Burgenarchäologie in Bayern: Keine gmaade Wiesn!
In Bayern gibt es seit einiger Zeit nicht nur eine völlig belämmerte Denkmalschutzgesetzgebung mit einem raubritterartigen Schatzregal, sondern - quasi passend dazu - auch viele Burgen. Sehr viele Burgen sogar. Mindestens 2400 sollen es sein, inklusive den oberirdisch nicht mehr klar identifizierbaren Bauten ("Burgstall").
Im vorliegenden Heft der Reihe "Bayerische Archäologie" widmet man sich schwerpunktmäßig den hoch- und spätmittelalterlichen Objekten, die gegenüber frühmittelalterlichen Anlagen in der klaren Mehrheit sind.
Die Burgenforschung ist - wie es heißt - eine junge Forschungsdisziplin in Deutschland. Der erste spezialisierte Lehrstuhl für Mittelalterarchäologie - in der dann im Laufe der Zeit die Burgenarchäologie als Teildisziplin entstand - wurde erst 1981 gegründet. Vorher lief das Thema in der Archäologie quasi nur nebenbei mit und wurde eher stiefmütterlich behandelt. Was mich schon überrascht, wenn man bedenkt, dass doch bereits im 19. Jahrhundert im Zuge eines nach-napoleonischen Identitätsfindungsprozesses das Mittelalter für einige Zeit sehr en vogue im deutschen Sprach- und Kulturraum war. Ersichtlich etwa daran, dass der Kölner Dom - welcher Jahrhunderte lang eine Bauruine und Schandfleck gewesen ist - plötzlich mit Feuereifer fertiggestellt wurde. Überdies entstanden mit der Neogotik und der Neoromanik sogar Baustile, die sich sehr eng an der Gotik und der Romanik des Mittelalters orientierten; Beispiele dafür sind Schloss Neuschwanstein und das Rathaus von Wien. Auf eine systematische Erforschung mittelalterlicher Wehranlagen/Burgen hat man dazumal aber vergessen; die Zunft der Archäologen beschäftigt sich lange Zeit lieber mit der nobler erscheinenden Antike. Auch sollen gerade in Bayern restriktive Grabungsvorgaben bis in allerjüngste Zeit verhindert haben, dass - abseits von Ausnahmen - eine umfangreiche Dokumentation einzelner Objekte möglich war. Was, wie ich finde, zum eingangs erwähnten Zustand der Bodendenkmalpflege und Archäologie in diesem Bundesland passt. Die Hirnlosigkeit der dortigen Regierer darf als gesichert extrem eingestuft werden. Da ist es vielleicht kein Zufall, dass der Begriff "Deppokratie" von einem Bayern geprägt wurde.
Apropos "deppert". Der Mittelalterarchäologe Joachim Zeune schreibt, dass zwischen 1978 und 1981 die Burg Oberwittelsbach ausgegraben wurde; das Projekt sei aufgrund der unzähligen Funde herausragend gewesen. Zur Zeit als die Grabung ihr Ende fand, war ich übrigens ein Baby. Warum weise ich darauf hin? Ganz einfach, weil nämlich die Gesamtergebnisse publiziert wurden, als ich bereits mehr oder weniger ein alter Sack war, nämlich 2017 😵💫! Diese Trägheit ist haarsträubend! Es heißt zwar, dass der hauptverantwortliche Ausgräber gesundheitliche Probleme hatte, aber das kann niemals eine Rechtfertigung für eine dermaßen absurde Zeitspanne sein. Hier hätte schlicht jemand von den Kollegen helfend einspringen müssen. Eine seriöse Wissenschaft organisiert sich entsprechend. Mir sind freilich im Laufe der Jahre etliche Fälle in der Archäologie untergekommen, bei denen die Publikationsdauer jenseits von Gut und Böse lag. Vor ca 10 Jahren wollte das hier im Kommentarbereich des Blogs noch ein Archäologe in Abrede stellen. Der meinte, das gehöre doch längst der Vergangenheit an. Von wegen!
Der oben schon genannte Archäologe Joachim Zeune beschreibt in einem weiteren Beitrag die Wiederentdeckung einer Motte (Erdhügelburg) aus dem 13. Jahrhundert. Die in Haslach gelegene, ursprünglich völlig überwucherte Anlage entpuppte sich als eines der am besten erhaltenen Beispiele dieser Art in ganz Bayern; sogar die einstige Vorburg ist noch erkennbar. In einer von verschiedensten Akteuren betriebenen Gemeinschaftsaktion wurde die Freilegung und Erschließung für die Öffentlichkeit bewerkstelligt; dabei sind vom Autor wieder kritische Untertöne zu vernehmen. ⚠
Die Motte von Haslach steht aber auch für offensiven, aktiven, vor allem aber erfolgreichen Denkmalschutz, denn der traditionelle Denkmalschutz mit seinem Dogma des "Nichtszulassens" und "Allesverhinderns" entzieht die Denkmäler dem wertvollen öffentlichen Bewusstsein und beschleunigt somit vielerorts in Wirklichkeit den Untergang der Bodendenkmäler. Ohne das konstruktive, offene Zusammenwirken von Marktgemeinde, Eigentümer, Burgenfachmann und den Denkmalschutzbehörden wäre auch dieses Bodendenkmal dem Untergang geweiht gewesen. |
Auch hier spielt also die sich in der Archäologie ausbreitende Ideologie des Nichtstuns, die ich bereits in meinem Kommentar zu Göbekli Tepe kritisiert habe, eine fiese Rolle. Nur ja nichts angreifen und verändern. Alles soll bleiben wie es ist!
Es stellt sich nun die Frage, ob dieser wissenschaftsfeindliche Trend, der auch in konservatorischer Hinsicht zu absurden Auswüchsen führen kann (siehe etwa die Bepflanzung von unerforschten Bodendenkmälern mit zerstörerischen Tiefwurzlern), nicht eventuell eine Begleiterscheinung des in Hochdenker-Kreisen aktuell so dominierenden Ökologismus ist, der ja eine immense Strahlkraft in alle nur erdenklichen Bereiche entfaltet. Die Argumentationsmuster dieser auf eine primitive Komplexitätsreduktion ausgelegten Ideologie sind jedenfalls sehr ähnlich. Siehe etwa das Narrativ von anthropozentrischen Klimakatastrophismus, in dessen Rahmen die Handlungen des Menschen mehr oder weniger pauschal als großes Übel charakterisiert werden. Der Mensch, und nur dieser, habe nämlich für Mutter Erde alles schlechter gemacht; hätte er doch lieber die Hände in den Schoß gelegt und wäre auf den Bäumen geblieben.
Aufgrund des Hangs zum inzestuösen Kooptieren Gleichgesinnter setzten sich besonders die Geisteswissenschaften, zu denen auch die Archäologie zählt, mittlerweile weitestgehend aus Personen zusammen, die eine deutliche Tendenz zu genau dieser weltanschaulichen Denke erkennen lassen (und sei es nur, dass man aus Opportunismus mit dem Strom schwimmt). Man könnte dazu zig Beispiele aufzählen. Auch weitere Indikatoren wie die verwendete Sprache ("Gendern") machen unmissverständlich deutlich, wo die Akteure der Archäologie mehrheitlich weltanschaulich zu verorten sind. Es will mir daher sehr plausibel erscheinen, dass diese ideologische Schlagseite - mitunter auf verschlungenen Pfaden - auch die Denkmalschutzpraxis sowie die Forschung beeinflusst und zu Ansichten führt, die schlussendlich kontraproduktiv bzw. irrational sind.
Wie bereits erwähnt, bewegen sich die Heft-Autoren in Sachen Burgen im Hoch- und Spätmittelalter, allerdings macht man immer wieder auch Schlenker in die angrenzenden Epochen. Außerordentlich interessant fand ich dabei das Modell der Stadt Burghausen. Es ist nicht nur sehr detailreich, sondern stammt aus den 1570er Jahren und stellt somit ein wohl sehr authentisches und einzigartiges Zeitzeugnis dar --> Bild
Affige Namen
In einem Artikel über längst ausgestorbene Menschenaffenarten heißt es eingangs:
Ein internationales Forschungsteam hat in der Tongrube Hammerschmiede bei Pforzen im Ostallgäu eine weitere bisher unbekannte Menschenaffenart entdeckt. Buronius manfredschmidi wurde in unmittelbarer Nähe zu dem Menschenaffen Danuvius guggenmosi, genannt "Udo", geborgen. |
Naja, die sind (wie etwa auch die Botaniker) mit ihrer Systematik der Namensgebungen offensichtlich im 19. Jahrhundert stecken geblieben. Das ist ja absurd. Und dabei habe ich erst kürzlich zu einem Kollegen gesagt, dass der Name des höchst seltsamen Meteoriten (?) "Oumuamua" ein kaum merkbarer Zungenbrecher ist, den wir dem politisch korrekten Trend verdanken, wissenschaftliche Entdeckungen neuerdings in irgendwelchen exotischen indigenen Sprachen zu benennen. Wenn ich mir freilich den obigen Unfug anschaue, dann komme ich zu dem Schluss, dass ja auch die bisherigen Gepflogenheiten schon viel Raum für Unsinn gelassen haben. Ich meine, auf die Idee muss man erst einmal kommen, einen deutschen Vor- und Nachnamen in einer Wurst zu schreiben und dann mit einem lateinischen Suffix zu versehen. Kaum ein Mensch, der nicht deutscher Muttersprache ist und ein gewisses Grundlagenwissen mitbringt, kann aus so einem Kauderwelsch etwas Sinnvolles herauslesen.
Was mich auch allgemein immer wieder wundert ist die Geilheit vieler Leute, ihren eigenen Namen oder den irgendeines Großkopferten auf diese Weise zu verewigen. Das führt dann zu solchen Kuriositäten wie dem Hitler-Käfer und dem Mussolini-Falter.
Derweil sind ein paar Schlauberger mit der Bezeichnung "Ötzi" unzufrieden... (da angeblich zu verniedlichend 🙄)
Ballermann-Zustände im Frühmittelalter? Der saufende bajuwarische Reiterfürst von Bayerbach.
In der Rubrik "Archäologie in den Bezirken wird von der archäologischen Erforschung eines großen frühmittelalterlichen Gräberfeldes berichtet. Besonders sticht dabei das Grab eines reichen "Fürsten" aus dem späten 7. Jahrhundert heraus, das mit verschiedenen Beigaben ausgestattet war - darunter ein mit zwei Bronzeblechen beschlagener Trinkbecher aus Holz. Und weiter heißt es.
"Ein derartiger Holzbecher ist im mitteleuropäischen Raum bisher ohne Vergleich", erklärt der Kreisarchäologe Dr. Thomas Richter. Wie und wofür der Becher genutzt worden sein dürfte, darauf geben ähnliche Gefäße aus Glas Antwort, die im Merowingerreich weit verbreitet waren: Bei dem Bayerbacher Becher handelt es sich um einen Sturzbecher, einen sogenannten Tummler. Aufgrund seines runden Bodens konnte er nicht mit Inhalt auf einen Tisch gestellt werden. War er gefüllt, musste der Bayerbacher Reiter den vermutlich alkoholischen Inhalt in einem Zug trinken. Tummler werden gemeinhin als Hinweis auf männerbündische Rituale interpretiert. Als deren Teilnehmer gibt sich der Fürst durch seinen Becher zu erkennen. |
Was man nicht erklären kann, sieht man gern als kultisch an. Dieser selbstironische Archäologenspruch trifft hier wieder einmal den Nagel auf den Kopf. Davon abgesehen ist es natürlich Unsinn, wenn von diesem Ausgräber behauptet wird, dass der Becher, weil man ihn nicht hatte abstellen können, in nur einem Zug hätte ausgesoffen werden müssen. So als ob der Zecher ihn nicht auch eine Weile in der Hand hätte halten können, bis ihm das zu blöd wurde! Auch in diesem Szenario wird der Alkoholkonsum beschleunigt, ohne dass aber schon nach kürzester Zeit die ganze lustige Runde im Koma unter dem Tisch liegt.
Bemerkenswert, was für ein spekulativer Schmarrn in der Archäologie immer wieder als Tatsache verkauft wird. Leider habe ich gerade diese spezielle Interpretation im Laufe der Jahre schon mehrfach gelesen. Ich frage mich, was die wackelige Basis dafür ist. Ethnologische Vergleiche? Eine Textstelle in der Edda, bei Gregor von Tours oder etwas in der Art? Nie wird die Quelle dafür genannt! Haben wir es demnach wieder einmal ausschließlich mit einer allzu ausgeprägten Archäologenfantasie zu tun? Auf jeden Fall handelt es sich um eine unbewiesene Verallgemeinerung, der man semantisch den Charakter einer harten Tatsache verleiht. Nix gut.
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