Freitag, 24. Januar 2020

📖 Buch: Ungelöste Rätsel der Entdeckergeschichte - Kam Kolumbus 15.000 Jahre zu spät?

Indizien für vorgeschichtliche Hochseefahrt und Kartographie?

Der Biogeograph Dominique Görlitz ist ohne jeden Zweifel einer der abenteuerlustigsten und ambitioniertesten Experimentalarchäologen weltweit. Das belegen seine Hochseefahrten in den Nachbauten vorgeschichtlicher Schilfboote, mit denen er immer wieder für einiges Aufsehen sorgt. Siehe etwa sein jüngstes Unternehmen mit dem Schiff Abora 4 (Video), zu dem er mir im Vorfeld ein ausführliches Interview gegeben hat.

Görlitz, der mit seinen Seefahrtsexperimenten in der Tradition des legendären  Thor Heyerdahl steht, forscht schwerpunktmäßig zu vorgeschichtlichen Kulturkontakten über die Ozeane hinweg. Die dahinter stehende Theorie wird in der arrivierten Wissenschaft überwiegend mit Skepsis betrachtet. Dass diese jedoch keinesfalls aus der Luft gegriffen ist, dokumentiert Dominique Görlitz nicht nur auf dem Feld der Experimentalarchäologie, sondern auch durch das Vorlegen entsprechender Indizien in Form von historischen Quellen. Fünf Beispiele stehen im Zentrum des Buchs "Ungelöste Rätsel der Entdeckergeschichte" (2. Auflage):
  • Ein 1903 in El Castillo (Spanien) entdecktes, rund 14.000 Jahre altes Felsbild, auf dem der Kanaren-Golfstrom und weitere für die Hochseefahrt bedeutende Details wie vorherrschende Windrichtungen wiedergegeben worden sein könnten. Ich persönlich halte diese Deutung zwar für etwas gewagt, allerdings erscheint sie mir immer noch glaubwürdiger als die offiziöse Interpretation der Darstellung, die mit ihren "männlichen und weiblichen Zeichen" erst recht wie an den Haaren herbeigezogen wirkt. Mich erinnert der immer wieder anzutreffende Zwang in der Felsbildforschung, an allen Ecken und Enden Geschlechtliches herauszulesen, an das Freud zugeschriebene Zitat: "Manchmal ist ein Zigarre eben nur eine Zigarre". 😉
  • Die Waldseemüller-Karte aus dem Jahr 1507, in der mit dem ptolemäischen Weltbild gebrochen wird. Dementsprechend hat der Kartograph hier den Umfang der Erde wesentlich größer bzw. realistischer angenommen (ganz im Sinne des antiken Gelehrten Eratosthenes, der im Gegensatz zum wesentlich später geborenen Claudios Ptolemäus den Erdumfang bereits annähernd richtig berechnet hatte, dem aber die entsprechende Nachwirkung versagt blieb); zwischen dem amerikanischen Doppel-Kontinent und Asien/Indien wurde nun ein großer Ozean einfügt (Kolumbus und viele seiner Zeitgenossen meinte ja, das neu entdeckte Land - also Amerika - wäre bloß ein Teil von Asien/Indien). Dieser Ozean - konkret handelt es sich um den Pazifik - wurde nach offizieller Lesart allerdings erst 1513 von Balboa entdeckt. Görlitz stellt deshalb die Möglichkeit in den Raum, dass dem Kartographen Waldseemüller ältere Quellen bekannt waren, in denen der bis ganz in den Norden hinaufreichende Pazifik bereits erwähnt wird. Wobei ich einwenden möchte, dass den Spaniern von Eingeborenen durchaus schon sehr früh Gerüchte über einen großen Ozean im Westen zugetragen worden sein konnten, diese aber von den Kartographen in Europa nicht geglaubt wurden - ausgenommen eben von Matthias Waldseemüller. 
  • Die 1929 in türkischen Archiven wiederentdeckte, aber nicht vollständig erhaltene Piri-Reis-Karte aus dem Jahr 1513. Auf ihr wurde der Teil einer gerne als Antarktis interpretierten Landmasse dargestellt; ein Kontinent also, der offiziell eigentlich erst Jahrhunderte später von Europäern entdeckt und daraufhin nach und nach kartographiert worden ist. Ob nun die Deutung als Antarktis wirklich zutrifft (Kartographie-Experten der US Air Force waren schon vor rund 60 Jahren davon überzeugt) ist vielleicht weniger bedeutend als das auf der Karte enthaltene Verzeichnis, in dem jene Quellen genannt werden, die dem Kartenzeichner als Grundlage dienten. Darunter befinden sich mehrere mittlerweile verschollene Schriften - besonders interessant ist aber die Erwähnung eines antiken Buchs, das Kolumbus angeblich verwendete. In besagtem Buch soll er z.B. den Hinweis gefunden haben, dass die Völker im Westen Glasperlen sehr zu schätzen wüssten, woraufhin er diese als Tauschobjekte mitnahm. Inder können hier allerdings kaum gemeint gewesen sein, sondern eher die auf dem dazwischenliegenden amerikanische Doppel-Kontinent lebenden Menschen, welche auf einer niedrigeren Kulturstufe standen und deshalb für solchen Nippes noch eine gewisse Begeisterung aufbringen konnten. Die erwähnten Glasperlen - so Görlitz - deuten deshalb darauf hin, dass man in der Antike bereits von Amerika gewusst haben könnte.
  • Die Finaeus-Karte aus dem Jahr 1531. Auch auf dieser Karte ist die Antarktis abgebildet. Allerdings in einer bereits relativ detaillierten Form, die es meiner Ansicht nach fragwürdig erscheinen lässt, dass es sich hier um ein rein aus der Fantasie entstandenes Konstrukt handelt, welches lediglich auf Grundlage philosophischer Überlegungen eingefügt worden ist (will heißen: das Herstellen eines Gleichgewichts der Erde durch ausreichende Landmassen auch auf der Südhalbkugel).
  • Der Gothaer Marmor-Globus von 1533 ist das wohl bedeutendste Indiz für eine ausgedehnte Hochseefahrt lange vor der modernen Entdecker-Ära eines Kolumbus. Denn erstens ist die Antarktis darauf in einer Form dargestellt, die es definitiv ausschließt, dass der Hersteller des Globus keine konkreten Informationen zum südlichsten Kontinent vorliegen hatte (siehe Bild). Und zweitens befindet sich auf dem Globus möglicherweise die Darstellung eines frühdynastischen ägyptischen Schiffes - welches als Hinweis gedeutet wird, dass der Globenbauer seine Kenntnisse über die Antarktis einem sehr alten ägyptischen Text mit entsprechender Schiffsabbildung entnommen hatte, der - auf welchem Weg auch immer - nach Europa gelangt war. 
In schwarzer Farbe die tatsächliche Form der Antarktis und in oranger Farbe darübergelegt der Umriss ihrer Darstellung auf dem Marmorglobus von Gotha (1533). Auch wenn die große 'Landzunge' links fehlt, so ist offensichtlich, dass der Hersteller des Globus über konkrete Informationen zum südlichsten Kontinent verfügt haben muss. Die auftretenden Unstimmigkeiten bewegen sich im Rahmen dessen, was in der Kartographie dazumal üblich war - zum Vergleich betrachte man etwa frühe Darstellungen des amerikanischen Doppel-Kontinents. | Quelle: "Ungelöste Rätsel der Entdeckergeschichte - Kam Kolumbus 15.000 Jahre zu spät?" | mit freundlicher Genehmigung von Dominique Görlitz

Fazit: Anders als in meiner obigen verkürzten Aufzählung werden von Dominique Görlitz natürlich wesentlich mehr Details berücksichtigt, die seiner Meinung nach auf Hochseefahrt, Kartographie und transatlantische Kulturkontakte in der Vorgeschichte hindeuten. Seine Ausführungen sind allgemein verständlich und berücksichtigen dabei viele nützliche Grafiken und Karten. Insgesamt handelt es sich beim vorliegenden Buch daher um eine gelungene Einführung in ein zwar nicht unumstrittenes, aber überaus spannendes Themengebiet, auf das einzulassen sich definitiv lohnt. Mich hat nicht jedes Indiz überzeugt, aber einiges spricht doch sehr dafür, dass jenes Paradigma, welches die großen Ozeane zu unüberwindbaren Hindernissen für unsere vorgeschichtlichen Vorfahren erklärt, dringend einer umfangreichen Revision unterzogen werden sollte - siehe dazu auch die unten verlinkten Videos.


Montag, 20. Januar 2020

📚 Hiltibolds aktuelle Leseliste: Ungelöste Rätsel der Entdeckergeschichte -- Die Weltkarten der alten Seefahrer



Ungelöste Rätsel der Entdeckergeschichte: Kam Kolumbus 15.000 Jahre zu spät? | Dominique Görlitz | Verlag Ancient Mail | 2017 | 96 Seiten | Preis: 16,80 Euro | Infos bei Amazon
In diesem Buch legt der Experimentalarchäologe und Biogeograph Dominique Görlitz (siehe auch mein Interview mit ihm) Indizien vor, welche seiner Meinung bezeugen könnten, dass transatlantische Kulturkontakte und die damit verbundene Kartographie bereits lange vor Kolumbus stattfanden. Ein sicher nicht unumstrittenes, aber gleichzeitig auch spannendes Themenfeld. In dem Zusammenhang sei auch noch einmal auf diese Videos verwiesen.

➽ Die Weltkarten der alten Seefahrer: Beweise für eine Hochkultur in vorgeschichtlicher Zeit | Dominique Görlitz | Kopp Verlag | 2018 | 368 Seiten | Preis: 19,99 Euro | Infos bei Amazon
Wie Dominique Görlitz hat sich - allerdings schon viele Jahrzehnte davor - der Geschichtsprofessor Charles Hapgood unter einigem Rechercheaufwand mit der Möglichkeit antiker Seefahrten bis nach Amerika und in die Antarktis beschäftigt. Indizien für seine These sind alte Seekarten.
Die arrivierte Wissenschaft scheut sich vor diesem Thema, vielleicht auch deshalb, weil Erich von Däniken darauf ausgiebig herumgeritten ist und in einigen seiner Bücher wilde Spekulationen dazu geäußert hat; konkret bringt er hier wieder einmal Alien-Einflüsse ins Spiel. Mich lässt das aber kalt, im Gegenteil, nun wollte ich endlich wissen, was Hapgood tatsächlich recherchiert hat. Daher habe ich mir diese neu aufgelegte Ausgabe besorgt (gleich vorweg, mit Aliens hatte Hapgood absolut nichts am Hut).
Übrigens, hier hat jemand das Buch erst vor wenigen Wochen aus einem eher ungewöhnlichen Blickwinkel besprochen: Nämlich aus dem der kritischen Klimaforschung.

Ausführliche Rezensionen zu den obigen Büchern folgen hier in den kommenden Wochen.

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Sonntag, 19. Januar 2020

🎧 Hörbares: Vulkanausbruch 44 v. Chr. -- Erster Asterix-Comic -- Wie die Bronzezeit nach Mitteleuropa kam -- usw.



 Vulkanausbruch 44 v. Chr. - Der Ätna sorgte für Hungersnöte von Ägypten bis China | Spieldauer 4 Minuten | DF/ARD | Stream & Info | Direkter Download

 29.10.1959: Der erste Asterix-Comic erscheint | Spieldauer 4 Minuten | WDR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

 Auf der Spur der Römer | Spieldauer 2 Minuten | WDR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

 Stadtarchäologen Andreas Schaub über seltene Funde in Aachen | Spieldauer 7 Minuten | WDR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

 Ursprünge der Kalender und Monatsnamen | Spieldauer 5 Minuten | WDR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

 Wie die Bronzezeit nach Mitteleuropa kam - Dolche, Beile, Gräber | Spieldauer 25 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

 Ein Stück Menschheitsgeschichte: Über das Würzen von Speisen - Der Löwe frisst die Antilope pur | Spieldauer 28 Minuten | DF/ARD | Stream & Info | Direkter Download

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Freitag, 17. Januar 2020

📽️ Videos: Der Vergangenheit auf der Spur -- Geschichte des Alkohols -- Bohren im Bodensee -- Tempelstadt Naga



 Der Vergangenheit auf der Spur | Spieldauer 609 Minuten | Youtube | Stream & info
Hierbei handelt es sich um den Link zu einem über zehnstündigen Live-Stream, dessen URL interessanterweise immer noch funktioniert, obwohl das Video offiziell gar nicht auf Youtube frei zugänglich zu sein scheint. Darin enthalten sind u.a. einige interessante Vorträge, die bisher nur ausschnittsweise veröffentlicht wurden. Ich picke hier die aus meiner Sicht sehenswertesten heraus (plus ein Beispiel, bei dem das Gegenteil der Fall ist):
  • 59:00 - Die Argonauten der Steinzeit: Der Experimentalarchäologe Dominique Görlitz berichtet von seiner jüngsten Reise in einem nach prähistorischen Vorlagen gebauten Schilfboot, der Abora IV. Dabei mache er auch einen Abstecher nach Troja, wo ihm der archäologische Grabungsleiter berichtete, dass man vermehrt Eisenfunde in voreisenzeitlichen/vorhethitischen Schichten gemacht hatte. Ein interessantes Detail, besonders hinsichtlich des weiter unten verlinkten Vortrags.
  • 1:45:00 - Weltkarten aus der Antike: Der renommierte Kartograph Professor Manfred Buchroithner stellt in seinem Vortrag bemerkenswerte Beispiele für frühe Kartographie vor, die mitunter Überraschendes beinhalten - wie etwa eine mehr als bloß phantasievolle Darstellung der Antarktis, die lange vor der offiziellen Entdeckung des südlichsten Kontinents durch Europäer gezeichnet wurde. 
  • 3:34:40 - Neue Theorien zum Bau der Cheopspyramide / Das Eisen der Pharaonen: Ein weiterer interessanter Vortrag von Dominique Görlitz.
  • 5:04:43 - Rätselhafte Pyramiden auf den Azoren: Dominique Görlitz über pyramidale Bauten rund um den Globus als Hinweis für transatlantische Kulturkontakte lange vor Kolumbus. So weit, so bekannt - könnte man zu dieser These sagen. Doch dabei belässt es der Biogeograph Görlitz nicht, sondern er nennt weitere Indizien. Darunter archäologische Befunde wie zerhackte Sonnenblumenblätter in einem antiken römischen Parfümfläschchen; was insofern bemerkenswert ist, da die Sonnenblume nach offizieller Lesart erst im Zuge der spanisch-portugiesischen Eroberung Südamerikas nach Europa gekommen sein soll. 
  • 5:49:01 - Das Cheopsprojekt: Doku in der über den ägyptischen Pyramidenbau spekuliert wird. Dieses Filmprojekt hat Dominique Görlitz übrigens große Probleme bereitet; Er war geraume Zeit nach dem Ende der Dreharbeiten beschuldigt worden, in der Cheopspyramide eine Kartusche des mutmaßlichen Erbauers beschädigt zu haben. Im Nachhinein stellte sich der Vorwurf, der auch von einer deutschen Ägyptologin breit in den Medien befeuert wurde, als zu 100 Prozent erlogen heraus, aber Dominique Görlitz hat mit den Nachwirkungen bis heute ungerechtfertigterweise  zu kämpfen. 
  • 7:38:36 - Ägypten-Vortrag von Axel Klitzke: Absolut nicht zu empfehlen! Der Herr ist nach meinem Dafürhalten ein Zahlenschinder und Schwurbler, der mit seinem Halb- und Viertelwissen den großen Durchblicker mimt. Ich bin sicher kein Ägypten-Fachman, aber selbst ich weiß, dass plissierte bzw. fein gefältelte Stoffe archäologisch schon lange in Ägypten nachgewiesen sind. Herr Klitzke stellt es hingegen in einem seiner Vorträge so dar, als ob die Ägypter dazu nicht in der Lage gewesen wären, weshalb Statuen mit so einem Gewand besonders mysteriös und quasi nicht von dieser Welt seien. Das ist nur ein Beispiel von vielen, welches die mangelnde Kompetenz dieses Mannes belegt.

 Geschichte des Alkohols | Spieldauer 2 Minuten | BR/Youtube | Stream & Info



 Bohren im Bodensee: Hat der Klimawandel Spuren im Boden hinterlassen?  | Spieldauer 11 Minuten | BR/Youtube | Stream & Info



 Licht wie im dunkelsten Mittelalter | Spieldauer 3 Minuten | BR/ARD | Stream & Info

 Tempelstadt Naga | Spieldauer 30 Minuten | BR/ARD | Stream & Info

 Archäologische Ausgrabungen bei St. Nikolai | Spieldauer 3 Minuten | NDR/ARD | Stream & Info

 "SchUM-Städte" wollen UNESCO-Welterbe werden | Spieldauer 5 Minuten | SWR/ARD | Stream & Info

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Donnerstag, 16. Januar 2020

Krimskrams: Das unter den Teppich gekehrte Thermische Maximum des Holozän -- Juristische Posse um 3D-Scan der Nofretete-Büste -- usw.

Klima und Klimawandel: Das unter den Teppich gekehrte Thermische Maximum des Holozän

Vor einigen Tagen stieß ich auf einen interessanten, an wissenschaftlichen Forschungsergebnissen orientierter Artikel, in dem ein kritischer Blick auf die Klimageschichte des Holozän (das gegenwärtige Nacheiszeitalter) geworfen wird - mit überraschenden ErkenntnissenHier zwei kurze Zitate daraus:

„Aus der Kurve Alley (2000) [Achtung, nicht die von mir unten abgebildete Kurve ist gemeint!] ist leicht ersichtlich, dass die Temperaturen vor 10.000 bis 1.500 Jahren praktisch während des gesamten Zeitraums wärmer waren als heute, und 85% der letzten 10.000 Jahre waren wärmer als heute. Die Kurve reicht bis vor 95 Jahren, aber selbst wenn wir im letzten Jahrhundert 0,7 ° C für die Erwärmung hinzufügen, waren die Temperaturen immer noch überwiegend wärmer als heute.“ (Don Easterbrook 2013)

Die Uni Bonn hat die 2010 gewonnen Bohrkerne aus dem Vansee analysiert und konnte anhand der Pollen, Temperaturverlauf und Niederschlag „sehr genau bestimmen“. „Das Klima ist viel sprunghafter als vorher geglaubt“. Prof. Litt: „Was uns besonders überrascht hat, dass die Phasenübergänge von Kaltzeiten zu Warmzeiten offenbar sehr schnell, sehr abrupt vonstatten gingen. … innerhalb von 10 bis 20 Jahren, das Klima sich dramatisch verändert haben kann.“ O-Ton des Berichts. 
„Die ersten Untersuchungen führen in die Zeit bis vor 15.000 Jahren. Und zeigen deutlich wie schnell, trockene und feuchte, kalte und warme Perioden aufeinander gefolgt sind, ohne den Einfluss des Menschen!“ (3sat 2012)

Zum vollständigen Artikel

Wir erinnern uns an die medial kolportierte These: Die derzeitige Warmzeit sei nicht nur wegen ihrem angeblich starken Temperaturanstieg außergewöhnlich, sondern auch wegen der Geschwindigkeit, mit der dieser in den letzten 150 Jahren vonstatten ging. Wie passt das zu den obigen Forschungsergebnissen - die übrigens nicht singulär sind? Gar nicht, würde ich meinen. Siehe auch die nachfolgende Grafik, die den Klimawandel der letzten 10000 Jahre anhand von wissenschaftlichen Untersuchungen/Proxydaten in meiner Heimat Österreich visualisiert. Die hier dargestellten Warm- und Kaltzeiten finden sich natürlich in ähnlicher Form auch global wieder. Die entsprechenden Informationen sind online leicht zu finden. Der an den Themen Klima und Klimawandel ernsthaft Interessierte muss nur wollen, woran es freilich sehr oft scheitert.
Natürliche Klimaschwankungen in den österreichischen Zentralalpen während der vergangenen 10.000 Jahre, rekonstruiert auf Basis von Sauerstoffisotopenschwankungen (δ18O) von Tropfsteinen der Spannagelhöhle. Einheit in Promille der Sauerstoffisotope. Daten von Fohlmeister et al. 2012, heruntergeladen von NOAA National Climatic Data Center. | via klimawandel-in-oesterreich.at

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Juristische Posse um 3D-Scan der Nofretete-Büste

Hier wird eindrücklich berichtet, dass ein mit Steuergeld gepäppeltes Museum in Berlin sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hat, hochauflösende Bilddaten eines 3D-Scans der berühmten Nofretete-Büste frei zugänglich zu machen.
Unter anderem wurde von den Vertretern des Museums rechtfertigend erklärt, die Rechte an den besagten 3D-Daten würden zur Finanzierung des Museums beitragen. Was sich allerdings als an den Haaren herbeigezogene Schutzbehauptung herausstellte, da die im Verlauf von einigen Jahren daraus tatsächlich generierten Einnahmen von nicht einmal 5000 Euro geradezu absurd wenig sind.

Mich erinnert dieser Fall an das knuffige Alamannenmuseum Ellwangen, wo zurzeit ein mittelalterlicher Münzschatz ausgestellt wird, über dessen Unterschlagung durch Metallsucher man sich zwar einerseits mehrfach öffentlich echauffiert hat, weil doch der Schatz angeblich der Allgemeinheit gehört, man andererseits aber dieser Allgemeinheit verweigert, Fotos von besagtem Schatz zu machen. Diese Vorgehensweise ist - laut Museumsdirektor auf Facebook - primär auf dem Mist jener staatlichen Stellen gewachsen, die als Eigentümer des Schatzes auftreten (ob freilich das Museum versucht hat, sich dagegen zu wehren, ist nicht bekannt). Auch hierbei handelt es sich demnach um das anmaßende Gebaren eines Obrigkeitsstaates, dessen Vertreter es wohl insgeheim genießen, den sie finanzierenden Steuerzahler mit unsinnigen Verboten zu gängeln. Als alternative Erklärung kommt eigentlich nur noch simple Blödheit infrage. 

Dass es besser bzw. bürgernäher geht, zeigen z.B. das Archäologiemuseum und Münzkabinett Schloss Eggenberg in meiner Heimatstadt Graz, wo der Besucher (ohne Blitzlicht) fotografieren darf so viel er mag: Siehe hierhier und hier.
Mein persönliche Haltung ist mittlerweile ohnehin die: Darf ich nicht fotografieren, besuche ich ein Museum nicht. 

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Post einer Leserin

Eine Leserin schickte mir einen Artikel aus der Steiermark-Ausgabe der Kronenzeitung vom 14. Jänner 2020, der geeignet ist, niedrigen Blutdruck zu kurieren: Darin heißt es:

Neues Projekt an steirischer Hochschule: Hygieneartikel jetzt gratis.

Seit Montag ist die Universität Graz die zweite Hochschule in Österreich, die für Studentinnen kostenlos Monatshygieneprodukte zur Verfügung stellt. Nachhaltige Tampons und Binden finden sich auf sechs Toiletten am Campus in Spendern. Finanziert wird die Aktion von der Universität. Beschlossen wurde das vom "Verband Sozialistischer Student_innen in Österreich" eingebrachte Projekt einstimmig von der Grazer Hochschülerschaft. "Menstruieren darf kein Luxus sein", sagt die stellvertretende ÖH-Vorsitzende Viktoria Wimmer (Grüne & Alternative Student_innen) dazu.

Was ich davon halte, wollte die Leserin wissen. Nun ja, ich will es mal so formulieren, dass es thematisch zum Blog passt: Solange dergleichen mit Steuergeld möglich ist, möchte ich kein Wort davon hören, dass unsere Hochschulen angeblich unterfinanziert sind. Und wenn der Denkmalschutz/die Archäologie das nächste Mal wieder über zu wenig Geld jammert, dann sollten die Verantwortlichen einen Blick auf solche Ideologie-Projekte, von denen es unzählige gibt, werfen. Dort werden die Finanzmittel versenkt, die dann an anderer bzw. sinnvollerer Stelle fehlen.


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Weitere interessante Themen:


Dienstag, 14. Januar 2020

📽️ Videos: Doku über Living History -- Kontroverse zur Himmelsscheibe von Nebra -- usw.



 Zurück in die Vergangenheit - Doku über Living History(-Handwerk) | Spieldauer 28 Minuten | SR/ARD | Stream & Info
An sich eine ganz gute Doku, bei der viele mir bekannte Namen oder Gesichter dabei sind - z.B. die Autoren Christian Eckert und Edgar Comes (Gladiatoren-Kochbuch, Römer-Kochbuch). Letzterer erklärt, dass er sich über all den Blödsinn in Römer-Dokus "schwindlig lacht" - was ich und sicher auch viele Leser dieses Blogs nur allzu gut nachempfinden können.
Ich sehe in der Doku allerdings auch wieder einmal einige Vertreter aus der Living-History-Handwerkerzunft, die mich mit ihrem unprofessionellen Verhalten fast wahnsinnig gemacht haben. Erstaunlich für mich ist, dass die immer noch ihr Unwesen treiben und sogar an dieser Reenactmentmesse mit angeblich hohen Ansprüchen teilnehmen dürfen. 

 Kontroverse: Woher kommt die Himmelsscheibe von Nebra wirklich? | Spieldauer 78 Minuten | Youtube | Stream & Info
Schon der Archäologe Raimund Karl hat sich in seinem Gastbeitrag hier kritisch zu Harald Mellers jüngster Himmelsscheiben-Theorie geäußert. Ein weiterer (Ex-)Archäologe macht das in obigem Video, obschon seine Kritik nicht in die gleiche Richtung geht. Ich persönlich stehe dem Thema Himmelsscheibe neutral gegenüber und kann dazu eigentlich sowohl Mellers Argumentation wie auch der seiner Kritiker etwas abgewinnen.

 Das DAI Athen – Projekte, Personen, Perspektiven. Teil 3 - Samos | Spieldauer 5 Minuten | Youtube | Stream & Info

Das DAI Athen – Projekte, Personen, Perspektiven. Teil 4 - Kalapodi | Spieldauer 5 Minuten | Youtube | Stream & Info

 Das DAI Athen – Projekte, Personen, Perspektiven. Teil 5 - Tiryns | Spieldauer 5 Minuten | Youtube | Stream & Info

 Das verschwundene Schloss von Wolgast | Spieldauer 3 Minuten | NDR/ARD | Stream & Info

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Sonntag, 12. Januar 2020

🎧 Hörbares: Das Kolosseum -- Theophanu, Kaiserin im römisch-deutschen Reich -- Die Jungsteinzeit und das Ende der egalitären Phase -- Archäologie-Hunde -- usw.



 Das Kolosseum - Ein Bau für Blut, Brot und Spiele | Spieldauer 23 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download
Zum Kolosseum habe ich hier schon einmal ein interessantes Buch besprochen, in dem der Autor das Bauwerk anhand durchaus spannender Indizien wesentlich früher als üblich datiert.

 Theophanu - Kaiserin im römisch-deutschen Reich | Spieldauer 22 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

 Jungsteinzeit - Ende der egalitären Phase | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download
Ich halte das z.T. für naiven Unsinn, der auf Einflüsse aus der jüngeren marxistischen Geschichtsforschung schließen lässt. Hierarchien wird es immer schon in menschlichen Gemeinschaften gegeben haben - schließlich gibt es sie auch bei unzähligen Tieren wie etwa den mit uns relativ eng verwandten Menschenaffen. Will heißen, das Errichten von Hierarchien ist ein biologisch determiniertes Verhalten. Gerade Archäologen sollten wissen, dass z.B. Grabbeigaben u.ä. nicht zwangsläufig ein Spiegelbild der Lebensrealität darstellen. Hierarchien bzw. Standesunterschiede können im Alltag unserer Vorfahren auch subtiler zum Ausdruck gebracht worden sein als etwa über das Tragen von protzigem Schmuck usw.

 Im Bann des Mondes - Archaische Mythen und Religionen | Spieldauer 23 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

 Der Stern von Bethlehem - Wegweiser des Himmels | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

 Frau Perchta - Die uralte Göttin zwischen den Jahren | Spieldauer 24 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

 Ungewollt schwanger um 1700 - Katharina Hochstrasser | Spieldauer 23 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

 Bewahrung des Kulturerbes im Jemen - Kollegiale Unterstützung im Krieg | Spieldauer 7 Minuten | DF/ARD | Stream & Info | Direkter Download

 Archäologen entdecken das älteste Hochhaus in Afrika | Spieldauer 6 Minuten | WDR/ARD |  Stream & Info | Direkter Download

 Ein Hund als Archäologe: Die perfekte Spürnase für Ausgrabungen | Spieldauer 5 Minuten | DF/ARD |  Stream & Info | Direkter Download

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Freitag, 10. Januar 2020

⛏️ Mythen der Archäologie: Raubgräber-Problematik vs. Fakten



Unbequeme Zahlen

Die von rechtswidrig agierenden Metallsuchern bzw. sogenannten 'Raubgräbern' verursachten Schäden an Bodendenkmälern sind in einzelnen Fällen überaus ärgerlich. Doch wie ist die Situation insgesamt zu bewerten? Der Archäologe Raimund Karl hat sich damit näher auseinandergesetzt und kommt zu einem Ergebnis, das viele, die lediglich die populäre Lesart kennen, überraschen wird.

Allerdings lassen sich die hauptsächlichen Gefahren, die archäologischen Hinterlassenschaften im Boden drohen, in Bezug auf ihre relative Eintrittswahrscheinlichkeit durchaus auf einige wenige beschränken, die daher besonders beachtet werden müssen. Die höchste Eintrittswahrscheinlichkeit haben dabei wohl zumeist durch natürliche Faktoren verursachte Gefahren, insbesondere durch die Bioturbation des Bodens durch Vegetation und bodenbewohnende Tiere und durch Bodenerosion oder andere natürliche Verfallsprozesse verursachte; und/oder von der landwirtschaftlichen Nutzung ausgehende Gefahren (siehe dazu z.B. auch Hebert 2018, 85). In Summe liegt die Eintrittswahrscheinlichkeit dieser Gefahren in der Regel bei etwa 75% oder höher. Erst weit abgeschlagen danach kommen Gefahren, die von der Forst- und Bauwirtschaft ausgehen, die in Summe meist nicht mehr als ca. 15% aller Schäden an archäologischen Denkmalen verursachen (Trow 2010, 21 tab. 1.1). Die Eintrittswahrscheinlichkeit aller anderen Gefahren – inklusive der von Raub- oder professionellen archäologischen Ausgrabungen ausgehenden Gefahren, die jeweils weit weniger als 1% aller Schäden an archäologischen Denkmalen verursachen dürften – ist um ein Vielfaches geringer, die der meisten anderen Gefahren vernachlässigbar gering.

[...] man schützt die verborgenen Denkmale nicht vor den weit größeren Gefahren, die ihnen – bei Durchschnittsfallbetrachtung vollkommen vorhersehbarerweise – durch Handlungen drohen, bei denen – im Einzelfall – der konkrete Schadenseintritt nicht vorhersehbar und auch nicht bemerkbar ist. Man schützt sie stattdessen nur vor vergleichsweise vernachlässigbaren und – im Einzelfall – auch nicht konkret, sondern bestenfalls hypothetisch, vorhersehbaren Schadensfällen durch Handlungen, die – bei Durchschnittsfallbetrachtung vorhersehbarerweise – zumeist weitestgehend harmlos sind. Echter Denkmalschutz ist das nicht, sondern eher eine weitgehend sinnlose Alibihandlung, die dazu dient, davon abzulenken, dass man den tatsächlich entstehenden, massiven Schaden nicht verhindern kann.

Zum vollständigen Artikel

Nicht einmal 1 Prozent der Schäden an der im Boden schlummernden Archäologie wird demnach von garstigen Metallsuchern hervorgerufen. Diese Zahl muss sich der geneigte Leser erst einmal auf der Zunge zergehen lassen, denn die oft emotionsgeladene Kritik an Metallsuchern steht dazu in keinem adäquaten Verhältnis. Vielmehr scheint das öffentlich zelebrierte Gezeter eine aus einem Ohnmachtsgefühl heraus geborene 'Ersatzhandlung' von Bodendenkmalpflegern und ihren gutmeinenden Groupies zu sein.
Weil der Denkmalschutz gegen die Hauptfaktoren, welche für die weitaus größten Schäden an Bodendenkmälern verantwortlich sind, de facto nichts unternehmen kann, reagiert er sich an jener Personengruppe ab, die am greifbarsten zu sein scheint (obschon mir vereinzelt auch geradezu unfreiwillig komische Aufrufe von Archäologen bekannt sind - so in der Art: Landwirte, pflügt bitte nicht so tief).

Menschlich betrachtet ist dieses Verhalten sogar verständlich, allerdings trägt es kaum zur Glaubwürdigkeit der denkmalschützerischen Argumentation bei. Dementsprechend sollte es niemanden verwundern, dass die entsprechenden Gesetze oft nicht befolgt werden und die 'Täter' sich dabei überdies im moralischen Recht wähnen. Oder anders formuliert: Hinsichtlich der Gesetzesbefolgungspsychologie macht sich der staatliche Denkmalschutz mit seinen stalinorgelhaften Attacken auf Metallsucher, unter bewusster Aussparung wesentlich gravierenderer Faktoren, völlig unglaubwürdig. Leider dürfte das Ausmaß der Vernageltheit längst eine Größenordnung erreicht haben, bei der die Verantwortlichen nicht einmal mehr das Brett vorm eigenen Kopf bemerken. Die überaus wichtige großflächige Einbindung von Metallsuchern in die archäologische Arbeit ist bei solchen Rahmenbedingungen - zu denen mitunter auch unfaire Enteignungsschatzregale und schikanöse Regelungen wie fest zugeordnete Suchgebiete gehören - nur unzureichend bis überhaupt nicht möglich.


Opportunismus, Ablenkungsmanöver und Mythen

Raimund Karl gibt in seinem Text auch den interessanten Hinweis, dass das überzogene Metallsucher-Bashing nicht zuletzt mit dem vorherrschenden Zeitgeist zu tun hat. Dieser gehe nämlich in die Richtung, dass Archäologen zunehmend weniger gerne invasiv arbeiten bzw. ausgraben - was ja zwangsläufig mit (kontrollierter) 'Zerstörung' einhergeht - sondern lieber 'konservieren' und sozusagen über Bodendenkmäler Buch führen. Dahinter steckt der gezielt auch öffentlich kommunizierte Gedanke, archäologische Objekte unbeschadet zukünftigen Forschergenerationen überlassen zu wollen, die, so zumindest lautet die Hoffnung, über signifikant bessere wissenschaftliche "Werkzeuge" verfügen könnten, als dies heute der Fall ist.

Auf den ersten Blick scheint das eine kluge bzw. vorausschauende Vorgehensweise zu sein - aber eben wirklich nur auf den ersten. Die Wahrheit sieht nach meinem Dafürhalten eher folgendermaßen aus: Der Denkmalschutz ist massiv unterfinanziert; er kann es sich also immer weniger leisten, aktive Archäologie zu betreiben. Da der Denkmalschutz gleichzeitig in staatlicher Hand ist, neigen die staatlich besoldeten bzw. von staatlichen Aufträgen abhängigen Archäologen dazu, die Politik für die unerquicklichen Zustände nicht allzu deutlich zu kritisieren. Dabei wäre genau das ihre Aufgabe, würde ihnen unsere Vergangenheit wirklich so sehr am Herz liegen wie sie z.B. gerne im Rahmen ihrer schrillen Metallsucher- und Raubgräberkritik behaupten. Wir haben es hier also mit einem der eigenen Karriere geschuldeten Duckmäusertum zu tun. Weil sie sich dessen insgeheim durchaus bewusst sind, reden sich die Verantwortlichen nun ihr eigenes Verhalten schön, indem sie die nichtinvasive Archäologie zum Maß aller Dinge erklären - obschon diese doch vergleichsweise erkenntnisarm ist. Sie perpetuieren aus demselben Grund - gestützt auf ihre universitär beurkundete Bescheidwisserschaft - den ranzigen Mythos vom Erdboden als hervorragendem Aufbewahrungsort für archäologische Objekte.

Wer sein Oberstübchen nicht völlig auf Durchzug geschalten hat, wird sich allerdings sofort an die oben aufgezählten Einflüsse erinnern, die den besagten Objekten stark zusetzen. Zeit ist daher ein wichtiger Faktor bei ihrer Rettung sowie der damit einhergehenden, noch wesentlich wichtigeren wissenschaftlichen Auswertung. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die vom herrschenden Ökologismus seit einigen Jahren zu verantwortende Ausweitung von Ackerflächen (Stichwort 'Biogas' bzw. 'Biosprit') führt dazu, dass viele Wiesen, die Jahrtausende lang von aggressivem Dünger und tiefem maschinellem Pflügen verschont geblieben sind, hinsichtlich der im Boden schlummernder Archäologie nun plötzlich arg in Mitleidenschaft gezogen werden.


Das Fazit

Kein Mensch braucht staatliche Denkmalschützer und staatsnahe Archäologen, die nicht ausgraben, sondern sich immer stärker aufs bloße Buchführen verlegen. Diese Nomenklatoren der Macht, die es sich angewöhnt haben, in vorauseilendem Gehorsam der Politik lieber genehme, statt ehrlichen Antworten zu geben, richten mit ihrem Opportunismus größeren Schaden an, als es die von ihnen viel gescholtenen Metallsucher je könnten. Mehr noch: Wer mit dem Balken im Auge den Splitter beim anderen sucht, darf sich nicht wundern, wenn man ihn einen Heuchler nennt.



Donnerstag, 26. Dezember 2019

🎄 Das Blog geht in den Weihnachtsurlaub 🎅


Gleich mehrere Leser und Innen haben mir geraten, ich sollte mir eine weihnachtlich-winterliche Pause gönnen. Dem werde ich folgen und hier für zwei Wochen den Rollbalken herunterlassen. Voraussichtlich am 10. Jänner 2020 geht es dann wieder weiter. Bis dahin wünsche ich allen eine schöne Restweihnachtszeit und einen guten Rutsch!


Mittwoch, 25. Dezember 2019

⚔️ Von Hörnerhelmen und Wikinger-Amazonen: Ein Interview mit dem Wikinger-Experten Matthias Toplak



Seefahrer, Entdecker, Händler, Bauern, Räuber und Eroberer - all das waren die Wikinger. Entsprechend aspektreich ist auch die Erforschung dieses skandinavischen Phänomens des Frühmittelalters. Matthias Toplak von der Universität Tübingen ist Wikinger-Experte und war so freundlich, mir hierzu einige spannende Fragen zu beantworten. 





Lieber Herr Toplak, in dem von Ihnen kürzlich mitherausgegebenen Buch "Wikinger - Entdecker und Eroberer" (Ullstein Verlag) liefern Sie eine recht umfangreiche und ausgewogene Darstellung der Wikinger. Diese waren, wie es heißt, nicht bloß Räuber und Mörder, sondern auch Bauern und Händler. Was zweifellos zutreffend ist. Andererseits meine ich den Trend in der Forschung wahrzunehmen, die Berichte von Gräultaten der Wikinger und anderer 'Unruhestifter' der weiter zurückliegenden Vergangenheit als maßlose Übertreibungen von z.B. christlichen Chronisten zu relativieren. Wie schlimm waren die Untaten der Wikinger Ihrer Meinung denn nun wirklich? Und läuft man nicht Gefahr, dass die Leiden der Opfer manchmal etwas zu leichtfertig kleingeredet werden, wenn die entsprechenden Vorgänge schon lange her sind?
Generell haben Sie sicherlich Recht, in der Forschung haben sich in den letzten Dekaden immer bestimmte Perspektiven auf die Wikingerzeit durchgesetzt – der hart arbeitende Bauer in der vom Wiederaufbau bestimmten Nachkriegszeit, der global vernetzte friedliche Händler in den Gründungszeiten von EWG und EU – und natürlich der kriegerische Aspekt in der Darstellung der NS-Zeit. Derzeit – so mein Eindruck – ist das in der Forschung untersuchte und von ihr vermittelte Bild recht ausgewogen. Dass diese gewalttätige Facette der Wikinger aktuell nicht mehr zentral zu sein scheint, liegt sicherlich zum einen daran, dass dazu in der Vergangenheit bereits viel geforscht wurde und zum anderen bestimmt auch daran, dass in der populären Darstellung der Wikinger in den Medien – wie bspw. mit Vikings oder Last Kingdom – der Wikinger als Krieger und Räuber viel zu sehr in den Vordergrund gestellt wird. Ich erlebe es bei Vorträgen oder Diskussionen oft so, dass viele Menschen, die sich für die Wikinger interessieren, nur wenig über deren Leben abseits der prägnanten Raubzüge wissen.
Eine Relativierung kann ich darin auch nicht erkennen. Zum einen müssen wir uns klar machen, dass diese Plünderfahrten, diese scheinbar grenzen- und mitleidslose Gewalt, nur einen Ausschnitt dieser vielseitigen Kultur darstellt. ‚Die‘ Wikinger wurden von Beginn ihrer Erforschung an immer über ihre Raubzüge definiert (‚Wikinger‘ von ‚fara í víking‘ > „auf Raubzug gehen“), aber wir müssen davon ausgehen, dass nur die wenigsten Männer aus dem wikingerzeitlichen Skandinavien überhaupt jemals auf Plünderfahrt gegangen sind. Wir haben kaum verlässliche Zahlen, können aber grob von vielleicht ein bis maximal zwei Millionen Einwohnern in Skandinavien um das Jahr 1000 ausgehen. Das ‚Große Heidnische Heer‘, das ab der zweiten Hälfte des 9. Jh. das angelsächsische England und das Frankenreich verheerte, wird vermutlich eine mittlere vierstellige Anzahl von Kriegern umfasst haben. Wir bewegen uns mit den Zahlen also eher im Promillebereich, wenn wir von ‚echten‘ Wikingern nach der klassischen Definition als Seeräuber reden.
Zudem muss uns ebenfalls klar sein, dass Plünderungen und Brandschatzungen im Frühmittelalter ein vollkommen legitimes Mittel der Kriegsführung und notwendig für einen Anführer waren, um seine Gefolgschaft mit Kriegsbeute zu entlohnen und sich so deren Treue zu sichern. Diese ‚legitimen‘ Kriegszüge unterschieden sich von der Brutalität kaum von denen der Wikinger. Der einzige Unterschied waren die Ziele – und das ist eben der relevante Punkt: Klöster und Kirchen waren für die christlichen Kriegsgefolgschaften natürlich sakrosankt! Die zumindest zu Beginn noch heidnischen Wikinger scherten sich da nicht drum und nahmen diese ebenso schutzlosen wie reichen Ziele dankbar an. Und diese Schändung heiliger Orte war ausschlaggebend für den ‚schlechten‘ Ruf der Wikinger, der bis heute ihre Wahrnehmung geprägt hat. Die christlichen Chronisten kümmerten sich anfangs nicht um die Überfälle von Wikingern auf Marktplätze oder Siedlungen, sondern einzig um Plünderungen von Klöstern und das Abschlachten heiliger Männer. Es ging ihnen folglich überhaupt nicht um die Gewalt insgesamt – das war wie gesagt, vollkommen übliche Praxis auch in Mittel- und Westeuropa – sondern nur darum, dass es heilige Stätten und ihresgleichen traf. Erst als sich die Wikinger, teilweise sicherlich auch unter dem Einfluss der Christianisierung des Nordens, verstärkt auch anderen Zielen zuwandten, begannen die Chronisten in den Schreibstuben der Klöster auch über Überfälle auf ‚zivile‘ Plätze zu berichten.
Wir müssen dieses von Mönchen überlieferte Bild der Wikinger als unzivilisierte, barbarische Unholde und Gewalttäter also mit gebotener quellenkritischer Vorsicht lesen. Heute würden wir die Berichte wohl unter Propaganda oder fake news ablegen.

Vor einiger Zeit ging die Meldung durch die Medien, man habe den archäologischen Beweis dafür gefunden, dass es in der Wikingerzeit auch weibliche Kriegerinnen ('Amazonen' bzw. 'Walküren') gab - auch Sie behandeln dieses Thema in einem Kapitel Ihres Buchs. Hauptkronzeuge war im konkreten Fall eine Waffenausrüstung, die sich als Beigabe in einem Frauengrab (Birka, Schweden) befand.
Nun wissen Sie und ich, dass typisch männliche Accessoires in Frauengräbern nichts Neues sind. Beispielsweise finden sich in den Gräbern von Alamanninen immer wieder spätrömische Militärgürtel. Diese Gürtel werden freilich nicht dergestalt gedeutet, dass ihre letzten Träger - die bestatteten Frauen - Kriegsdienst leisteten. Vielmehr soll es sich um Erbstücke oder Geschenke ihrer Ehemänner handeln. Kann es sich bei der 'Wikinger-Kriegerin' nicht ähnlich verhalten? Oder könnte die Frau eventuell deshalb mit männlichen Beigaben bestattet worden sein, weil diese Herrschaftssymbole waren - sie also z.B. ihren Vater aufgrund besonderer Umstände als lokale Herrscherin beerbt hatte? Was zwar auch relativ ungewöhnlich wäre, aber wofür es interessante geschichtliche Parallelen gibt; so wurden etwa weibliche Königinnen im alten Ägypten mit männlichem Zeremonienbart dargestellt.
Zuerst einmal müssen wir differenzieren zwischen dem alamannischen Kulturraum und dem Kulturraum, den wir als Wikingerzeit bezeichnen. Aus der skandinavischen Wikingerzeit gibt es nur eine Handvoll vergleichbarer Befunde, zumindest nach dem aktuellen Forschungsstand: Neue Untersuchungen von älteren Gräbern mit naturwissenschaftlichen Methoden wie aDNA können natürlich auch gänzlich andere Ergebnisse liefern.
Generell können wir in vielen wikingerzeitlichen Frauengräbern einen interessanten Aufgriff von Elementen der (üblicherweise männlich konnotierten) Sphäre von Krieg und Waffen in der Frauentracht finden. Beispiele sind Miniaturwaffen als Amulette oder die Umarbeitung von kleeblattförmigen Beschlägen der fränkischen Schwertgurte zu Frauenfibeln (ein Aufsatz zu diesem Thema von Leszek Gardeła und mir erscheint in der nächsten Ausgaben der ‚Archäologie in Deutschland‘). Und in einigen wenigen Frauengräbern wurden auch einzelne Waffen – zumeist Äxte oder Speere – gefunden, die entweder in einem kultischen Kontext oder als sozio-politisches Statussymbol gewertet werden müssen. Der Fall des Kammergrabes von Birka ist jedoch bislang einzigartig, da eine biologische Frau nicht nur mit einer vollen Waffengarnitur und zwei Pferden, sondern als Mann in männlicher Tracht beigesetzt wurde. Das lässt sich nicht mehr mit Erbstücken ohne konkrete sozio-politische Bedeutung oder Geschenken erklären.
Was genau das tatsächlich bedeutet, ist bislang unklar, da diskutieren wir noch hitzig drüber. Ich persönlich glaube nicht, dass diese Frau tatsächlich gekämpft hat – dafür fehlen bislang die Befunde, bspw. durch verheilte Verletzungen im Knochenmaterial, die von gewalttätigen Auseinandersetzungen stammen. Aber sie kann durchaus eine militärische Rolle – als Heerführer oder Kommandant – innegehabt haben. Vielleicht stellen die Waffen und die Pferde auch Herrschaftssymbole für ihre hohe sozio-politische Stellung in der Gesellschaft von Birka dar, die sie aus bestimmten Gründen übernommen hatte. Dass sie als einziger überlebender Nachkomme eines lokalen Anführers nach dessen Tod ungeachtet ihres biologischen Geschlechts diese eigentlich als männlich definierte Funktion übernehmen musste – also ein Kontrast zwischen biologischem Geschlecht (sex) und der sozialen Geschlechterrolle (gender) – ist natürlich vorstellbar und weltweit kein unbekanntes Phänomen. Dann stellt sich aber die Frage, warum es sich dabei bislang um den einzigen bekannten Fall aus der Wikingerzeit handelt? Mit Sicherheit wurde sie jedoch spätestens durch die Bestattung als männlicher Krieger auch von der Gesellschaft so wahrgenommen und alleine das stellt schon unsere Sicht auf die Wikingerzeit und die Rolle der Frauen gehörig auf den Kopf.

Welchen Einfluss hat der Zeitgeist auf Ihr Forschungsgebiet? Oder um es anhand eines Beispiels zu konkretisieren: Inwieweit hat Ihrer Ansicht nach die gegenwärtig dominierende Ausprägung des Feminismus darauf Einfluss, wenn Journalisten singuläre Fälle wie das oben erwähnte Frauengrab begeistert als schlagende Beweise für ein weibliches Kriegertum darstellen und daraus ableiten, dass heute als traditionell betrachtete Geschlechterrollen ein Mythos sind?
Ich bin mir sehr sicher, dass der Zeitgeist – der aktuelle gesellschaftspolitische Diskurs – enorme Auswirkungen auf sowohl die Fragestellungen der Archäologie wie auch auf deren populäre Rezeption hat. Das lässt sich mit dem Beispiel der Wikinger ja wunderschön seit fast 150 Jahren – beginnend mit der Nationalromantik am Ende des 19. Jh. – fassen. Heute ist diese Verbindung durch unsere modernen Medien noch intensiver.
Das von Ihnen angeführte Beispiel ist natürlich extrem, aber es verdeutlicht diese Wechselwirkungen von Gesellschaft und Forschung. Feminismus und Genderfragen sind prägend für unseren heutigen gesellschaftlichen Diskurs und unser Selbstverständnis und natürlich werden diese Fragestellungen dann auch in der Wissenschaft aufgegriffen. Das kann ein wertvoller Impuls für die Forschung sein, der neue Perspektiven und damit auch neue Ergebnisse erlaubt. Das Kammergrab mit der Kriegerin von Birka ist ein gutes Beispiel dafür. Wir müssen uns aber auch immer vor Augen halten, dass moderne Identitätskonzepte – wie eben Gleichberechtigung, sexuelle Identität und Genderrollen – nicht eins zu eins auf frühere Gesellschaften übertragbar sind, ebenso wenig auf das Deutschland der 1950er-Jahre wie auf die skandinavische Wikingerzeit um 1000 nach Christus. Leider werden diese Theorien oft aber weniger wissenschaftlich als vielmehr politisch/ideologisch aufgegriffen, um bspw. den Wikingern ein nahezu modern anmutendes Genderverständnis oder eine angebliche Gleichberechtigung von Mann und Frau zuzuschreiben, um damit den gegenwärtigen Diskurs zu befeuern. Das wird dann natürlich mit Begeisterung von der Presse aufgegriffen und noch weiter verzerrt, bis sich völlig falsche Vorstellungen in der populären Wahrnehmung gebildet haben. Ich finde Genderforschung für die Wikingerzeit als ergebnisoffene Frage nach Geschlechterrollen und -möglichkeiten wahnsinnig wichtig und spannend, weil unser Wissen da ja offensichtlich über ein Jahrhundert lang nur unvollständig war. Wir müssen aber eben aufpassen, dass wir keine modernen Maßstäbe anlegen oder das Ganze zu sehr ideologisch aufladen.
Neben Genderfragen sind derzeit auch Fragen nach Migration und Mobilität sowie Identität aktuelle Themen in der Forschung, die natürlich von der derzeitigen gesellschaftspolitischen Situation beeinflusst sind.

Welchen Stellenwert hat heute Lebendige Geschichte bzw. Living History bei der Wissensvermittlung - besonders auf dem Gebiet der Wikinger? Wie bewerten Sie die Qualität der Gruppen und Darsteller, die sich mittlerweile ja nicht nur in den typischen Wirkungsgebieten der Wikinger tummeln, sondern überall in Europa und rund um den Globus aktiv sind? Leisten sie immer einen sinnvollen Beitrag oder gibt es auch Probleme?
Da ich selber seit über 15 Jahren in der europäischen Reenactment-Szene unterwegs bin, bin ich vielleicht nicht absolut objektiv. Insgesamt empfinde ich Living History (Reenactment wäre per Definition die Nachstellung konkreter historischer Ereignisse) als unfassbar wichtigen Ansatz, um ein breites Publikum zu erreichen und in erster Linie das Interesse an Geschichte und Archäologie (und erst in zweiter Linie auch das konkrete Wissen) zu vermitteln! Ich freue mich immer wie ein Schneekönig, wenn ich bei Reenactment-Veranstaltungen nach Gesprächen mit Besuchern höre, wie erstaunt die Leute darüber sind, dass Geschichte (und natürlich besonders die Geschichte der Wikinger) so spannend ist.
Natürlich ist das auch an das individuelle Niveau von Veranstaltungen und Gruppen geknüpft und da existiert zwangsläufig ein breites Spektrum. Es gibt eine Reihe von, bei uns als ‚Grobmittelalter‘ bezeichneten Veranstaltungen und Gruppen, die mehr mit Fantasy als mit der korrekten Darstellung von Geschichte zu tun haben und die natürlich dementsprechend ein grob verzerrtes Bild vermitteln. Dennoch muss man auch diesen Gruppen und Veranstaltungen anrechnen, dass sie im Idealfall dem Publikum das Interesse an Geschichte vermitteln können. Das generelle Niveau in der Living History-Szene ist in den letzten Jahren enorm gestiegen. Natürlich kann man sich als ‚Fachmann‘ immer über Kleinigkeiten aufregen und es gibt immer Modetrends in der Szene (genauso wie in der ‚normalen‘ Welt), aber das gesamte Setting der meisten Veranstaltungen vermittelt schon einen guten Einblick in die Atmosphäre der Wikingerzeit bis hin zu absolut akkuraten Darstellungen auf wissenschaftlicher Basis. Manche Freunde aus der Living History-Szene haben sich ein beeindruckendes Fachwissen angelesen, das ist in einigen Bereichen durchaus das Wissen der ‚Fachleute‘ übersteigt. Was man zudem nicht vergessen darf, ist der Praxisbezug. Beim Living History wird der Alltag tatsächlich erprobt. Und da erleben wir oftmals, dass die wissenschaftliche Theorie und die faktische Praxis voneinander abweichen. Die wenigsten Wissenschaftler wissen, wie man schmiedet, schreinert oder reitet. Und da geben uns professionelle Handwerker unschätzbar wertvolle Einblicke, die wir sonst nicht erhalten könnten. Meine beiden engsten Freunde aus der Living History-Szene sind Zimmerer und Schlosser. Erst durch sie habe ich wirklich ein Verständnis für das Handwerk in der Wikingerzeit entwickelt.

Der Hörnerhelm als das wohl übelste Wikinger-Klischee wurde mittlerweile halbwegs überwunden. Allerdings hat es den Anschein, dass aufgrund eines gewissen Wikingerbooms in den vergangenen Jahren im Fernsehen ("Vikings", "Das letzte Königreich") nun neue Klischees und Faktoide etabliert werden - ich denke hier z.B. an sehr merkwürdige Haarschnitte usw.
In Gesprächen mit Wissenschaftlern und Living-History-Darstellern habe ich schon mehrfach gehört, dass Journalisten und Filmemacher oft über eine gewisse Ignoranz und Beratungsresistenz verfügen sollen, wenn es um eine halbwegs korrekte Darstellung der Vergangenheit geht. Wie sehen Sie die Rolle der Medien hinsichtlich der Wikinger und ihrer Zeit? 
Das ist tatsächlich ein eklatantes Problem, dass ich selber mitunter als Fachberater für das Fernsehen erleben musste. Da wird dann oft auf die schnellste/billigste/einfachste Lösung für die Requisite zurückgegriffen, zumeist aus Zeitdruck oder um die Kosten gering zu halten. Das ist natürlich besonders ärgerlich, wenn zuvor extra ein Fachberater angestellt wurde, um solche Fehler zu vermeiden. Teilweise wird aber auch ganz bewusst ein bestimmtes Bild bedient, weil man weiß, dass das breite Publikum genau das sehen will. Der wilde und furchterregende Barbar der früheren Darstellung ist zum sexy Actionheld geworden und knüpft damit genau an eine latente Sehnsucht der heutigen Gesellschaft an. Das Publikum will den Hochglanz-Wikinger, zwischen wilder Männlichkeit mit Leder und Fell und domestiziertem Popstar-Gehabe mit aufwändigen Frisuren und Tätowierungen. Der realistische Wikinger kann da einfach nicht mithalten. Nun muss man aber auch Serien wie Vikings bei aller berechtigten Kritik an der grottenschlechten Ausstattung zugutehalten, dass sie nie als realistische geschichtliche Serie geplant war, auch wenn natürlich besonders der Titel irreführend ist.
Die Medien schaffen und erhalten aber damit zwangsläufig ein verzerrtes und oftmals auch einfach falsches Bild von den Wikingern. Das ist für die Wissenschaft gewissermaßen Fluch und Segen. Bereits der Name ‚Wikinger‘ weckt heutzutage ein enormes Interesse – eben besonders durch die Medien – und gibt uns als ‚Wikingerforscher‘ ein breiteres Publikum, als es die Kollegen haben, die zu anderen Epochen forschen. Gleichzeitig hat aber auch fast jeder Mensch ein Bild ‚der Wikinger‘ im Kopf, was aufgrund der medialen Darstellung oftmals nur äußerst wenig mit der historischen Realität zu tun hat. Und nicht jeder findet es gut, lieb gewonnene Klischees aufzugeben.

Was war für Sie die bedeutendste Erkenntnis auf dem Gebiet der Wikinger-Forschung in den letzten Jahren?
Wenn ich pauschal eine Entdeckung nennen sollte, dann wäre das sicherlich das Kriegerinnengrab von Birka. Generell denke ich aber, dass wir in den letzten Jahren durch den zunehmenden Einsatz von immer weiter verbesserten naturwissenschaftlichen Methoden – Isotopenanalysen, die Rückschlüsse auf Ernährungsgewohnheiten, Mobilität und Herkunft von Individuen erlauben, DNA-Analysen, Georadar – aber auch durch neue Fragestellungen und den Einbezug von kulturwissenschaftlichen Theorien rund um Identität, Gender oder Materialität eine Fülle von neuen Perspektiven auf die Wikingerzeit erhalten haben, die einzeln vielleicht nicht immer überwältigend spektakulär sind, aber in der Gesamtheit unser Verständnis dieser enorm spannenden und vielfältigen kulturellen Epoche doch drastisch verändert haben.

Vielen lieben Dank, dass Sie sich für die Beantwortung der Fragen Zeit genommen haben.




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