Mittwoch, 22. Januar 2014

2014 - Das Jahr des Heribert Illig und seiner Phantomzeit?


Vor genau 1200 Jahren soll Karl der Große gestorben sein. Aus diesem Grund werden sich 2014 die Medien wieder verstärkt mit dieser zentralen Herrschergestalt des Frühmittelalters auseinandersetzen ... und wohl auch ein wenig mit jenem Mann, der die Existenz Karls seit vielen Jahren so eloquent in Abrede stellt: Heribert Illig
Der studierte Germanist, ehemalige Systemanalytiker und Autor erlangte nicht zuletzt aufgrund eines TV-Interviews mit Alexander Kluge, das in den späten 90ern etliche Male zu mitternächtlicher Stunde ausgestrahlt wurde, eine gewisse Berühmtheit. Das entsprechende Video findet der Interessierte bei DCTP.TV: Klick mich
Illigs frühmittelalterliche, rund 300 Jahre umfassende Phantomzeit, fand damals seitens der Medien vor allem aufgrund des bevorstehenden Millenniums eine relativ große Beachtung. Schließlich stellte es eine kleine Sensation dar, dass jemand die mit viel Zahlenmaterial untermauerte These aufstellte, seit Christi Geburt seien nicht 2000 Jahre vergangen, sondern "nur" 1700.

Nun hat mich die Phantomzeit-These/Theorie ehrlich gesagt nie wirklich überzeugt - siehe etwa meinen Kommentar zu einem dreiteiligen Podcast, in dem Herr Illig die von Experimentalarchäologen längst widerlegte Behauptung aufstellt, ein gepanzerter, mit Lanze oder langem Schwert bewaffneter Reiter, könne sich nicht ohne Steigbügel im Sattel halten; womit angeblich auch Karls berühmte Panzerreiter ein bloßer Mythos seien, da aus dem 8./9. Jh. keine Funde von Steigbügeln vorliegen: Klick mich

Trotz diese irrigen Einschätzung ist es strikt abzulehnen, wenn Historiker, wie etwa Michael Borgolte, Illig und seinen Mitstreitern quasi sektiererisches Verhalten vorwerfen und die Fachwelt allen Ernstes dazu auffordern, man solle über die Phantomzeit nicht weiter öffentlich diskutieren. Auch hieß es, die Thesen des streitbaren Bayern seien desillusionierend. Spätestens an dieser Stelle entfährt mir nur noch ein verächtliches Schnauben. Als ob das ständige Hinterfragen und Einreißen von Illusionen nicht eigentlich eine zentrale Aufgabe der Wissenschaft wäre. Wer hingegen an einem unumstößlichen Gerüst fester Dogmen interessiert ist, soll sich doch bitte einer Religion zuwenden.
Glücklicherweise gibt es Forscher, die sich einer wissenschaftlichen und öffentlichen Auseinandersetzung mit dem "erfundenen Mittelalter" nicht von vornherein verschließen. So veranstaltete etwa die 7. Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz vergangenen Sommer eine sehr gut besuchte Gesprächsrunde mit Illig (kurzes Video, Mitschrift der gesamten Diskussion, aktueller Kommentar). Dabei wurde der Phantomzeit-Forscher von seinen anwesenden Gegnern zum Teil sogar gelobt - und zwar für jene Punkte, die auch mir überaus positiv erscheinen, wie etwa dem Thematisieren jener "Unschärfe", die den gängigen Altersbestimmungen archäologischer Funde anhaftet. Vermutlich dürfte aber gerade hierauf ein großer Teil des Ärgers beruhen, der bei vielen Historikern hochkocht, sobald die Phantomzeit zur Sprache kommt. Man stößt sich insgeheim weniger an den angeblich 300 eingeschobenen Jahren, die ohnehin kaum jemand für realistisch hält, sondern ist vielmehr darüber erbost, dass grundsätzliche Kritik an den gängigen Datierungsmethoden die Exaktheit/Glaubwürdigkeit der eigenen Forschungsarbeit vor den Augen einer relativ breiten Öffentlichkeit in Frage stellt. Das schürt in weiterer Folge jene tief verwurzelten Komplexe, welche die notorisch ungenauen Geistes- und Sozialwissenschaften spätestens seit der Aufklärung mit sich herumschleppen.
Aber um noch einmal auf die Exaktheit der erwähnten Datierungsmethoden (z.B. C14, Dendrochronologie, Thermolumineszenz) zurückzukommen: Wie sehr bzw. wie wenig die Geschichtsforschung und ihre Hilfswissenschaften sich darauf insgeheim verlassen, sehe ich selbst immer wieder beim Studieren von Grabungsberichten und ähnlichen Texten. Denn es hat seine Gründe, wenn beispielsweise "wichtige" Proben organischen Materials zwecks Altersbestimmung nicht nur an ein einziges "C14-Labor" geschickt werden, sondern an zwei. Mir trug ein ehemaliger Archäologe einen Fall zu, bei dem sogar ein drittes Labor bemüht wurde, nachdem die Ergebnisse der beiden ersten Untersuchungen um rund 600 Jahre auseinanderklafften. Man möchte hier also offenbar vermeiden, Opfer von Schlamperei zu werden oder gar einem schlichten Betrug aufzusitzen - Stichwort "Reiner Protsch von Zieten": Link 1, Link 2 

Mein Fazit: Ich sehe diesem Jahr mit einer gewissen Spannung entgegen, denn manch Mediävist dürfte bereits jetzt davor zittern, dass Illig ihm sein schönes Karlsjubiläum durch einschlägige Interviews in den großen Medien trüben könnte. Interventionen und Überreaktionen sind da nicht ausgeschlossen. Also, für den Fall der Fälle Popcorn bereithalten ;)

7 Kommentare

  1. Michael Borgolte, für mich kein Unbekannter. Wegen seinen ziemlich armseligen Fähigkeiten einfache Sachverhalte auch einfach formuliert wiederzugeben, hätte ich ein von ihm verfasstes Buch mehr als nur einmal am liebsten gegen die Wand geknallt.Glücklicherweise gibt es andere Autoren, die im Gegensatz zu Borgolte wirklich leserliche Einführungswerke verfassen, anstatt es einem Studienanfänger unnötig schwer zu machen.

    Heribert Illig ist zumindest unterhaltsam und hat eine angenehme Stimme - was ihm beim Verbreiten seiner Ansichten sicher nicht schadet. Viele seiner Argumente sind in Wirklichkeit auch nicht schlechter als die "abgefahrenen" Theorien, mit denen "namhafte" Historiker hausieren gehen, um auf Biegen und Brechen Aufmerksamkeit zu erregen und Forschungsgelder einzusacken: Ich sag nur "Germanische Kriegerinnen" ;-).
    Aber am besten ist immer noch, man fabriziert irgend eine sinnfreie Studie über Hitler, das 3. Reich oder ein ähnliches Gruselthema, weil dann öffnet sich die Geldkatze des Staates und von Stiftungen im Nu. In den Bereichen kann ja offenbar gar nicht genug geforscht werden. Je weiter es aber in die Vergangenheit zurückgeht, umso mehr lässt der Wille nach, Finanzmittel für entsprechende Untersuchungen locker zu machen. Das ist auch einer der Gründe dafür, warum ich nach dem Bachelorstudium ausgestiegen bin und mich vielversprechenderen Möglichkeiten des Geldverdienens zuwandte :-)
    QX

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. "Michael Borgolte, für mich kein Unbekannter. Wegen seinen ziemlich armseligen Fähigkeiten einfache Sachverhalte auch einfach formuliert wiederzugeben, hätte ich ein von ihm verfasstes Buch mehr als nur einmal am liebsten an die Wand geknallt."

      Was sich zum Teil so als "Einführungswerk" verkaufen möchte, ist in der Tat lustig. Wenn ich etwa an Franziska Langs Uni-Taschenbuch "Klassische Archäologie" denke... Aber lassen wir das; sich einmal darüber ärgern reicht ;)

      Löschen
  2. Diese Diskussion an der Uni letztes Jahr war wirklich amüsant - die Wortmeldungen zum Teil aber doch sehr niveaulos. Naja was solls. Die Urania macht ja momentan eine Veranstaltungsreihe.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. "die Wortmeldungen zum Teil aber doch sehr niveaulos"

      Vor allem eine.
      Manche Leute scheinen leider zu glauben, ihre im Netz kultivierten, ätzenden Umgangsformen, wären auch auf die Offline-Welt übertragbar.

      Löschen
  3. Naja, damit meinte ich wohl eher den älteren Herren der einfach nicht die Problematik bezüglich Astronomie vs. Kalender verstand und Herrn Illig als "Idioten" beschimpfte. Nicht, dass ich auf Illigs Seite stehe, oder dem älteren Herren jetzt unterstelle möchte, er kenne sich nicht am Computer aus (bezogen auf deine Antwort), aber so etwas muss bei einer Diskussion nicht sein. Ich hab mich leider zu spät gemeldet, denn ich wollte noch Illig bezüglich der Numismatik befragen (die ganz und gar nicht so in seine Theorie passt).

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Heribert Illig dürfte sich über die Jahre ein dickes Fell zugelegt haben. Den entbehrlichen Idioten-Sager wird er deshalb wohl in die Kategorie "viel Feind, viel Ehr" eingeordnet haben ;)

      Löschen
  4. Guten Tag,

    der Öffentlichkeit wird bezüglich naturwissenschaftlicher Methoden zur Funddatierung ein Maß an Verlässlichkeit vorgegaukelt, dass so ganz klar nicht existiert. Jeder Archäologe mit auch nur einem Krümelchen Verstand ist sich dessen bewusst. Sobald aber die Vermarktung der eigenen Thesen ins Spiel kommt, schiebt man diese Mängel beiseite. So kommt es, dass in populärwissenschaftlichen Werken und Zeitungsartikeln die Unsicherheiten der verschiedenen MEthoden kaum je Platz in den Betrachtungen einnehmen. Das ist, das muss man so sagen, eine Frechheit.
    Zum Bsp. wurden etliche C14-Institute längst aussagekräftigen Tests unterzogen, die zum Teil erschreckende Ergebnisse zutage förderten. Zwei Proben, die ein und demselben Objekt entnommen wurden, lileferten in ein und demselben Institut, zwei völlig abweichende Ergebnisse!
    Aber hört man je etwas in der Öffentlichkeit davon? Wohl kaum. Stattdessen tut man wider besseren Wissens so, als ob man alles im Griff hätte und C14 quasi unfehlbar ist.

    PS: Ich halte Illigs These im Großen und Ganzen auch für widerlegt. Aber bei einzelnen Punkten hat er andererseits auch ohne Zweifel recht.

    Mit Gruße,
    L.L. Bacher

    AntwortenLöschen

A C H T U N G ! 1. Bitte anonyme Kommentare mit einem (originellen) Pseudonym unterzeichnen - falls keine sonstige Authentifizierung, z.B. mittels Google-Konto oder OpenID, erfolgt! Mehr als ein nicht unterzeichneter Beitrag pro Thread wird aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht freigeschalten! 2. Wir duzen uns hier.