Donnerstag, 8. September 2016

Krimskrams: Meine Urlaubsliteratur kurz besprochen -- Tassilo III.: Behumpst Amazon? -- Campus Galli und das akademische Arschgeweih

Meine Urlaubsliteratur kurz besprochen

Urlaubszeit ist Lesezeit - und so hatte ich mich auch dieses Jahr wieder mit den entsprechenden Büchern eingedeckt (siehe Foto), die hier nun kurz besprochen werden sollen. 

  • Odyssee: Ein echter Klassiker aus der Feder des antiken Schriftstellers Homer. Die vorliegende 454 Seiten umfassende Übersetzung stammt von Roland Hampe und wurde erstmals 1979 veröffentlicht. Leider ist sie sprachlich dermaßen angestaubt, dass ich jetzt noch huste. Nichtsdestotrotz wird es bestimmt einige Leser geben, die sich daran erfreuen können, wenn ein Übersetzer versucht, sich möglichst pingelig an den originalen griechischen Hexametern zu orientieren und das Ergebnis in ein 'antikisierendes' Deutsch einwickelt. Ich selbst werde nur bei Bedarf in diesem Buch nachschlagen, anstatt mich von vorne bis hinten durch die anstrengenden Wortkaskaden Hampes zu quälen. Im Übrigen wäre ein etwas umfangreicheres Register schön gewesen. Auch das Fehlen erklärender Endnoten ist bedauerlich; allerdings dürfte sich dieser Umstand positiv auf den Verkaufspreis ausgewirkt haben, der nämlich für ein Reclam-Buch von dieser Stärke relativ günstig ist. | Preis: 7 Euro | Infos bei Amazon

  • Anabasis: Der aus einer attischen 'Ritterfamilie' stammende Xenophon schildert in diesem Buch hauptsächlich den abenteuerlichen, von ihm selbst miterlebten Rückzug 10.000 griechischer Söldner nach der Schlacht bei Kunaxa (401 v. Chr). Dabei erfährt der Leser nicht nur einiges über das Heerwesen jener Tage, sondern auch manch Detail aus dem Lebensalltag der damaligen Bewohner Kleinasiens. Die immerhin bereits aus dem Jahr 1958 stammende, 284-seitige, einsprachige Übersetzung von Helmut Vretska liest sich überraschend angenehm; will heißen, es gibt keine 'archaisch' formulierten Endlossätze, wie das mindestens bis in die 1970er bei deutschen Übersetzungen antiker Texte häufig anzutreffen ist. Neben einem ordentlichen Register und einer durchaus nützlichen Landkarte wurden auch viele Endnoten angefügt. | Preis: 7,60 Euro | Infos bei Amazon

  • De viris illustribus / Biographien berühmter Männer: Der im 1. Jh. v. Chr. lebende römische Geschichtsschreiber Cornelius Nepos stellte in diesem Werk die Biographien 24 berühmter Männer der Antike zusammen (vor allem Griechen). Dabei handelt es sich um: Miltiades; Themistokles; Aristeides; Lysander; Pausanias; Kimon; Alkibiades; Thrasybulos; Konon; Dion; Iphikrates; Chabrias; Timotheos; Datames; Epaminondas; Pelopidas; Agesilaos; Eumenes; Phokion; De regibus (sehr kurze Anmerkungen zu einigen Monarchen); Timoleon; Hamilkar; Hannibal; M. Porcius Cato; T. Pomponius Atticus. Gekauft habe ich mir das Buch vor allem wegen dem letztgenannten Atticus, über den ich Näheres erfahren wollte, nachdem ich bereits vor einigen Wochen Ciceros Briefe an Atticus gelesen hatte. Die vorliegende zweisprachige Übersetzung stammt aus dem Jahr 1993, ist 456 Seiten lang und liest sich angenehm. Verantwortlich dafür zeichnen Peter Kraft und Felicitas Olef-Kraft | Preis: 11,80 Euro | Infos bei Amazon

  • Augustus, Tiberius, Claudius: Suetons z.T. etwas 'boulevardesk' anmutenden Kaiserbiographien (De vita Caesarum) gehören zu den wichtigsten antiken Quellen - vor allem über die frühe Kaiserzeit. Neben der Lebensbeschreibung von Gaius Julius Caesar umfassen sie auch jene von Augustus, Tiberius, Caligula, Claudius, Nero, Galba, Otho, Vitellius, Vespasian, Titus und Domitian. Ich besitze nun alle bisher bei Reclam bisher erschienen, zweisprachigen Übersetzungen dieser Reihe. Im November soll die Biographie Caligulas erscheinen; wann hingegen jene von Galba, Otho und Vitellius veröffentlicht werden ist mir nicht bekannt (ich vermute, man wird sie wegen ihrer Kürze gemeinsam in einem Buch zusammenfassen, so wie es schon bei den drei flavischen Kaisern gehandhabt wurde). Die Kaiserviten sind alle in einem modernen Schreibstil gehalten und stammen von unterschiedlichen Übersetzern. | Preise ca 5-7 Euro | Infos bei Amazon: Augustus, Tiberius, Claudius

  • Historien, 7. Buch: Herodots Geschichtswerk umfasst neun Bücher, die den Zeitraum von der mythischen Frühgeschichte Griechenlands bis zu den Perserkriegen bzw. der Regentschaft des persischen Großkönigs Xerxes abdecken (Übersicht). Das gegenständlichen 7. Buch reicht thematisch vom Tod des Perserkönigs Daraios I. bis zur berühmten Schlacht bei den Thermopylen. Reclam hat mit der Veröffentlichung der jeweils ca. 250 Seiten umfassenden, zweisprachigen Bücher bereits 2002 begonnen. Nach sage und schreibe 14 Jahren ist man jedoch gerade einmal beim 7. Teil angelangt. Eventuell resultiert die extreme Trägheit daraus, dass die Übersetzerin Christine Ley-Hutton die Arbeit an den Historien quasi als Nebenbeschäftigung betreibt. Doch zumindest an der Qualität der Arbeit gibt es meiner Ansicht nach nichts zu meckern: Der deutsche Text ist unprätentiös und viele erklärende Endnoten wurden beigefügt. | Preise 7,60 € | Infos bei Amazon

Anmerkung zum obigen Bild: Die neuen Cover für die Bücher aus Reclams Universalbibliothek gibt es nun schon seit einigen Jahren. Trotzdem werden parallel dazu immer noch Exemplare mit dem veralteten Cover verkauft. Sind die Lager des Verlages dermaßen voll damit? Ein dahingehender Verdacht beschleicht mich auch deshalb, weil die Seiten der von mir neu gekauften Reclam Bücher immer wieder an den Rändern bereits leicht verfärbt sind - was auf eine lange Lagerung hindeutet. Das wiederum finde ich sehr interessant, denn dass ein Verlag dermaßen auf Vorrat drucken lässt, hätte ich mir nicht gedacht.

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Die Biografie von Tassilo III: Behumpst Amazon?



Wie es aussieht, habe ich Amazon mit hoher Wahrscheinlichkeit bei der Manipulation der Lagerstandsanzeige ertappt: Dieser Tage erschien eine Biografie des unglückseligen Bayernherzogs Tassilo III. (Infos), die ich mir eigentlich im lokalen Buchhandel besorgen wollte. Dort gab es sie aber nicht - also bestellte ich bei Amazon, wo seit mehreren Tagen nur mehr ein einziges Exemplar als verfügbar angezeigt wurde. Doch jetzt kommts: Weder unmittelbar nach meiner Bestellung und auch nicht nach der Sendebestätigung änderte sich die angezeigte Verfügbarkeit im Amazon-Shop ^^
Wozu das alles? Nun ja, Amazon möchte wohl mit einem scheinbar knappen Warenangebot potentielle Kunden zu Spontankäufen animieren. Auch andere Online-Shops stehen im Verdacht, sich dieses Tricks zu bedienen. An sich ist mir diese Masche ja bekannt - und demnach müsste ich gegen sie gewappnet sein; das Problem ist nur, dass die Lagerstandsanzeigen bei Büchern gelegentlich doch zutreffen - und wenn man ein Buch unbedingt will, dann geht man eben auf Nummer sicher.

Die beiden oben abgebildeten Bücher, also die Tassilo-Biografie und "Die Phönizier", werde ich übrigens im Herbst noch einzeln und ausführlich besprechen.

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Campus Galli und das akademische Arschgeweih

Nicht zu Unrecht steht Österreich in dem fragwürdigen Ruf, ein Land von Titel-Verrückten zu sein. Und doch gibt es auch in Deutschland Habitate, in denen man dieser Unsitte hemmungslos frönt. Mit großem Amüsement stellen die Beobachter der Mittelalterbaustelle Campus Galli nämlich schon seit geraumer Zeit fest, dass dessen Geschäftsführer besonders von freundlich gesonnenen Lokalmedien in geradezu inflationärer Weise als "promovierter Archäozoologe" bezeichnet wird. Für den Inhalt des jeweiligen Artikels besitzt der penetrante Hinweis auf die Promotion freilich überhaupt keine Relevanz. Vielmehr dürfte es sich um ein verkapptes argumentum ad verecundiam (Autoritätsargument) handeln.

Nun schrieb jedoch ein bekannter deutscher Blogger in Bezug auf Akademiker mit Doktorhut, die in ihrem Orchideenfach (z.b. Archäozoologie) keinen Job finden, weil sie sehenden Auges an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes vorbeistudiert haben:
"Der Doktorgrad ist sowas wie das akademische Arschgeweih geworden: War mal schick, wollte jeder haben. Inzwischen peinlicher Deppenstempel."
;D

Apropos Campus Galli: Wie dessen Fandom tickt, kann man wieder einmal einer aktuellen Facebook-Diskussion entnehmen. Der Hinweis darauf, dass die Angestellten zu ihrem mittelalterlichen Gewand Turnschuhe tragen, wird mit dem Begriff "Korinthenkackerei" beantwortet: Klick mich

Eine Leserin, die mehrmals jährlich beim Campus Galli vorbeischaut meinte kürzlich sogar, der Campus Galli würde ihrer Einschätzung nach zunehmend "Grünmenschen und Esoteriker anziehen". Die Heuneburg lässt grüßen ;)

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10 Kommentare

  1. Zu dem verlinkten Bild des Campus Galli fiel mir spontan diese Parallele ein: http://enlumine.org/blog/wp-content/uploads/2011/01/Mois-de-juin1.jpg

    Grüßle,
    Maria

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    1. Ja, den Verdacht, dass man einige dieser Fotos nach historischen Vorlagen, darunter auch das Stundenbuch des Herzogs von Berry, in Szene setzt, habe ich auch schon mehrmals gehabt. Kann aber natürlich auch bloßer Zufall sein ;)

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  2. Es ist wirklich etwas ärgerlich, dass Reclam sich mit Herodots Historien so viel Zeit lässt. Selbst wenn die Übersetzerin sich nur neben einem Lehrauftrag, oder was auch immer ihr Hauptberuf ist, damit auseinandersetzt, sollte es doch rascher vorangehen.

    Liebe Grüße,
    Britta

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  3. Wer sich die Mühe gemacht hat, eine Dissertation zu verfassen, dem steht es auch zu, überall mit dem Dr.-Titel aufgeführt zu werden. Ich habe selbst viel mit Doktoranden zu tun und stelle fest, dass es sich die meisten nicht einfach machen. Das ganze ist mit Mühe und Opfern verbunden und am Ende muss die Veröffentlichung stehen, ebenfalls kostenträchtig. Das sollte respektiert werden.
    Indes genügt es, den Dr.-Titel vor dem Namen zu nennen; es muss nicht bei jeder Gelegenheit wiederholt werden, in welchem Fach der Betreffende promoviert hat, zumal wenn es, wie hier, nichts zur Sache tut.
    Leser

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    1. Wer auf Steuerzahlerkosten ein völlig überlaufenes Laberfach studiert, von dem im Vorhinein klar ist, dass damit die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt zappenduster sind, verdient meiner persönlichen Ansicht nach keinen Respekt, sondern eine Kopfnuss. Sekretärinnen und Empfangsdamen mit Masterabschluss sowie Taxifahrer mit Promotion (natürlich samt und sonders Geistes- und Sozialwissenschaftler) sind die nicht gerade seltenen Auswüchse eines akademischen Ausbildungssystems, dass zum Selbstzweck degeneriert ist.

      Normalerweise setze ich hier keine Links zu Seiten mit gesellschaftspolitischen Inhalten, mache aber an dieser Stelle eine Ausnahme: Klick mich

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    2. Die Frage ist, warum das dann nur für Doktortitel gilt - auch Menschen mit Bachelor oder Masterabschluss haben viel Arbeit investiert. Das gilt im Prinzip auch für alle, die "nur" eine Ausbildung gemacht haben. Trotzdem rennen selten Leute herum, die auf den geprüft. Mechatroniker (IHK) bestehen.

      Und das Fachgebiet der Dissertation ist meiner Meinung extrem relevant - von einem Doktor der Archäologie würde sich wohl keiner operieren lassen während ein Doktor der Medizin halt von Haus aus keine Ahnung von Archäologie hat. Verschweigt man das Fachgebiet, führt man die Leute in die Irre und erweckt den Eindruck, dass die jeweilige Person auf jeden Fall Experte ist.

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    3. Auch manch Handwerksmeister hat übrigens viel Zeit in seine Ausbildung investiert. Und ich behaupte, so jemand leistet oft einen höheren gesellschaftlichen Beitrag, als die Mehrheit der auf Halde produzierten Akademiker, die zig Jahre studieren und dann trotzdem keinen adäquaten Job finden.

      Aus eigener Anschauung weiß ich, dass in den technischen Fächern akademische Titel längst nicht einen so hohen Stellenwert besitzen wie in den Geisteswissenschaften. Nein, es sind tatsächlich überwiegend graduierte Geisteswissenschaftler, die offensichtlich durch das permanente Hausierengehen mit ihren Meriten etwas kompensieren müssen - ähnlich jenen Leuten, die große Schlitten mit vielen PS fahren. Irgend etwas scheint bei denen zu klein geraten zu sein; um ihr Ego dürfte es sich dabei freilich nicht handeln.

      Die korrekte Umschreibung Napieralas im Zusammenhang mit dem Campus Galli wäre übrigens "der Geschäftsführer". Er arbeitet dort nämlich nicht als Wissenschaftler bzw. Archäozoologe. Diese Informationen sind daher irrelevant - es sei denn, der Schreiberling verfolgt damit einen ganz bestimmten Zweck. Und dass er das tut, steht für mich außer Zweifel.

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  4. Wenn man Deutsch auf griechische Hexameter pfropft, kann nur eine Scheußlichkeit dabei herauskommen. Jedweder Rhythmus des Originals geht dabei flöten.

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  5. Archäologen gelten gewissermaßen als "Allrounder". So sind heute Archäologen, die im Archivbereich arbeiten, gar nicht mehr selten. Ich kenne persönlich drei Archäologie-Archivare. Ausschlaggebend bei der Entscheidung für die Einstellung war gewiss oft die Buchstabenfolge "Arch", die bei beiden Berufen enthalten ist (ohne Rücksicht auf den unterschiedlichen etymologischen Hintergrund). Dass das Archäologiestudium keineswegs eine Fachausbildung zum Archivar ersetzt, braucht nicht eigens betont zu werden. Offenbar sehen das viele Personalämter aber anders.
    Leser

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    1. Die Schwäbische Zeitunt schreibt am 14. 09.2016: Die 19-jährige Rheinländerin Wibke Kaese arbeitet ein halbes Jahr lang ehrenamtlich auf dem Campus Galli bei Meßkirch mit. Diese Erfahrung will sie für ihr künftiges Archäologiestudium nutzen.

      http://www.schwaebische.de/region_artikel,-Vom-Campus-Galli-in-den-Hoersaal-_arid,10526150_toid,494.html
      Insider

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