Montag, 15. Januar 2018

Hörbares: Heinrich Schliemann -- Artemisia, die Admiralin der Antike -- Hightech in der Archäologie -- usw



Heinrich Schliemann - der Titan der Archäologie | Spieldauer 15 Minuten | BR | Stream & Info

Artemisia: Die Admiralin der Antike | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download 

Gelehrte Frauen im Mittelalter - Autorinnen und Dichterinnen | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download 

Hightech in der Archäologie | Spieldauer 15 Minuten | BR | Stream & Info

Interview: Ausgegrabene Kultur: Archäologie, Politik und die Lust auf vergrabene Schätze | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download 

Das Trierer Amphitheater: Neues über alte Steine | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download 

Kant und die Aufklärung | Spieldauer 32 Minuten | ARD / DF/Nova | Stream & Info | Direkter Download 

Nymphen und Feen - Symbole für Leben, Tod, Sex | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download 

Kulturgeschichte des Haushalts - Mehr als Kochen und Putzen | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download 

Sühnemäler- steinalte Zeugen von Schuld und Sühne am Wegesrand | Spieldauer 24 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download 

Das Einhorn - Das nicht existierende Tier | Spieldauer 22 Minuten | BR |  Stream & Info | Direkter Download 

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Sonntag, 14. Januar 2018

Buch: Handschriften und Papyri - Wege des Wissens

Im Buch Handschriften und Papyri - Wege des Wissens (Phoibos Verlag) wird auf Grundlage der umfangreichen Papyrus- und Hanschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibiothek ein facettenreicher Einblick in die Überlieferungsgeschichte antiken Wissens gegeben. Da den Klöstern des Mittelalters hierbei eine besonders wichtige Aufgabe zukam, stehen sie häufig im Zentrum der von verschiedenen Autoren stammenden Beiträge. Unter anderem geht es dabei um die Frage, welche dem jeweiligen Zeitgeist unterworfenen Vorlieben und Abneigungen dazu führten, dass Kleriker bestimmte antike Texte weniger oft als andere kopierten. Wie erläutert wird, spielte hier zwar einerseits die Religion eine gewisse Rolle, andererseits wurde jedoch bereits in der Spätantike vieles aus recht 'profanen' Gründen 'aussortiert'; als nämlich die gebildeten Schichten dazu übergegangen waren, die bis dahin dominierenden Papyrusrollen durch gebundene Bücher aus Pergamentblättern (Kodizes) zu ersetzen. Schriften, die damals von ihren jeweiligen Besitzern für nicht wertvoll oder interessant genug erachtet wurden, übertrug man nicht auf den deutlich beständigeren Beschreibstoff Pergament, wodurch sie im Laufe der Zeit überwiegend der Zerstörung anheimfielen. 

Leider waren nicht alle Autoren in der Lage, sich durchgehend einer allgemein verständlichen Sprache zu bedienen - denn wie viele Leute wissen schon, was "patristisch" heißt und "interlineare Glossen" sind? Hier wird auch manch 'Bildungsbürger' erst einmal anstehen. 😐
Außerdem mangelte es fallweise an der Fähigkeit, Kausalität und Korrelation zu unterscheiden. So heißt es beispielsweise, aus der Zeit zwischen 400 und 800 n. Chr. wären uns 2000 Bücher überliefert worden, während es alleine aus dem 9. Jh. 7500 sind. Daraus wird sofort der kategorische Schluss gezogen, dies sei ein Beleg für die von der Mediävistik so gerne bemühte "Karolingische Renaissance"; eine Zeit, in der angeblich viel mehr geschrieben wurde, als in den frühmittelalterlichen Jahrhunderten davor. Ja, wenn das so nur einfach wäre. In Wirklichkeit spielt natürlich auch der Umstand eine Rolle, dass uns das 9. Jh. zeitlich deutlich näher ist als z.B. das 5. Jh. Will heißen, je mehr Zeit vergeht, umso mehr Gelegenheiten ergeben sich, dass Bücher zerstört werden oder verloren gehen. Außerdem konnten alte und zerfledderte Bücher, nachdem sie erst einmal in der 'neuen' karolingerzeitlichen Schrift (karolingische Minuskel) kopiert worden waren, entsorgt bzw. dem Recycling zugeführt werden. Ist es etwa ein Zufall, dass ausgerechnet zur Zeit Karls des Großen besonders häufig sogenannte Palimpsestierungen (abschaben und neu beschreiben von alten Pergamentseiten) vorgenommen wurden? 
Bei der z.T. oberflächlichen Argumentation einiger Wissenschaftler darf man sich nicht wundern, dass Heribert Illig gerade wieder einmal mit einem neuen Buch daherkommt, um die Mediävistik zu trollen. Es trägt den passenden Titel: Des Kaisers leeres Bücherbrett. Wer bewahrte das antike Erbe".


Fazit: Handschriften und Papyri - Wege des Wissens vermittelt einige interessante Aspekte hinsichtlich des Wissenstransfers von der Antike über das Mittelalter bis in unsere Gegenwart. Auch stellen die zahlreichen, oft großformatigen Abbildungen antiker Schriftzeugnisse eine gelungene Ergänzung zum Text dar. Allerdings wirkt das Buch nicht wie aus einem Guss - was definitiv auf den Umstand der vielköpfigen Autorenschaft zurückzuführen ist; so wiederholen sich beispielsweise bestimmte Inhalte unnötig oft. Und während der eine Autor um eine allgemein verständliche Sprache bemüht ist, pflegt der andere eine vergleichsweise gestelzte Ausdrucksweise. 
Der Kaufpreis beträgt knapp 30 Euro, was hier meiner Ansicht nach ein bisschen zu viel ist.

Mittwoch, 10. Januar 2018

Kompetenz-Attrappen des Campus Galli benötigen mehr Staatsknete



Den regelmäßigen Besuchern der Campus-Galli-Rubrik dieses Blogs ist es schon bekannt, dem Rest der Leser eventuell noch nicht: Die in Living-History-Kreisen eher übel beleumundete Mittelalterbaustelle Campus Galli mutiert laut Schwäbischen Zeitung nach fünf Jahren Laufzeit wohl endgültig zu einem Betrieb, der auf eine kostspielige Dauerbezuschussung durch den Steuerzahler angewiesen ist. Neben direkten Förderungen sollen 2018 auch hohe Kredite fließen.
Freilich, die vom Inseratengeld der Politik naschenden Propagandaposaunen der Schwäbische Zeitung versuchen eifrig, die negative finanzielle Entwicklung des politiknahen Projekts durch Verschweigen unliebsamer Fakten zu beschönigen; Stichwort "Lückenpresse", wie der Politikwissenschaftler Ulrich Teusch diese Methode in seinem gleichnamigen Buch auf den Punkt gebracht hat. Hier ein paar Beispiele für solche Auslassungen :

➼ Laut einer Prognose der Betreiber, sollte das Projekt 2018 schwarze Zahlen schreiben; siehe  das nebenstehende Zitat aus dem Wochenblatt Bad Saulgau vom 29. 10. 2015.
Und am 02. 11. 2015 erklärt Hannes Napierala in einem Interview mit der Schwäbischen Zeitung: "Das Ziel ist nach wie vor, dass sich der Campus Galli ab 2018 finanziell selbst trägt." 
Ein Ziel, das angesichts der nun fix eingeplanten Fördergeld-Unsummen (siehe auch weiter unten) nicht erreicht werden konnte. Zu einer öffentlichen Entschuldigung für seine teure Fehleinschätzung, ließ sich der von ehemaligen Mitarbeitern als "eingebildet" beschriebene Geschäftsführer allerdings bis dato nicht herab. Im Gegenteil, wohl wissend, dass die Politik aufgrund all der versenkten Millionen längst nicht mehr zurück kann (ohne bei den nächsten Kommunalwahlen beträchtlichen Schaden zu nehmen), stellt er weitere Forderungen auf. So dürfe etwa dem Campus Galli ein neuer Parkplatz nicht in Rechnung gestellt werden. Dabei handle es sich vielmehr um eine "städtische Investition".
Die Absurdität dieser Argumentation ergibt sich daraus, dass die finanzmarode Mittelalterbaustelle mitten in der Pampa liegt, weit entfernt von jeder Stadt. Der Parkplatz kommt dementsprechend nur ihr selbst zugute, aber bezahlen will man dafür nicht. Stattdessen werden die Kosten ins Budget der Stadt Meßkirch ausgelagert. Tarnen und Täuschen ist die offensichtliche Devise.

➼ Den ursprünglichen Prognosen aus den Jahren 2012/2013 folgend, hätte der Campus Galli sogar schon nach drei Jahren finanziell auf eigenen Beinen stehen sollen - also 2015. Auf Grundlage dieses (Zweck-)Optimismus war es überhaupt erst möglich, das Projekt mit politischer Hilfe anzuleiern. Es ist natürlich wenig überraschend, dass die verantwortlichen Politiker und ihre unterstützenden Wurmfortsätze aus dem journalistischen Anzeigen-Prekariat besonders darüber die Decke des Vergessens ausbreiten.

➼ Zusätzlich zu den für das Jahr 2018 gewährten Geldern der Stadt Meßkirch, fließen Mittel aus weiteren Steuergeld-Töpfen; alleine 301 000 Euro schießt das "Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum" für den Bau einer Scheune zu. Dazu kommen hohe Summen, die von der Arbeitsagentur für die Löhne diverser Mitarbeiter des Campus Galli beigesteuert werden. Außerdem übernehmen Angestellte der Stadt Meßkirch unentgeltlich Marketing-Aufgaben für den nur scheinbar 'privaten' Trägerverein des Projekts. Und aus Landesforsten wurde 'kostenlos' hochwertiges Laubholz zur Verfügung gestellt. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Abschließender Hinweis: Die notorischen Steuergeld-Schnorrer des Campus Galli löschen auf ihrer projekteigenen Facebook-Seite Fragen zur finanziellen Lage umgehend; nur Lobhudeleien sind willkommen. Eine Vorgehensweise, die getrost als Ausdruck eines schlechten Gewissens interpretiert werden darf. 😊

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Weitere interessante Themen:

Dienstag, 9. Januar 2018

Buch: Euripides - Die Dramen (Band I und II)




Der um 480 v. Chr. auf der Insel Salamis geborene Euripides zählt neben Aischylos und Sophokles zu den drei größten griechischen Tragödiendichtern der Antike. 18 seiner ca. 90 Dramen wurden vollständig überliefert und in der vorliegenden zweibändigen Ausgabe des Körner Verlages abgedruckt.
  • Band I: Alkestis, Medea, Die Herakliden, Hippolytos, Andromache, Hekabe, Die Schutzflehenden, Elektra, Herakles, Die Troierinnen
  • Band II: Iphigenie bei den Taurern, Ion, Helena, Die Phoinikerinnen, Orestes, Die Bakchen, Iphigenie in Aulis, Der Kyklop

Die 1. Auflage stammt aus dem Jahr 1958, die vorliegende 3. Auflage aus dem Jahr 2016. Im Kern beruht die einsprachige Übersetzung auf der Arbeit von Johann Jakob Donner († 28. März 1875) - ist also nicht mehr ganz taufrisch. Das Deutsch der von Richard Kannicht und Bernhard Zimmermann "gründlich überarbeiteten" Texte würde ich - im Gegensatz zu der im gleichen Verlag erschienen Herodot-Übersetzung - nicht unbedingt als völlig leichte Kost bezeichnen; will heißen, die Formulierungen der Verse wirken auf heutige Leser eher 'geschraubt'. Allerdings habe ich das auch schon bei den mir bisher untergekommenen Konkurrenzprodukten festgestellt - z.B. den Reclam-Ausgaben.
Die den Bänden vorangestellte allgemeine Einleitung führt den Leser an die Dramen des Euripides recht gut heran. Daneben verfügen auch die einzelnen Stücke über eigene Einleitungen, in denen unter anderem die mythologischen Hintergründe der Handlung erläutert werden. Das ist durchaus sinnvoll, da für den modernen Leser anderenfalls allzu viel unverständlich bleiben würde (ich bezweifle trotzdem, dass selbst der ausgebuffteste Altphilologe immer voll durchblickt). 
Außerdem enthalten ist neben zahlreichen Anmerkungen/Endnoten ein Nachwort, in dem ein kurzer Blick auf die Überlieferungsgeschichte sowie die Aufführungsbdingungen der Dramen zur Zeit des Euripides geworfen wird. 

Über die dichterische bzw. künstlerische Qualität der Stücke kann ich wenig sagen - in der Hinsicht bin ich nämlich ein absoluter Banause 😊. Für mich ist das Werk des Euripides vielmehr als ergänzende historische Quelle zu Herodot, Thukydides und Co. von Interesse, da es beispielsweise Auskunft über Religion, Mythen, Sitten und soziale Verhältnisse im Athen des 5. Jahrhunderts v. Chr. gibt - einer besonders spannenden Zeit, in die sowohl Perserkriege wie auch der Peloponnesische Krieg fallen. Vor allem letztere Auseinandersetzung schlägt sich in den überlieferten Dramen indirekt nieder. Da Euripides außerdem die Handlung seiner Stücke gerne im Milieu der 'einfachen Leute' ansiedelte (sehr zum Ärger seiner zeitgenössischen Kritiker), kann hier der aufmerksame Leser auch das eine oder andere Detail über den Lebensalltag der antiken Durchschnittsgriechen entdecken.

Der Preis ist mit knapp 23 Euro pro 500seitigem Hardcover-Band meiner Ansicht nach ziemlich günstig. 

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Weiterführende Informationen:

Weitere interessante Themen:

Montag, 8. Januar 2018

Hörbares: Mysteriöses Ende der Bronzezeit -- Wirtshausarchäologie -- Hörspiel -- usw.

Epochenwende vor drei Jahrtausenden - Mysteriöses Ende der Bronzezeit | Spieldauer 22 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

Wirtshausarchäologie - Ausgrabung in der Dorfschenke | Spieldauer 7 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

Archäologische Restauratoren - Schätze im neuen Glanz | Spieldauer 4 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

400 Jahre Dreißigjährige Krieg - Kampf um Macht und Glauben | Spieldauer 7 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

Archäologie: Deutsch-irakische Zusammenarbeit | Spieldauer 6 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

Hörspiel: Der römische Dolch | Spieldauer 58 Minuten | DF | Stream & Info
Ich konnte den auf der Internetseite integrierten Player nicht dazu bringen, die Audiodatei abzuspielen. Allerdings kann man das Hörspiel unter gleichem Namen auch leicht auf Youtube finden...

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Samstag, 6. Januar 2018

Im Bett mit dem französischen König: War Richard Löwenherz schwul?




Der Löwe im Winter

Im 1968 produzierten Film Der Löwe im Winter (mit Peter O’Toole und Katharine Hepburn) sowie in der gleichnamigen Neuverfilmung des Stoffs 2004 (mit Patrick Stewart und Glenn Close) wird der englische König Richard I. Löwenherz als Homo- bzw. Bisexueller dargestellt. Zurecht? Oder fühlte sich hier vielmehr die Unterhaltungsindustrie zum wiederholten Male bemüßigt, zugunsten der Dramaturgie / einer gesellschaftspolitischen Agenda meilenweit vom Pfad der historischen Überlieferung abzuweichen? 


Die Quellen und ihre Interpretation

Die Annahme, Richard Löwenherz sei homosexuell gewesen, steht unter anderem in Verbindung zu der um 1260 vom sogenannten Ménestrel (=Spielmann) von Reims niedergeschriebenen Legende über den Troubadour Blondel. Dieser soll sich, nachdem sein Freund und Herr Richard Löwenherz spurlos verschwunden war, auf die Suche nach ihm gemacht haben. Von Burg zu Burg sei er gezogen, und habe jedesmal ein gemeinsames Lieblingslied angestimmt, das außer den beiden niemand kannte. Eines Tages soll dann Löwenherz, um auf sich aufmerksam zu machen, aus einem österreichischen Burgverlies die Folgestrophe gesungen haben.



Mit der historischen Realität hat die Legende rund um Blondel nur am Rande zu tun. Zwar ist es richtig, dass Löwenherz auf der Heimreise vom 3. Kreuzzug im Herzogtum Österreich gefangen genommen wurde. Doch der Landesherr - Leopold V. - konnte es kaum erwarten, zusammen mit seinem 'partner in crime' - Kaiser Heinrich VI. - den hochrangigen Gefangenen für ein exorbitantes Lösegeld von über 23 Tonnen Silber wieder loszuwerden. Im Angesicht dessen ist die Vorstellung abwegig, man hätte die Gefangennahme von Löwenherz längere Zeit verheimlicht. Das wäre nicht im Interessen von Leopold und Heinrich gewesen.

Der Dreh- und Angelpunkt der Legende - nämlich die tiefe Männerfreundschaft zwischen Blondel und Löwenherz - wurde im Laufe der Zeit zu einer erotischen Beziehung uminterpretiert. Zuerst noch relativ unverdächtig von Eleanor Ann Porden in ihrem 1822 erschienen Epos Cœur de Lion. Darin schlüpft des Königs Ehefrau Berengaria in die Verkleidung eines Sängers, um ihn zu suchen.
Mitte des 20. Jahrhunderts scheint dann die Zeit reif gewesen zu sein, aus Löwenherz einen Homosexuellen zu machen. Hauptverantwortlich dafür war der Architekturhistoriker John Harvey, der in seinem mehrfach neu aufgelegten Werk The Plantagenets eher nebenbei meinte: "[...] Richard the Lionheart like many other warriors and also some most unwarlike men was the victim of homosexuality." 

Blondel alleine war es allerdings nicht, der Harvey auf diese Idee kommen ließ. 'Verdächtiges' findet sich nämlich auch bei Roger von Howden, dem zeitgenössischen Biographen von Löwenherz: Als letzerer noch nicht englischer König, sondern lediglich Thronfolger und Graf des Poitou war, soll er im Jahr 1187 bei einem Besuch in Paris vom französischen König Philipp II. mit Zuneigungsbeweisen geradezu überschüttet worden sein. Die beiden aßen nicht nur aus der gleichen Schüssel, sondern "des Nachts trennte sie auch das Bett nicht". "Die heftige Liebe" zwischen Philipp und Löwenherz soll dessen Vater, Heinrich II., "in großes Erstaunen" versetzt haben.

Ist das nun der schlagenden Beweis dafür, dass Löwenherz homosexuell war? Kaum, denn der Liebesbegriff muss hier, wie in ähnlichen Überlieferungen üblich, christlich-religiös interpretiert werden. Darüber hinaus beinhaltet er auch einen wichtigen rechtlichen Aspekt. Richard war nämlich als Graf des Poitou der Vasall des französischen Königs. Die beiden schuldeten sich deshalb (zumindest in der Theorie) gegenseitig 'Liebe' - was wiederum mit Freundschaft und Beistandspflicht gleichzusetzen ist. Verdeutlicht sollte das unter anderem mit dem gemeinsamen Schlafen im selben Bett werden.

Die mittelalterlichen Leser wussten, dass solche Formulierungen nicht wortwörtlich genommen werden mussten. Trotzdem ging dergleichen durchaus auch mit den damaligen Schlafgewohnheiten konform. Menschen, die einander vertrauten, schliefen nämlich relativ häufig im selben Bett. Beispielsweise Reisegefährten, die sich in einer Herberge einquartiert hatten. Oder - um wieder zu Löwenherz zurückzukommen - im Falle einer gemeinsamen Gefangenschaft. Ralph von Coggeshall schreibt nämlich im Chronicon Anglicanum, der König sei nach seiner Einkerkerung in Österreich streng bewacht worden und keinem seiner Männer habe man erlaubt, "bei ihm im Bett zu schlafen".
Der Löwenherz freundlich gesinnte Chronist wollte mit dieser Bemerkung sicher nicht auf homosexuelle Neigungen hinweisen, sondern die strengen Haftbedingungen verdeutlichen. Denn das gemeinsame Schlafen in einem Bett bedeutete auch, dass man von der Körperwärme des 'Bettgenossen' profitieren konnte. Ein nicht zu vernachlässigender Bonus, wenn man - wie der englische König - im Winter in einer zugigen Burg eingesperrt war.


Fazit

Richard Löwenherz war - nach allem was wir wissen - nicht schwul. Gegenteilige Ansichten fußen auf einer falschen geschichtswissenschaftlichen Quelleninterpretation. Dass sich Hollywood darum 1968 nicht scherte, mag man den Verantwortlichen aufgrund der damals noch nicht übermäßig weit gediehenen wissenschaftlichen Diskussion nachsehen. Für die Verfilmung von 2004 gilt dergleichen allerdings nicht mehr. Freilich, historische Genauigkeit genießt bekanntermaßen bei Unterhaltungsfuzzis keine besonders hohe Priorität. Viel lieber drückt man dem Publikum eine selbstgemachte Variante der historischen 'Realität' aufs Auge.

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 https://hiltibold.blogspot.com/2018/01/richard-loewenherz-homosexuell.html

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Weiterführende Literatur / Quellen:
  • Alexander Schubert (Hrsg.) | Richard Löwenherz: König - Ritter - Gefangener | Schnell + Steiner | 2017 | Infos bei Amazon
  • Thomas Asbridge | Der größte aller Ritter - Und die Welt des Mittelalters | Clett-Kotta | 2015 | Meine Rezension | Infos bei Amazon

Donnerstag, 4. Januar 2018

Buch: Archaische Wagen in Vorderasien und Indien

"Archaische Wagen in Vorderasien und Indien" (Reimer Verag) lautet der Titel des von Wolfram Nagel, Christian Eder und Eva Strommenegger verfassten Buchs. Darin gehen die Autoren der Entstehung der allerersten Räderfahrzeuge der Menschheitsgeschichte auf den Grund; angefangen bei den Ursprüngen des Rades, die im südlichen Iran liegen dürften, wo man das Walzenprinzip mit einer Achse kombinierte. Pate könnte hierfür die Töpferscheibe gestanden haben, heißt es.

Zu den vielfältigen im Buch behandelten Aspekten zählen die Forschungsgeschichte, die überlieferten Quellen (Bodenfunde, Texte wie die Ilias, bildliche Darstellungen), die Wagentypen sowie ihre Konstruktion, die verbauten Materialien, die vorgespannten Zugtiere, die Einsatzzwecke (Krieg, Transport, Kult) usw.
Die Ausführungen umfassen schwerpunktmäßig vor allem den Zeitraum von den allerersten Scheibenradwägen (Mitte des 4. Jahrtausends) bis zu den frühen Speichenradwägen (um 2040 v. Chr.). Anmerkung: In Österreich und Teilen Süddeutschlands lautet die Mehrzahl von Wagen Wägen; aber das nur, falls sich jemand von nördlich des Weißwurstäquators wundert 😊

Das Buch enthält über 200 sehr anschauliche Abbildungen (Photographien und Skizzen), die sich überwiegend in einem eigenen Bildteil befinden. Die Autoren raten den Lesern gleich zu Beginn, sich damit vertraut zu machen, um den Erklärungen möglichst gut folgen zu können. Trotzdem kommt man nicht drumherum, beim Lesen immer wieder in besagtem Bildteil, der sich ganz hinten im Buch befindet, nachzuschlagen. Das stört den Lesefluss. Noch eine Spur nerviger ist, dass die Abbildungserläuterungen in einen weiteren zusätzlichen Abschnitt ausgelagert wurden, anstatt sie direkt unter die Bilder zu schreiben; aus diesem Grund muss man übermäßig oft vor- und zurückblättern. Wer denkt sich nur so etwas aus?

Als Bonus wurden drei ausklappbare Landkarten beigelegt, wobei mir nur eine davon - auf der etliche vorgeschichtliche Siedlungen und archäologische Ausgrabungsstätten eingezeichnet sind - wirklich hilfreich erscheint. Die beiden anderen sind in Zeiten von Google Earth und Co. wohl eher eine reine Fleißaufgabe. Freilich, schaden tun sie auch nicht.

Thematisch ist das Buch äußerst übersichtlich gegliedert. Der Schreibstil ist, wie man es bei einer Monographie wie dieser erwarten kann, trocken, aber allgemein verständlich - abgesehen von einigen Beschreibungen komplizierter konstruktionstechnischer Besonderheiten.
Von Endnoten bzw. Quellenangaben wurde reichlich Gebrauch gemacht; außerdem ist ein Literatur -und Abkürzungsverzeichnis vorhanden.


Fazit: Ein sehr ausführliche Monographie, der man das Bestreben der Autoren anmerkt, den aktuellen Stand der Forschung möglichst umfangreich wiederzugeben. Interessant für jeden, der Näheres über die allerersten Vorfahren unserer heutigen Autos in Erfahrung bringen möchte. Der Preis des in Leinen gebundenen Buchs beträgt 49 Euro.

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Weitere Informationen:

Weitere interessante Themen:

Videos: Archäologen entdecken Wölb-Äcker -- Seit wann gibt es die Pest? -- Reportage über Mittelalterverein -- Saladin

Wölb-Äcker: Vergessene Ackerbautechnik von Archäologen wiederentdeckt | Spieldauer 3 Minuten | MDR/ARD | Stream & Info

Reportage über den Mittelalter-Verein Fjorlande e.V. Krefeld | Spieldauer 11 Minuten | WDR/ARD | Stream & Info

Seit wann gibt es die Pest? | Spieldauer 2 Minuten | MDR/ARD | Stream & Info

Saladin | Spieldauer 24 Minuten | MDR/ARD | Stream & Info

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 Mehr Videos

Dienstag, 2. Januar 2018

Hörbares: Das archäologische Geheimnis von Newgrange -- Gilgamesch als Comic -- Was die Bibel über die Evolution verrät -- usw.



Das archäologische Geheimnis von Newgrange | Spieldauer 4 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

Das Gilgamesch-Epos als Comic | Spieldauer 8 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

Was die Bibel über die Evolution verrät - Das Tagebuch der Menschheit | Spieldauer 21 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

Kosmos und Mythos - Am Anfang war Energie | Spieldauer 21 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

Nicholas Conard - Der Ausgräber der "Venus vom Hohlefels" | Spieldauer 44 Minuten | SWR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

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