Sonntag, 24. September 2017

Buch: Die Alpen in der Antike - Von Ötzi bis zur Völkerwanderung

Im Buch Die Alpen in der Antike - Von Ötzi bis zur Völkerwanderung (S. Fischer Velag, 2017) gibt der Historiker Ralf-Peter Märtin in sieben Kapitel Einblick in verschiedene geschichtliche Abschnitte der Alpen.

Thema des 1. Kapitels ist die bekannte kupfer-steinzeitliche Eismumie Ötzi. Wer war dieser Mann, wie sah die Kulturlandschaft der Alpen zu seiner Zeit aus, wie fand er den Tod und welche Besonderheiten weisen seine gut konservierten Überreste auf?
Hochinteressant ist beispielsweise, dass sich auf Ötzis Haut nicht nur Tätowierungen befinden, sondern diese auch noch exakt den Akupunktur-Linien des menschlichen Körpers folgten. Wer hätte weiters gedacht, dass unweit des von hinten mit einem Pfeil getöteten Ötzi eine 500 Jahre jüngerer Steintafel gefunden wurde auf der dargestellt ist, wie ein Mann von hinten mit Pfeil und Bogen erschossen wird? Handelte es sich womöglich um ein in dieser Gegend lange praktiziertes Ritual? War Ötzis vielleicht gar nicht einem schnöden Mord zum Opfer gefallen?

Im 2. Kapitel wirft der Autor einen Blick auf die Alpen in der Bronze- und Eisenzeit. Hierbei geht es vor allem um die immense Bedeutung des Bergbaus; Salz und Eisen machten manch Region in den Alpen reich und weithin bekannt: Stichwort "Norisches Eisen", dessen hoher Mangan-Gehalt sich positiv auf die daraus geschmiedeten Endprodukte auswirkte.

Das 3. Kapitel handelt von Hannibal und dessen berühmten Marsch über die herbstlichen Alpen. Bereits Polybios kritisierte jedoch, dass die Gefährlichkeit eines solchen Unterfangens von einigen seiner Historiker-Kollegen aufgebauscht wurde. Und tatsächlich marschierten in der Antike auch andere Heere in der kalten Jahreszeit unbeschadet über die Alpen - wie etwa jenes der Kimbern rund 100 Jahre nach Hannibal.

Die Kimbern kamen nicht über den Brenner lautet die Überschrift zum 4. Kapitel. Hier geht es nun um den langen Marsch der Kimbern, Teutonen und Abronen, die sich möglicherweise wegen einer Klimaverschlechterung von Jütland und Norddeutschland in Richtung Süden aufmachten, um dort ein neues Zuhause zu finden. Dabei gelangten sie unter anderem in das keltische Königreich Noricum und somit in den unmittelbaren Wahrnehmungsbereich des gerade erst zur Großmacht aufgestiegenen Roms. Am Ende der von Hans-Peter Märtin übersichtlich geschilderten Ereignisse stand die völlige Vernichtung der wanderlustigen Germanenstämme. Mit Teddybären wurde damals eben noch nicht geworfen. 😊

Im 5. Kapitel geht es um das Ausgreifen des Römischen Reichs in den Alpenraum. Es ist wenig verwunderlich, dass dieser Vorgang auf mancherlei Widerstand stieß. Unter anderem zeigten sich die Räter höchst widerborstig. Diesem kulturell recht fortgeschrittenen Volk wurde bereits in der Antike eine Verwandtschaft mit den Etruskern nachgesagt. Auch interessant: Varus, der unglückselige Feldherr des Jahres 9. n. Chr., befehligte bereits bei den Alpenfeldzügen des Tiberius vorübergehend jene XIX. Legion, mit der zusammen er viele Jahre später in den Wäldern Germaniens untergehen sollte.

Das 6. Kapitel handelt von der spätantiken Völkerwanderung, die für die romanisierte Bevölkerung der Alpen eine immense Zäsur darstellte. Viele Menschen starben in den nun hereinbrechenden Wirren oder flohen in Richtung Italien. Einige Mutige blieben, mussten aber oft die Täler verlassen, um sich in den Schutz von Höhenfestungen zurückzuziehen. 

Im 7. und letzten Kapitel wird die Christianisierung der Alpen in der Spätantike beschrieben. ein Vorgang, der keineswegs glatt verlief. Beispielsweise wird davon berichtet, dass ein eifriger Bischof, der sich daran machte, ein heidnisches Götzenbild umzuwerfen, von den darüber erbosten Bauern mit ihren Holzschuhen beworfen wurde ... 😃

Fazit: Ein abwechslungsreiches und kurzweiliges Buch. An einigen wenigen Stellen hätte es aber aus meiner Sicht ein bisschen mehr in die Tiefe gehen können. Der Kaufpreis beträgt 22 Euro.

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Weiterführende Informationen:

Donnerstag, 21. September 2017

Stell dir vor, es ist Perserkrieg, und keiner geht hin ...



Einen ersten Höhepunkt erlebten die Armeen des antiken Griechenland in ihrem Ringen mit den Persern im 5. Jh. v. Chr. Vor allem bei den zu Lande ausgetragenen Schlachten wurde dabei die Hauptlast von den Hopliten getragen - also den schwer bewaffneten Infanteristen, welche sich zu dieser Zeit überwiegend aus der bürgerlichen Ober- und Mittelschicht bzw. den ersten drei Vermögensklassen rekrutierten. Doch woher wusste beispielsweise im Stadtstaat Athen der einzelne Wehrpflichtige, ob er für einen anstehenden Feldzug vom zuständigen Strategen (General) angefordert wurde? Und wie war es auf der anderen Seite dem Strategen möglich, bestimmte Bürger namentlich zum Wehrdienst einzuziehen - besonders jene, die außerhalb der eigentlichen Stadt - also auf dem platten Land - lebten? 

Grundlage für die Lösung des Problems waren Aushebungsverzeichnisse mit den Namen der Wehrfähigen, welche wiederum auf den Bürgerlisten aufbauten, in die man als erwachsener (18jähriger) männlicher Bürger eingetragen wurde. Diese Listen - also sowohl die Bürgerlisten wie auch jene mit den Wehrpflichtigen - lagen wohl in den einzelnen Demen auf (= kleinsten Verwaltungseinheiten - siehe auch der davon abgeleitete Begriff 'Demokratie') und wurden vom jeweiligen Demarchen (= Vorsteher einer Deme) geführt.
Eventuell beinhaltete ein solches Aushebungsverzeichnis (κατάλογος = Katalogos bzw. Katalog) Zuatzinformationen zu bisherigen Kriegseinsätzen der einzelnen Bürger. Für den Strategen hätte dies eine Erleichterung beim Zusammenstellen einer möglichst schlagkräftigen Truppe bedeutet (hingegen wurden nur selten - nämlich in absoluten Krisenzeiten - alle Wehrpflichtigen auf einen Schlag eingezogen).

Hatte der Stratege mithilfe von Assistenten seine Auswahl unter den Bürgern getroffen, so ließ er diese in Form einer Liste öffentlich aushängen. Aristoteles schreibt, die Namen wurden mit Holzkohle auf geweißte Tafeln geschrieben.
Da jeder der insgesamt zehn gewählten Strategen seine eigene Liste führte, waren es insgesamt zehn Stück (oder eher zehn Gruppen von Tafeln, da jeweils eine einzige eventuell nicht ausgereicht hätte), die auf der Agora Athens aufgestellt wurden. Daneben waren außerdem - wie aus einem Theaterstück des kriegserfahrenen Aristophanes hervorgeht - weitere relevante Bekanntmachungen ausgehängt. Aus ihnen ging hervor, wann und wo sich die gelisteten Männer zur Musterung einzufinden hatten und was an Ausrüstung und Verpflegung mitgebracht werden musste.

Da die Aushebungsverzeichnisse in Athen ausgehängt wurden, konnte keinesfalls davon ausgegangen werden, dass die gesamte Bevölkerung im Umland davon Kenntnis nahm. Manch Bürger könnte aufgrund dieses Umstandes sogar eine Chance gewittert haben, sich vor dem Kriegsdienst zu drücken. Von den Strategen wurden daher Boten entsandt, die die Bevölkerung zumindest auf den Aushang der Listen hinwiesen, wie ebenfalls aus einem Stück des Aristophanes hervorgeht. Desweiteren sind Trompetensignale denkbar; schließlich wurden diese dazu verwendet, um die männlichen Bürger im Notfall rasch zu den Waffen zu rufen. Warum also nicht auch zur Musterung?
Wer der Musterung unentschuldigt fernblieb, wurde nach Beendigung des Feldzuges vor ein spezielles Gericht gestellt, das sich aus Hopliten zusammensetzte und dem einer der zehn Strategen vorstand. Möglicherweise hat man die Angeklagten bis zum Gerichtstermin in Verwahrung genommen.

So weit, so gut. Was aber hatte ein einberufener Hoplit zu tun, wenn er der Meinung war, nicht für den Dienst im Heer tauglich zu sein?
Zuerst war es nötig, dass der Betroffene persönlich beim Strategen vorstellig wurde, um seinen Fall unter Eid vorzutragen. Der am häufigsten genannte Grund dürfte das Nichterfüllen der zum Dienst als Hoplit qualifizierenden Alters- und Vermögenskriterien gewesen sein.
Ausgehend von den überlieferten Regelungen zur Zeit des Aristoteles (4. Jh. v. Chr.), als die vorgegebene Altersspanne zwischen 18 und 59 Jahren lag, wird angenommen, dass es sich im 5. Jh. v. Chr. während der Perserkriege und des Pelopnnesischen Krieges bereits ähnlich verhielt (wobei laut Thukydides die ältesten und jüngsten Wehrpflichtigen normalerweise nicht für auswärtige Kriegseinsätze herangezogen wurden, sondern stattdessen die Grenzen der Polis zu sichern hatten).
Auch wer sich die kostspielige Panhoplie - also die Kampfausrüstung eines Hopliten - nicht leisten konnte, wird ein Freistellungsgesuch eingereicht haben.
Darüberhinaus waren bestimmte Amts- und Funktionsträger vom Militärdienst befreit. Dazu zählten die Mitglieder des Rates der 500, die Zolleinnehmer, die Mitglieder des bei großen öffentlichen Festen eingesetzten Chores inklusive der Choregen ('Event-Veranstalter bzw. -Manager' aus dem Kreis der politischen Elite - vergleichbar mit den Veranstaltern von öffentlichen Spielen im antiken Rom).
Außerdem waren den Überlieferungen nach Krankheit (z.B. starke Augenentzündung) oder persönliche Härtefälle (z.B. ein abgebranntes Eigenheim) mitunter Grund genug, um eine Freistellung genehmigt zu bekommen. In welchem Ausmaß körperliche Gebrechen auch einfach nur vorgetäuscht wurden, wissen wir nicht. Allerdings ist es möglich, dass in zweifelhaften Fällen der Betroffene einen Ersatzmann zu stellen hatte.
Hopliten, die gerade erst von einem Feldzug zurückgekommen waren, konnten sich wohl ebenfalls von der Verpflichtung, sofort wieder an einem auswärtigen Feldzug teilzunehmen, befreien lassen; wobei sie dann allerdings nicht sofort ins Zivilleben zurückkehrten, sondern als Festungsbesatzung bzw. zur Grenzsicherung eingesetzt wurden.

Die oben beschriebenen Regelungen und Maßnahmen sorgten dafür, dass im Falle eines Krieges genügend Bürgersoldaten innerhalb relativ kurzer Zeit zur Verfügung standen. Darüberhinaus wurden aber gerade bei Feldzügen mit längerer Vorbereitungszeit auch sich freiwillig meldende Metöken (ansässige Griechen aus anderen Stadtstaaten) sowie Söldner von Auswärts eingesetzt. Das galt für die Waffengattung der Hopliten, besonders aber für Bogenschützen, Schleuderer und Reiterei.

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Weiterführende Literatur: 

Dienstag, 19. September 2017

Zeitschrift "Bayerische Archäologie": Sondengänger führt private 'Notgrabung' durch -- Die Bajuwaren waren 'Warriors' -- Fragwürdiger Denkmalschutz

Viermal jährlich erscheint im Verlag Friedrich Pustet die Zeitschrift Bayerische Archäologie. Die einzelnen Ausgaben haben unterschiedliche Schwerpunkte, enthalten daneben aber auch Beiträge zu diversen weiteren Themen.


Die Bajuwaren waren 'Warriors'

Das aktuellen Heft (3/2017) trägt den Titel Zeitenwende II: Das Ende der Antike - und was kam dann? Dementsprechend handeln mehrere Texte von den im heraufziehenden Frühmittelalter zum ersten Mal ins Rampenlicht der Geschichte tretenden Bajuwaren (auch Baiuvaren, Baiovaren, Baioari, usw. geschrieben). Beispielsweise geht der Germanist Peter Wiesinger jener schon lange umstrittenen Frage nach, woher die Bezeichnung dieses Stammes überhaupt herrührt.  Gut möglich ist -wie erläutert wird - dass die ursprünglich von den keltischen Boiern (Bojern) besiedelte Landschaft Böhmen sowie das germanische Wort warjoz (=Wehrmänner; siehe auch das englische Wort warrior!) namensgebend waren. Bei den ersten Bajuwaren handelte es sich also möglicherweise um germanische Krieger, die aus dem von den keltischen Boiern schon lange verlassenen Böhmen kamen und sich als Söldner in den Dienst Ostroms stellten, das Ende des 5. Jahrhunderts - nach der Auflösung des Weströmischen Reichs - daran interessiert war, die an Böhmen grenzende Provinz Noricum militärisch abzusichern.


Sondengänger führt private 'Notgrabung' durch 



Kurios ist der in einem anderen Beitrag beschriebene Fall von einem anonym abgegebenen, aus 89 Einzelobjekten bestehenden Bronzehort (siehe obiges Bild). Ein Sondengänger grub ihn in einem Wald bei Hemau in der Oberpfalz aus und schickte ihn daraufhin ans Landesamt für Denkmalpflege - inklusive eines Briefs, in dem er nicht nur den Fundort genau beschrieb, sondern auch seine Handlungsweise begründete: Die Objekte hätten sich neben einem stark frequentierten Wanderweg, jedoch auf keinem ausgewiesenen Bodendenkmal, befunden. Es bestand hier angeblich die dringende Gefahr, dass Wanderer den Hort zufällig entdecken und mopsen würden. Der Sondengänger initiierte deshalb eine Art private 'Notgrabung' 😉. Außerdem verwehrte er sich in seinem Schreiben quasi vorsorglich dagegen, als "krimineller Raubgräber" abgestempelt zu werden. Anonym wolle er bleiben, weil er den Behörden nicht vertraut. Deren genereller Umgang mit Sondengängern führe in eine Sackgasse, die für keine Seite einen Gewinn bringen würde. Seinen Finderanteil an dem Hort möge man einem gemeinnützigen Zweck zuführen, bittet er dann noch.
Das Denkmalamt führte an der beschriebene Stelle eine Nachgrabung durch und entdeckte noch drei weitere bronzezeitliche Metallobjekte. Allerdings ist man von der Eigenmächtigkeit des Sondengängers naturgemäß wenig begeistert. Wichtige Fundzusammenhänge seien durch die undokumentierte Bergung verlorengegangen. Dieses Argument halte ich bei einem Hortfund wie diesem jedoch für etwas überzogen, denn die Lage der Objekte zueinander wird hier - im Gegensatz zu einem Grab - kaum etwas von echter Bedeutung verraten. Trotzdem wäre es wahrscheinlich besser gewesen, der Sondengänger hätte sofort die Behörden verständigt. Nur wenn diese tatsächlich nicht zeitnah ihren Hintern hochbekommen hätten, wäre es moralisch vertretbar gewesen, in Eigenregie tätig zu werden. Und selbst in so einem Ausnahmefall ist es sicher sinnvoll, wenn man die Ausgrabung halbwegs vorsichtig durchführt, alles mit Fotos dokumentiert und nicht versucht, die zutage geförderten Objekte zu säubern, da hierbei die Gefahr besteht, dass z.B. eventuell vorhandene Textilanhaftungen am korrodierten Metall beseitigt werden.
Interessant wäre übrigens aus meiner Sicht noch gewesen, wenn man die für diesen Fall relevante bayerische Gesetzeslage in dem Artikel etwas näher erläutert hätte. Nicht jeder Leser wird diese kennen.


Fragwürdiger Denkmalschutz: Der Abbruch der Eselbastei 

Über den umstrittenen Abbruch der sogenannten Eselbastei in Ingolstadt schreibt Roland Gschlössl, der Herausgeber der Zeitschrift.  Konkret geht es hier darum, dass das erst 2012 unter Denkmalschutz gestellte renaissancezeitliche Mauerwerk in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgerissen wurde. Grund: Es war einem Hotel mit Tiefgarage im Weg. Eine Konservierung wurde nach Rücksprache mit dem Bauherren von einer Mehrheit des Stadtrates als zu kostspielig eingestuft.
Die Gegner des Abrisses argumentieren, dass hier ein sehr wichtiges Stück Stadtgeschichte leichtfertig zerstört wurde. So sei beispielsweise laut Überlieferung von der Eselsbastei aus dem schwedischen König Gustav Adolf bei einem Erkundungsritt das Pferd direkt unter dem Hintern weggeschossen worden, woraufhin dieser von einer Belagerung der stark befestigten Stadt absah. Übrigens, das damals getötete Pferd wurde als Trophäe nach Ingolstadt gebracht und ist dort heute im Stadtmuseum zu sehen; es gilt als ältestes Tierpräparat Europas - siehe das nachfolgende Bild.


Ich kann den Ärger der Kritiker verstehen, bin aber zwiegespalten. Die bisher schon nicht sichtbaren Mauern wären nach ihrer Dokumentation ohnehin wieder zugeschüttet worden, wenn es sich um eine normale archäologische Grabung gehandelt hätte und an der betreffenden Stelle keine Tiefgarage errichtet worden wäre. 


Abschließend noch eine kleine Randbemerkung zum Vorwort in diesem Heft. Darin schreibt der Herausgeber eingangs: "Liebe Leserin, lieber Leser, ...". Sehr brav, dafür gäbe es normalerweise die Note Eins im Fach Geschlechtergerechte Sprache. Doch leider, nur ein paar Zeilen weiter ist bereits unverzeihlicherweise vom "Zeitalter der Baiovaren" die Rede; gerade so, als ob es damals keine Baiovarinnen gegeben hätte. Aber so ist das eben, diesen sprachlichen Schmarrn hält fast niemand konsequent durch. Daher verzichte zumindest ich komplett darauf 😊


Fazit: Alles in allem wieder ein interessantes Heft, mit thematisch gut durchmischten Beiträgen. Der Kaufpreis beträgt knapp 9 Euro.

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Weitere interessante Themen:

Montag, 18. September 2017

Hörbares: Richard Löwenherz -- Heraklit -- So klingt das Spätmittelalter -- Das Hundetragen -- Die Völlerei -- Geschichte des Bettelns -- Kaiser Barbarossa erobert die Peterskirche


Richard Löwenherz: Ritter, Abenteurer und Gefangener | DF | Spieldauer 22 Minuten | Stream & Info | Direkter Downlaod

Alles fließt - Das Weltbild des antiken Denkers Heraklit | BR/ARD | Spieldauer 22 Minuten | Stream & Info Direkter Downlaod

So klingt das Spätmittelalter | RBB/ARD | Spieldauer 15 Minuten | Stream & Info | Direkter Downlaod
Hier noch der Link zu jener im Beitrag erwähnten Internetseite, auf der sich etliche schöne Hörbeispiele spätmittelalterlicher Musik finden (jene Lieder mit mittelhochdeutschem oder frühneuhochdeutschem Text gefallen mir besonders gut): musical-life.net  

Das Hundetragen - eine Strafe des Mittelalters | BR/ARD | Spieldauer 3 Minuten | Stream & Info | Direkter Downlaod

Die Völlerei - Das große Fressen | BR/ARD | Spieldauer 22 Minuten | Stream & Info | Direkter Downlaod

Bettelei - Aus der Geschichte einer Lebensform | BR/ARD | Spieldauer 23 Minuten | Stream & Info | Direkter Downlaod

Der 29. Juli 1167 - Kaiser Barbarossa erobert die Peterskirche | WDR/ARD | Spieldauer 15 Minuten | Stream & Info | Direkter Downlaod

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Sonntag, 17. September 2017

Videos: Archäologische Knochenjagd mit Spürhund -- Wie viel Neandertaler steckt in uns? -- Historisches Heerlager -- Jan Hus -- Luther

Archäologische Knochenjagd mit Spürhund | Spieldauer 3 Minuten | BR | Stream & Info

Urmensch - wie viel Neandertaler steckt in uns? | Spieldauer 59 Minuten | SWR | Stream & Info

Historisches Heerlager bei der Burg Münzenberg: Zu Tisch im Mittelalter | Spieldauer 30 Minuten | BR | Stream & Info
Das ist genau die Art von Veranstaltung, die ich auch als Besucher meide wie der Teufel das Weihwasser. Trotzdem ist es ganz unterhaltsam, sich so etwas in Form einer TV-Sendung mal anzuschauen. Bei vielem was hier zu sehen ist, läuft mir ein wohliger Schauer den Rücken hinunter. Ich brauche keinen Stephen King, solange es solche Veranstaltungen gibt 😊

Reichsstadt-Festtage für Mittelalter-Fans | Spieldauer 5 Minuten | BR | Stream & Info

Jan Hus - verbrannt in Konstanz | Spieldauer 15 Minuten | SWR | Stream & Info

Luther - verdächtigt in Erfurt | Spieldauer 15 Minuten | SWR | Stream & Info

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 Mehr Videos

Buch: Historisches Lexikon der deutschen Länder

Bereits in der 7. Auflage ist Gerhard Köblers Historisches Lexikon der deutschen Länder (Verlag C.H. Beck) erschienen. In unterschiedlicher Ausführlichkeit werden auf beinahe 1000 Seiten rund 5000 Einheiten des historischen 'Deutschlands' beschrieben - zu dem auch Österreich, Teile der Schweiz usw. zählen. 

Man könnte meinen, dass ein Lexikon wie dieses in Zeiten von Wikipedia völlig obsolet ist. Doch das ist es nicht, sofern man beispielsweise für eine Studienarbeit eine zitierfähige Quelle benötig. Darüberhinaus ist das Buch auch ein Schmöker im besten Sinn des Wortes.
Doch warum vergebe ich trotz dieser rundweg positiven Einschätzung 'nur' vier und nicht fünf Sterne? 
Na ja, ich habe mich ein wenig über die Auswahl der gelisteten Territorien und Städte gewundert bzw. geärgert. So hat zwar einerseits die kleine Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt einen eigenen Eintrag - und auch manch historisch noch weniger bedeutendes Städtchen wie das baden-württembergische Meßkirch - aber andererseits wurde Graz, immerhin die zweitgrößte Stadt Österreichs und einstige Residenz der Habsburger, kein eigener Eintrag spendiert. Wie ist das möglich? 
Mir ist selbstverständlich klar, dass bei einem solchen Lexikon Prioritäten gesetzt werden und Abstriche in Kauf genommen werden müssen, da es anderenfalls einen zu großen Umfang annehmen würde, aber speziell die genannte Auslassung ist für mich bei allem Verständnis nicht nachvollziehbar. Sollte es eine achte Auflage des Buchs geben, dann wäre es sicher begrüßenswert, wen man hier eine Ergänzung vornehmen würde.

FAZIT: Trotz Auslassungen handelt es sich bei diesem Lexikon um ein praktisches Nachschlagewerk. Besonders im Angesicht des günstigen Preises von nicht einmal 20 Euro. Landkarten sind übrigens keine enthalten.



Inhaltsverzeichnis:

Vorwort (zur 1. Auflage)
Vorwort zur 6. Auflage
Vorwort zur 7. Auflage
Überblick
Verzeichnis der wichtigsten Abkürzungen
Literaturhinweise
Historisches Lexikon
Register

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Weiterführende Informationen:

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Donnerstag, 14. September 2017

Krimskrams: Haben Archäologen den Schädel von Plinius dem Älteren entdeckt? -- Heribert Illig nervt Prof. Sowieso und alle Studienräte

Haben Archäologen den Schädel von Plinius dem Älteren entdeckt?

Es wär schon eine kleine Sensation, wenn es zutreffend ist, dass sich unter den sterblichen Überresten der Opfer des im Jahr 79 n. Chr. ausgebrochenen Vesuvs auch der Schädel von Plinius dem Älteren befindet: Klick mich

Freilich, im Gegensatz dazu geht der Archäologe Alberto Angela in seinem hier von mir besprochenen Buch “Pompeji – Die größte Tragödie der Antike” davon aus, dass der Leichnam des älteren Plinius NICHT im vom Vulkan fast vollständig zerstörten Stabiae zurückgelassen wurde, sondern mit der von ihm ursprünglich kommandierten Rettungsflotte in den Stützpunkt Misenum zurückkehrte.

Was mir nicht unlogisch erscheint, denn die, die den Tod von Plinius als Augenzeugen miterlebten, kehrten ja ebenfalls zurück und konnten vom Erlebten sehr detailliert berichten. Entsprechend heißt es in einem Brief des jüngeren Plinius (hier von mir zitiert), der Leichnam seines Onkels (=der ältere Plinius) sei am Tag nach dem Vulkanausbruch ohne äußere Zeichen von Verletzungen am Strand gefunden worden. Warum hätte man damals den hochrangigen Verstorbenen dort einfach liegenlassen sollen?

Ich bin daher skeptisch, dass der entdeckte Schädel tatsächlich einst dem älteren Plinius gehörte.

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Heribert Illig nervt Prof. Sowieso und alle Studienräte

Im Kulturmagazin Unser Lübeck erschien kürzlich ein Beitrag über Heribert Illig, seine Fantomzeit-These und den 'erfundenen' Scharlöömanje - der komplette Titel lautet: Für Historiker eine Unperson - Der Verschwörungstheoretiker und Karlsleugner Heribert Illig nervt Prof. Sowieso und alle Studienräte 

Liest sich irgendwie ganz lustig 😊

Auch die Tageszeitung Die Presse brachte kürzlich einen Artikel über Heribert Illig. Darin scheint es darum zu gehen, dass angeblich auch Teile der Antike frei erfunden sein sollen (^^). Allerdings verbirgt sich der Großteil des Textes hinter einer Bezahlmauer.

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Dienstag, 12. September 2017

Von Spartacus bis Herodot: Ein Interview mit dem Althistoriker und Übersetzer Kai Brodersen




Wer ernsthaft mit der Antike auf Tuchfühlung gehen möchte - etwa im Zuge des Living-History-Hobbys - wird relativ früh die Notwendigkeit erkennen, abseits von Sekundärliteratur auch die Original-Schriftzeugnisse von Livius, Plinius und Co. zumindest in Form von Übersetzungen zu lesen. Und doch zögern viele Interessierte aufgrund von Berührungsängsten, die nicht selten auf der Annahme fußen, dass es sich bei antiken Texten um eine schwer verdauliche Kost handelt.
Das ist auch nicht grundsätzlich falsch, denn manch immer noch erhältliche Übersetzung ist schon etwas angestaubt und daher in einem schwülstigen Deutsch gehalten, das dem Leser eine gewisse Leidensfähigkeit abverlangt. So muss man beispielsweise noch in der 1972 von Karl Büchner übersetzten Verschwörung des Catilina kaskadierende Endlossätze wie diesen erdulden: 

Nachdem das die Männer vernommen hatten, die alles Übel im Überfluss besaßen, aber nichts Gutes noch eine gute Aussicht, forderten, wenn es ihnen auch schon ein großer Gewinn schien, den Ruhezustand in Bewegung zu bringen, doch die meisten, er solle darlegen, wie die Bedingungen des Krieges seien, was sie für Lohn mit ihren Waffen errängen, was sie überall an Hilfe oder Hoffnung besäßen.

Glücklicherweise sind die Zeiten solcher Satzungetüme vorbei. Moderne Übersetzungen sind in der Regel weitaus geschmeidiger formuliert, sodass mit ihnen ein deutlich größerer Leserkreis angesprochen werden kann. 
Es bleibt für manch Interessierten deshalb mitunter nur ein einziger triftiger Hinderungsgrund, sich in antike Texte zu vertiefen: Der sogenannte 'Anschaffungswiderstand', wie es in der Elektronik so schön heißt 😉. Denn die Preise reichen von günstig bis schmerzhaft.

Darüber - und über einiges mehr - unterhalte ich mich in folgendem Interview mit dem Althistoriker Kai Brodersen, der seit Jahren zu den fleißigsten Übersetzern und Autoren im deutschen Sprachraum zählt.



Lieber Herr Brodersen, wie geht es Ihnen, wenn Sie beispielsweise Cicero-Übersetzungen aus dem 18. oder 19. Jahrhundert lesen? Bereitet Ihnen das vergleichsweise altertümliche Deutsch Vergnügen oder strengt es Sie, so wie mich, eher an?
Übersetzungen macht man immer für die eigene Zeit - der will man ja den Zugang zur Antike erleichtern. Und so, wie es heute Menschen gibt, die gerne deutsche Literatur aus den letzten Jahrhunderten lesen, gibt es auch heute Menschen, die Vergnügen an jener Sprachform haben. Wenn man z.B. die Übersetzung von Thukydides’ Geschichtswerk nimmt, die Georg Peter Landmann 1960 vorgelegt hat und die nach wie vor lieferbar und heute die am meisten verbreitete deutsche Übesetzung des Werks ist, dann kann man sich an deutschen Passagen freuen, die zeigen, dass der Übersetzer sich zum George-Kreis rechnete und eine sehr „gehobene“ Sprache nutzte. Man kann aber auch verzweifeln, wenn man herausfinden möchte, was denn im Originaltext steht...

Abgesehen von der sich ändernden Sprache: Übersetzt man heute, anders - eventuell freier - als noch vor 100 oder 200 Jahren? 
Nein, nicht freier, sondern umgekehrt eher genauer. Wenn Sie z.B. die neueren Übersetzungen von Niklas Holzberg anschauen, sehen Sie, wie er sich um eine möglichst genaue Übersetzung bemüht, und das sogar in Versform! Bei Fachliteratur, etwa bei Palladius’ Buch über das Bauernjahr oder Apuleius’ Heilkräuterbuch, war mir sehr daran gelegen, möglichst genau zu übersetzen, also z. B. die Pflanzennamen oder Fachbegriffe genau zu verstehen und wiederzugeben, und dabei gerade keine „dichterische Freiheit“ walten zu lassen. Ich möchte dasselbe lateinische Wort nicht einmal als „Harke“ und einmal als „Rechen“ übersetzen - und bei pharmakologischen Texten kann das sogar gefährlich werden.

Von wem geht in der Regel die Initiative für das Übersetzen eines bestimmten antiken Textes aus? Tritt ein Verlag an Sie heran und unterbreitet einen Vorschlag - oder ist es eher umgekehrt? 
Es gibt Verlagsinitiativen (so etwa die zweisprachige Ausgabe des Geschichtswerks von Herodot bei Reclam) und Übersetzerinitiativen (so etwa die zweisprachige Ausgabe von „Plinius’ Kleiner Reiseapotheke“ bei Steiner), aber oft entstehen solche Ideen im Austausch zwischen Verlag und Übersetzer - je mehr man miteinander schafft, umso besser.

Zur Zeit lese ich die Strategika des Polyainos, danach kommt die Taktika des Ailianos an die Reihe; beide Bücher erschienen erst kürzlich in deutscher Sprache und wurden von Ihnen übersetzt. Wie viele Stunden Arbeit müssen Sie in solche Werke normalerweise investieren?
Die Stunden zähle ich nicht, und solche Projekte laufen oft über lange Zeit. Zu Polyainos z. B. hatte ich schon 2010 einen Tagungsband herausgegeben, seither hat mich dieses umfangreiche Buch immer wieder beschäftigt. Ich bin ja Professor an der Uni Erfurt und habe in Forschung und Lehre zu arbeiten!

Wie viele antike Werke übersetzen Sie durchschnittlich pro Jahr?
Das hängt völlig an den Lebensumständen: Ich war lange Jahre in der akademischen Selbstverwaltung tätig, darunter 6 Jahre als Prorektor und 6 Jahre als Universitätspräsident. Da war nicht viel Zeit für solche Projekte! Umgekehrt beginnen manche Übersetzungen als Unterlagen für eine Lehrveranstaltung. So war etwa die „Reise ins Heilige Land“ der Egeria das Thema eines Seminars, das ich am Departement für Protestantische Theologie in Hermannstadt/Sibiu halten durfte. Wenn die Studierenden dann zeigen, dass sie der Text interessiert, ist die Motivation gleich dreimal so groß, so eine Übersetzung publikationsreif zu machen!

Da die meisten Schriften antiker Autoren nur über den Umweg mittelalterlicher Kopien überliefert wurden, haben sich im Laufe der Jahrhunderte oft Fehler eingeschlichen. Bereitet Ihnen das einen großen Mehraufwand beim Übersetzen? Müssen Sie eventuell sogar herumreisen, um Einblick in Überlieferungsvarianten nehmen zu können, die Sie dann miteinander vergleichen? Oder ist das dank Internet und digitaler Bibliotheken alles viel einfacher geworden?
Da ich fast ausschließlich zweisprachige Ausgaben mache, bei denen der griechische oder lateinische Text der deutschen Übersetzung gegenübersteht, ist mir die Festlegung des antiken Texts jedes Mal besonders wichtig. Wo sehr gute kritische Editionen vorliegen, nutzte ich diese, überlege aber in allen Zweifelsfällen, ob der rekonstruierte Text gut verständlich ist und biete immer ein Verzeichnis der Stellen, an denen „mein“ Text von der Bezugsedition abweicht. In anderen Fällen - so bei Damigerons „Heilenden Steinen“ und bei Ailianos’ „Antiken Taktiken“ - ist der Text neu zu erstellen, da es bislang keine zuverlässige Ausgabe des antiken Textes gab. Das Internet hilft da wenig - man muss schon die Überlieferungsträger, also die mittelalterlichen Handschriften, lesen, die man sich als Photographien oder Scans aus den Bibliotheken besorgen muss. Aber das macht schon auch Freude!

Ich stelle bei modernen Übersetzungen von ein und demselben antiken Text zum Teil spürbare Preisunterschiede fest; beispielsweise ist De Gruyter (Tusculum) als ziemlich hochpreisig verschrien. 
Inwieweit sind die Endpreise tatsächlich auf den Arbeitsaufwand des Übersetzers zurückzuführen? Ist beispielsweise das Hinzufügen erklärender Endnoten ein signifikanter Preistreiber? Mir ist nämlich aufgefallen, dass Ihre Übersetzungen bei Marix über keine Endnoten verfügen, jene bei Reclam hingegen schon. 
Ob es - wie bei Marix - eine ausführliche Einleitung und Erläuterungen im Text selbst gibt oder - wie bei manchen, aber längst nicht allen Reclamausgaben - Endnoten, hat nichts mit dem Preis zu tun - die Information (und die Arbeit, die zu erstellen) ist dieselbe, nur die Präsentation nicht, und die Gestaltung eines Buchs folgt ja in der Regel dem Inhalt - „form follows function“! Nehmen Sie z.B. bei Reclam Aristeas’ Buch „Der König und die Bibel“ - da habe ich die Erläuterungen in einer sehr ausführlichen Einleitung, nicht in Endnoten geboten. Was ein Buch im Buchhandel dann kostet, ist eine Frage der Kalkulation des Verlags - der muss das Buch ja verkaufen! Das hat mit dem Arbeitsaufwand des Übersetzers überhaupt nichts zu tun.

Wie darf man sich das Entlohnungsmodell für das Übersetzen eines lateinischen oder altgriechischen Buchs vorstellen? Wird z.B. nach Wörtern oder Normseiten abgerechnet? Und ganz wichtig für jene, die das beruflich eventuell auch machen wollen: Kann man von dieser Arbeit anständig leben? 😉
Ganz einfach: Ich erhalte bei den meisten Verlagen überhaupt kein Honorar, aber ich habe ja auch einen Beruf, in dem wissenschaftliche Publikationen zu meinen Aufgaben gehören, und muss nicht vom Übersetzen leben. Nur bei einem Verlag, den Sie schon genannt haben, erhalte ich 3% vom Nettoerlös. Unter Nettoerlös versteht man den Bezugspreis abzüglich der darin gesetzlichen Mehrwertsteuer und der gewährten Rabatte. Wie Sie wissen, ist der Buchhandelrabatt in der Regel etwa 40%, der Mehrwertsteuersatz für Bücher 7%. Das heißt, dass ein Buch, das im Buchhandel 29.95 Euro incl. Mehrwertsteuer, also etwa 28 Euro ohne Mehrwertsteuer. Davon sind etwa 11,20 Euro Buchhandelsrabatt, der Nettoerlös beträgt also etwa 16,80. Davon sind 3% etwa 50 Cent. Wenn so ein Buch über die Jahre vielleicht dreihundertmal verkauft wird, bekomme ich insgesamt 150 Euro, die ich selbstverständlich versteuern muss. Zu Ihrer Frage: Man kann immer anständig sein. aber sicher nicht einmal unanständig vom Übersetzen antiker Texte leben.

Die von Reclam angebotene Ausgabe der Historien des Herodot, bei der Sie als Herausgeber fungieren, wird 'scheibchenweise' veröffentlicht; will heißen, die neun Teile, aus denen Herodots Geschichtswerk besteht, kommen einzeln in den Handel. Das ist auch verständlich, weil das kompakte 'Reclam-Format' hier gewisse Grenzen setzt. Andererseits verwundert mich der Umstand, dass, obwohl schon 2002 mit der Veröffentlichung begonnen wurde, man 15 Jahre später erst beim 7. Teil angelangt ist. 
Ist das vom Verlag so gewollt? Ich frage hier vor allem deshalb, weil für viele Interessierte nur eine vollständige Ausgabe wirklich interessant sein dürfte. Aus diesem Grund habe auch ich kürzlich schon etwas verzweifelt bei der Konkurrenz - dem Kröner Verlag - zugegriffen.
Die Verlagspolitik von Reclam hat sich über die Jahre geändert. Meine Kollegin und ich sind nun gebeten worden, den kompletten Herodot in einem Band vorzulegen. Ich bin gespannt, wie Ihnen die doch arg in die Jahre gekommene und von Heinz-Günther Nesselrath kürzlich nur „behutsam modernisierte“ Übersetzung von August Horneffer, die Sie gekauft haben, gefällt: Er hat von 1875 bis 1955 gelebt, war promovierter Musikwissenschafter, hat am Nietzsche-Archiv gearbeitet und war aktiver Freimaurer - ein faszinierender Lebenslauf für einen Übersetzer!
Die Modernisierung von Nesselrath liest sich durchaus angenehm, ist preislich günstig und verfügt über viele erklärende Endnoten. Allerdings ist sie nur einsprachig (meine Rezension).


Gibt es ein wichtiges antikes Werk, von dem Sie sagen, dass eine Übersetzung oder Neuübersetzung längst überfällig ist?
Allerdings - es fehlt uns eine Übersetzung der bedeutenden Reden des Aelius Aristides, es fehlen aber auch Übersetzungen in wenigstens eine moderne Sprache der allermeisten Werke des bis in die Neuzeit einflussreichen Mediziners Galenos. Und es fehlen noch eine ganz Menge spannender antiker Werke.

Eventuell können Sie uns abschließend einen kleinen Ausblick auf geplante Buch-Projekte geben?
Als nächste zweisprachige Ausgabe soll die „Vermischte Forschung“ des Ailianos erscheinen - ein buntes Werk, dem Sie Antworten etwa auf folgend Fragen entnehmen können: Welcher antike König war in einen Baum verliebt? Wer hat die Königsherrschaft als "ehrenvolle Sklaverei" bezeichnet? Wo durften Frauen keinen Wein trinken? Gab es eine antike Utopia? Wo kam Faulheit vor Gericht? Wo stand Kunst, die ihren Gegenstand schöner erscheinen ließ, als er war, unter Strafe? Wer war der erste "Trainspotter"? Wer hat das Katapult erfunden? Welcher Tyrann wurde nach seinem Sturz Grundschullehrer? Warum erweisen einen gefärbte Haare als Lügner? Wer stellte Grabsteine für Haustiere auf? Wo sind erstmals Brieftauben belegt? Gab es in der Antike so etwas wie den "Fluch der Pharaonen"? Wer war das Aschenputtel des Altertums? Wie vertrieb sich ein Perserkönig, der Analphabet war, auf langen Reisen die Zeit? 
Und derzeit bin ich in den „letzten Zügen“ eines Buches über „Dacia Felix“, also über die antike Geschichte Rumäniens, und einer kritischen Neuedition der Römischen Geschichte des Appianos von Alexandreia.

Vielen Dank, dass Sie meinen Lesern und mir so ausführlich Auskunft gegeben haben. Besonders auf Ihre geplante Neuedition von Appians Römische Geschichte freue ich mich schon, da für die aktuellste (bei Hiersemann erschienene) Ausgabe dieses antiken Werks längst Mondpreise verlangt werden.



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