Sonntag, 25. Dezember 2016

Buch: Im Labyrinth des Kolosseums - Das größte Amphitheater der Welt auf dem Prüfstand

Es wäre eine kleine Sensation, wenn die Autoren des Buchs "Im Labyrinth des Kolosseums - Das größte Amphitheater der Welt auf dem Prüfstand" recht hätten. Sie stellen nämlich die Überlegung in den Raum, das Kolosseum in Rom sei - entgegen der üblichen Annahme  - nicht erst in den 70er-Jahren des 1. Jahrhunderts nach Christus errichtet worden, sondern möglicherweise bereits im 2. Jahrhundert vor Christus; also zur Zeit der Römischen Republik. 
Doch wie kommt man überhaupt auf so eine 'verrückte' Idee? Nun, es werden viele Indizien aufgezählt, die in Summe doch gewisse Zweifel an der bisherigen Datierung des Bauwerks rechtfertigen könnten. Hier einige Beispiele dazu:

✦ Bezüglich der Fassade unterscheidet sich das oberste (vierte) Stockwerk gravierend von den drei anderen (Bild). Möglicherweise haben die flavischen Kaiser nur dieses einem bereits bestehenden Bau hinzugefügt, anstatt alles komplett neu zu errichten. Auf dem Grabmal eines Baumeisters ist das Kolosseum passend zu dieser These lediglich mit drei Stockwerken abgebildet, was lange Zeit als künstlerische Vereinfachung abgetan wurde - obwohl die ansonsten reichlich vorhandenen Details der Darstellung dieser Annahme widersprechen.



✦ Besonders der untere Bereich der Fassade des Kolosseums erinnert stark an ältere Bauwerke aus spätrepublikanischer und frühaugusteischer Zeit - siehe etwa das Marcellus-Theater (Bild).


✦ Sueton, ein Kronzeuge für die angebliche Errichtung des Kolosseums durch die Flavier, wurde vermutlich missgedeutet. Will heißen, man hat den lateinische Originaltext falsch übersetzt.

✦ Bevor das Kolosseum seinen endgültigen Namen erhielt, könnte es verschiedene Bezeichnungen gehabt haben. Die Umbenennung von Bauwerken, nicht zuletzt aus politisch-propagandistischen Gründen, kam in der Antike immer wieder vor. Demzufolge ist es möglich, dass das Kolosseum aus dem in den Überlieferungen vage erwähnten Amphitheater des Statilius Taurus hervorgegangen ist. Und selbst dieses in augusteischer Zeit errichtete Bauwerk könnte ältere Wurzeln haben, die bis in die späte Republik zurückreichen. Dass es nämlich einerseits in deutlich kleineren Städten wie Pompeji schon vergleichsweise früh Amphitheater gab, anderseits aber ausgerechnet in der Hauptstadt Rom die Gladiatoren-Kämpfe immer noch ausschließlich auf dem Hauptplatz (Forum Romanum) oder auf der Pferderennbahn (Circus Maximus) stattgefunden haben sollen, wirkt zumindest fragwürdig. Trotzdem erschienen mir die von den Autoren angeführten Argumente hier zum Teil etwas 'bemüht' und sehr hypothetisch. Was freilich auch der überaus schlechten Quellenlage geschuldet ist. So waren beispielsweise bis in die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. Profanbauten wie Theater oder Amphitheater kein Thema für Münzpropaganda.

Da die Geschichte des Kolosseums auch im Kontext mit anderen bedeutenden römischen Amphitheatern zu sehen ist (Capua, Nemausus, Pompeji, Puteoli, usw.) nehmen auch die Erläuterungen dieser Gladiatoren-Spielstätten einen gewissen Raum ein. Interessant ist das vor allem für jene Leser, die ein grundsätzliches Interesse an der Bau- und Funktionsweise römischer Amphitheater haben. Auch ansonsten enthält das Buch manch interessante 'Nebeninformation"; z.B. dass die ersten Gladiatorenkämpfe in Rom im Jahr 264 v. Chr. stattfanden - und zwar auf dem Forum Boarium (=Viehmarkt). Oder dass die berühmten Naumachien (Flutung der Arena, um Seeschlachten nachzustellen) wohl nur solange im Kolosseum möglich waren, bis das Untergeschoss der Arena ausgebaut war; anderenfalls wäre dieses komplett unter Wasser gesetzt worden, was kaum erwünscht gewesen sein dürfte. Usw. usf.

Im Großen und Ganzen sind die mit vielen Abbildungen versehenen Texte des Buchs allgemein verständlich formuliert. Fremdwörter werden größtenteils in einem Glossar erklärt. Allerdings etwas anstrengend bis nahezu unverständlich waren für mich einige Schilderungen von mitunter recht komplexen Baubefunden. Für eine Beweisführung vor Fachpublikum mögen diese zwar wichtig sein, Kolosseum-Laien werden hierbei aber überfordert.

FAZIT:  Die Autoren Klaus Stefan Freyberger (Klassischer Archäologe) und Christian Zitzl (Klassischer Philologe) haben mit "Im Labyrinth des Kolosseums - Das größte Amphitheater der Welt auf dem Prüfstand" (Verlag Nünnerich-Asmus) ein durchaus interessantes Buch abgeliefert, das zum kritischen Hinterfragen von als gesichert geltendem Wissen anregt. Der Kaufpreis beträgt rund 25 Euro.


Inhaltsverzeichnis (gekürzt):

Vorwort

1. Einleitung
- Forschungsgeschichte

2. Das Kolosseum in Rom: Bau und Nutzungsgeschichte
- Der Aufbau des Außenbaus
- Der Aufbau des Innenbaus
- Die Verteilung der Sitzplätz
- Die Arena und das Untergeschoss

3. Bauphasen des Kolosseums: Archäologische Befunde
- Ausgrabungen rund um die Meta Sudans
- Ausgrabungen in der Arena des Kolosseums
- Die Holzabdeckungen in der Arena

4. Das Kolosseum im Vergleich mit Bauten in Latium aus dem 1. Jh. v. Chr.

5. Das Kolosseum im Vergleich mit anderen ausgewählten Amphitheatern
- Pompeji
- Castra Albana (Albano Laziale)
- Verona
- Arelate (Arles)
- Nemausus (Nimes)
- Puteoli (Pozzuoli)
- Capua (Santa Maria Capua Vetere) 

6. Die Darstellung des Kolosseums auf dem "Bautenrelief" aus dem Grab der Haterier in Rom
- Das Amphitheater des Statilius Tauris

7. Ein neuer Vorschlag für die Baugeschichte des Kolosseums

8. Das Kolosseum im Spiegel der antiken literarischen Überlieferung
- Amphitheater Caesarum
- Amphiteatrum Statilii Tauri
- Spectaculum urbanum

9. Da Kolosseum - mehr als ein Amphitheater: Evolutionstheorie

10. Für immer prägend

Glossar
Verzeichnis der zitierten Literatur
Bildnachweis

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Weiterführende Informationen:

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