Montag, 27. Januar 2020

💰 "IUDAEA CAPTA" - Römisches Kleingeld und sein Wert

Vergangene Weihnachten habe ich drei Replikate antiker römischer Münzen geschenkt bekommen, die unten gemeinsam mit zwei bereits in meinem Besitz befindlichen Münzen abgebildet sind. Vier davon wurden aus typischem Messing, also einer Kupfer-Zink-Legierung, hergestellt; die fünfte (rechts oben) ist hingegen besonders kupferlastig, was leicht an ihrer rötlicheren Färbung abzulesen ist.

Buntmetallmünzen wie diese (As, Dupondius und Sesterz) waren das Alltagsgeld im antiken Rom, mit denen der kleine Mann z.B. den Bäcker, den Fleischer, den Fischhändler, die Kräuterfrau, den Gastwirt oder die Prostituierte seiner Wahl bezahlte.
Daneben gab es auch noch Münzen aus Silber - in Form des Denar - und aus Gold - in Form des Aureus (Aurum=Gold) bzw. in der Spätantike in Form des Solidus (von dem sich das Wort "Soldat" ableitet, weil dieser in jenen Tagen, als die Inflation im langsam niedergehenden Reich galoppierte, wohl bevorzugt mit Goldmünzen entlohnt wurde, um sich seiner Loyalität zu sichern - siehe auch der Begriff "Sold").

Obere Reihe:
  • Dupondius des Kaisers Nero
  • As des Kaisers Tiberius für seinen Vorgänger Augustus
Untere Reihe:
  • Sestertius (bzw. Sesterz) des Kaisers Vespasian
  • Sestertius des Kaisers Vespasian (auch wenn diese mittlere Ausführung kleiner ist als die beiden anderen Sesterzen, so ist der Wert doch gleich; der Dupondius Neros (links oben) scheint zwar fast den gleichen Durchmesser zu haben, doch der Sesterz ist wesentlich dicker und somit schwerer)
  • Sestertius des Kaisers Caius/Gaius Caesar (=Caligula)


Besonders interessant ist die Frage, wie es überhaupt um die Kaufkraft dieser Münzen zur Zeit ihrer Prägung (bzw. der Prägung der Originale) in der frühen Kaiserzeit) bestellt war. Zuerst aber etwas zum Umrechnungswert römischer Münzen zueinander: 
  • 1 Aureus = 25 Denarii
  • 1 Denarius = 4 Sestertii
  • 1 Sestertius = 2 Dupondii
  • 1 Dupondius = 2 Asses (über das As hinaus gab noch kleinwertigere Münzen, die aber keine so große Bedeutung besaßen)
Hier nun ein paar Beispiele für überlieferte Preise von Waren/Dienstleistungen, die man typischerweise mit dem 'Kleingeld' bzw. den oben abgebildeten Buntmetallmünzen bezahlte:
  • Zukost zu Brot und Wein für eine Person in Landgasthaus: 2 Asses
  • Einfacher Wein pro Hemina (= 0,273 Liter): 1 As
  • Sehr hochwertige Weinsorte/Falerner-Wein pro Hemina: 4 Asses
  • Bohnen und Erbsen (vermtl. pro Pfund = 327,45 g): 1 Dupondius (=2 Asses)
  • Einfacher Liebesdienste durch Prostituierte: 1 - 16 Assees
  • Tageslohn eines Arbeiters in Rom: 3 - 4 Sestertii (=12-16 Asses)
Man sieht an diesen Beispielen: Mit meinen fünf Münzen, die ungefähr dem Tageslohn eines Arbeiters entsprachen, könnte man es sich entweder einen Tag lang so richtig gut gehen lassen oder - was eher der Lebensrealität der meisten Römer entsprach - man kam damit gerade über die Runden; Schließlich mussten neben den Nahrungsmitteln auch Miete, Kleidung, Arzneien usw. bezahlt werden. Wenn man dann auch noch Frau und Kinder hatte, wurde es finanziell erst recht eng. Hieraus wird rasch ersichtlich, warum reiche römische Bürger - allen voran der Kaiser und seien Familie - mit ihren Spenden in Form von Getreide, Öl und Geld für den 'kleinen Mann' nicht zu unterschätzende Einkommensquellen waren. Dementsprechend gelang es großzügigen (verschwenderischen) Kaisern wie Nero, sich beim beim kleinen Mann überaus beliebt zu machen.


Das auffällige Kürzel SC, welches man meist auf der Rückseite kaiserzeitlicher Münzen aus unedlen Metallen bis ca. zum Ende des 3. Jahrhunderts findet, steht für SENATUS CONSULTO - das bedeutet "auf Senatsbeschluss [geprägt]" .
In der Realität war dieses Münzprägerecht Teil jener Fassade, welche die Dignitas (Würde) der Senatoren in dem von Augustus errichteten autokratischen System nach außen hin weiter wahren sollte. Will heißen, der Senat hat sich natürlich davor gehütet, die Prägung einer Münze ohne Rücksprache mit dem Kaiser bzw. seinen Beauftragen zu beschließen. So war letztendlich nicht nur das Prägerecht für Edelmetallmünzen in kaiserlicher Hand, sondern de facto auch jenes für Buntmetallmünzen. Vergleichbar ist das mit dem 'Recht' des Senates, die Statthalter einiger Provinzen des Reichs bestimmen zu dürfen, obwohl im Hintergrund auch hier der jeweils herrschende Kaiser den Ton angab. Im Laufe der Kaiserzeit verzichtete man zunehmend auf dieses Theaterspiel. Jene Kaiser, die diesbezüglich quasi ihrer Zeit voraus waren, wie Caligula, Nero und Domitian, haben nicht zuletzt deshalb eine recht schlechte Presse von zeitgenössischen Autoren aus dem Senatsadel erhalten. Was freilich nicht automatisch bedeutet, dass jede der berichteten Untaten dieser Herrscher erfunden sein muss. So ist es durchaus denkbar, dass Caligula - in Anlehnung an die antike Mythologie oder ägyptische Pharaonen - es mit seinen drei Schwestern getrieben hat, die bildlich (im Stil der "drei Grazien") sowie namentlich auf der Rückseite seines Sesterzen sehr schön verewigt wurden (obiges Bild, rechts unten). Übrigens, der kleine Stempel darüber stammt vom Hersteller des Replikats - damit die Münze nicht am Online-Antikenmarkt als Fälschung landet. Wobei dieser natürlich längst voll mit dergleichen ist, weshalb ich persönlich nur davon abraten kann, als Nicht-Experte dort Münzen zu erwerben; vor allem nicht solche, die in einem besonders guten Zustand sind.



Münzen wurden in der Antike gerne für imperiale Propaganda verwendet, besonders bei den Römern. Schon zur Zeit der Republik gab es entsprechende Tendenzen - in der Kaiserzeit hat man es allerdings auf die Spitze getrieben. 
Ein gutes Beispiel dafür sind die recht bekannten IUDAEA-CAPTA-Münzen des Kaisers Vespasian (Bild oben). Es gibt davon unterschiedliche Ausführungen, die Grundaussage ist aber fast immer folgende: Ein siegreicher Soldat steht neben einer trauernden Frau (manchmal auch ein gefesselter Mann); der Soldat symbolisiert dabei das siegreiche Rom / den Kaiser (auf einigen Münzen wurde stattdessen ein Feldzeichen bzw. ein Tropaion/Siegeszeichen verwendet), die Frau plus Palme wiederum stellen sinngemäß die von Vespasian und seinem Sohn Titus unterworfene/zurückeroberte Provinz Judäa bzw. deren Hauptstadt Jerusalem dar (interessant ist übrigens diese moderne Adaption des IUDAEA-CAPTA-Themas auf israelischen Gedenkprägungen).

Ähnliche Münzen gab es auch im Zusammenhang mit anderen Gebietserweiterungen des Römischen Reichs. Der Text lautete dann beispielsweise "GERMANIA CAPTA" (Domitian) oder "PARTHIA CAPTA" (Trajan). Dabei nahm man es mit der Wahrheit nicht immer so genau. Beispielsweise wurde Germanien nie unterworfen, lediglich kleinste Teile davon. Und im Fall von Parthien konnte man die eroberten Teilgebieten dieses alten römischen Erzfeindes nur sehr kurz halten; die Münze verkündete voreilig einen großen Endsieg, der dann nie eintrat. Aber das alles wusste der Ottonormalrömer, der mit diesem Geld im Wirtshaus seinen Eintopf bezahlte, in der Regel nicht. 


Samstag, 25. Januar 2020

📽️ Videos: Archäologen-Mangel bei Ausgrabung (?!?) -- Medicus-Ausstellung -- Mittelalter-Turm entdeckt -- usw.



Das DAI Athen – Projekte, Personen, Perspektiven. Teil 6: Der Kerameikos | Spieldauer 6 Minuten | DAI/Youtube | Stream & Info

Das DAI Athen – Projekte, Personen, Perspektiven. Teil 7: Kephissos-Tal | Spieldauer 6 Minuten | DAI/Youtube | Stream & Info

 Who Wears Daggers? | Spieldauer 9 Minuten | Tod's Workshop/Youtube | Stream & Info
Details wie diese sollte man im Rahmen seiner Living-History-Darstellung beachten. Etliche machen das allerdings nicht. Die mischen Ausrüstungsgegenstände und Kleidungsstücke von hoch- und niederrangigen Personene wild durcheinander. Nix gut.



 Leihausstellung im Ägyptischen Museum in Leipzig | Spieldauer 2 Minuten | MDR/ARD | Stream & Info

 Interview mit dem Historiker Sebastian Zanke: Medicus-Ausstellung in Speyer | Spieldauer 5 Minuten | SWR/ARD | Stream & Info

 Antike Porta Nigra hat Geburtstag | Spieldauer 4 Minuten | SWR/ARD | Stream & Info

 Mittelalter-Turm in Gronau entdeckt | Spieldauer 3 Minuten | WDR/ARD | Stream & Info

 Archäologenmangel: Ausgrabungen bei St. Nikolai | Spieldauer 3 Minuten | NDR/ARD | Stream & Info
Zu wenige Archäologen würde es geben, wird hier behauptet. Ich halte das für einen faktenverzerrenden Unsinn. Wie Sand am Meer gibt es die in Wirklichkeit. Zumindest an den Unis. Etliche davon sind aber halt nicht zur Feldarchäologie zu gebrauchen, hat mir im vergangenen Jahr jemand auf einer Grabung berichtet und dabei verzweifelt die Augen verdreht. Besonders jungen Frauen seien heutzutage sehr oft körperlich wenig belastbar und hätten deshalb keine Lust darauf, den Beruf nach dem Studium weiter auszuüben, sofern dieser nicht ausschließlich in einem Büro/Museum stattfindet. Gleichzeitig strömen aber seit Jahren immer mehr Frauen ins Archäologiestudium. Hingegen vom Knochenjob des archäologischen Grabungstechnikers sollen sie bezeichnenderweise kaum angetan sein.
Mich erinnert das an die Situation bei Tierärzten in Deutschland. Vor einiger Zeit las ich, dass auch die Veterinärmedizin zunehmend von jungen Frauen überrannt wird (ich vermute dahinter eine ähnliche Naivität wie bei den Archäologiestudentinnen, gepaart mit der ideologisch-medial induzierten Abneigung vor manueller Arbeit - Stichwort "Dienstleistungsgesellschaft" bzw. "steigern der Akademikerquote"); diese Tierärztinnen wollen tendenziell lieber Kleintiere behandeln, anstatt mit ihrem Arm bis zum Anschlag in den A...llerwertesten einer Kuh zu greifen. Auch ist ihnen im Schnitt die "Work-Life-Balance" wichtiger als den männlichen Kollegen - was von einem persönlichen/subjektiven Standpunkt aus betrachtet nicht nachteilig sein muss. Aber daraus bzw. aus der 'Verweiblichung' des Berufsstandes ergibt sich, dass Tierarztpraxen weniger lang bzw. nur halbtags geöffnet haben. Das Ergebnis ist - wie bei den Archäologen - ein Mangel.
Und weil es gerade dazu passt: In den USA hat man noch unter der Obama-Administration genau untersucht, warum weibliche Krankenpfleger weniger verdienen als männliche - Stichwort "Gender-Pay-Gap". Die in der betreffenden Studie herausgefundenen Gründe waren ziemlich banal, aber gleichzeitig auch sehr beredt: Krankenpflegerinnen zeigen eine geringere Bereitschaft für Überstunden und Arbeitsplatzwechsel (besonders wenn dieser auch mit einem Wohnortwechsel verbunden ist). Männer nehmen solche Unannehmlichkeiten hingegen eher in Kauf, wurde festgestellt.
Worauf ich mit dieser Off-Topic-Litanei hinaus möchte? Ganz einfach: Die Liste solcher Beispielen aus der Arbeitswelt, die allem Anschein nach auf biologisch determinierten Verhaltensunterschieden/Präferenzen beim Durchschnittsmann bzw. der Durchschnittsfrau fußen, ließe sich ewig lange fortsetzen. Dergleichen wollen aber typische Medienvertreter offenbar weniger gerne hören. Vielleicht weil es mit dem in ihrer Blase vorherrschenden Weltbild nicht kompatibel ist? Warum sonst sollte man in TV-Beiträgen wie dem gegenständlichen nicht weiter nach den Gründen für den behaupteten 'Mangel' fragen? Andererseits wäre es meiner Erfahrung nach ohnehin sehr unwahrscheinlich, dass die Antwort des Chefarchäologen ehrlich ausfallen würde. Es sei denn, er möchte sich karrieremäßig ins Knie schießen. Nicht zufällig habe ich in diesem Blog schon mehrfach Wissenschaftler - auch aus der Archäologie - zitiert, die erklärten, man könne seine fachliche Meinung immer öfter nicht frei äußern, ohne berufliche Nachteile zu riskieren (siehe z.B. hier). Jene. die es trotzdem tun, sind meiner Beobachtung nach fast ausschließlich Personen, die bereits aus dem aktiven Dienst ausgeschieden sind bzw. kurz davor stehen. 
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Freitag, 24. Januar 2020

📖 Buch: Ungelöste Rätsel der Entdeckergeschichte - Kam Kolumbus 15.000 Jahre zu spät?

Indizien für vorgeschichtliche Hochseefahrt und Kartographie?

Der Biogeograph Dominique Görlitz ist ohne jeden Zweifel einer der abenteuerlustigsten und ambitioniertesten Experimentalarchäologen weltweit. Das belegen seine Hochseefahrten in den Nachbauten vorgeschichtlicher Schilfboote, mit denen er immer wieder für einiges Aufsehen sorgt. Siehe etwa sein jüngstes Unternehmen mit dem Schiff Abora 4 (Video), zu dem er mir im Vorfeld ein ausführliches Interview gegeben hat.

Görlitz, der mit seinen Seefahrtsexperimenten in der Tradition des legendären  Thor Heyerdahl steht, forscht schwerpunktmäßig zu vorgeschichtlichen Kulturkontakten über die Ozeane hinweg. Die dahinter stehende Theorie wird in der arrivierten Wissenschaft überwiegend mit Skepsis betrachtet. Dass diese jedoch keinesfalls aus der Luft gegriffen ist, dokumentiert Dominique Görlitz nicht nur auf dem Feld der Experimentalarchäologie, sondern auch durch das Vorlegen entsprechender Indizien in Form von historischen Quellen. Fünf Beispiele stehen im Zentrum des Buchs "Ungelöste Rätsel der Entdeckergeschichte" (2. Auflage):
  • Ein 1903 in El Castillo (Spanien) entdecktes, rund 14.000 Jahre altes Felsbild, auf dem der Kanaren-Golfstrom und weitere für die Hochseefahrt bedeutende Details wie vorherrschende Windrichtungen wiedergegeben worden sein könnten. Ich persönlich halte diese Deutung zwar für etwas gewagt, allerdings erscheint sie mir immer noch glaubwürdiger als die offiziöse Interpretation der Darstellung, die mit ihren "männlichen und weiblichen Zeichen" erst recht wie an den Haaren herbeigezogen wirkt. Mich erinnert der immer wieder anzutreffende Zwang in der Felsbildforschung, an allen Ecken und Enden Geschlechtliches herauszulesen, an das Freud zugeschriebene Zitat: "Manchmal ist ein Zigarre eben nur eine Zigarre". 😉
  • Die Waldseemüller-Karte aus dem Jahr 1507, in der mit dem ptolemäischen Weltbild gebrochen wird. Dementsprechend hat der Kartograph hier den Umfang der Erde wesentlich größer bzw. realistischer angenommen (ganz im Sinne des antiken Gelehrten Eratosthenes, der im Gegensatz zum wesentlich später geborenen Claudios Ptolemäus den Erdumfang bereits annähernd richtig berechnet hatte, dem aber die entsprechende Nachwirkung versagt blieb); zwischen dem amerikanischen Doppel-Kontinent und Asien/Indien wurde nun ein großer Ozean einfügt (Kolumbus und viele seiner Zeitgenossen meinte ja, das neu entdeckte Land - also Amerika - wäre bloß ein Teil von Asien/Indien). Dieser Ozean - konkret handelt es sich um den Pazifik - wurde nach offizieller Lesart allerdings erst 1513 von Balboa entdeckt. Görlitz stellt deshalb die Möglichkeit in den Raum, dass dem Kartographen Waldseemüller ältere Quellen bekannt waren, in denen der bis ganz in den Norden hinaufreichende Pazifik bereits erwähnt wird. Wobei ich einwenden möchte, dass den Spaniern von Eingeborenen durchaus schon sehr früh Gerüchte über einen großen Ozean im Westen zugetragen worden sein konnten, diese aber von den Kartographen in Europa nicht geglaubt wurden - ausgenommen eben von Matthias Waldseemüller. 
  • Die 1929 in türkischen Archiven wiederentdeckte, aber nicht vollständig erhaltene Piri-Reis-Karte aus dem Jahr 1513. Auf ihr wurde der Teil einer gerne als Antarktis interpretierten Landmasse dargestellt; ein Kontinent also, der offiziell eigentlich erst Jahrhunderte später von Europäern entdeckt und daraufhin nach und nach kartographiert worden ist. Ob nun die Deutung als Antarktis wirklich zutrifft (Kartographie-Experten der US Air Force waren schon vor rund 60 Jahren davon überzeugt) ist vielleicht weniger bedeutend als das auf der Karte enthaltene Verzeichnis, in dem jene Quellen genannt werden, die dem Kartenzeichner als Grundlage dienten. Darunter befinden sich mehrere mittlerweile verschollene Schriften - besonders interessant ist aber die Erwähnung eines antiken Buchs, das Kolumbus angeblich verwendete. In besagtem Buch soll er z.B. den Hinweis gefunden haben, dass die Völker im Westen Glasperlen sehr zu schätzen wüssten, woraufhin er diese als Tauschobjekte mitnahm. Inder können hier allerdings kaum gemeint gewesen sein, sondern eher die auf dem dazwischenliegenden amerikanische Doppel-Kontinent lebenden Menschen, welche auf einer niedrigeren Kulturstufe standen und deshalb für solchen Nippes noch eine gewisse Begeisterung aufbringen konnten. Die erwähnten Glasperlen - so Görlitz - deuten deshalb darauf hin, dass man in der Antike bereits von Amerika gewusst haben könnte.
  • Die Finaeus-Karte aus dem Jahr 1531. Auch auf dieser Karte ist die Antarktis abgebildet. Allerdings in einer bereits relativ detaillierten Form, die es meiner Ansicht nach fragwürdig erscheinen lässt, dass es sich hier um ein rein aus der Fantasie entstandenes Konstrukt handelt, welches lediglich auf Grundlage philosophischer Überlegungen eingefügt worden ist (will heißen: das Herstellen eines Gleichgewichts der Erde durch ausreichende Landmassen auch auf der Südhalbkugel).
  • Der Gothaer Marmor-Globus von 1533 ist das wohl bedeutendste Indiz für eine ausgedehnte Hochseefahrt lange vor der modernen Entdecker-Ära eines Kolumbus. Denn erstens ist die Antarktis darauf in einer Form dargestellt, die es definitiv ausschließt, dass der Hersteller des Globus keine konkreten Informationen zum südlichsten Kontinent vorliegen hatte (siehe Bild). Und zweitens befindet sich auf dem Globus möglicherweise die Darstellung eines frühdynastischen ägyptischen Schiffes - welches als Hinweis gedeutet wird, dass der Globenbauer seine Kenntnisse über die Antarktis einem sehr alten ägyptischen Text mit entsprechender Schiffsabbildung entnommen hatte, der - auf welchem Weg auch immer - nach Europa gelangt war. 
In schwarzer Farbe die tatsächliche Form der Antarktis und in oranger Farbe darübergelegt der Umriss ihrer Darstellung auf dem Marmorglobus von Gotha (1533). Auch wenn die große 'Landzunge' links fehlt, so ist offensichtlich, dass der Hersteller des Globus über konkrete Informationen zum südlichsten Kontinent verfügt haben muss. Die auftretenden Unstimmigkeiten bewegen sich im Rahmen dessen, was in der Kartographie dazumal üblich war - zum Vergleich betrachte man etwa frühe Darstellungen des amerikanischen Doppel-Kontinents. | Quelle: "Ungelöste Rätsel der Entdeckergeschichte - Kam Kolumbus 15.000 Jahre zu spät?" | mit freundlicher Genehmigung von Dominique Görlitz

Fazit: Anders als in meiner obigen verkürzten Aufzählung werden von Dominique Görlitz natürlich wesentlich mehr Details berücksichtigt, die seiner Meinung nach auf Hochseefahrt, Kartographie und transatlantische Kulturkontakte in der Vorgeschichte hindeuten. Seine Ausführungen sind allgemein verständlich und berücksichtigen dabei viele nützliche Grafiken und Karten. Insgesamt handelt es sich beim vorliegenden Buch daher um eine gelungene Einführung in ein zwar nicht unumstrittenes, aber überaus spannendes Themengebiet, auf das einzulassen sich definitiv lohnt. Mich hat nicht jedes Indiz überzeugt, aber einiges spricht doch sehr dafür, dass jenes Paradigma, welches die großen Ozeane zu unüberwindbaren Hindernissen für unsere vorgeschichtlichen Vorfahren erklärt, dringend einer umfangreichen Revision unterzogen werden sollte - siehe dazu auch die unten verlinkten Videos.


Montag, 20. Januar 2020

📚 Hiltibolds aktuelle Leseliste: Ungelöste Rätsel der Entdeckergeschichte -- Die Weltkarten der alten Seefahrer



Ungelöste Rätsel der Entdeckergeschichte: Kam Kolumbus 15.000 Jahre zu spät? | Dominique Görlitz | Verlag Ancient Mail | 2017 | 96 Seiten | Preis: 16,80 Euro | Infos bei Amazon
In diesem Buch legt der Experimentalarchäologe und Biogeograph Dominique Görlitz (siehe auch mein Interview mit ihm) Indizien vor, welche seiner Meinung bezeugen könnten, dass transatlantische Kulturkontakte und die damit verbundene Kartographie bereits lange vor Kolumbus stattfanden. Ein sicher nicht unumstrittenes, aber gleichzeitig auch spannendes Themenfeld. In dem Zusammenhang sei auch noch einmal auf diese Videos verwiesen.

➽ Die Weltkarten der alten Seefahrer: Beweise für eine Hochkultur in vorgeschichtlicher Zeit | Dominique Görlitz | Kopp Verlag | 2018 | 368 Seiten | Preis: 19,99 Euro | Infos bei Amazon
Wie Dominique Görlitz hat sich - allerdings schon viele Jahrzehnte davor - der Geschichtsprofessor Charles Hapgood unter einigem Rechercheaufwand mit der Möglichkeit antiker Seefahrten bis nach Amerika und in die Antarktis beschäftigt. Indizien für seine These sind alte Seekarten.
Die arrivierte Wissenschaft scheut sich vor diesem Thema, vielleicht auch deshalb, weil Erich von Däniken darauf ausgiebig herumgeritten ist und in einigen seiner Bücher wilde Spekulationen dazu geäußert hat; konkret bringt er hier wieder einmal Alien-Einflüsse ins Spiel. Mich lässt das aber kalt, im Gegenteil, nun wollte ich endlich wissen, was Hapgood tatsächlich recherchiert hat. Daher habe ich mir diese neu aufgelegte Ausgabe besorgt (gleich vorweg, mit Aliens hatte Hapgood absolut nichts am Hut).
Übrigens, hier hat jemand das Buch erst vor wenigen Wochen aus einem eher ungewöhnlichen Blickwinkel besprochen: Nämlich aus dem der kritischen Klimaforschung.

Ausführliche Rezensionen zu den obigen Büchern folgen hier in den kommenden Wochen.

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Sonntag, 19. Januar 2020

🎧 Hörbares: Vulkanausbruch 44 v. Chr. -- Erster Asterix-Comic -- Wie die Bronzezeit nach Mitteleuropa kam -- usw.



 Vulkanausbruch 44 v. Chr. - Der Ätna sorgte für Hungersnöte von Ägypten bis China | Spieldauer 4 Minuten | DF/ARD | Stream & Info | Direkter Download

 29.10.1959: Der erste Asterix-Comic erscheint | Spieldauer 4 Minuten | WDR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

 Auf der Spur der Römer | Spieldauer 2 Minuten | WDR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

 Stadtarchäologen Andreas Schaub über seltene Funde in Aachen | Spieldauer 7 Minuten | WDR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

 Ursprünge der Kalender und Monatsnamen | Spieldauer 5 Minuten | WDR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

 Wie die Bronzezeit nach Mitteleuropa kam - Dolche, Beile, Gräber | Spieldauer 25 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

 Ein Stück Menschheitsgeschichte: Über das Würzen von Speisen - Der Löwe frisst die Antilope pur | Spieldauer 28 Minuten | DF/ARD | Stream & Info | Direkter Download

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Freitag, 17. Januar 2020

📽️ Videos: Der Vergangenheit auf der Spur -- Geschichte des Alkohols -- Bohren im Bodensee -- Tempelstadt Naga



 Der Vergangenheit auf der Spur | Spieldauer 609 Minuten | Youtube | Stream & info
Hierbei handelt es sich um den Link zu einem über zehnstündigen Live-Stream, dessen URL interessanterweise immer noch funktioniert, obwohl das Video offiziell gar nicht auf Youtube frei zugänglich zu sein scheint. Darin enthalten sind u.a. einige interessante Vorträge, die bisher nur ausschnittsweise veröffentlicht wurden. Ich picke hier die aus meiner Sicht sehenswertesten heraus (plus ein Beispiel, bei dem das Gegenteil der Fall ist):
  • 59:00 - Die Argonauten der Steinzeit: Der Experimentalarchäologe Dominique Görlitz berichtet von seiner jüngsten Reise in einem nach prähistorischen Vorlagen gebauten Schilfboot, der Abora IV. Dabei mache er auch einen Abstecher nach Troja, wo ihm der archäologische Grabungsleiter berichtete, dass man vermehrt Eisenfunde in voreisenzeitlichen/vorhethitischen Schichten gemacht hatte. Ein interessantes Detail, besonders hinsichtlich des weiter unten verlinkten Vortrags.
  • 1:45:00 - Weltkarten aus der Antike: Der renommierte Kartograph Professor Manfred Buchroithner stellt in seinem Vortrag bemerkenswerte Beispiele für frühe Kartographie vor, die mitunter Überraschendes beinhalten - wie etwa eine mehr als bloß phantasievolle Darstellung der Antarktis, die lange vor der offiziellen Entdeckung des südlichsten Kontinents durch Europäer gezeichnet wurde. 
  • 3:34:40 - Neue Theorien zum Bau der Cheopspyramide / Das Eisen der Pharaonen: Ein weiterer interessanter Vortrag von Dominique Görlitz.
  • 5:04:43 - Rätselhafte Pyramiden auf den Azoren: Dominique Görlitz über pyramidale Bauten rund um den Globus als Hinweis für transatlantische Kulturkontakte lange vor Kolumbus. So weit, so bekannt - könnte man zu dieser These sagen. Doch dabei belässt es der Biogeograph Görlitz nicht, sondern er nennt weitere Indizien. Darunter archäologische Befunde wie zerhackte Sonnenblumenblätter in einem antiken römischen Parfümfläschchen; was insofern bemerkenswert ist, da die Sonnenblume nach offizieller Lesart erst im Zuge der spanisch-portugiesischen Eroberung Südamerikas nach Europa gekommen sein soll. 
  • 5:49:01 - Das Cheopsprojekt: Doku in der über den ägyptischen Pyramidenbau spekuliert wird. Dieses Filmprojekt hat Dominique Görlitz übrigens große Probleme bereitet; Er war geraume Zeit nach dem Ende der Dreharbeiten beschuldigt worden, in der Cheopspyramide eine Kartusche des mutmaßlichen Erbauers beschädigt zu haben. Im Nachhinein stellte sich der Vorwurf, der auch von einer deutschen Ägyptologin breit in den Medien befeuert wurde, als zu 100 Prozent erlogen heraus, aber Dominique Görlitz hat mit den Nachwirkungen bis heute ungerechtfertigterweise  zu kämpfen. 
  • 7:38:36 - Ägypten-Vortrag von Axel Klitzke: Absolut nicht zu empfehlen! Der Herr ist nach meinem Dafürhalten ein Zahlenschinder und Schwurbler, der mit seinem Halb- und Viertelwissen den großen Durchblicker mimt. Ich bin sicher kein Ägypten-Fachman, aber selbst ich weiß, dass plissierte bzw. fein gefältelte Stoffe archäologisch schon lange in Ägypten nachgewiesen sind. Herr Klitzke stellt es hingegen in einem seiner Vorträge so dar, als ob die Ägypter dazu nicht in der Lage gewesen wären, weshalb Statuen mit so einem Gewand besonders mysteriös und quasi nicht von dieser Welt seien. Das ist nur ein Beispiel von vielen, welches die mangelnde Kompetenz dieses Mannes belegt.

 Geschichte des Alkohols | Spieldauer 2 Minuten | BR/Youtube | Stream & Info



 Bohren im Bodensee: Hat der Klimawandel Spuren im Boden hinterlassen?  | Spieldauer 11 Minuten | BR/Youtube | Stream & Info



 Licht wie im dunkelsten Mittelalter | Spieldauer 3 Minuten | BR/ARD | Stream & Info

 Tempelstadt Naga | Spieldauer 30 Minuten | BR/ARD | Stream & Info

 Archäologische Ausgrabungen bei St. Nikolai | Spieldauer 3 Minuten | NDR/ARD | Stream & Info

 "SchUM-Städte" wollen UNESCO-Welterbe werden | Spieldauer 5 Minuten | SWR/ARD | Stream & Info

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Donnerstag, 16. Januar 2020

Krimskrams: Das unter den Teppich gekehrte Thermische Maximum des Holozän -- Juristische Posse um 3D-Scan der Nofretete-Büste -- usw.

Klima und Klimawandel: Das unter den Teppich gekehrte Thermische Maximum des Holozän

Vor einigen Tagen stieß ich auf einen interessanten, an wissenschaftlichen Forschungsergebnissen orientierter Artikel, in dem ein kritischer Blick auf die Klimageschichte des Holozän (das gegenwärtige Nacheiszeitalter) geworfen wird - mit überraschenden ErkenntnissenHier zwei kurze Zitate daraus:

„Aus der Kurve Alley (2000) [Achtung, nicht die von mir unten abgebildete Kurve ist gemeint!] ist leicht ersichtlich, dass die Temperaturen vor 10.000 bis 1.500 Jahren praktisch während des gesamten Zeitraums wärmer waren als heute, und 85% der letzten 10.000 Jahre waren wärmer als heute. Die Kurve reicht bis vor 95 Jahren, aber selbst wenn wir im letzten Jahrhundert 0,7 ° C für die Erwärmung hinzufügen, waren die Temperaturen immer noch überwiegend wärmer als heute.“ (Don Easterbrook 2013)

Die Uni Bonn hat die 2010 gewonnen Bohrkerne aus dem Vansee analysiert und konnte anhand der Pollen, Temperaturverlauf und Niederschlag „sehr genau bestimmen“. „Das Klima ist viel sprunghafter als vorher geglaubt“. Prof. Litt: „Was uns besonders überrascht hat, dass die Phasenübergänge von Kaltzeiten zu Warmzeiten offenbar sehr schnell, sehr abrupt vonstatten gingen. … innerhalb von 10 bis 20 Jahren, das Klima sich dramatisch verändert haben kann.“ O-Ton des Berichts. 
„Die ersten Untersuchungen führen in die Zeit bis vor 15.000 Jahren. Und zeigen deutlich wie schnell, trockene und feuchte, kalte und warme Perioden aufeinander gefolgt sind, ohne den Einfluss des Menschen!“ (3sat 2012)

Zum vollständigen Artikel

Wir erinnern uns an die medial kolportierte These: Die derzeitige Warmzeit sei nicht nur wegen ihrem angeblich starken Temperaturanstieg außergewöhnlich, sondern auch wegen der Geschwindigkeit, mit der dieser in den letzten 150 Jahren vonstatten ging. Wie passt das zu den obigen Forschungsergebnissen - die übrigens nicht singulär sind? Gar nicht, würde ich meinen. Siehe auch die nachfolgende Grafik, die den Klimawandel der letzten 10000 Jahre anhand von wissenschaftlichen Untersuchungen/Proxydaten in meiner Heimat Österreich visualisiert. Die hier dargestellten Warm- und Kaltzeiten finden sich natürlich in ähnlicher Form auch global wieder. Die entsprechenden Informationen sind online leicht zu finden. Der an den Themen Klima und Klimawandel ernsthaft Interessierte muss nur wollen, woran es freilich sehr oft scheitert.
Natürliche Klimaschwankungen in den österreichischen Zentralalpen während der vergangenen 10.000 Jahre, rekonstruiert auf Basis von Sauerstoffisotopenschwankungen (δ18O) von Tropfsteinen der Spannagelhöhle. Einheit in Promille der Sauerstoffisotope. Daten von Fohlmeister et al. 2012, heruntergeladen von NOAA National Climatic Data Center. | via klimawandel-in-oesterreich.at

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Juristische Posse um 3D-Scan der Nofretete-Büste

Hier wird eindrücklich berichtet, dass ein mit Steuergeld gepäppeltes Museum in Berlin sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hat, hochauflösende Bilddaten eines 3D-Scans der berühmten Nofretete-Büste frei zugänglich zu machen.
Unter anderem wurde von den Vertretern des Museums rechtfertigend erklärt, die Rechte an den besagten 3D-Daten würden zur Finanzierung des Museums beitragen. Was sich allerdings als an den Haaren herbeigezogene Schutzbehauptung herausstellte, da die im Verlauf von einigen Jahren daraus tatsächlich generierten Einnahmen von nicht einmal 5000 Euro geradezu absurd wenig sind.

Mich erinnert dieser Fall an das knuffige Alamannenmuseum Ellwangen, wo zurzeit ein mittelalterlicher Münzschatz ausgestellt wird, über dessen Unterschlagung durch Metallsucher man sich zwar einerseits mehrfach öffentlich echauffiert hat, weil doch der Schatz angeblich der Allgemeinheit gehört, man andererseits aber dieser Allgemeinheit verweigert, Fotos von besagtem Schatz zu machen. Diese Vorgehensweise ist - laut Museumsdirektor auf Facebook - primär auf dem Mist jener staatlichen Stellen gewachsen, die als Eigentümer des Schatzes auftreten (ob freilich das Museum versucht hat, sich dagegen zu wehren, ist nicht bekannt). Auch hierbei handelt es sich demnach um das anmaßende Gebaren eines Obrigkeitsstaates, dessen Vertreter es wohl insgeheim genießen, den sie finanzierenden Steuerzahler mit unsinnigen Verboten zu gängeln. Als alternative Erklärung kommt eigentlich nur noch simple Blödheit infrage. 

Dass es besser bzw. bürgernäher geht, zeigen z.B. das Archäologiemuseum und Münzkabinett Schloss Eggenberg in meiner Heimatstadt Graz, wo der Besucher (ohne Blitzlicht) fotografieren darf so viel er mag: Siehe hierhier und hier.
Mein persönliche Haltung ist mittlerweile ohnehin die: Darf ich nicht fotografieren, besuche ich ein Museum nicht. 

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Post einer Leserin

Eine Leserin schickte mir einen Artikel aus der Steiermark-Ausgabe der Kronenzeitung vom 14. Jänner 2020, der geeignet ist, niedrigen Blutdruck zu kurieren: Darin heißt es:

Neues Projekt an steirischer Hochschule: Hygieneartikel jetzt gratis.

Seit Montag ist die Universität Graz die zweite Hochschule in Österreich, die für Studentinnen kostenlos Monatshygieneprodukte zur Verfügung stellt. Nachhaltige Tampons und Binden finden sich auf sechs Toiletten am Campus in Spendern. Finanziert wird die Aktion von der Universität. Beschlossen wurde das vom "Verband Sozialistischer Student_innen in Österreich" eingebrachte Projekt einstimmig von der Grazer Hochschülerschaft. "Menstruieren darf kein Luxus sein", sagt die stellvertretende ÖH-Vorsitzende Viktoria Wimmer (Grüne & Alternative Student_innen) dazu.

Was ich davon halte, wollte die Leserin wissen. Nun ja, ich will es mal so formulieren, dass es thematisch zum Blog passt: Solange dergleichen mit Steuergeld möglich ist, möchte ich kein Wort davon hören, dass unsere Hochschulen angeblich unterfinanziert sind. Und wenn der Denkmalschutz/die Archäologie das nächste Mal wieder über zu wenig Geld jammert, dann sollten die Verantwortlichen einen Blick auf solche Ideologie-Projekte, von denen es unzählige gibt, werfen. Dort werden die Finanzmittel versenkt, die dann an anderer bzw. sinnvollerer Stelle fehlen.


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Weitere interessante Themen:


Dienstag, 14. Januar 2020

📽️ Videos: Doku über Living History -- Kontroverse zur Himmelsscheibe von Nebra -- usw.



 Zurück in die Vergangenheit - Doku über Living History(-Handwerk) | Spieldauer 28 Minuten | SR/ARD | Stream & Info
An sich eine ganz gute Doku, bei der viele mir bekannte Namen oder Gesichter dabei sind - z.B. die Autoren Christian Eckert und Edgar Comes (Gladiatoren-Kochbuch, Römer-Kochbuch). Letzterer erklärt, dass er sich über all den Blödsinn in Römer-Dokus "schwindlig lacht" - was ich und sicher auch viele Leser dieses Blogs nur allzu gut nachempfinden können.
Ich sehe in der Doku allerdings auch wieder einmal einige Vertreter aus der Living-History-Handwerkerzunft, die mich mit ihrem unprofessionellen Verhalten fast wahnsinnig gemacht haben. Erstaunlich für mich ist, dass die immer noch ihr Unwesen treiben und sogar an dieser Reenactmentmesse mit angeblich hohen Ansprüchen teilnehmen dürfen. 

 Kontroverse: Woher kommt die Himmelsscheibe von Nebra wirklich? | Spieldauer 78 Minuten | Youtube | Stream & Info
Schon der Archäologe Raimund Karl hat sich in seinem Gastbeitrag hier kritisch zu Harald Mellers jüngster Himmelsscheiben-Theorie geäußert. Ein weiterer (Ex-)Archäologe macht das in obigem Video, obschon seine Kritik nicht in die gleiche Richtung geht. Ich persönlich stehe dem Thema Himmelsscheibe neutral gegenüber und kann dazu eigentlich sowohl Mellers Argumentation wie auch der seiner Kritiker etwas abgewinnen.

 Das DAI Athen – Projekte, Personen, Perspektiven. Teil 3 - Samos | Spieldauer 5 Minuten | Youtube | Stream & Info

Das DAI Athen – Projekte, Personen, Perspektiven. Teil 4 - Kalapodi | Spieldauer 5 Minuten | Youtube | Stream & Info

 Das DAI Athen – Projekte, Personen, Perspektiven. Teil 5 - Tiryns | Spieldauer 5 Minuten | Youtube | Stream & Info

 Das verschwundene Schloss von Wolgast | Spieldauer 3 Minuten | NDR/ARD | Stream & Info

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Sonntag, 12. Januar 2020

🎧 Hörbares: Das Kolosseum -- Theophanu, Kaiserin im römisch-deutschen Reich -- Die Jungsteinzeit und das Ende der egalitären Phase -- Archäologie-Hunde -- usw.



 Das Kolosseum - Ein Bau für Blut, Brot und Spiele | Spieldauer 23 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download
Zum Kolosseum habe ich hier schon einmal ein interessantes Buch besprochen, in dem der Autor das Bauwerk anhand durchaus spannender Indizien wesentlich früher als üblich datiert.

 Theophanu - Kaiserin im römisch-deutschen Reich | Spieldauer 22 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

 Jungsteinzeit - Ende der egalitären Phase | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download
Ich halte das z.T. für naiven Unsinn, der auf Einflüsse aus der jüngeren marxistischen Geschichtsforschung schließen lässt. Hierarchien wird es immer schon in menschlichen Gemeinschaften gegeben haben - schließlich gibt es sie auch bei unzähligen Tieren wie etwa den mit uns relativ eng verwandten Menschenaffen. Will heißen, das Errichten von Hierarchien ist ein biologisch determiniertes Verhalten. Gerade Archäologen sollten wissen, dass z.B. Grabbeigaben u.ä. nicht zwangsläufig ein Spiegelbild der Lebensrealität darstellen. Hierarchien bzw. Standesunterschiede können im Alltag unserer Vorfahren auch subtiler zum Ausdruck gebracht worden sein als etwa über das Tragen von protzigem Schmuck usw.

 Im Bann des Mondes - Archaische Mythen und Religionen | Spieldauer 23 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

 Der Stern von Bethlehem - Wegweiser des Himmels | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

 Frau Perchta - Die uralte Göttin zwischen den Jahren | Spieldauer 24 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

 Ungewollt schwanger um 1700 - Katharina Hochstrasser | Spieldauer 23 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

 Bewahrung des Kulturerbes im Jemen - Kollegiale Unterstützung im Krieg | Spieldauer 7 Minuten | DF/ARD | Stream & Info | Direkter Download

 Archäologen entdecken das älteste Hochhaus in Afrika | Spieldauer 6 Minuten | WDR/ARD |  Stream & Info | Direkter Download

 Ein Hund als Archäologe: Die perfekte Spürnase für Ausgrabungen | Spieldauer 5 Minuten | DF/ARD |  Stream & Info | Direkter Download

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Freitag, 10. Januar 2020

⛏️ Mythen der Archäologie: Raubgräber-Problematik vs. Fakten



Unbequeme Zahlen

Die von rechtswidrig agierenden Metallsuchern bzw. sogenannten 'Raubgräbern' verursachten Schäden an Bodendenkmälern sind in einzelnen Fällen überaus ärgerlich. Doch wie ist die Situation insgesamt zu bewerten? Der Archäologe Raimund Karl hat sich damit näher auseinandergesetzt und kommt zu einem Ergebnis, das viele, die lediglich die populäre Lesart kennen, überraschen wird.

Allerdings lassen sich die hauptsächlichen Gefahren, die archäologischen Hinterlassenschaften im Boden drohen, in Bezug auf ihre relative Eintrittswahrscheinlichkeit durchaus auf einige wenige beschränken, die daher besonders beachtet werden müssen. Die höchste Eintrittswahrscheinlichkeit haben dabei wohl zumeist durch natürliche Faktoren verursachte Gefahren, insbesondere durch die Bioturbation des Bodens durch Vegetation und bodenbewohnende Tiere und durch Bodenerosion oder andere natürliche Verfallsprozesse verursachte; und/oder von der landwirtschaftlichen Nutzung ausgehende Gefahren (siehe dazu z.B. auch Hebert 2018, 85). In Summe liegt die Eintrittswahrscheinlichkeit dieser Gefahren in der Regel bei etwa 75% oder höher. Erst weit abgeschlagen danach kommen Gefahren, die von der Forst- und Bauwirtschaft ausgehen, die in Summe meist nicht mehr als ca. 15% aller Schäden an archäologischen Denkmalen verursachen (Trow 2010, 21 tab. 1.1). Die Eintrittswahrscheinlichkeit aller anderen Gefahren – inklusive der von Raub- oder professionellen archäologischen Ausgrabungen ausgehenden Gefahren, die jeweils weit weniger als 1% aller Schäden an archäologischen Denkmalen verursachen dürften – ist um ein Vielfaches geringer, die der meisten anderen Gefahren vernachlässigbar gering.

[...] man schützt die verborgenen Denkmale nicht vor den weit größeren Gefahren, die ihnen – bei Durchschnittsfallbetrachtung vollkommen vorhersehbarerweise – durch Handlungen drohen, bei denen – im Einzelfall – der konkrete Schadenseintritt nicht vorhersehbar und auch nicht bemerkbar ist. Man schützt sie stattdessen nur vor vergleichsweise vernachlässigbaren und – im Einzelfall – auch nicht konkret, sondern bestenfalls hypothetisch, vorhersehbaren Schadensfällen durch Handlungen, die – bei Durchschnittsfallbetrachtung vorhersehbarerweise – zumeist weitestgehend harmlos sind. Echter Denkmalschutz ist das nicht, sondern eher eine weitgehend sinnlose Alibihandlung, die dazu dient, davon abzulenken, dass man den tatsächlich entstehenden, massiven Schaden nicht verhindern kann.

Zum vollständigen Artikel

Nicht einmal 1 Prozent der Schäden an der im Boden schlummernden Archäologie wird demnach von garstigen Metallsuchern hervorgerufen. Diese Zahl muss sich der geneigte Leser erst einmal auf der Zunge zergehen lassen, denn die oft emotionsgeladene Kritik an Metallsuchern steht dazu in keinem adäquaten Verhältnis. Vielmehr scheint das öffentlich zelebrierte Gezeter eine aus einem Ohnmachtsgefühl heraus geborene 'Ersatzhandlung' von Bodendenkmalpflegern und ihren gutmeinenden Groupies zu sein.
Weil der Denkmalschutz gegen die Hauptfaktoren, welche für die weitaus größten Schäden an Bodendenkmälern verantwortlich sind, de facto nichts unternehmen kann, reagiert er sich an jener Personengruppe ab, die am greifbarsten zu sein scheint (obschon mir vereinzelt auch geradezu unfreiwillig komische Aufrufe von Archäologen bekannt sind - so in der Art: Landwirte, pflügt bitte nicht so tief).

Menschlich betrachtet ist dieses Verhalten sogar verständlich, allerdings trägt es kaum zur Glaubwürdigkeit der denkmalschützerischen Argumentation bei. Dementsprechend sollte es niemanden verwundern, dass die entsprechenden Gesetze oft nicht befolgt werden und die 'Täter' sich dabei überdies im moralischen Recht wähnen. Oder anders formuliert: Hinsichtlich der Gesetzesbefolgungspsychologie macht sich der staatliche Denkmalschutz mit seinen stalinorgelhaften Attacken auf Metallsucher, unter bewusster Aussparung wesentlich gravierenderer Faktoren, völlig unglaubwürdig. Leider dürfte das Ausmaß der Vernageltheit längst eine Größenordnung erreicht haben, bei der die Verantwortlichen nicht einmal mehr das Brett vorm eigenen Kopf bemerken. Die überaus wichtige großflächige Einbindung von Metallsuchern in die archäologische Arbeit ist bei solchen Rahmenbedingungen - zu denen mitunter auch unfaire Enteignungsschatzregale und schikanöse Regelungen wie fest zugeordnete Suchgebiete gehören - nur unzureichend bis überhaupt nicht möglich.


Opportunismus, Ablenkungsmanöver und Mythen

Raimund Karl gibt in seinem Text auch den interessanten Hinweis, dass das überzogene Metallsucher-Bashing nicht zuletzt mit dem vorherrschenden Zeitgeist zu tun hat. Dieser gehe nämlich in die Richtung, dass Archäologen zunehmend weniger gerne invasiv arbeiten bzw. ausgraben - was ja zwangsläufig mit (kontrollierter) 'Zerstörung' einhergeht - sondern lieber 'konservieren' und sozusagen über Bodendenkmäler Buch führen. Dahinter steckt der gezielt auch öffentlich kommunizierte Gedanke, archäologische Objekte unbeschadet zukünftigen Forschergenerationen überlassen zu wollen, die, so zumindest lautet die Hoffnung, über signifikant bessere wissenschaftliche "Werkzeuge" verfügen könnten, als dies heute der Fall ist.

Auf den ersten Blick scheint das eine kluge bzw. vorausschauende Vorgehensweise zu sein - aber eben wirklich nur auf den ersten. Die Wahrheit sieht nach meinem Dafürhalten eher folgendermaßen aus: Der Denkmalschutz ist massiv unterfinanziert; er kann es sich also immer weniger leisten, aktive Archäologie zu betreiben. Da der Denkmalschutz gleichzeitig in staatlicher Hand ist, neigen die staatlich besoldeten bzw. von staatlichen Aufträgen abhängigen Archäologen dazu, die Politik für die unerquicklichen Zustände nicht allzu deutlich zu kritisieren. Dabei wäre genau das ihre Aufgabe, würde ihnen unsere Vergangenheit wirklich so sehr am Herz liegen wie sie z.B. gerne im Rahmen ihrer schrillen Metallsucher- und Raubgräberkritik behaupten. Wir haben es hier also mit einem der eigenen Karriere geschuldeten Duckmäusertum zu tun. Weil sie sich dessen insgeheim durchaus bewusst sind, reden sich die Verantwortlichen nun ihr eigenes Verhalten schön, indem sie die nichtinvasive Archäologie zum Maß aller Dinge erklären - obschon diese doch vergleichsweise erkenntnisarm ist. Sie perpetuieren aus demselben Grund - gestützt auf ihre universitär beurkundete Bescheidwisserschaft - den ranzigen Mythos vom Erdboden als hervorragendem Aufbewahrungsort für archäologische Objekte.

Wer sein Oberstübchen nicht völlig auf Durchzug geschalten hat, wird sich allerdings sofort an die oben aufgezählten Einflüsse erinnern, die den besagten Objekten stark zusetzen. Zeit ist daher ein wichtiger Faktor bei ihrer Rettung sowie der damit einhergehenden, noch wesentlich wichtigeren wissenschaftlichen Auswertung. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die vom herrschenden Ökologismus seit einigen Jahren zu verantwortende Ausweitung von Ackerflächen (Stichwort 'Biogas' bzw. 'Biosprit') führt dazu, dass viele Wiesen, die Jahrtausende lang von aggressivem Dünger und tiefem maschinellem Pflügen verschont geblieben sind, hinsichtlich der im Boden schlummernder Archäologie nun plötzlich arg in Mitleidenschaft gezogen werden.


Das Fazit

Kein Mensch braucht staatliche Denkmalschützer und staatsnahe Archäologen, die nicht ausgraben, sondern sich immer stärker aufs bloße Buchführen verlegen. Diese Nomenklatoren der Macht, die es sich angewöhnt haben, in vorauseilendem Gehorsam der Politik lieber genehme, statt ehrlichen Antworten zu geben, richten mit ihrem Opportunismus größeren Schaden an, als es die von ihnen viel gescholtenen Metallsucher je könnten. Mehr noch: Wer mit dem Balken im Auge den Splitter beim anderen sucht, darf sich nicht wundern, wenn man ihn einen Heuchler nennt.