mann tief (=300 Mann).
Mehrere dieser Gevierte sollten mit großer Wucht auf die Feindlichen Linien treffen und sie auf breiter Front durchbrechen. Die Bezeichnung cuneus, also "Keil", dürfte demnach eher auf die Wirkungsweise zurückzuführen sein, und weniger auf das Aussehen.
Sollte der Durchbruch nicht gelingen, gab es immer noch die Möglichkeit, dass die hinteren Glieder über die Flanken nach Vorne zogen um sich in einer Schlachtreihe aufzustellen (siehe Bild unten). Natürlich wäre dies auch bei einer dreieckigen Formation möglich. Allerdings konzentrieren sich beim Dreieck die meisten Männer im hintersten Bereich.  Diese benötigen demnach relativ lange, um nach Vorne zu gelangen und eine Schlachtreihe zu bilden. Durch diese Verzögerung ermöglichte man dem Feind aber jenes bereits beschriebene Manöver, bei dem er das Dreieck von links und rechts umfassen kann.


Leider liest man in einschlägigen historischen Romanen noch häufig von der dreieckigen Form des cuneus (z.B. bei Bernard Cornwells Uhtred-Reihe). Schlimmer noch: Auch Sachbuchautoren zeichnen sich diesbezüglich immer wieder durch Ahnungslosigkeit aus.

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Quelle und Literatur-Tipp:

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9 Kommentare

  1. Anhand der grafischen Darstellung fällt es deutlich leichter zu verstehen, was im Einzelnen gemeint ist. Daran könnte sich Wikipedia ein Beispiel nehmen...
    LG,
    Erwin

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    1. Da ich kein Copyright-Fetischist bin, kann man die Grafiken bei Wikipedia gerne verwenden :)

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  2. Ah, den Delbrück habe ich gelesen, es dürfte erst zwei- oder drei Jahre her sein. Der gute Mann hat allgemein gegen sehr viele Vorurteile angeschrieben, die teilweise heute noch herrschen und in den Schulbüchern stehen, obwohl er sie vor hundert Jahren entkräftet hat.

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    1. In der Tat ein kluger Mann. Vor allem in der einschlägigen Literatur zum 1.WK ist er auch heute noch von Bedeutung.

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  3. Gute Theorie. Danke.

    Welche Formationen gab es noch, außer des Rechteckes?

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    1. Meines Wissens gab es außer rechteckigen oder annähernd quadratischen Formationen nur die Schlachtlinie, die im Prinzip allerdings auch nichts anderes ist als ein extrem in die Länge gezogenes Rechteck (und die oft auch nur aus mehreren direkt nebeneinander platzierten rechteckigen Einheiten bestand).

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    2. Aus dem Kriegsbuch des Phillipp Mönch (um1500) erkennt man ganz oben wohl eine Formation, die als Keilformation durchgehen könnte.
      http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglitData/image/cpg126/1/043r.jpg
      fürs Frühmittelalter kenn ich aber nichts dergleichen

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    3. Die Aufstellung ist wirklich interessant, da im Spät-MA und der frühen Neuzeit Pieken-Formationen wohl vor allem in Form eines Gevierts üblich waren, soweit mir bekannt ist.
      Aber vielleicht soll das auch die nicht ganz eindeutige Darstellung eines Gevierts sein??

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    4. kann natürlich auch sein.
      Was für einen Keil sprechen könnte ist, dass wenn man ihn als eine Form Injektionsnadel sieht. D.h.: Der Keil trifft auf die geordnete Form der zB Römer mit dem Ziel die eigene Infanterie zwischen und evtl hinter die Linie der Form zu bringen. Die jeweils äußeren Infanteristen des Keils sind mit dem Kampf beschäftigt und der innere Teil wird sozusagen durchgedrückt. Die Ordnung der Römer wäre dadurch ziemlich nutzlos und vielleicht in Gefahr dadurch Auflösungserscheinungen zu zeigen. Ich habe ein wenig Erfahrung in Feldschlachten im Reenactment, es hat sich gezeigt, wenn einmal die Ordnung durch den Einbruch des Gegners (v.a. von der Seite) verloren geht, dann hat das Geviert kaum mehr Chancen. Wird bei den Römern wohl ähnlich gewesen sein, aber mit deren Kampftechniken kenn ich mich da nicht so aus. Unsere Gegner waren oft auch Wikinger und/oder Schwertkämpfer, mit vielen Augenzudrücken könnte man also evtl. einen Vergleich Germanen und Römer herstellen. ;)

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