Fliegende Scheiben - Wirklichkeit
Schon 1942 wurde an Rotations- und Turbofliegern gearbeitet
Es läßt sich auf keinen Fall mehr abstreiten, daß die Sache mit den „Fliegenden Untertassen“, die seit geraumer Zeit das öffentliche Interesse mehr und mehr auf sich lenkt, auf ganz handfesten Tatsachen beruht. Den Tageszeitungen der verschiedensten Länder sind Beobachtungsberichte zu entnehmen, die kaum mehr mit dem Hinweis auf Massensuggestion abgetan werden können. So wird unterm 27. März eine durch Augenzeugen belegte Meldung aus Riva gebracht, daß in der nördlichen Gegend des Gardasees in drei verschiedenen Fällen fliegende Scheiben beobachtet wurden, die sich stundenlang, scheinbar ohne Bewegung in der Höhe des Monte Baldo hielten und dann blitzartig verschwanden. Ähnliche Meldungen liegen aus Livorno vor, wo sich die Erscheinung sogar alle zwei Stunden wiederholte. Es wird in italienischen Blättern darauf hingewiesen, daß die erste Konstatierung solcher Flugscheiben in der letzten Zeit in Westösterreich, in der Nähe von Bludenz festgestellt wurde. Weitere Erscheinungen wurden sowohl in Berlin wie in Addis Abeba, aber auch in Argentinien und Columbien beobachtet. Das allgemeine Kopfzerbrechen darüber hat dazu geführt, daß sogar die Meinung auf- tauchte, man habe es mit astronomischen Phänomenen zu tun und man wird vermutlich am kommenden 1. April nicht lang nach den Photographien der Marsleute zu suchen haben, die als Besatzung solcher fliegender Scheiben von findigen Journalen den Lesern vorgelegt werden.
Trotzdem scheint dieses bisher etwas fragwürdige Kapitel der Ge- schichte menschlicher Erfindungen aus dem Reiche Jules Vernescher Phantasien in das der Wirklichkeit zu übersiedeln: Die große französi- sche Zeitung ,,Le Monde" veröffentlicht Erklärungen des berühmten italienischen Ingenieur Giuseppe Beluzzo, eines Turbinenspezialisten, der ehemals unter Mussolini Minister war. Der heute 63-Jährige bestätigt in einem Artikel des ,,Giornale d'Italia", daß Flugmaschinen aus Ultra-Leichtmetallen in Scheibenform schon im Jahre 1942 in Italien und Deutschland ausgearbeitet wurden, die imstande waren, je eine Bombe bis zu 5000 Kilo zu tragen (Anm.: Beluzzos Ausführungen sollen angeblich die Grundlage für den späteren Mythos der sogenannten "Reichsflugscheiben" sein). Der bekannte Techniker beschreibt diese Scheiben als Maschinen, die eine Dicke von zirka zwei Metern und einen Durchmesser von zehn Metern haben. Sie tragen zwei große Turbinen, die im gegenläufigen Sinn operieren. Es ist bisher nicht bekannt geworden, welche Staaten die weitere Fortbildung solcher Maschinen übernommen haben, aber die jüngsten Beobachtungen mexikanischer Flieger besitzen insofern einen besonderen Wert, als sie in der Nähe des amerikanischen Staates Neu-Mexiko gemacht wurden, von dem bekannt ist, daß dort ähnliche Versuche mit fliegenden Groß-Projektilen unternommen wurden.
Nun zur technischen Angelegenheit. Seit über 50 Jahren ist den Physikern der sogenannte „Magnuseffekt" bekannt, wonach ein rotierender Zylinder in bewegter Luft nach derjenigen Seite abzuweichen pflegt, die im Sinne der Drehrichtung rechtwinklig zum Einfall der Luftbewegung steht. Die Entdeckung dieses Effektes führte zunächst dazu, daß die Geschoßläufe von Gewehren und Kanonen mit einem Drall versehen wurden, um den Projektilen eine überaus rasche Rotationsbewegung zu verleihen, die sie befähigt, während des Durcheilens der Bahn Windbewegungen automatisch zu kompensieren. In späterer Zeit hat der sogenannte Flettnersche Rotor, an den sich manche Leute noch erinnern werden, Aufsehen gemacht. An Stelle eines Segels waren da auf kleinen Booten zwei große rotierende Zylinder montiert, die den Magnuseffekt zur Fortbewegung des Schiffes ausnützten. Viel ist aus der Geschichte nicht geworden, weil man ja auch mit einem gewöhnlichen Segel nicht viel schlechtere Ergebnisse zustande brachte. Heute, da die Technik so weit fortgeschritten ist, rotierenden Massen ungeheure Geschwindigkeiten zu verleihen, ist die Sache schon anders. Man hat es auf diese Weise in der Hand, den Magnuseffekt dazu zu benützen, auf der oberen Seite einer fliegenden Scheibe Luftverdünnungen zu schaffen, die Luftverdichtungen auf der unteren entsprechen und so gegen die Schwerkraft wirken können. Dazu kommt aber noch der bekannte Kreiseleffekt, der bei rascher Rotation der gesamten Scheibe dieser eine beträchtliche Stabilität im Sinne der Waagrechten verleiht, so daß ein Abrutschen unmöglich ist. Schließlich ist ja auch bei modernen Flugmaschinen von der Art des Hubschraubers das Problem der Schaffung eines luftverdichteten Polsters unterhalb der Flugmaschine zu lösen gewesen.
Nach gewissen Feststellungen dürften die modernen Flugmaschinen in Scheibenform nicht nur mit großen Turbinen, die zur Erreichung der Tragfähigkeit benützt werden, ausgestattet sein, sondern es sind auch, eine Reihe von kleineren Turbinen kreisförmig angeordnet, die der Flug- scheibe je nach Wunsch eine Beschleunigung in irgend einer beliebigen seitlichen Richtung verleihen können. Auf diese Weise erklärt sich auch die ungeheure Wendigkeit der neuen Maschinen, von der die meisten Beobachtungen zu erzählen wissen.
,,Le Monde" frägt, von welchem Lande wohl die fliegenden Scheiben aufgestiegen sein könnten, die den Himmel von Marokko, Portugal, Italien oder Argentinien unsicher machen. Wenn schon nach den Plänen von 1942 die Reichweite solcher Maschinen mit 5000 Kilometer angegeben war, meint diese Zeitung, so sei es nicht unwahrscheinlich, daß die von heute von einem Kontinent auf den andern mit Leichtigkeit hinüber wechseln könnten. Man braucht sich aber auch nicht wundern, daß solche Maschinen bisher von keinem Aeroplan ,,alten Stils" erwischt werden konnten, wenn man in Rechnung zieht, daß die Bewegung der fliegenden Scheiben, wenn nötig, bis zur Ultraschallgeschwindigkeit gesteigert werden kann.
Ob solche Maschinen bemannt oder ferngesteuert sind, geht aus keinem der zur Zeit vorhandenen Kommentare mit Deutlichkeit hervor. Fast möchte man Letztere annehmen, obwohl nichts dagegen spricht, daß menschliche Insassen einer Flugmaschine eine Geschwindigkeit ertragen, die über die des Schalles hinausreicht. Der Geschwindigkeit, mit der sich ein entsprechend geschützter menschlicher Organismus durch den Raum bewegen kann, ist nämlich kaum ein Ziel gesetzt. Ganz anders verhält es sich jedoch mit der Beschleunigung, also der Geschwindigkeitszunahme, mit der solche Riesengeschwindigkeiten erreicht werden. Hier verträgt der Mensch, wie jeder Sturzflieger aus eigener Erfahrung weiß, nur beschränkte Grenzen. Und somit läßt das überaus rasche Verschwinden, das von den Beobachtern ,,Fliegender Scheiben" fast immer gemeldet wurde, wohl den Schluß zu, daß es sich zur Zeit hier noch um unbemannte, entweder automatisch gesteuerte oder ferngelenkte Flugmaschinen handeln dürfte.