Sonntag, 28. Februar 2016

Die grausliche Geschichte vom Blinden und dem Herrn von Châteauroux



Wie sehr konnte im Mittelalter die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn gehen? Der im 12./13. Jahrhundert lebende Geistliche Gerald von Wales gibt hierfür mit folgender Erzählung einen Anhaltspunkt.

Ort der Handlung war Châteauroux, eine Festung in der zentralfranzösischen Landschaft Berry. Hierhin hatte der Burgherr einen seiner Feinde verschleppt, um ihn kurzerhand blenden und kastrieren zu lassen. Durch den Vollzug dieser grausamen, aber damals keineswegs unüblichen Strafe, wurde dem Betroffenen jede Möglichkeit geraubt, sich je wieder zu einem ernsthaften Problem zu entwickeln. Da es ihm nun überdies unmöglich war, Erben zu zeugen, musste auch nicht befürchtet werden, dass diese eines Tages stellvertretend Rache nehmen würden.

Noch lange blieb der verstümmelte Mann als Gefangener in Châteauroux. Da er nicht viel mehr als ein Häufchen Elend zu sein schien, wurde er als ungefährlich eingestuft und durfte sich in der Burg kriechend, stolpernd und tastend frei bewegen. So kam es, dass er die Gänge und Treppenhäuser irgendwann in- und auswendig kannte. 
Seinen tiefen Hass, den er in den Jahren seiner Gefangenschaft nährte, verbarg er gut, bis sich ihm eines Tages eine günstige Gelegenheit zur Rache bot: Er packte den einzigen Sohn des Burgherren, zog ihn mit sich auf die obersten Zinnen eines Turms und drohte dort, den Jungen hinabzustürzen. Alle sollen daraufhin "vor Entsetzen geschrien haben", schreibt Gerald von Wales. Und weiter:
Der Vater eilte herbei - keiner war verzweifelter als er. Er machte alle möglichen Angebote, um die Befreiung seines Sohnes zu erreichen. Aber der Gefangene antwortete, er werde den Jungen erst dann loslassen, wenn sich der Vater eigenständig seine Hoden abgeschnitten habe, und obwohl der Burgherr nicht aufhörte ihn anzuflehen, war alles umsonst.
Der Herr von Châteauroux gab nun einem seiner Untergebenen leise die Anweisung, ihm einen kräftigen Tritt in den Unterleib zu versetzen; alle Anwesenden stöhnten dabei auf. Doch der Blinde ließ sich nicht so leicht hinters Licht führen und fragte, wo der Schmerz denn am stärksten zu spüren sei. "In den Lenden", war die Antwort. Daraufhin trat der Geiselnehmer einen Schritt nach Vorne, um den Gefangenen hinunterzustoßen. Um Einhalt bittend, ließ sich der Burgherr noch einmal einen Tritt verpassen und sagte nun, der Schmerz der vermeintlichen Kastration sei im Herzen am stärksten gewesen. Wieder war die Antwort falsch und die Geisel wurde ganz an den Rand der Brüstung geschoben.
Um seinen Sohn zu retten, schnitt sich der Vater beim dritten Mal tatsächlich selbst die Hoden ab. Er schrie, den schlimmsten Schmerz habe er in den Zähnen empfunden. " Jetzt glaube ich Euch", sagte der Blinde, "und ich weiß wovon ich rede. Jetzt bin ich gerächt für das Unrecht, das mir zugefügt wurde, zumindest teilweise... Einen weiteren Sohn werdet Ihr nicht zeugen, und an diesem werdet Ihr euch ganz sicher nicht mehr freuen können." Daraufhin stürzte er sich mitsamt dem Jungen vom Turm in den Tod.
Gerald von Wales schreibt, dass an jenem Ort, wo die beiden Körper aufschlugen, der Burgherr später ein Kloster habe errichten lassen, um die Seele seines Sohnes zu retten. Zu Lebzeiten des Autors dürfte dieses noch existiert haben.

Wie viel Wahrheit und wie viel Erfindung in dieser Erzählung steckt, wissen wir nicht. Allerdings spiegelt sich darin zweifellos nicht nur Vaterliebe wieder, sondern auch die große Bedeutung, die der einzige Sohn für einen Adeligen im Mittelalter besaß. Schließlich ging es um den Fortbestand des eigenen, ruhmreichen Hauses. Wer über keinen legitimen Nachfolger verfügte, lief außerdem Gefahr, noch zu Lebzeiten in die hässlichen und mitunter gewalttätigen Streitereien jener hineingezogen zu werden, die sich selbst als potentielle Erben ins Spiel brachten. Niemand wünschte sich einen solchen Lebensabend.


Quelle:
Thomas Asbridge | Der größte aller Ritter - Und die Welt des Mittelalters | Clett-Kotta | 2015 | Meine Rezension | Infos bei Amazon

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