Montag, 11. November 2013

Ein Stück von einem Heiligen

Der Reliquienkult hat im Zuge von Reformation und Aufklärung in der katholischen Kirche viel von seiner einstigen Bedeutung verloren. Es wäre allerdings falsch, zu glauben, dass man in den Epochen davor grundsätzlich große Begeisterung dafür gehegt hätte. Im Gegenteil, erst mit dem Heraufziehen der karolingischen Herrschaft, kam es in Westeuropa vermehrt zu den bekannten Auswüchsen. 
In merowingischer Zeit sah man die Sache ungleich kritischer. Als beispielsweise Constantina, die Ehefrau des byzantinischen Kaisers Maurikios, ca. im Jahre 600 Papst Gregor den Großen um eine Reliquie des Apostels Petrus bat, antwortete der einflussreiche Kirchenlehrer unmissverständlich: 
"Bei den Römern und im gesamten Westen gilt es als untragbar und als Sakrileg, die Körper der Heiligen auch nur zu berühren.  Sollte jemand das wagen, so würde diese Vermessenheit gewiss nicht unbestraft bleiben!"
Wie trotz dieses klaren Standpunktes in den nachfolgenden Jahrhunderten der Reliquienkult auch auf dem Gebiet des ehemaligen weströmischen Reichs zunehmend Fuß fassen konnte, erscheint rätselhaft. Siehe etwa jene von mir bereits besprochenen Kapselreliquiare, die sich vor allem im 7. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreuten. Vermutlich dürfte Papst Gregors Standpunkt einfach wenig mit dem nach Wundern und "Magie" gierenden Volksglauben kompatibel gewesen sein. Wie auch in anderen Bereichen - man denke nur an das Thema Hexen und Zauberer - sah sich die Kirchenführung ab einem bestimmten Zeitpunkt schlicht und ergreifend dazu genötigt, nachzugeben. Aus Aberglaube wurde somit offizieller Glaube.
Hinzu kommt, dass man auch im Westen schon lange zumindest die Nähe verstorbener Heiliger gesucht hat; etwa indem man Gräber rund um ein Heiligengrab gruppierte. Im Angesicht dessen, war der Schritt, ein Stück vom verstorbenen Heiligen noch zu eigenen Lebzeiten zu besitzen, wohl kein besonders großer.

2 Kommentare

  1. Und letzt endlich war der Reliquienhandel ja auch finanziell gesehen nichts schlechtes für die Kirche. Schließlich wurden ja gerne mal vor z.B. Klostergründungen ein paar Reliquien gespendet bzw. erstanden, um dieses dann direkt dem entsprechenden Heiligen zu weihen. Und die Gläubigen pilgerten dann in Massen dort hin. Jede Fingerspitze und Zehnagel war ja bereits eine Reliquie. Und am Ende gabs mehr Knochen des Heiligen XY, als dieser zu Lebzeiten jemals gehabt haben konnte. :-)

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    1. Ja, ein gutes Geschäft war es natürlich auch ;)

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