Montag, 24. November 2014

Der Utrechter Psalter als Bildquelle frühmittelalterlicher Alltagskultur - Teil 3: Schilde

Die Illustrationen des im 9. Jh. entstandenen Utrechter Psalters enthalten dermaßen viele Details, dass ich mich entschlossen habe, diesbezüglich noch einige weitere Blogbeiträge zu verfassen. Sie erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern sollen vor allem eine kleine Recherche- und Nachdenk-Hilfe für jene sein, die das frühmittelalterliche Alltagsleben interessiert.
In diesem 3. Teil wird es um die nicht ganz unumstrittenen Schilde mit Wölbung gehen.
 

Bilder 1- 5 (+Grafik)
Quellen: Utrechter Psalter, Seite 152, 69, 21, 37 / Utrecht, University Library | Hiltibold.Blogspot.com

Wie im Stuttgarter Psalter und etlichen anderen Schriftquellen, so wurden auch im Utrechter Psalter die im Frühmittelalter üblichen Rundschilde gewölbt/konvex dargestellt - siehe die Bilder 1-5.
Archäologisch konnten solche Schilde für die betreffende Zeit meines Wissens bisher nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. Lediglich einige flache Modelle blieben erhalten; etwa im bekannten Oseberg-Schiffsgrab norwegischer Wikinger. Wobei es sich vielleicht gerade hierbei um bewusst einfach  (=flach) ausgeführte "Zeremonienschilde" handeln könnte.
Wie auch immer, für die Verwendung gewölbter Schilde existiert zumindest ein indirekter archäologischer "Beweis". Konkret geht es dabei um jene mehrfach entdeckten Schildbuckel aus Eisen, deren Ränder eine leichte Neigung besitzen. Diese wird dahingehend interpretiert, dass sich so der Schildbuckel passgenau an das gewölbte Holz des Schildes "anschmiegen" konnte - siehe die nachfolgende Grafik.


Allerdings wird auch vereinzelt die Meinung geäußert, dass diese Art Schildbuckel in Wirklichkeit auf flachen Schilden montiert wurde, um beim Aufprall einer Waffe deren Energie durch ein Zurückfedern besser absorbieren zu können (Grafik). Gewölbte Schilde, wie sie die nachfolgenden Bilder des Utrechter Psalters zeigen, seien hingegen pure Fantasie.
Mir persönlich will der Sinn hinter dieser These jedoch nicht ganz einleuchten. Schließlich federt der Schild - oder besser gesagt der Schildarm - bei hartem Kontakt mit einer Waffe ohnehin zurück; kein Krieger bestand aus unnachgiebigem Stahlbeton. Daher scheint beim Schildbuckel ein "Federweg" von wenigen Millimetern auch zu gering zu sein, um damit tatsächlich einen nennenswerten "Dämpgungseffekt" erzielen zu können.
Schildbuckel mit geneigtem Rand wurden wohl vereinzelt auf flachen Schilden montiert - aber waren sie wirklich speziell dafür gemacht oder handelte es sich nur um wiederverwertete Stücke?
Und zu guter Letzt müsste unbedingt nachvollziehbar erklärt werden, aus welchen Gründen Schilde von frühmittelalterlichen Künstlern angeblich falsch (=konvex) dargestellt wurden. Um ein antikisierendes Element, wie ich es hier zuletzt mehrfach angesprochen habe, wird es sich kaum handeln. Zwar waren in der Antike gewölbte/konvexe Holzschilde nicht unüblich - siehe etwa einen Fund aus Dura Europos - aber die gezeigten Schildbuckel des Utrechter Psalters weisen die fürs fränkische Frühmittelalter typische Zuckerhutform auf.
Womit wir auch schon beim nächsten Punkt wären: Einige wenige Schildbuckel wurden halbkugelförmig gezeichnet - siehe die Bilder 3-4. Warum der Illustrator hier von der ansonst sehr einheitlichen Darstellung abgewichen ist, bleibt ein wenig rätselhaft. Mit reiner Fantasie wird man es freilich nicht zu tun haben, wie etwa die schon erwähnten Schilde des Osebergschiffs belegen, das ungefähr zur gleichen Zeit wie der Utrechter Psalter entstand. 
Auf einigen der dargestellten Schilde wurden die metallenen Buckel sogar ganz weggelassen (Bild 4). Hierbei könnte es sich einerseits um künstlerische Freiheit/Faulheit handeln, andererseits ist aber auch ein realer Hintergrund nicht völlig auszuschließen.

Bild 1 und 2 enthalten die in der mittelalterlichen Kunst eher raren Darstellungen von Schildfesseln. Sie wirken, verglichen mit vielen Funden aus der Merowingerzeit, etwas kurz geraten. Doch kann automatisch davon ausgegangen werden, dass dies im 9. Jh. tatsächlich die übliche "Standard"-Dimensionen waren? Leichte Zweifel stellen sich hier aus mehreren Gründen ein. So stolperte ich beispielsweise beim Durchforsten des Internets über einen Artikel, in dem auf die sogenannten Gulaþing- und Frostaþing-Gesetze hingewiesen wird, in denen es hieß, Schilde müssten mit drei Eisenbändern an der Innenseite verstärkt werden. Das mittlere der drei Bänder dürfte demzufolge mit der Schildfessel identisch gewesen sein (Bild). Weiters erscheint eine solche metallene Verstärkung nur dann sinnvoll, wenn sie sich (im 90-Grad-Winkel zu den Holzplanken) annähernd über den gesamten Durchmesser des Schildes erstreckt. Eine Fessel wie diese wäre daher im Vergleich zu den Darstellungen des Utrechter Psalters deutlich länger ausgefallen. Ist die fränkische Illustration daher völlig falsch? Nein, denn erstens stammen die Gulaþing- und Frostaþing-Gesetze nicht aus dem Frankenreich, sondern von norwegischen Wikingern, und zweitens gab es gewiss unterschiedliche Bauformen. Alleine der Umstand, dass ein Gesetz erlassen wurde, welches die Verwendung metallener Verstärkungen vorschrieb, zeigt, dass dies (aus Kostengründen) nicht selbstverständlich war.

Eine weitere Auffälligkeit bezüglich der Schild-Darstellungen ist auf Bild 2 und  hier (rechts unten) zu sehen: Was könnte dieses sich überkreuzende Zickzackmuster darstellen? Sind es eventuell Halterungen für einen Gurt, mit dem sich der Schild umhängen ließ? Oder handelt es sich - passend zum vorangegangenen Thema - vielleicht um eine lange Schildfessel (im Fall von Bild 2 schwer vorstellbar) bzw. zusätzliche Verstärkungen? Es gibt hierzu mehrer Thesen und ich werde in einem gesonderten Beitrag noch darauf eingehen.








Zum Schluss wenden wir uns Bild 5 zu: Sehr schön ist hier zu sehen, wie sich ein Krieger mittels Schild vor Pfeilen schützt. Dabei duckt er sich jedoch nicht - wie es leider in einschlägigen Filmen meist zu sehen ist - direkt hinter den Schild, sondern hält diesen auf Armlänge von sich. Der Grund hierfür ist einfach: Speziell für den Kampf hergestellte Pfeile mit schlanken bzw. nadelförmigen Spitzen ("Bodkin-Spitzen") konnten unter günstigen Umständen ohne weiteres bis zur Hälfte ihrer Länge in das Holz eindringen. Zum Teil bleiben sie sogar erst im Bereich der Befiederung stecken, wie Experimente ergaben (mehr Informationen zur Bogenwaffe finden sich im 1. Teil.).



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