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Was ist der "bunte Rock"? Darunter versteht man laut dem Historiker und Autor Alexander QuerengĂ€sser die vor allem ab dem 17. Jahrhundert nach und nach eingefĂŒhrten farbenfrohen Uniformen des MilitĂ€rs. Diese hoben sich vom vorherrschenden Bekleidungsdurcheinander der Zeit davor deutlich ab. Ausnahmen bestĂ€tigen die Regel, auf die in einer Einleitung kurz eingegangen wird. Allerdings rechtfertig das nicht, im Titel von einer "Kulturgeschichte der Uniform vom SpĂ€tmittelalter bis zum 1. Weltkrieg" zu sprechen. Das ist im Angesicht des Buchinhalts viel zu hoch gegriffen und daher irrefĂŒhrend. AuĂerdem ist diese Ăbertreibung ĂŒberflĂŒssig, denn das Buch kann auch ohne diesen 'imaginierten' Zusatz-Zeitraum mit einer hohen Informationsdichte, zahlreichen Abbildungen sowie nĂŒtzlichen Quellenangaben ĂŒberzeugen.
Gleich zu Beginn erfĂ€hrt der militĂ€rhistorisch interessierte Leser Erstaunliches. Zwar wird es nicht gleich jeden ĂŒberraschen, dass historische GemĂ€lde - aufgrund der hĂ€ufigen militĂ€rischen Unwissenheit der Maler - hinsichtlich der darin dargestellten Uniformen als Quelle nicht sehr verlĂ€sslich sind. Aber dass sogar Fotos lĂŒgen können, kommt doch ziemlich unerwartet. Denn wer hĂ€tte gedacht, dass etwa deutsche Portraitfotografen im 19. Jahrhundert einen oft reichhaltigen Fundus an Uniformen und militĂ€rischen AusrĂŒstungsgegenstĂ€nden in ihren Ateliers bereit hielten, um Soldaten damit auszustaffieren, weil es diesen meist nicht gestattet war, in ihrer Freizeit in bester und voller Montur die Kaserne zu verlassen?! Wenig ĂŒberraschend stimmte dann auf etlichen Fotos manch Detail nicht! Doch schlimmer noch: Selbst die offiziellen staatlichen Druckwerke, in denen die Standards fĂŒr Uniformen und AusrĂŒstungsgegenstĂ€nde genau beschrieben werden, sind unverlĂ€sslich, da beispielsweise das Ideal aufgrund nicht normierter Produktionsmöglichkeiten von der RealitĂ€t sehr oft abwich. Dies alles fĂŒhrt beispielsweise dazu, dass heutzutage manch Reenactor, der sich fĂŒr einen pingeligen Rechercheur hĂ€lt, in einem Aufzug herumlĂ€uft, welcher mehr oder weniger so nie existiert hat.
Ein weiterer wichtiger Aspekt, der im Buch behandelt wird ist die Herstellung der Uniformen - inklusive der verwendeten Materialien. Wie anhand von zitierten Schreiben aus dem 18. und 19. Jahrhundert gezeigt wird, gab es immer und immer wieder Beschwerden, wonach neu eingefĂŒhrte Uniformen bzw. deren Schnitte zwar modisch schick, aber im Feld völlig unpraktisch waren. So mussten Soldaten wegen der Modebegeisterung ihrer Herrscher frieren - oder auch deshalb, weil diese aus KostengrĂŒnden Material einsparen wollte. Aspekte, die wir heute beim Betrachten alter Uniformen praktisch nie in ErwĂ€gung ziehen. Stattdessen lassen wir uns bequem von ihrem vermeintlichen Glanz blenden. Dieser Glanz war es freilich auch, der dazu gefĂŒhrt hat, dass das MilitĂ€r im spĂ€ten 19. Jahrhundert zunehmend zu Uniformen wechselte, in denen die Soldaten fĂŒr die immer weitreichenderen und genauer treffenden Waffen keine so guten Zielscheiben mehr abgaben. Irgendwann war der "Bunte Rock" dann auch Geschichte - abgesehen von Ausnahmen wie etwa einigen wenigen rotberockten Soldaten in britischen Diensten, die bei Paraden noch einmal die militĂ€rische Pracht und Macht vergangener Zeiten aufleben lassen (die unfĂ€hige Politiker in zwei Weltkriegen sukzessive verspielt haben).
Tja, und wĂ€re hĂ€tte gedacht, dass im 18. Jahrhundert Moritz von Sachsen, ein hochadeliger deutscher General in den Diensten Frankreichs, darĂŒber nachdachte, seinen Rekruten nach "Art der Indianer" TĂ€towierungen mit der Regimentsnummer zu verpassen, um das Desertieren zu erschweren? Hier wurde ĂŒbrigens in gewisser Weise gedanklich etwas vorweggenommen, was viel spĂ€ter bei der SS in Form von BlutgruppentĂ€towierungen vorgeschrieben wurde.
Solche und viele weitere interessante Informationen sorgen fĂŒr ein abwechslungsreiches LesevergnĂŒgen.
Noch eine kleine kritische Anmerkung zum Schluss: Der Lektor des Buchs (und/oder die Druckerei) scheint mir ein bisschen geschlafen zu haben, denn unĂŒbersehbar gibt es beim Klappentext hinten im zweiten Absatz phasenweise ein gröberes Problem mit dem Wortabstand. Noch einen Tick unerfreulicher ist, dass auf Seite 50 der zweite Absatz im totalen Durcheinander endet:
"Frankreich entwickelte in den 1830er-Jahren fĂŒr seine in Algerien dienenden Truppen das casquettes d'Afrique, einen niedrigeren und leichteren Filztschako. Aus diesem entstand schlieĂlich in der Mitte des Jahrhunderts das bonnet de police Ă visiĂšre oder kurz KĂ©pi, Armeen der Welt groĂe PopularitĂ€t erlangen sollte, etwa den amerikanischen Truppen im BĂŒrgerkrieg, aber auch in vielen lateinamerikanischen Heeren groĂe PopularitĂ€t erlangen sollte." đ
FAZIT: "Der bunte Rock" enthÀlt eine Vielzahl an sehr interessanten und allgemein verstÀndlich aufbereiteten Hintergrundinformationen zur Geschichte der Uniformierung westlicher Armeen zwischen ca. 1650 und 1914. Wobei der Schwerpunkt eindeutig im 18. und 19. Jahrhundert liegt.
Ich denke, dass dieses Buch, abseits kleinerer Kritikpunkte, eine Ă€uĂerst nĂŒtzliche Grundlage fĂŒr Recherchen in diesem Themengebiet darstellt. Nicht zuletzt weil der Autor anhand von etlichen Beispielen verdeutlicht wie wichtig es ist, sich beim Umgang mit Quellen ein gehöriges MaĂ an Skepsis zu bewahren.
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Danke fĂŒr den Tipp, das Buch werde ich mir selber zu Weihnachten schenken đ
AntwortenLöschenW.T.C.
Das hört sich nach interessanter WinterlektĂŒre an. Muss ich mein Buchbudget wohl etwas ĂŒberstrapazieren, weil eigentlich bin ich bis Jahresende schon voll eingedeckt :o)
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