Donnerstag, 13. März 2014

Materialschonende Schlaufen an frühmittelalterlicher Kleidung


Im Buch Die Baiuvaren - Archäologie und Geschichte (es wird in nicht allzu ferner Zukunft besprochen) kam mir eine interessante Zeichnung unter, die ich in vereinfachter Form oben wiedergeben habe: Zu sehen ist, dass hier die Nadel einer Fibel nicht direkt durch den Stoff gestochen wird, sondern durch spezielle an den Gewandkannten angebrachte Schlaufen/Ösen (die konkrete Machart bzw. Nähmethode ist bei der von mir verwendeten Textur allerdings nicht erkennbar). 
Diese Vorgehensweise soll vor allem bei der teuren Kleidung höhergestellter Baiuvarinnen üblich gewesen sein; doch warum nicht auch bei Angehörigen der niederen Schichten? Gerade arme Leute konnten es sich schließlich am allerwenigsten leisten, ihre Kleidung einem unnötigen Verschleiß auszusetzen. Noch dazu, wenn zwei leicht herstellbare Schlaufen einen überaus billigen Behelf darstellten.
Im Übrigen erinnern mich diese Schlaufen ein wenig an jene in karolingischem und ottonischem Kontext anzutreffende Methode, bei der Umhänge mit zwei angenähten Bändern zusammengehalten wurden. Die ihrer eigentlichen Funktion entkleidete Fibel diente hier nur noch als Zierelement - siehe meine Kleidung und hier.
Ich frage mich nun, ob diese Bänder tatsächlich immer in der von mir umgesetzten Weise am Mantel angebracht waren, oder ob nicht auch zwei Schlaufen, wie sie die obige Grafik zeigt, eine geeignete Möglichkeit für die ottonische Zeit darstellen. Schließlich finden sich auf etlichen Herrscher-Bildnissen Mäntel, bei denen keine Verschlussbänder unter der Fibel hervorlugen. Bisher ist man wohl zumeist davon ausgegangen, dass in diesen Fällen mit der Gewandnadel direkt durch den Stoff gestochen wurde. Das erscheint mir allerdings im Angesicht des hier erörterten Sachverhalts nicht mehr völlig sicher und alternativlos.

Dass die Fibel ein Textil bei tagtäglichem Gebrauch über kurz oder lang ruinieren kann, war jedenfalls ein offensichtliches Problem, für das es mehrere Lösungsansätze gab. Jene These, der zufolge man die Fibel nicht jedesmal herausnahm und sich den Mantel stattdessen einfach über den Kopf zog, zähle ich nur eingeschränkt dazu, da hier der Stoff an den Einstichstellen trotzdem auf Zug belastet wird.
In der Praxis machte es freilich auch einen Unterschied, ob das Gewebe grob oder fein ist. Gerade bei hoher Webdichte entstehen vergleichsweise schnell irreparable Schäden.


Quellen und Literaturempfehlungen:
  • Brigitte Haas-Gebhard | Die Baiuvaren: Archäologie und Geschichte | Pustet | 2013 | Meine Rezension | Infos bei Amazon
  • Katrin Kania | Kleidung im Mittelalter: Materialien - Konstruktion - Nähtechnik | Böhlau | Infos bei Amazon

6 Kommentare

  1. Es ist wirklich eine gute Frage, ob solche Schlaufen in karolingischer und ottonischer Zeit neben den bekannten Bändern zum Einsatz kamen. Auf einer Buchmalerei die Otto III zeigt, sieht man am Mantel des Herrschers keine Bändchen, sehr wohl aber beim Mann rechts von ihm.
    http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/57/Meister_der_Reichenauer_Schule_004.jpg
    Wieso sollte ausgerechnet der Kaiser seine teure Kleidung durchlöchern, wenn es auch anders geht?

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    1. Interessant ist bei der rechts dargestellten Person übrigens, dass hier möglicherweise nicht eine Scheibenfibel zu sehen ist, sondern Bänder, die durch eine Öse oder Schlaufen gezogen wurden, ähnlich dem im Beitrag behandelten Beispiel!

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    2. Die Überlegung die du hier anstellst ist interessant. Leider gibt es kaum textile Funde aus dieser Zeit, die uns mehr darüber sagen können, oder kennst du vielleicht etwas in der Richtung? Mich würde auch sehr interessieren, auf welchen Funden die Schlaufen-Theorie in diesem Buch zurückgeht. Frühlingshafte Grüße, Heiko

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    3. Auf welche Funde sich das konkret bezieht, steht da leider nicht. Für die im Buch verwendete detailreichere Originalzeichnung, die mir hier als Vorlage diente, wird aber folgende Quelle angegeben: Germania 71, 1993, S. 430, Abb. 9

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  2. Eine einzelne Schlaufe wurde in einem Baumsarg in BaWü gefunden, siehe den Artikel "Ein merowingerzeitlicher Baumsarg aus Lauchheim/Ostalbkreis" von Johanna Banck im NESAT6-Sammelband.
    Zum Thema Gewandverschlüsse gibt es noch einen Aufsatz von Antja Bartel in _Archäologie in Deutschland_, siehe http://www.aid-magazin.de/Fest-verbunden-gut-verknotet.1317.0.html?&L=0
    Die Abbildung aus dem Baiuvaren-Buch ist dort auch zu sehen.

    - Exilwikingerin -

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  3. Danke für den interessanten Hinweis. Die Hefte haben wir hier glaube ich auch in der Bibliothek, da werde ich bei Gelegenheit nach dem vollständigen Artikel suchen.

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