Hannah Arendt und die "Banalität des Bösen"
Der von der Autorin Hannah Arendt vor vielen Jahrzehnten geprägte Begriff von der "Banalität des Bösen" bezog sich auf NS-Schreibtischtäter wie Adolf Eichmann, die sich auf bürokratische Pflichterfüllung beriefen und die Opfer ihres Tuns ausblendeten; so ist zumindest die gängige Wahrnehmung von Arendts Kritik heute. Ihr ging es aber um wesentlich mehr, nämlich um eine grundsätzliche Kritik an der modernen Gesellschaft, am Gruppendruck und am Mitläufertum. Nicht zufällig sprach sie in diesem Zusammenhang von einer Gleichschaltung der Intellektuellen.
Diese Grundsatzkritik ist leider aktueller denn je, denn sie lässt sich bis zu einem gewissen Grad auf die heutige akademische Landschaft und ihre Verwalter des Wissens übertragen. Beispielsweise moderne Historiker an staatlichen Universitäten agieren in einem massiv bürokratisierten Apparat. Vorbedingungen für eine Karriere sind hier staatliche Wohlgesonnenheit und die weitestgehende Einhaltung des zeitgeistigen Konsenses, auch wenn dieser sich sich allzu oft von der Lebensrealität der breiten Bevölkerungsmehrheit abgekoppelt hat. Man darf hier deshalb getrost - im Sinne Arendts - von Opportunisten schreiben, die es sich in ihrer Systemkonformität gemütlich eingerichtet haben. Die Unis sind kaum noch ein Ort für Diskussionen und fruchtbaren akademischen Streit, sondern intellektuelle Echokammern des Staates und seiner servilen, mit Staatsknete angefütterten Angestellten (Ausnahmen bestätigen die Regel).
Pseudowissenschaftliche Verharmlosung
Ein Paradebeispiel für dieses konformistische Geschleime durch staatliche / staatsnahe Akteure ist das hier von mir schon vielfach aufgegriffene Thema der gezielten Verharmlosung der spätantiken Völkerwanderungszeit. Aus Sicht von Teilen der universitären Historiker-Blase ist es ideologisch bzw. politisch nicht mit gängigen Narrativen kompatibel, wenn diesbezüglich von Migrationskritikern Vergleiche mit heutigen Entwicklungen gezogen werden.
Nun sind die Zustände von dazumal und von heute oft tatsächlich nicht 1:1 gleichsetzbar; ich selbst rolle immer heftig mit den Augen, wenn etwa zum x-ten Mal das Klischee von der spätrömischen Dekadenz bemüht wird und man der damaligen Bevölkerungsmehrheit unterstellt, sie hätte die meiste Zeit mit "panem et circenses" vertrödelt. Jedoch sagt ein alter Spruch: Geschichte wiederholt sich zwar nicht, aber sie reimt sich.
Natürlich kann man lückenhafte Geschichtskenntnisse heutiger Migrationskritiker im Detail kritisieren. Es ist auch völlig legitim, Kritik an Zuwanderung per se abzulehnen. Zum massiven Problem wird es jedoch, wenn Historiker mit starkem ideologischem Bias und/oder politischem Anbiederungswillen hier überkompensieren und deshalb die Völkerwanderungszeit faktenwidrig uminterpretieren. Beispielsweise indem man der Öffentlichkeit erzählt, das Alte Rom sei eigentlich gar nicht wegen gewaltsamen Wanderbewegungen von riesigen Menschenmassen zerbröselt, sondern primär wegen wirtschaftlichen Problemen bzw. einer Hyperinflation. Freilich, mit der halben Wahrheit lügt sichs bekanntlich am besten. So auch hier. Denn diese wirtschaftlichen Schwierigkeiten gab es zwar tatsächlich, ablesbare etwa an Maßnahmen wie Kaiser Diokletians Höchstpreisedikt, aber hervorgerufen wurden sie primär durch die ständigen militärischen Konflikte mit Auswärtigen. Das römische Militärbudget explodierte zwingend dadurch. Gleichzeitig brachen die Steuereinnahmen massiv ein, wegen den unzähligen Kriegsopfern und dem Umstand, dass ganze Landstriche demographisch ausdünnten oder gleich komplett entvölkert wurden. Historiker-Aktivisten vertauschen hier demnach Ursache und Wirkung. Dass es selbst in diesen Zeiten des wirtschaftlichen Niedergangs eine Oberschicht gab, die es sich leisten konnte, gewaltige Protzvillen zu bauen, ist hier kein Widerspruch. Wir erleben solche gegenläufigen Entwicklungen in ähnlicher Weise auch heute wieder. Krisengewinnler hat es schließlich schon immer gegeben.
Ein weiterer Schmäh ist das Herumfummeln am Begriff "Volk". Diesen verengt man - eigentlich politisch höchst unkorrekt - im Kontext der Völkerwanderungszeit plötzlich auf "Ethnie". Weil nun aber in der Völkerwanderungszeit einige der überlieferten Völker klar multiethnisch waren (siehe die sog. Hunnen) spricht man dem Begriff "Völkerwanderung" insgesamt die Existenzberechtigung ab. Unabhängig davon, dass dazumal doch auch jede Menge ethnisch homogene Gruppen unterwegs gewesen sind.
Aus all diesen (ganz oder teilweise erlogenen) Gründen, möge man die Völkerwanderungszeit doch lieber mit dem Begriff "Transformation" umschreiben, verlangen die halbseidenen Pseudoschlauberger mit Habil-Urkunde über dem Lokus. Wer allerdings gezielt so einen zynischen Weichspüler-Begriff pusht, dem geht es offensichtlich nicht um ein sachdienliches Vokabular, sondern man will lediglich heutigen Migrationskritikern retroaktiv den Wind aus den Segeln nehmen. Kurz gesagt: Wenn die massenhafte Vernichtung von Menschenleben und der Untergang ganzer Kulturräume semantisch zum bloßen "Wandel" umgebogen werden, entzieht man diesen unerwünschten Kritikern die Möglichkeit, warnend auf die Geschichte zu verweisen. Das ist mMn die schlichte Absicht dahinter. Zusätzlich läuft diese Strategie darauf hinaus, den Versuch, aus der Geschichte zu lernen, quasi zur Untugend zu erklären. Gehen Sie bitte weiter, es gibt hier nichts zu sehen!
Die Realität
Wie ging es in der spätantike Völkerwanderungszeit und in ihrem unmittelbaren Vorfeld (3. bis 6. Jahrhundert) wirklich zu? Was weiß man darüber?
Nun, hierzu gibt es vor allem zwei Quellengattungen: Die schriftlichen Überlieferungen und die archäologischen Befunde. Während man - genügend ideologische Hinterfotzigkeit vorausgesetzt - die alten Texte als bloße Übertreibungen vom Tisch wischen kann (z.B. gerne gemacht mit der Vita Sancti Severini), so ist dies bei archäologischen Befunden schwerlich möglich. Werden wir aus der betreffenden Zeit doch geradezu erschlagen mit verbrannten Gebäuden und sterblichen Überresten, die auf ein gewaltsames Ende sehr vieler Menschen hindeuten.
Man muss sich klarmachen: Diese sogenannte "Transformation", die damals stattfand, war primär nichts anderes als eine Aneinanderreihung von gewalttätigen Akten übelster Ausprägung. Einhergehend mit einem massiven Verfall der Lebensqualität beim durchschnittlichen Bewohner des Römischen Reichs. Doch lange ist das alles her, deshalb fehlt uns oft die entsprechend emotionale Bindung. Ich will hier nun den Versuch unternehmen, diese ein wenig wiederherzustellen - mit einer kurzen fiktiven Episode, die aber lose auf Tatsachen bzw. auf realen Quellen beruht. Mehr dazu am Ende des Textes.
(Hinweis: Kein LLM bzw. keine KI wurde grundsätzlich zum Erstellen des folgenden Textes verwendet; aus Ermangelung eines Lektors habe ich mir aber an wenigen Stellen dabei helfen lassen, allzu holprige Formulierungen zu glätten)
Sie sehen das Blut nicht mehr
Römische Provinz Raetia, 231 n. Chr.
Andronicus lächelte, als er sah, wie eine Spitzmaus unter dem morschen Baumstamm hervorlugte, auf dem er es sich bequem gemacht hatte. Vorsichtig krabbelte das putzige Tier in Richtung eines kleinen Stückchen Fladenbrots, das dem stämmigen Mitt-40er beim Schmausen aus dem Mund gefallen war. Lass es dir schmecken, dachte er sich. Wer weiß, wann du wieder so gut essen kannst.
Denn auch wenn es erst Ende August war, so kündigte sich der Herbst bereits deutlich an - mit häufigen Regengüssen und relativ kühlen Nächten. Dabei hätte man das verdammte Wasser viel früher benötigt, dachte Andronicus bitter. Den ganzen Sommer lang war es viel zu trocken gewesen, sodass die Felder mindestens ein Drittel weniger an Ertrag hervorbrachten als erwartet. Aber wann waren denn überhaupt die Sommer richtig gut? Das lag doch schon viele Jahre zurück, als sein Vater aus dem benachbarten Noricum hier nach Raetia gekommen war! Es schien so, als ob die Götter den Menschen zürnten. Oder halt der eine Gott, wie Andronicu's Frau Suadulla behauptete. Ob sie damit Recht hatte? Bloß ein Gott? Andronicus zweifelte, dass das für alle Menschen auf der Welt ausreichte. Ja nicht einmal für alle Menschen in dieser kleinen Provinz, am östlichen Rand des Reichs. Doch was wusste er schon. Die Legion, in der er zwei Jahrzehnte lang gedient hatte, hatte ihm nicht Philosophie gelehrt, sondern vor allem den Umgang mit Waffen. Und hätte er nicht Suadulla kennengelernt, so würde er wahrscheinlich immer noch im Dienste des Kaisers Severus Alexander stehen. Doch stattdessen hatte Andronicus vor sechs Jahren im Rang eines Centurio den Abschied genommen und sich mit Erspartem und der Mitgift seiner Frau ein Landgut in der Nähe seines alten Stationierungsortes Castra Regina gekauft. Eigentlich konnte er mit seinem Leben ganz zufrieden sein, trotz der mittelprächtigen Ernte, dachte er sich und schob das letzte Stück Brot mit Moretum in seinen Mund.
Da spitzte Andronicus plötzlich die Ohren. War das weit entfernter Donner, denn er für einen kurzen Moment zu vernehmen geglaubt hatte? Er hielt den Atem an und hörte genauer hin. Aber nein, da war wohl nichts. Zum Glück, denn er hate keine Lust, durchnässt zu werden.
Er erhob sich langsam, strich die Brotkrumen von der Tunika und schulterte seinen Beutel aus rotem Ziegenleder, den ihm seine Frau zu den vorletzten Saturnalien geschenkt hatte. Es war an der Zeit, die angenehme Ruhe des Walds zu verlassen und zurück nach Hause zu gehen. Jene Lärchen, die in den kommenden Wochen für den Dachstuhl des neuen Getreidespeichers gefällt werden sollten, hatte er ja bereits ausgewählt und mit einem Messer markiert. Genug Arbeit, für diesen Vormittag.
Als er auf den ausgetretenen Pfad zurückkehrte, der direkt zu seinem Heim führte, hörte er es wieder - dieses dumpfe Geräusch. Diesmal war es aber ein kleines Bisschen deutlicher zu vernehmen. Das reichte Andronicus aus: Es war kein ferner Gewitterdonner, sondern es waren Pferdehufe. Viele Pferdehufe. Er stutzte, blieb kurz stehen, nur um dann umso schneller zu gehen, mit immer weiter ausholenden Schritten, bis er schließlich zu laufen begann. Die Patrouille aus Castra Regina, die täglich hier vorbeiritt, kam eigentlich nie um diese Zeit. Und selbst wenn doch, so bestand sie nicht aus genügend Reitern, um dermaßen viel Lärm zu verursachen.
Als Andronicus endlich den Waldrand erreicht hatte, hielt er leicht schnaufend inne. Die Gebäude des noch rund zwei Stadien entfernten Guts, mit ihren weiß getünchten Mauern und den roten Ziegeldächern, ragten unverändert aus den sie umgebenden Wiesen und Äckern empor. Alles lag so friedlich unter der Mittagssonne da, wie er es am Morgen verlassen hatte. Was bist du nur für ein ängstliches Weib, dachte er sich und begann ein wenig Scham dafür zu empfinden, dass ihm das bloße Trommeln von Pferdehufen bereits in Unruhe versetzt hatte. Einen Augenblick später war die Hölle los.
Die Reiter, deren Pferde Andronicus zuvor gehört hatte, hatten offenbar wie er nur am Waldrand pausiert und sich dort gesammelt. Nun brachen sie aber in einiger Entfernung wie ein tosender Strom hervor. Erst waren es ein Dutzend, dann zwei, dann so viele, dass Andronicus sie nicht mehr zu zählen vermochte. Sie kamen nicht in einer eng geschlossenen Formation, wie man es von römischen Kavalleristen kannte. Stattdessen ritten sie kreuz und quer über die Wiese. Haare flatterten im Wind und über ihren Köpfen blitzten Speerspitzen. Es dauerte nicht lange und die schnellsten Reiter hatten bereits den Stall und das kleine Häuschen des Schäfers erreicht, die dem Landgut ewas vorgelagert waren.
Alamannen, schoss es Andronicus durch den Kopf. Nach dem ersten Schock rannte er sofort wieder los. Zwei Stadien waren plötzlich unendlich weit. Dann hörte er vom Schafstall her, dass Ferox, der Hütehund, wie verrückt bellte und dann abrupt verstummte.
Als Andronicus schon fast beim kleinen Obstgarten zur Linken des Gutes war, sah er Fortunatus, seinen ergrauten Verwalter, zwischen den Apfelbäumen stehen. Ihm näherte sich zügig ein agil vom Pferd heruntergesprungener Alemanne, kaum älter als zwanzig. In der einen Hand eine Spatha, in der anderen einen Rundschild.
"Nein! Halt!", rief Andronicus. Doch es war zu spät, der junge Mann drehte sich nur kurz halb um, sodass sich für einen Wimpernschlag ihre Blicke trafen. Dann ließ er das Schwert niedersausen und der alte Marcus fiel blutüberströmt zwischen die Bäume.
Andronicus schrie. Es war der Schrei eines Menschen, der gerade seine eigene Machtlosigkeit begriffen hatte. Der Mörder wandte sich nach vollbrachter Tat nun ihm zu, mit offensichtlich noch lange nicht gestilltem Blutdurst.
Andronicus hatte freilich längst sein langes Messer gezückt, das - was für eine Ironie - er vor vielen Jahren einem im Kampf getöteten Alamannen abgenommen hatte.
Er war noch rund dreißig Schritte entfernt, als neben Marcus' Mörder weitere Bewaffnete auftauchten.
"Wie viele von euch Bastarden braucht es, um einen römischen Centurio zu töten?!" schrie Andronicus ihnen voller Verachtung entgegen. Sie verstanden seine Worte nicht, doch hielten sie in ihrer Vorwärtsbewegung inne, unschlüssig geworden, was als nächstes zu tun war. Instinktiv war ihnen bewusst, dass vor ihnen nicht nur der Hausherr stand, sondern ein Veteran, der sich zu wehren wusste. Zahlte es sich da aus, zu versuchen ihn lebend gefangen zu nehmen? Würde jemand für ihn Lösegeld bezahlen?
Einer der Männer reagierte zuerst. Er hob seinen Speer. Andere folgten seinem Beispiel
Und Andronicus dachte an seine Frau.
An seine drei Kinder.
An die fröhlichen Abende mit Kameraden in den Tabernae von Castra Regina.
Und Plötzlich erschien ihm vieles so unbedeutend.
Die Ernte.
Seine glänzenden Phalerae, die in einer Truhe lagen.
Zwanzig Jahre Dienst für Rom.
Wozu das alles?
Aber gibt es vielleicht wirklich nur einen einzigen Gott?
Er schloss die Augen.
Dann kamen die Speere.
Von all dem ahnte Suadulla nichts. Sie hatte gerade im Hof gestanden, und frölich tratschend die Ergebnisse des Tuchfärbens vom Vortag begutachtet, als eines der Sklavenmädchen, hereingestürzt kam.
"Sie kommen!"
"Wer?"
Das schreckensbleiche Mädchen bekam kein Wort heraus. Dann sah Suadulla selbst die fremden Krieger, wie sie sich dem Hauptgebäude des Gutes näherten. Einige noch auf ihren Pferden, andere bereits abgesessen.
"Ins Haus!", rief sie
Niemand rührte sich.
"INS HAUS! Und das Tor schließen!"
Jetzt kam Bewegung in alle. Theodoros und Lucius, die beiden Söhne des alten Marcus, liefen zum Hoftor und warfen es krachend zu. Das würde die Eindringlinge freilich nur kurz aufhalten .
Suadulla packte ihren elfjährigen Sohn am Arm: "Aulus, wo ist deine kleine Schwester?"
"I... ich glaube, Irene ist drüben im Heu spielen."
Suadulla blickte verzweifelt zum Heuschober, der außerhalb der Umfriedung lag. Und da kletterten auch schon die ersten Alamannen-Krieger über die Mauer.
Sie schob die letzten Nachzügler ins Haus und zog dann den schweren eisernen Riegel der Tür vor.
"Mama, was ist mit Papa?", fragte Xanthe, ihre älteste Tochter. Suadulla antwortete nicht. Was sollte sie sagen?
Schritte waren von draußen zu hören, Befehle in einer fremden Sprache wurden gerufen, gefolgt von Gelächter. Plötzlich schlug etwas Schweres gegen die Tür. Immer wieder, bis das Holz zu splittern begann. Schließlich gab die Tür nach.
Am Abend brannten die meisten der Gebäude, doch niemand löschte die Flammen. Der Horizont war erleuchtet von vielen weiteren Feuern. Sie markierten die Stellen, wo sich weitere Landgüter und eine Vielzahl kleinerer Höfe befanden. Sie alle waren von Kriegertrupps nahezu zeitgleich überfallen worden - so wie es von langer Hand geplant gewesen ist.
Jene Alamannen, die Andronicus' Heim zerstört hatten, waren schon weitergezogen. Sie hatten genügend gefressen, gesoffen, geraubt, vergewaltigt und gemordet. Zurück blieben die Toten. Und ein fünfjähriges Mädchen namens Irene, das sich im Heuschober versteckt hatte. Die Kleine kam erst heraus, als bereits die Dämmerung hereingebrochen war. Sie fand ihren Vater nicht, auch nicht ihre Mutter. Nur überall Blut, alles voller Blut. Ganz besonders viel davon beim Brunnen. Sie verstand nicht warum. Aber sie sollte ihr ganzes Leben lang nicht mehr die schrecklichen Schreie vergessen, die sie an diesem Tag aus ihrem Versteck heraus gehört hatte.
Viele Jahrhunderte ziehen ins Land. Niemand erinnerte sich mehr an die kleine Irene und ihre ermordeten Eltern Andronicus und Suadulla. Die Überreste des Landguts sind längst von der Erde verschluckt. Bis sie jemand wiederentdeckt. Archäologen und Historiker werden gerufen, um den Ort zu untersuchen. Sie finden verkohlte Pfosten, Keramikscherben, Knochen mit tiefen Hackspuren und eingeschlagene Schädel. Man kategorisiert, datiert, dokumentiert. Und schließlich schreibt man etwas von einer "Transformation".
Die Quelle
Im Rahmen archäologischer Ausgrabungen auf dem Gelände eines BMW-Werks in der Nähe von Regensburg wurden die Reste eines römischen Landguts erforscht, dessen Zerstörung ca. in die Mitte des 3. Jahrhunderts datiert wird (bekannt unter der Bezeichnung Villa Rustica von Burgweinting / Burgweinting-Harting / Regensburg-Harting / Harting (Grabungsbericht von 1984). In einem verfüllten Brunnenschacht des Geländes fand man die sterblichen Überreste von sieben Erwachsenen und zwei Nichterwachsenen; mehrere dieser Menschen waren miteinander verwandt, wahrscheinlich handelte es sich um die Eigentümerfamilie. Untersuchungen ergaben, dass alle Schädel Spuren von massiver Gewalteinwirkung aufwiesen, die von einem Schwert, einer Axt oder einer Art Stange herrühren. Bei einigen war das Gesicht komplett eingeschlagen worden, bei anderen wurde der Kopf gewaltsam vom Rumpf getrennt. An weiblichen Schädeln finden sich überdies Schnittspuren, die auf eine Skalpierung hindeuten. Bevor die Toten im Brunnen versenkt wurden, zerlegte man die Körper, wie entsprechende Anzeichen an den Wirbeln und sonstigen Knochen bezeugen.
In der Brunnenstube eines zweiten Brunnens lagen die Schädel von vier weiteren Menschen, darunter der von einem Kind; die Befunde an den Knochen sind ähnlich, wobei der Kinderschädel besonders stark zertrümmert ist.
Die Ausgräber gingen ursprünglich davon aus, dass diese Menschen möglicherweise nach dem Überfall von (wahrscheinlich) Germanen/Alamannen geopfert wurden. Heute wird allerdings eingeräumt, dass die Opferung nicht bewiesen werden kann - trotz ähnlicher Befunde anderenorts. Es bleibt die Erkenntnis, dass es sich um einen massiven Gewaltexzess gehandelt hat.
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