Dienstag, 1. Oktober 2013

Wikipedia: Nicht ganz so qualitätvoll, wie man gerne wäre

Seit geraumer Zeit beobachtete ich bei Wikipedia sporadisch das Lemma "Schwert". Mein Augenmerk galt dabei jener eher unsinnigen Behauptung, der zufolge es in der Antike keinerlei Klingentypen mit Hohlkehle ("Blutrinne") gab. Ich fragte mich, wie lange sich diese seltsame Aussage im allseits beliebten Online-Lexikon wohl halten mag. Nun, es waren mehrere Jahre. Und der Eintrag würde höchstwahrscheinlich auch heute noch manch Leser in die Irre führen, wenn ich nicht - nachdem sich sogar jemand in einem Forum darauf berief - ausnahmsweise selbst eine Berichtigung der inkriminierten Passage vorgenommen hätte.
Interessant an der Sache ist vor allem, dass man die ursprüngliche Falschbehauptung fein säuberlich mit einer Quelle belegt hat. Dass genau diese Quelle veraltet und recht unzulänglich gewesen ist, störte jedoch eine gefühlte Ewigkeit lang niemanden (das Problem, mit überholter Literatur zu argumentieren, ist nicht neu).
Da passt es übrigens auch ins Bild, dass dem Bauprojekt "Campus Galli" bei Wikipedia nach wie vor das Attribut "Experimentelle Archäologie" zugestanden wird - einzig und alleine auf Aussagen des Betreibers fußend. Experimentalarchäologen und jene, die sich ein wenig mit der Thematik auseinandergesetzt haben, wissen hingegen, in welcher Weise man auf der Klosterbaustelle herumfuhrwerkt.

4 Kommentare

  1. Ich kann als Wikipedia-Beispiel noch den Eintrag zum sizilianischen Sant’Angelo Muxaro beisteuern. Dort werden Nekropolen als Sehenswürdigkeiten erwähnt, aber nicht eine direkt unterhalb der Felswand mit den Nekropolen befindliche riesengroße Grotte. Wer dort gewesen ist, muß sie mitbekommen haben. In unserem Sizilien-Reiseführer war diese Grotte aber ebenfalls nicht drin. In einem ausgeliehenen weiteren Reiseführer auch nicht. Also möglicherweise hatte eine ursprüngliche Quelle etwas zu Sant’Angelo Muxaro unvollständig übernommen und alle anderen inklusive der Wikipedia haben von dieser Quelle abgeschrieben.

    Ein Beispiel dafür, daß die Wikipedia wie ich glaube trotzdem supertoll für uns ist, sind die Informationstafeln bei den Keltenschanzen im Münchner Raum. Die beziehen sich auf eine Interpretation der Keltenschanzen durch Klaus Schwarz nach einer Ausgrabung um 1950. Diese Interpretation gilt heute als veraltet. Ich vermute, daß sich diese Interpretation erst in den letzten 20 Jahren allgemein geändert hat und die Informationstafeln älter als 20 Jahre sind. Interessant ist in dem Zusammenhang, daß vor mehr als 20 Jahren in vielen Familien nur eine kleine (ebenfalls meist veraltete) Lexikon-Ausgabe stand. Also man konnte sich "mit Bordmitteln" kaum weiter zum Thema informieren, während man heute via Wikipedia erschöpfende Informationen bekommt, die aber vielleicht zu soundsoviel Prozent unzulänglich sind.

    Archäologieseitig scheint es mir, daß es häufig noch so ein Schema gibt: Ausgrabung, dabei oft keine sensationellen Ergebnisse. Ausgräber berichtet nur in der lokalen Presse. Jahre später landen die Ergebnisse der lokalen Ausgrabungen in einer subventionierten Publikation. Buchvorstellung vielleicht vor Ort in ner netten Feier mit Bürgermeister, sponsernder Sparkasse und lokaler Presse. Aus meiner Sicht ist so ein Schema total veraltet und passt zu der Zeit mit dem Lexikon in zwei Bänden im Wohnzimmerbuffet.

    Besser wäre es, zeitnah Ausgrabungsfotos und erste Ergebnisse in das Internet einzustellen. Ich weiß nicht, ob man das Einstellen von guten Fotoserien auch mit Rücksicht auf die Presse unterlässt. Die Presse kann vielleicht nur ein Bild mit dem Artikel drucken und die gedruckten Fotos sind in der Qualität verglichen mit den am Bildschirm dargestellten ziemlich miserabel.

    Die Ausgrabungsfotos und die Erfassungdaten der Funde sollten unabhängig vom Internet sowieso schon vorhanden sein. Also zum einen dürfte das Einstellen solcher Daten in das Internet nur kleine Mehrkosten verursachen. Zum anderen müßte/könnte es so etwas wie ein kontrolliertes Vokabular geben, mit dem man bspw. eine gefundene antike Klinge mit Hohlkehle irgendwie als vom Typ sowieso vor dem Einlagern erfasst hat. Naiv gedacht müßte man die Erfassungsdaten einfach in Richtung maschinenlesbare Daten im Internet übertragen können. Also mit Daten, die man jetzt vermutlich schon hat, könnte man mit Technologien, die es jetzt schon gibt, etc.etc., dazu kommen, daß man mit Kriterien wie Zeitbereich der gesuchten Objekte, Region und "Klingen mit Blutrinne" im Internet Fotos von der gefundenen antiken Klinge und von der dazugehörigen Ausgrabung finden kann.

    Das klingt jetzt möglicherweise etwas abgedreht. Aber grundsätzlich glaube ich, daß man stärker auf die Informationsbereitstellungsstrukturen der Archäologie sehen sollte. Also sich nicht festbeißen an Qualitätsmängeln der Wikipedia. Die sehen ihre Mängel zumindest selbst und sie versuchen sich zu verbessern.

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    1. Da sprichst du etwas an, das für mich ein Reizthema darstellt: Das ausschließliche Veröffentlichen von Grabungsberichten in Jahrbüchern und ähnlichen Print-Produkten. Besonders ärgerlich ist hierbei, dass die involvierten Wissenschaftler, deren Arbeit fast immer auch vom Steuerzahler finanziert wird, auf den Rechten des im Zuge der Grabungen generierten Bildmaterials sitzen und es oft nur häppchenweise der Öffentlichkeit im Netz frei zugänglich machen.
      Die einzig statthafte Lösung wäre die Verpflichtung, Bildmaterial und Grabungsberichte zeitnah unter einer Creative-Commons-Lizenz online zu stellen - sobald auch nur ein Steuereuro mit im Spiel ist.

      Sehr problematisch ist natürlich auch, dass es keine zentrale europäische Funddatenbank gibt.
      Das macht die Recherche zu einem Hürdenlauf.

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  2. Ein gutes Beispiel sind auch die Qumranschriften vom Toten Meer. Die involvierten Forscher haben Teile des abgelichteten und bereits entzifferten Materials zig Jahre zurückgehalten und damit weltweit einige Papyrologen rasend gemacht. Dabei gab es damals noch kein Internet. Heute, im Zeitalter der totalen Vernetzung, ist so eine Vorgehensweise noch viel weniger zu tolerieren. Aber weißt du was dir die Aachäologen sagen werden, wenn du sie aufforderst sie sollen das Bildmaterial freigeben? "Habe ich mit meiner privaten Kamera gemacht, als ist es meines." Dass er oder sie häufig privat finanziertes Werkzeug bei der Arbeit benutzen und daraus auch keinen Besitzanspruch auf die gemachten Funde ableiten können, sollte man an dieser Stelle aber nicht unerwähnt lassen.

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    1. Habe ich mit meiner privaten Kamera gemacht, als ist es meines."

      Das würde übrigens - zu Ende gedacht - auch bedeuten, dass so jemand während seiner bezahlten Arbeitszeit privaten Tätigkeiten nachgeht.

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