Sonntag, 4. Dezember 2016

Das Reenactment der Schlacht bei Hastings: Von Walküren und Konformismusdruck



Als ich um 2006 herum zum ersten Mal im Internet auf das alle paar Jahre stattfindende Reenactment der berühmten Schlacht von Hastings stieß (dazu gibt es hier demnächst eine Buchbesprechung), war ich davon fasziniert. All die cool gerüsteten Reenactors hatten es mir angetan (in einer nicht-sexuellen Weise, versteht sich). 
Doch damals hatte ich von Living History ungefähr so viel Ahnung wie eine Kuh vom Schlittschuhlaufen (oder der Campus Galli von Experimenteller Archäologie). Mit dem anwachsenden Kenntnisstand der folgenden Jahre hat sich daher auch mein Blick auf das Hastings-Reenactment gewandelt. Als dann diesen Herbst zum 950-jährigen Jubiläum der Schlacht rund 2000 Darsteller aufmarschierten und etliche Videos davon bei Youtube veröffentlicht wurden, betrachtete ich das Gebotene mit deutlich kritischerem Blick, als noch vor 10 Jahren. Nein, ich habe nicht extra nach Kritikpunkten gesucht, aber gewisse Dinge sprangen mir einfach ins Auge. Es folgen ein paar Beispiele (wer weitere hinzufügen möchte, darf dies gerne im Kommentarbereich tun):

  • Viel zu viele Teilnehmer, die lediglich im Gambeson herumliefen, anstatt sich auf eine normale Tunika zu beschränken. Für den Massenhaften Einsatz dieses Kleidungsstückes im 11. Jahrhundert gibt es keine Belege oder wenigstens Indizien. Wenn dann auch noch alles gleich aussieht, da von der Stange gekauft, entsteht ein ahistorischer Uniform-Look. 
  • Zugegeben, es ist Gemecker auf hohem Niveau, aber die getragenen Kettenhemden sind den meisten Leuten zu groß; sie wurden, glaubt man den historischen Bildquellen, figurbetont  bzw. relativ eng anliegend getragen - auch an den Ärmeln. Völlig klar ist freilich, dass nicht jeder Reenactor über das nötige Kleingeld verfügt, sich die Dinger auf den Leib 'schneidern' zu lassen.
  • Wieso tun sich viele männliche Darsteller scheinbar so schwer damit, zu verstehen, dass die Untertunika nicht unter der Übertunika hervorlugen sollte? Und schon gar nicht ein bis zwei Hand breit. So war das, betrachtet man die historischen Bildquellen, sicher nicht üblich. Darauf wurde sogar in einem Kitguide von Regia Anglorum, der größten Reenactment-Vereinigung in Großbritannien, ausdrücklich hingewiesen.
  • Wie ich feststellete, ist der Teppich von Bayeux nicht mehr das Maß aller Dinge, denn bei der Schildbemalung der Reenactment-Teinehmer hat sich im Laufe der Jahre mehr Originalität breitgemacht. Vielleicht stellenweise schon zu viel? 
  • Unzählige sich gleichende, auf Hochglanz polierte Helme von der Stange - wie sie z.B. Battle-Merchant vertreibt. Auch hier ist es aber eine Geldfrage, ob man sich statt diesen zusammengeschweißten Dingern (bei denen die Schweißnähte verschliffen oder mit Spangen überdeckt werden) einen authentischeren Helm vom Schmied anfertigen lässt. Keine Frage des Geldes ist es allerdings, das moderne Innenfutter durch etwas historisch Passenderes zu ersetzen. Wer das unterlässt, ist einfach nur zu bequem. Übrigens: Die Helme Absichtlich mit einer Rostschicht zu überziehen, macht sie auch nicht authentischer.  
  • Ganze Rudel von selbstzertifizierten Walküren unter Waffen: Kann der Authentizitätsgedanke und das damit einhergehende Qualitätsstreben noch leichtfertiger zu Grabe getragen werden? Der Witz ist freilich: Jene, die dieses Transferieren eines modernen Rollenbildes in die darzustellende Vergangenheit aus politischer Korrektheit und Konformismusdruck (halbherzig) verteidigen, kommen sofort ins Stottern, wenn man sie mit der Frage überrumpelt, wie es denn wäre, wenn bei ähnlichen Veranstaltungen plötzlich etliche (bärtige) Männer in mittelalterlicher Frauenkleidung herumlaufen würden ^^. Einerseits möchte man dem Publikum ein besonders authentisches Bild bieten und zerbricht sich deshalb den Kopf über die Details der zu tragenden Kleidung. Andererseits ist dann aber immer häufiger der Träger/die Trägerin selbst der größte Anachronismus. Und das betrifft nicht nur die geschlechterspezifische Kleidung, denn beispielsweise waren beim Hastings-Reenactment unter den an der Schlacht teilnehmenden Bogenschützen auch Kinder von vielleicht 10 Jahren. Der ganze Krempel führt sich ob seiner Beliebigkeit doch längst völlig ad absurdum!  Wo werden denn die Grenzen gezogen? Aber Grenzen sind ja völlig aus der Mode. Zumindest wenn es nicht die eigenen sind. Nachsatz: Es gibt Ausnahmefälle, in denen es durchaus legitim sein kann, Frauen in Männerklamotten einzusetzen: Beispielsweise bei der Reiterei, wenn es an ausreichend männlichen Darstellern mangelt. Viele Frauen reiten schließlich gerne (lustige These dazu).
  • Der letzte Punkt betrifft das Video unten: Ca. ab Minute 06:25 wird die nachgestellte Schlacht aus dem Lautsprecher in dramatischem Tonfall ungefähr wie folgt kommentiert: "The melée is horrific to witness."  Beim Vergleich mit dem tatsächlichen Geschehen konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen (und auch aus dem Publikum hört man immer wieder Lacher); die Darbietung wirkt in Summe nämlich recht lahm und unglaubwürdig. Aber wie könnte es auch anders sein? Eine Kampf-Choreographie einzustudieren, wie wir sie von modernen Spielfilmen gewöhnt sind, ist mit den aus ganz Europa anreisenden Laiendarstellern nicht möglich. Und einfach wild drauf los hauen ist auch keine Option, Sicherheit geht schließlich vor (trotzdem wird es auch diesmal etliche blaue Flecken gegeben haben). Richtig blöd finde ich allerdings, wenn versucht wird, das etwas vor sich hin dümpelnde Treiben mit scheppernder Musik aufzupeppen. Das mag ja ganz gut zur Leistungsschau einer Modernen Armee passen, beim Reenactment einer historischen Schlacht hat so etwas meiner Ansicht nach aber nichts verloren. Audiokommentare zu den Abläufen auf dem Schlachtfeld sollten ausreichen.  


PS: Ist die auch im Video mehrmals vorkommende Bezeichnung Schildwall bzw. shield wall eigenltich historisch belegt? Oder handelt es sich um eine Art Modebegriff, welcher der modernen Forschung entommen wurde oder gar durch Bernard Cornwells beliebter Uhtred-Reihe weite Verbreitung fand?

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16 Kommentare

  1. Die Amazonen in mittelalterlichem Kampfanzug sind wahrscheinlich größtenteils vom Franko-Flämischen Contingent, einer großen deutschen Gruppe, die immer in Hastings mit dabei ist.

    Willibald DeVroon

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  2. Hallo Hilti, stimme dir zu: Kriegerinnen gehören in dem Zusammenhang ganz klar in die Kategorie Fantasy. Reenactment oder Lebendige Geschichte ist das nicht, denn das Ausleben der eigenen Neigungen darf nicht im Vordergrund stehen, wenn man die selbstgesteckten und nach außen kommunizierten edukativen Ziele ernsthaft und glaubwürdig verfolgen möchte. Ich würde solche Gruppen abseits von Mittelaltermärkten ganz bestimmt nicht einladen.

    Liebe Grüße,
    Johanna

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  3. Darsteller unterliegen häufig dem Irrglauben, dass im Frühmittelalter Männer mit langen Haaren herumgelaufen sind. In Hastings gabs auch wieder viele von der Sorte, wenn ich mir das Video so anschaue.

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    1. Guter Punkt. Die Normannen hatten bekanntlich kurze Haare und glatt rasierte Gesichter. Und die Angelsachsen beschreibt Wilhelm von Malmesbury ebenfalls kurzhaarig und mit rasiertem Kinn - sie dürften demnach Schnurrbärte getragen haben, was z.T. auch vom Teppich von Bayeux bestätigt wird. Rauschebärte und lange Haare trugen sie jedenfalls nicht.
      Interessant ist, dass sich zwar viele Normannendarsteller beim Hastings-Reenactment zeittypisch den Hinterkopf scheren lassen, aber kein Angelsachsendarsteller sich wenigstens für ein paar Tage einen Schnurrbart zulegt. Das wäre keine Hexereie, wird aber offenbar als uncool empfunden und daher unterlassen. Das Erscheinungsbild passt deshalb besonders bei den Angelsachsen überhaupt nicht.

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    2. Viele von den "Angelsachsen" dort sind eigentlich Wikingerdarsteller. Deshalb die übermäßige Behaarung am Kopf und im Gesicht. Die gleuben, das ist typisch für Wikinger. Die Frauen tragen sogar Schalenfibeln, diese "Wikinger-Trägerkleider" etc. Passt alles hinten und vorne nicht zu 1066 und Hastings.

      Es gibt allerdings schon auch sehr gute Gruppen, ganz besonders unter den Handwerkern dort. Aber letztendlich ist es eine Schlachten-Reenactment, wo die Organisatoren froh sind, wenn sie möglichst viele Leute zusammenbekommen. Auf die Qualität schaut man deshalb nicht so genau. Deshalb kommt z.B. das FFC auch mit seiner Damenmannschaft durch.

      Gero

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    3. Leider muss ich in diesem Punkt (F.F.C) wiedersprechen,

      aus geprüfter Quelle, das F.F.C. war mit 111 Kämpfern und vier Reitern vor Ort, davon waren FÜNF Frauen als Kämpfer, FÜNF als Bogenschützen und eine als Reiter unterwegs.
      Also gibt es keine keine Damenmanschaft.

      Was dieses Jahr sehr störend war, waren die eindeutig als Frauen gekleideten Wasserträgerinnen der Englischen Gruppen. Auf dem Schlachtfeld. obwohl nur "Männer" auf dem Schlachtfeld erlaubt waren. Leiser ist die Konsequenz der E.H. in diesem Punkt schlechter als die eigenen Vorgaben.

      Gruoss
      Gerald der Uhl zu Wilhaim, ehemaliger. Quartiermeister des F.F.C.

      aka
      Eustache II. de Boulogne, Gernobatus (genannt der Bärtige!)
      Feldherr des F.F.C. seit 2016

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    4. Ja gut, Damenmannschaft war tatsächlich die falsche Bezeichnung. Gedenderte Gemischtmannschaft ist wahrscheinlich passender. Aber auf die Anzahl der Frauen kommt es ja nicht wirklich an, oder? Eine einzige Frau in der Rolle eines Mannes, oder umgekehrt, ist schon zu viel, wenn man das Hobby mit höherem Anspruch betreibt. Sonst findet man sich als Verein schneller auf einer Stufe mit der Klosterstadt in Messkirch wieder, als man "Viva la Normandie!" rufen kann. Die Bezeichnung Reenactment dafür kann man zwar noch durchgehen lassen, weil der Begriff sowieso nicht klar umrissen ist, aber wehe das bezeichnet einer als Living History, da hört sich dann echt jeder Spaß auf, weil mit so etwas möchte ich nicht in einen Topf geworfen werden. Ein Veranstalter, dem das alles wurscht ist, und dazu zähle ich auch das English Heritage, wird von mir konsequent boykottiert.
      Just my 2 Cents

      Gero

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  4. Was ich mich schon seit Jahren frage: Warum montiert sich da nicht endlich einmal einer eine GoPro auf oder unter den Helm und filmt das Schlachtengetümmel aus der Perspektive eines Teilnehmers? Das wäre doch mal ein feines Video!! :-)

    lG,
    Erwin

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  5. Der Gambeson, das Kettenhemd für Arme.... das war schon vor 20 Jahren so. Damals waren brauchbare Kettenhemden aber auch noch wesentlich teurer als heute. Außerdem gibt es immer auch die Möglichkeit einer zivilen Darstellung. Tankred

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  6. Da sollten wirklich einmal ein paar Männer, unter dem Motto "Gleiches Recht für alle", in Frauenkleidern auftreten. Dann merken die Veranstalter hoffentlich endlich, wie deppert das alles ist. Mir geht es schon so was von auf den Sack, dass nicht mal mehr das LH Hobby vor diesem Genderscheiß verschont bleibt. Wer ist das eigentlich, der das in unsere Reihen trägt? Hat es nicht mal geheißen, LH soll frei von Politik und Ideologie sein? Und dann drückt man Frauen als Kriegerinnen rein, nur weil es pc ist? Ich hab mir damals schon gedacht, als da diese Aachener Erklärung aufgesetzt worden ist, dass sich das Distanzieren von Ideologie nur auf eine politische Richtung bezieht, aber nicht auf die andere. Die kommt nämlich wie üblich durchs Hintertürchen.
    Grüße
    Liberator

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    1. In aller Regel wird Ideologie nicht durchschaut; ist dies der Fall, hat die Ideologie schon ihren Zenit überschritten. Mit "Distanzierung von jeglicher Ideologie" ist selbstverständlich nie die eigene Ideologie gemeint.
      Leser

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  7. Ein Kriegsbogen aus der Zeit sollte mindestens bis zum eigenen Kopf reichen. War auch vor einigen Jahren in Hastings mit dabei, damals hat man aber zum Teil deutlich kürzere =schwächere Bögen (aus Hickory!) verwendet. Wir haben darüber gewitzelt, dass das Kinderbögen sind.
    Deshalb ist es glaube ich nur konsequent, wenn jetzt auch gleich Kinder als Bogenschützen mitmachen :-)

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    1. Da man heute, im Gegensatz zu früher, seine "Gegner" nicht totschießen möchte, wird aus Sicherheitsgründen das Zuggewicht der Bögen reduziert. Ich möchte auch nicht von einem Pompf-Pfeil getroffen werden, der von einem 60-Pfünder abgeschossen wurde.
      Alternativ dazu könnte man einen historisch korrekten Bogen auf einem separaten Schießstand vorführen.
      - Fränkin -

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    2. Da hast du grundsätzlich recht, Fränkin, aber man schießt bei so einem Reenactment nicht direkt auf den Gegner, sondern in einer relativ steilen ballistischen Kurve. So wird viel Bewegungsenergie des Pfeils abgebaut. Da braucht es dann nicht auch noch extrakleine "Kinderbögen" um den Gegner zu schonen. Es reicht aus, die Sehen nicht voll durchzuziehen. Außerdem sind die verwendeten Tokkies =Spezialpfeile viel leichter als normale und könne schon alleine deshalb keine große Wucht entwickeln. Die Dinger segeln fast.

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    3. Ich war schon bei diversen Reenactments dabei und bin selber Bogenschützin - es kann immer mal was schiefgehen (voll ausziehen im Eifer des Gefechts, usw.) und dann ist ein leichter Bogen einfach sicherer. Wenn da allerdings wirklich so kleine Dinger verwendet wurden, denen man den "Kinderbogen" schon von weitem ansieht, ist das Mist.
      Kinder auf dem Schlachtfeld sind mMn das Letzte!
      - Fränkin -

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  8. Tag zusammen, ich war in Hastings dabei und ich muss leider resümieren, dass im Vorfeld schlicht und ergreifend gelogen worden ist. Es hat geheißen, die Frauen in Rüstung werden nur auf dem Schlachtfeld mit dabei sein, nicht aber im Lager. Weil auf dem Schlachtfeld würde das Publikum sie aus der Entfernung nicht so leicht als Frauen erkennen können.
    Das hat in mehrfacher Hinsicht alles nicht gestimmt. Klar konnte man Frauen erkennen, der Busen verschwindet schließlich nicht.
    Außerdem sind wir auf dem Weg zum Schlachtfeld am Publikum vorbeidefiliert. Jeder hat dabei die gerüsteten Frauen genau erkennen können.
    Und im Lager, wieder vor Publikum, haben sich auch Frauen in Rüstung gezeigt
    Übertriebener Feminismus oder nur Hirnlosigkeit, ist mir egal, aber ich überlege es mir zweimal, ob ich bei so etwas jemals wieder mitmache.

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