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Donnerstag, 20. Januar 2022

🎧 Hörbares: Der Schatz im Bodensee -- Pharao-Mumie beim Röntgen -- Merowingerzeitliches Gräberfeld -- usw.



 Der Schatz im Bodensee - die Einbaumretter | Spieldauer 30 Minuten | SWR | Stream & Info

 Sagenhafter Ort: Vorgeschichtliches Kulthaus Unteruhldingen | Spieldauer 3 Minuten | SWR | Stream & Info

 Jemandem "was vom Pferd erzählen" – Woher kommt das? | Spieldauer 2 Minuten | SWR | Stream & Info
Von dieser Redensart habe ich noch nie gehört... von Troja freilich schon.

 Über 1300 Jahre alt: Knittlinger Gräberfeld aus der Merowingerzeit wird untersucht | Spieldauer 3 Minuten | SWR | Stream & Info

 Amenophis I. - Pharao-Mumie beim Röntgen | Spieldauer 4 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download

 Die Tiefsee-Expedition Valdivia – Ein Forschungsabenteuer 1898 | Spieldauer 28 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download

 Diskussionsrunde: Archäologie-Star Heinrich Schliemann – Was bleibt vom Troja-Entdecker? | Spieldauer 44 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download


Donnerstag, 22. April 2021

📖 Buch-Empfehlung: Das fränkische Heer der Merowingerzeit - Teil III

Nach rund fünf Jahren Wartezeit ist nun der dritte und wohl letzte Teil der Reihe "Das Fränkische Heer der Merowingerzeit" vom Zeughaus Verlag veröffentlicht worden. Warum es so lange gedauert hat ist mir nicht bekannt, das Ergebnis entspricht jedoch meinen hohen Erwartungen.

Nach einer zweiseitigen Einleitung - mit einer ausführlichen Zeittafel sowie einer kurzen Einführung in die politische Situation im Frankenreich des 7. Jahrhunderts - geht der Autor Andreas Strassmeir sofort in medias res. So beschreibt er etwa anhand der schönen Rekonstruktionszeichnung eines berittenen Alamannenkriegers eine Kleider- und Waffenausstattung jener Tage. Das liest sich dann so: 
"Die Abbildung zeigt einen vornehmen jungen Alamannenkrieger (primus Alamannus) bei einem letzten Ausritt unter Waffen, bevor er sich dem Aufgebot seines Herzogs anschließt [...]. Der etwa 16jährige Jüngling, der im zweiten Viertel des 7. Jahrhunderts in Grab 8 von Niederstrotzingen beigesetzt wurde, gehört seiner Ausstattung nach einer Familie von adelsgleichem Rang innerhalb der alamannischen Gesellschaft an. Da einige seiner Beigaben aus dem langobardischen Italien stammen und andere zumindest nach langobardischem Vorbild gefertigt sind, ist er auch hier nach langobardischer Mode gekleidet abgebildet. Die reich verzierte Tunika, die weiten Hosen und die spitzen Stiefeln sind nach Darstellungen von Langobardenkriegern auf der Silberschale von Isola Rizza (I) gestaltet (Abb. Bd. 1/ S 17). Über der Tunika trägt der junge Alamanne einen sogenannten vierteiligen Gürtel, [...] Die wertvollste Waffe des Kriegers, seine Spatha, hängt an einem aus Haupt- und Schleppriemen bestehenden separaten Wehrgehänge vom Typ Civezzano, [...]."

Junger alamannische Krieger; links daneben der beschreibende Bildtext, aus dem ich oben zitiert habe. In dieser Form werden alle Komplettrekonstruktionen dargestellt und erläutert. | Buchinhalt: (C) Zeughaus Verlag | Foto: Hiltibold

Man sieht ganz klar an diesem Beispiel, dass hier vom Autor nicht wie in manch Konkurrenzpublikation nach dem Motto "Friss, Vogel, oder stirb!" verfahren wurde, sondern vielmehr aufgrund umfangreicher Quellenangaben der Leser in die Lage versetzt wird, die zeichnerischen Rekonstruktionen auf ihre Glaubwürdigkeit hin selbst zu überprüfen bzw. Zusatzinformationen dazu einzuholen. Gerade die Recherche im Internet wird ja sehr vereinfacht, wenn man die passenden Suchbegriffe bei der Hand hat.

Gesamtrekonstruktionen von Kriegerausstattungen sind aber nur einer kleiner Bestandteil des Inhalts (in den Vorgängerbänden, vor allem im ersten, gab es davon deutlich mehr). Stattdessen widmet sich der Autor primär den einzelnen Ausrüstungsbestandteilen in gesonderten, gut strukturierten Kapiteln. Im Vorliegenden Band liegt der Fokus auf Beilwaffen, Sax sowie Stangen und Bogenwaffen. Der abgedeckte Zeitrahmen erstreckt sich vom 5. bis zum 8. Jahrhundert und umfasst dabei nicht nur die Franken, sondern auch die von ihnen unterworfenen Germanenstämme der Alamannen, Burgunden, Thüringer und Bajuwaren.
Auf lokale Unterschiede und zeitlich bedingte Änderungen wird dabei immer wieder eingegangen. So weist man etwa darauf hin, dass im 6. Jahrhundert hölzerne Sax-Scheiden nach und nach durch Leder-Scheiden ersetzt wurden. Sogar die Holzarten, aus denen solche Scheiden gefertigt waren, werden anhand archäologischer Befunde aufgezählt. Der Autor geht also erfreulicherweise relativ weit in die Details hinein.

Auszug aus dem Kapitel über merowingerzeitliche Streit- bzw. Wurfäxte ('Franziska'). Man verwendet grundsätzlich keine Fotos, sondern stellt die Objekte in Form von aufwendigen farbigen Rekonstruktionszeichnungen dar. | Buchinhalt: (C) Zeughaus Verlag | Foto: Hiltibold

Neben den farbigen Rekonstruktionszeichnungen von Andreas Gagelmann und Sascha Lunyakov enthält das Buch auch einige interessante Diagramme, in denen die Entwicklung der Sax-, Axt- und Lanzentypen übersichtlich dargestellt wird. Zu guter Letzt wurde ein Literaturverzeichnis angefügt.

Noch ein Wort zur zeichnerischen/künstlerischen Qualität der szenischen Darstellungen bzw. Gesamtrekonstruktionen von Kriegerausrüstungen: Diese kommt hier nicht an die Bücher eines Peter Connolly heran, ist aber absolut ausreichend und immer noch besser als in manch ähnlicher Publikation anderer Verlage. Außerdem sind die Quellenangaben wesentlich ausführlicher und naturgemäß auch aktueller, was ohnehin das bedeutendere Kriterium ist.


Fazit: Insgesamt ein sehr gutes und empfehlenswertes Buch. Der große Pluspunkt ist, dass man sich beispielsweise als Reenactor die für das Zusammenstellen einer merowingerzeitlichen Ausstattung benötigten Infos nicht mühsam aus archäologischen Grabungsberichten einzeln zusammenklauben muss, sondern sie mundgerecht serviert bekommt. So erspart man sich viel Zeit, Nerven und Geld; obschon einem nicht sämtliche weitere Recherche erspart bleibt - doch gerade dabei sind ja die vielen Quellenangaben, die vom Autor zur Verfügung gestellt werden, außerordentlich nützlich.
Aber auch für alle anderen Leser, die abseits von Reenactment am Frühmittelalter bzw. am Kriegswesen der Merowingerzeit interessiert sind, handelt es sich bei diesem Buch um ausgezeichneten Lesestoff, in dem Wissen unkompliziert und allgemein verständlich vermittelt wird.


Mittwoch, 8. Juli 2020

📽️ Videos: Spannende Archäologie im Wareswald -- Gräber aus der Merowinger- und Jungsteinzeit -- Der Limes -- usw.



 Spannende Archäologie im Wareswald | Spieldauer 9 Minute | SR/ARD | Stream & Info

 Gräber aus der Merowinger- und Jungsteinzeit in Ingelheim entdeckt | Spieldauer 2 Minuten | SWR/ARD | Stream & Info

 Mythen im Grenzland | Spieldauer xxx Minuten | BR/ARD | Stream & Info
"Überall im Grenzland zwischen Bayern und Österreich gibt es Menschen, die begeistert versuchen, Rätsel und Mythen zu entschlüsseln - teilweise unter dem Einsatz ihres Lebens." 

 (Früh-)Mittelalterfans reisen in die Vergangenheit | Spieldauer 3 Minuten | MDR/ARD | Stream & Info

 Ausstellung in der Münchner Antikensammlung | Spieldauer 2 Minuten | BR/ARD | Stream & Info

 Der Limes - Grenzwall des Römischen Reiches | Spieldauer 15 Minuten | SWR/ARD | Stream & Info

 A Bronze Age Mistery | Spieldauer 49 Minute | Youtube | Stream & Info
Auf dem offiziellen Youtube-Kanal der beliebten Archäologie-Fernsehserie "Time Team" werden seit einiger Zeit alte Folgen hochgeladen. In dieser wird eine bronzezeitliche Anlage ausgegraben.

 An "unprecedented find" from the Bronze Age | Spieldauer 2 Minuten | Express | Stream & Info

➽ Stonehenge: Archaeologist makes 'very rare' discovery | Spieldauer 1 Minute | Express | Stream & Info

 Medieval saddle: How did they measure the shape of a medieval war horses back? | Spieldauer xxx Minute | Youtube | Stream & Info
Als jemand, der mit Reittieren rein gar nichts zu tun hat, finde ich die Ausführungen zu Pferden auf diesem Kanal immer sehr erhellend. Es ist übrigens ein sehr eigenwilliges Maultier, das in diesem Video seinen Auftritt hat 😃


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Freitag, 1. November 2019

📚 Hiltibolds aktuelle Leseliste: Der römische Legionär -- Löwenmenschen und Schamanen -- Marcellus -- Krieg um Troja



Der römische Legionär | Boris A. Brandt | WBG / Philipp von Zabern | 2019 | 112 Seiten | Preis: 28 Euro | Infos bei Amazon
Ein informatives und reichhaltig bebildertes militärhistorisches Buch über "Kleidung, Ausrüstung und Waffen in der Zeit von Augustus bis Domitian". Die Rekonstruktionszeichnungen sind ok, kommen aber nicht an die Qualität der vergleichbaren Bücher aus dem Zeughaus-Verlag heran (siehe z.B. hier).

 Löwenmenschen und Schamanen - Magie in der Vorgeschichte | Andrea Zeeb-Lanz, Andy Reymann | WBG/Theiss | 2019 | 112 Seiten | Preis: 28 Euro | Infos bei Amazon
Um vorgeschichtlichen Schamanismus - bzw das was die moderne Forschung dafür hält - geht es in diesem Buch. Ein interessanter Aspekt des Schamanismus ist die Verwendung von Drogen, mit denen es möglich ist, sich in Trance zu versetzen. Von Versuchen weiß man u.a., dass sehr viele Menschen - unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund - in diesem Zustand Mischwesen zu sehen glauben, die halb Mensch und halb Tier sind. Dieser Umstand wird als mögliche Erklärung dafür gesehen, dass schon sehr früh in unserer Geschichte solche Wesen in Form von Wandmalereien und geschnitzten Figuren dargestellt wurden. Man hat es bei Mischwesen also nicht zwangsläufig mit Indizen für Genmanipulationen durch außerirdische Besucher zu tun, wie z.B. ein Erich von Däniken meint 😄

 Marcellus - Der Merowinger | Michael Kuhn | Ammianus | 2011 | 400 Seiten | Preis: 22 Euro | Infos bei Amazon
Zu  diesem Buch muss ich nichts mehr sagen, da ich es ja erst kürzlich besprochen habe.

 Krieg um Troja | Diktys u. Dares | De Gruyter | 2019 | 448 Seiten | Preis: 59,60 Euro | Infos bei Amazon
Hierbei handelt es sich um eine alternative Quelle zur Troja-Sage. In der Antike wurde behauptet, die Schriften der Autoren Diktys und Dares seien sogar älter als Homers Ilias und Odyssee - was die moderne Forschung allerdings stark bezweifelt. Trotzdem erfreute sich das Werk bis ins Mittelalter einiger Beliebtheit.


Ausführlichere Rezensionen folgen hier in den kommenden Wochen.

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Dienstag, 22. Oktober 2019

📖 Buch: Marcellus - Der Merowinger

Ein Sachbuch in Romanform 

Marcellus stammt aus einer alten provinzialrömischen Familie, die nach dem Zusammenbruch des (West-)Römischen Reichs unter die Herrschaft der germanischen Franken gerät. Sich den neuen Gegebenheiten anpassend, tritt Marcellus als Krieger in den Dienst eines in Colonia (Köln) residierenden fränkischen Kleinkönigs. Von diesem werden er und einige seiner Freunde beauftragt, der burgundischen Verlobten des Thronfolgers entgegen zu reiten, um ihr sicheres Geleit zu geben. Doch jemand möchte die Gelegenheit nutzen, um Marcellus auf diesem Ritt zu ermorden. Zu allem Überfluss fallen aus dem Süden auch noch die Alamannen mit einem großen Heer brandschatzend bei den Franken ein. Marcellus' Gefolgsherr sieht sich deshalb genötigt, bei seinem mächtigen Nachbarn - dem Merowinger Chlodwig - um Hilfe zu bitten. Der aber ist nicht abgeneigt, die brenzlige Situation rücksichtslos zu seinen eigenen Vorteil auszunutzen.

Der Autor Michael Kuhn ist studierter Historiker und war ganz offensichtlich bemüht, ein möglichst authentisches und lebendiges Bild des späten 5. Jahrhunderts zu zeichnen. Erkennbar ist das an vielen Details wie der Verwendung des heute weitestgehend unbekannten gallischen Längenmaßes "Leuge" (anstatt der gängigen Meile) und am umfangreichen Berücksichtigen archäologischer Befunde bei der Beschreibung von Handlungsorten. Sogar bei der auf der Innenseite des Buchdeckels abgebildeten Landkarte wird einige Liebe zum Detail erkennbar, da hier Symbole verwendet wurden, wie sie sehr ähnlich auch auf der spätantiken "Tabula Peutingeriana" zu sehen sind.
Die Kehrseite des Bestrebens, den Leser nicht nur zu unterhalten, sondern ihm auch Wissen zu vermitteln ist hier, dass Begriffe aus der modernen Geschichtsforschung Verwendung fanden. Beispielsweise "Spangenhelm", "Streifenhaus" und "Landnahme". Das wirkt stellenweise etwas hölzern. Ich hätte, um bei den genannten Beispielen zu bleiben, das Aussehen des Helms und der Häuser einfach beschrieben und statt "Landnahme" den Begriff "Eroberung" verwendet. Auch weniger geschickt ist die Erwähnung von "Minuten", um eine kurze Zeitspanne anzugeben. Das war dazumal aus naheliegenden Gründen noch nicht üblich.

Positiv ist wiederum, dass hier kein inflationäres Christen-Bashing betrieben wird, wie man das z.B. von Bernard Cornwell, Peter Bunt und Robert Fabbri kennt. Vielmehr wird das Verhältnis zwischen Christen und Heiden objektiv geschildert.
Die erzählte Geschichte selbst würde ich zwar nicht als extrem spannend bezeichnen, aber sicher auch nicht als langweilig. Meinem Gefühl nach hat der Roman kaum Längen, vielmehr schreitet die Handlung meist recht zügig voran. Genauso mag ich das.
Abgerundet wird der Buchinhalt mit einem umfangreichen Anhang, der neben einem Glossar und einer Zeittafel zusätzlich Fotos und Grafiken mit näheren Beschreibungen der Handlungsorte enthält. Auch hieran wird die sehr löbliche pädagogische Absicht des Autors erkennbar.

Fazit: Der vorliegende Roman ist wahrscheinlich besser als die meisten Sach- und Schulbücher geeignet, in die sehr interessante Zeit der frühen Merowingerkönige einzusteigen - als die Antike ihren letzten Atemzug tat und das Mittelalter bereits kräftig an die Tür klopfte.


Hinweis: Es gibt zwei Fortsetzungen mit den Titeln "Marcellus - Graf von Arduena" und "Marcellus - Blutgericht"

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Weiterführende Informationen:



Mittwoch, 4. September 2019

📖 Buch: List und Verrat - Anno 490

Unterhaltsam und nicht immer politisch korrekt

Der aus Skandinavien stammende Krieger Einar ist vor dem Zorn und der Rachsucht des Frankenkönigs Chlodwig in die Bretagne geflüchtet, um sich dort mit seiner Kriegsbeute und der Frau eines im Kampf getöteten Freundes ein neues Leben aufzubauen. Urplötzlich wird Einar aber von seiner Vergangenheit eingeholt, die ihn ins wohlhabende Königreich der Burgunder führt, von wo aus er einen Schatztransport ausgerechnet in Chlodwigs Herrschaftsgebiet eskortieren soll. Doch Verrat ist im Spiel und alles kommt anders als geplant. Jetzt ist es Einar, der auf Rache aus ist.

"List und Verrat" ist die Fortsetzung von "Der Blutige Thron" (ein dritter Teil ist in Arbeit). Die Handlung schließt mehr oder weniger nahtlos an an den ersten Teil an und erstreckt sich über rund drei Jahre (490-493).
Vom Schreibstil her hat sich der Autor, Peter Bunt,  meiner Ansicht nach verbessert. Stellen, die überhastet wirken, gibt es hier eigentlich nicht. Trotzdem ist das Erzähltempo des 404-seitigen Buchs angenehm zügig.
Auch die Anzahl an unauthentischen Einsprengseln - die sich ja leider in den meisten Historischen Romanen finden - ist hier geringer als im 1. Teil. Völlig vermieden konnten sie aber offensichtlich nicht werden. Z.B. wird an einer Stelle der Begriff Tunika mit Toga verwechselt (der Autor kennt den Unterschied zweifellos) und statt "Solidi" für die Mehrzahl einer antiken Goldmünze mit der Bezeichnung "Solidus" zu verwenden, bleibt man fälschlicherweise bei der Einzahl. Eher kleines Kino ist es auch, wenn sich der Protagonist das Schwert plötzlich auf den Rücken schnallt - ein Fehler, der freilich auch schon dem wesentlich bekannteren Autor Bernard Cornwell unterlaufen ist.
Ziemlich überflüssig - da für die Story nicht von Bedeutung - sind kleinere eingeflochtene Fantasy-Elemente am Schluss. Dergleichen hat in einem Historischen Roman nichts verloren. Aber so übel wie etwa in Robert Fabbris fünftem Vespasian-Roman ("Das Blut des Bruders") ist es hier bei weitem nicht.

Die erzählte Geschichte ist nicht ohne Humor. Etwa wenn der Held vor seiner mit einem Schürhaken bewaffneten Ehefrau flüchtet, nachdem er ihr erzählt hat, er müsse, um Rache an einem Feind nehmen zu können, mit dessen bildschöner Tochter ins Bett springen. Auch die Sprache der handelnden Personen ist gewohnt derb, wohl um 'Authentizität' zu signalisieren. Und mitunter hatte der Autor sogar den Mut, politisch ziemlich unkorrekte, aber unterhaltsame Dialoge zu formulieren; so stellt jemand im Angesicht eines mutmaßlich homosexuellen Feindes die Frage: "Noch einer von denen, die ihren Arsch nicht nur zum Reiten und Furzen verwenden?" 😂

Fazit: Insgesamt ein kurzweiliges Buch, das in einer Epoche des Umbruchs angesiedelt ist, die mindestens genauso interessant ist wie die in Romanen und im Fernsehen seit einigen Jahren überstrapazierte Wikingerzeit.

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Donnerstag, 18. Juli 2019

📖 Buch: Der blutige Thron: Anno 486

Unterhaltsame Geschichte, mangelhafte historische Recherche

Mein schreibt das Jahr 483, als ein junger Mann, der später Einar von Skane genannt wird, halb tot an das Ufer des Rheins gespült wird. Mönche finden ihn und sorgen für seien Genesung. Doch Einar hat sein Gedächtnis verloren. Weder weiß er seinen richtigen Namen, noch woher genau er stammt. Immerhin verrät seine Sprache, dass er irgendwo im Norden bzw. Skandinavien geboren wurde. Sein großes Geschick mit dem Schwert deutet wiederum auf eine entsprechende Krieger-Ausbildung hin. Und er ist Heide, der sich, trotz großer Bemühungen seiner Retter, keineswegs zum Christentum bekehren lassen möchte. Schließlich verlässt Einar die Mönche und tritt in den Dienst des gerade erst an die Macht gekommenen Frankenkönigs Chlodwig, der es sich in den Kopf gesetzt hat, auf Kosten seiner Nachbarn ein Großreich zu schaffen. Drei Jahre später ist Einar Teil jenes Heeres, das sich aufmacht, das letzte als "römisch" geltende Gebiet Galliens zu erobern.

Gleich vorweg: Das von Peter Bunt geschriebene Buch hat mich durchaus unterhalten. Ich habe mir deshalb auch schon die Fortsetzung gekauft. Gerne hätte ich daher zumindest vier Sterne vergeben, aber das ließe sich vor allem nicht mit dem Umstand vereinbaren, dass bei der historischen Rahmenhandlung durchgehend kleinere Mängel zu finden sind, die in Summe leider zu einem Punkteabzug führen mussten. Ich möchte das mit ein paar Beispielen untermauern.
  • Der Autor meint offenbar, im römischen Gallien des Syagrius wäre der kurze Gladius noch das Standartschwert gewesen. In Wirklichkeit war dieser aber schon rund 200 (!) Jahre zuvor in der römischen Armee von der langen Spatha abgelöst worden. Überhaupt entspricht Peter Bunts Darstellung der 'römischen' Streitkräfte in Gallien eher der frühen und hohen Kaiserzeit, aber nicht der Realität des späten 5. Jahrhunderts.
  • Der Autor lässt den Protagonisten die Zeitrechnung nach Christi Geburt verwenden. Etwas, das in der Zeit um das Jahr 500 noch völlig unüblich war.
  • Die Haare standen mir regelrecht zu Berge, als von einem "metallbeschlagenen ledernen Wams" die Rede war, wie es angeblich früher römische Legionäre trugen. Hierbei handelt es sich leider um ziemlichen Unsinn. Ist hier vielleicht eine 'lorica squamata' - also ein Schuppenpanzer - gemeint? Dann stellt sich allerdings die Frage, warum dieser nicht gleich bei seinem richtigen Namen genannt wurde. Schließlich war der Schuppenpanzer auch im 5. Jahrhundert neben dem Ketten- und dem Lamellenpanzer immer noch in Gebrauch.
  • Der Autor lässt jemanden etwas mit dem "Schuhabsatz" in den Sand zeichnen. Was freilich in der Realität daran gescheitert wäre, dass Schuhabsätze erst viele Jahrhunderte später in Mode kamen. Im 5. Jahrhundert hingegen bestanden die Sohlen lediglich aus einem flachen Stück Leder.
  • usw.  

All das sind eher unnötige Fehler, die relativ leicht hätten vermieden werden können. Der nicht einschlägig vorgebildete Leser sei deshalb gewarnt: Ein großer Detailreichtum in einem Historischen Roman mag zwar Authentizität suggerieren, ohne diesem Anschein aber in der Realität immer gerecht zu werden. Weniger wäre deshalb oft mehr, sofern man als Autor nicht bereit ist, das Quellenstudium ausreichend intensiv zu betreiben. Dabei gäbe es keinen Mangel an nützlicher Literatur - siehe z.B. die beiden aufwendig illustrierten Bücher "Das fränkische Heer der Merowingerzeit", welche im Zeughaus Verlag erschienen sind (auf den bereits vor einer halben Ewigkeit angekündigten dritten Teil wage ich allerdings nicht mehr zu hoffen).

Noch eine Anmerkung zum Schluss: Peter Bunt dürfte sich beim Schreiben einige Inspiration von seinem Kollegen Bernard Cornwell geholt haben (dessen Bücher ich sozusagen in- und auswendig kenne). Darauf deuten nicht zuletzt Formulierungen wie "Ziegenschiss" und der auf den christlichen Gott gemünzte Spottbegriff "der angenagelte Jesus" sehr stark hin. Auch Bunts angenehm zügiges Erzähltempo erinnert an Cornwell, allerdings übertreibt er es damit für meinen Geschmack stellenweise, sodass einige Figuren zu flach und einige Szenen unvollständig wirken. In der Fortsetzung bzw. dem zweiten Teil der Reihe ist das spürbar besser.


Sonntag, 7. Juli 2019

📖 Hiltibolds aktuelle Leseliste: Der blutige Thron -- Die Merowinger -- Georgica



 Der blutige Thron: Anno 486 | Peter Bunt | Independently published | 2018 | 342 Seiten | Preis: 11,99 Euro | Infos bei Amazon
Diesen historischen Roman, der im Reich der fränkischen Merowinger bzw. am Übergang von der Antike zum Mittelalter spielt, hat mir ein Leser als Alternative zu der zunehmend lahmer werdenden Uhtred-Reihe von Bernard Cornwell empfohlen (der gute Mann weiß leider nicht, wann Zeit ist aufzuhören). Da außerdem die Bewertungen bei Amazon zahlreich und sehr gut sind, habe ich mir das Buch bestellt. Ob zurecht, finde ich gerade heraus; das erste Kapitel ist jedenfalls nicht übel (obschon die beschriebenen historischen Details nicht in jedem Fall meine Zustimmung finden).
Es gibt übrigens bereits einen zweiten Teil (und ein dritter ist in Arbeit) - wobei der linke Spangenhelm auf dem Cover vielen Frühmittelalter- und Wikinger-Reenactors bekannt vorkommen dürfte (hier das Originalbild) 😊. Ich hatte dieses 'Standardmodell' vor Jahren kurzzeitig in meinem Besitz, es dann aber wieder an den Händler zurückgeschickt, da es mir zu klobig und selbst für eine Verwendung als bloße Deko zu wenig authentisch war (außerdem wackelten mehrere Nieten). Mittlerweile gibt es deutlich bessere Helme von der Stange, aber damals sind etliche einschlägige Darsteller mit diesem kostengünstigen Eimer auf dem Kopf herumgelaufen. Siehe z.B. das Hastings-Reenactment 2006 (schaut mir nach FFC aus).

 Die Merowinger (3. Auflage) | Patrick J. Geary | C.H. Beck | 2007 | 252 Seiten | Preis: 12,95 Euro | Infos bei Amazon
Zufällig zum Roman der "Der Blutige Thron" passt dieses Buch sehr gut, weil es sich hierbei um ein insgesamt gelungenes Einführungswerk zu den fränkischen Merowingern und ihrer Zeit handelt (bin mit ca. der Hälfte durch). Wobei es aber nicht an das vergleichbare Buch "Die Welt der Karolinger" von Pierre Riché heranreicht, das zurecht seit vielen Jahren auf kaum einer Literaturliste für Geschichtsstudenten fehlt.

Georgica | Vergil / Otto Schönberger (Übers.) | Reclam | 2018 | 224 Seiten | Preis: 6,80 Euro | Infos bei Amazon
Ich bin eigentlich kein Fan von Vergil. Seine Texte sind mir einfach zu schwülstig und die im Handel erhältlichen Übersetzungen - vor allem die älteren - machen es in der Regel nur noch schlimmer. Die vorliegende Ausgabe der "Georgica" ist in sprachlicher Hinsicht für meinen Geschmack jedoch noch halbwegs erträglich. Vor allem aber ist dieses Werk, das in Hesiods Tradition eines Lehrgedichts steht, als Quelle für die antike Landwirtschaft recht interessant. Sprachlich und inhaltlich um eine große Ecke besser ist freilich Catos schnörkellose Schrift "De Agricultura", ebenfalls bei Reclam in einer guten Übersetzung erhältlich.

Ausführlichere Rezensionen zu den obigen Büchern folgen hier in den kommenden Wochen.

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Dienstag, 8. Mai 2018

Krimskrams: Daueverzögertes Merowinger-Buch -- Keine SPQR-Verfilmung, aber Hörbuch-Tipp -- Problematische Farbcodes

(C) Zeughaus Verlag
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Daueverzögertes Merowinger-Buch

Eine scheinbar unendliche Geschichte geht weiter: Der dritte und letzte Teil der von mir (wegen den ausführlich dokumentierten Rekonstrukzionszeichnungen) sehr geschätzten Reihe "Das fränkische Heer der Merowingerzeit" wurde wieder verschoben - diesmal auf Ende 2018. Dabei hatte die Verlagsleitung, wie man mir im vergangenen Herbst auf Anfrage mitgeteilt hat, gehofft, das Buch eventuell Ende 2017 veröffentlichen zu können.

Doch leider, der zuständige Grafiker scheint sich ausgerechnet am entschleunigten Arbeitstempo der Campus-Galli-Mitarbeiter ein Beispiel genommen zu haben 😉 und lässt den Verlag seit ca. zwei Jahren zappeln. Oder ist er auch einfach nur ein extrem pingeliger Rechercheur? 
Wie auch immer, das Cover des Buchs scheint man nun fertig zu haben. Und auch über den Inhalt erfährt man zumindest grob etwas: Sax, Streit- und Wurfaxt, Lanze und Speer, Pfeil und Bogen.
Zu letzerem Thema gibt es übrigens auch eine gelungene Monographie von Holger Riesch, die ich hier vor ein paar Jahren bereits besprochen habe.

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Keine SPQR-Verfilmung - aber Hörbuch-Tipp

Was wurde eigentlich aus der vor ein paar Jahren angekündigten TV-Verfilmung der ausgezeichneten SPQR-Romanreihe von John Maddox Roberts? Auf der Internet-Seite der Produktionsfirma ist jedenfalls tote Hose. Außer der alten Ankündigung findet sich dort nichts. 
Schade, man muss sich die Serie vermutlich abschminken, obwohl der Autor auf Facebook sogar schon gefragt hatte, welche Schauspieler sich seine Fans für die Hauptrollen vorstellen könnten. Andererseits bleibt uns so eine potentielle Enttäuschung erspart. Denn welche TV-Serie war jemals besser als die Romanvorlage?

Übrigens, es gibt mindestens einen der 13 Romane bei Youtube zum *hust* 'Probehören'. Selbstverständlich verlinke ich nicht direkt drauf, sondern weise nur auf den entsprechenden Suchbegriff hin: John Maddox Roberts Die Rache der Flußgötter (Deutsch)
Es geht in der knapp achtstündigen Geschichte um den Einsturz einer römischen Mietskaserne mit unzähligen Toten, Rache, ein sadistisches Ehepaar, Baupfusch, politische Morde, ein mit Leichen verstopftes Abwassersystem und Korruption bis in höchste Regierungskreise. 

Ich kann die Hörbücher dieser Reihe nur wärmstens empfehlen. Der Sprecher zählt zu den Besten, die mir je untergekommen sind und schafft es gemeinsam mit dem Autor, den Leser ins republikanische Rom von Cicero, Cato und Caesar zu versetzen. Eine wohl dosierte Menge Humor rundet die Sache perfekt ab.

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Problematische Farbcodes

Es ist mir an sich ziemlich wurscht, wenn in in der Merowingerzeit angesiedelte Darsteller Swastiken verwenden, denn im zeitlichen Kontext gibt es - objektiv betrachtet - daran nichts auszusetzen. Bedenklich wirds aber, wenn man - wie ich kürzlich in einem Darsteller-Blog gesehen habe - dafür ausgerechnet die Farben Schwarz, Weiß und Rot verwendet. Ich meine, wer hier die große Problematik nicht sieht, der ist nach meinem Dafürhalten dumm wie Bohnenstroh. Oder er macht dergleichen mit Absicht, was noch wesentlich schlimmer wäre.

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Weitere interessante Themen: 



Samstag, 7. April 2018

Der überraschend komplexe Aufbau frühmittelalterlicher Schwertklingen

Da ich vorhabe, mir in näherer Zukunft ein weiteres frühmittelalterliches Schwert anzuschaffen - genauer gesagt eine merowingerzeitliche Spatha - war es nötig, mich mit diesem Thema wieder einmal näher auseinanderzusetzen; schließlich soll der ausführende Schmied keine Vorgaben von mir erhalten, die zu einem schwer ahistorischen Endprodukt führen (ein bisschen ahistorisch wird es trotzdem werden, da ich nicht bereit bin, sündteuren Rennofen-Stahl zu finanzieren).

Die drei großen Teilaspekte einer frühmittelalterlichen Schwertes sind: SchwertscheideKlinge und Gefäß (bestehend aus Parierplatte/Parierstange, Heft bzw. Hilze und Knaufplatte plus ggf. Knaufkrone).
Zurzeit beschäftige ich mich speziell mit dem Aufbau der Klinge, deren Kern in merowingischer und karolingischer Zeit (ca. 450 - 900 n. Chr.) typischerweise aus ganz oder teilweise tordierten (=verdrehten) Metallstäben bestand. Diesen vergleichsweise 'weichen' Kern feuerverschweißte man mit der gehärteten, separat gefertigten Schneide. Später, beim Polieren und Ätzen der Klinge, zeigte sich im Bereich des tordierten Materials das so typische 'wurmbunte' Muster an der Oberfläche.

Freilich, der Aufbau einer solchen Schweißmusterklinge (irrtümlich oft als Damaszenerklingen bezeichnet)  konnte in seiner Komplexität stark variieren, wie die nachfolgenden Querschnitte zeigen. Während der Klingenkern beim ersten Beispiel aus lediglich drei verdrehten Metallstäben bestand, so wurden beim mittleren bereits sechs verwendet. Und im Falle der dritten Klinge war zusätzlich zu den sechs Metallstäben in den Kern ein weiterer, nicht verdrehter Metallstreifen eingesetzt worden (eventuell um die mechanischen Eigenschaften der Klinge zu verbessern).

Keine Rechte vorbehalten, aber um die Nennung der Quelle wird gebeten: HILTIBOLD.Blogspot.com

Dass der Aufbau einer frühmittelalterlichen Klinge noch weitaus komplizierter als die obigen Beispiele ausfallen konnte, bezeugt jenes Schwert eindrucksvoll, das Archäologen im Grab 85/77 in Schlotheim (Thüringen) entdeckten - siehe die nachfolgende Grafik. Die aus dem 6. Jahrhundert stammende Spatha-Klinge ist nämlich nicht über ihre gesamte Länge identisch aufgebaut. Erst ab dem mittleren Bereich bis zum Ort (= die Spitze) wurden besonders kohlenstoffhaltige bzw. härtbare Stahlstreifen eingesetzt. Interessanterweise weist aber auch der innere Klingenkern im unteren Bereich einen hohen Kohlenstoffgehalt auf.
Hier wird deutlich, dass es sehr problematisch ist, eine Schwertklinge lediglich anhand von Untersuchungen an einer einzigen Stelle zu rekonstruieren. Vielmehr muss die gesamte Klinge genau in Augenschein genommen werden - sofern ihr Erhaltungszustand das zulässt.
Keine Rechte vorbehalten, aber um die Nennung der Quelle wird gebeten: HILTIBOLD.Blogspot.com

Die frühmittelalterliche Spatha steht im Verdacht, durch mehrere Hände gegangen zu sein, bevor sie als Beigabe in einem Grab landete (aufgrund von Korrosion lassen sich davon herrührende Gebrauchsspuren allerdings nur sehr selten feststellen).  Darüber hinaus weiß man z.B. anhand eines Fundes in Warburg-Ossendorf (Westfalen), dass ausrangierte Schwerter unter anderem zu Webschwertern für Frauen umgearbeitet worden waren. 
Das alles könnte bedeuten: Viele Verstorbene, die ursprünglich ein Schwert trugen, wurden ohne dieses bestattet. Die Spatha wäre demzufolge in der männlichen Bevölkerung weitaus stärker verbreitet gewesen, als man gemeinhin annimmt.
 !  Unter bestimmten Umständen wurde das zweischneidige Langschwert (=Spatha) auch Personen ins Grab mitgegeben, die zu Lebzeiten körperlich kaum in der Lage waren, dieses im Kampf zu handhaben. Beispielsweise fand man im Gräberfeld am Lübecker Ring (Soest, Westfalen) eine entsprechende Waffe, die neben einem Buben niedergelegt worden war. Dergleichen sollte man unbedingt hinsichtlich jener Fälle im Hinterkopf behalten, wenn feministische Ideologinnen Archäologinnen wieder einmal übereifrig versuchen, sehr seltene Waffenbeigaben in Frauengräbern vorschnell als Beleg für ein weibliches Kriegertum im europäischen Frühmittelalter zu interpretieren.

Hinweis: Selbstverständlich dürfen meine obigen Grafiken kopiert und geteilt werden. Sie finden sich in höherer Auflösung bei Flickr. Außerdem sind sie bei Pinterest verfügbar (allerdings weiß ich nicht, ob das bei Pinterest mit der höheren Auflösung funktioniert). 

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Die Vorlagen für die von mir angefertigten Zeichnungen fand ich in folgendem Buch:

Weitere interessante Themen:


Mittwoch, 6. Dezember 2017

Jesus und der Essigschwamm: Im Religionsunterricht bei der Kreuzigung falsch abgebogen



Ich mochte den Religionsunterricht in der Schule. Man bekam alleine fürs halbwegs still Dasitzen ein "Sehr gut" ins Zeugnis geschrieben. Ein ordentlicher Leistungsnachweis musste nicht erbracht werden - so ähnlich also wie mittlerweile bei vielen geisteswissenschaftlichen Studien 😊.
Rückblickend stellt sich mir freilich immer öfter die Frage, inwieweit das, was uns damals im Unterricht erzählt wurde, auf Tatsachen beruhte. Nein, gemeint sind hier nicht die in den Evangelien geschilderten Wunder, sondern Detailinformationen, die auf den ersten Blick relativ banal bzw. profan erscheinen, bei genauerer Betrachtung jedoch manch biblischer Story einen 'Twist' geben, der den Intentionen der Evangelisten widerspricht.

Beispielsweise erinnere ich mich noch gut daran, wie uns unsere Lehrerin - eine sehr nette Frau - in schillernden Farben jene Marter beschrieb, die Jesus im Zuge seiner Kreuzigung erdulden musste. Unter anderem hieß es, ein römischer Soldat (Stephaton) habe dem Gekreuzigten einen an einem Stock befestigten Schwamm mit Essigwasser als 'Erfrischung' unter die Nase gehalten. Uns Schülern wurde das als eine Art sadistische Verhöhnung des Leidenden vermittelt. Denn wer käme schon auf die Idee, freiwillig an einem Schwamm mit Essigwasser zu saugen? Pfui Teufel!
Doch weit gefehlt, denn ausgerechnet in der römischen Armee wurde das von den Soldaten in Feldflaschen mitgeführte Trinkwasser mit Essig angereichert. Dieses Gemisch namens posca löschte angeblich nicht nur den Durst besser, sondern der Essig wirkte überdies antibakteriell! Wobei laut Livius auch Roms Gegner, nämlich die Soldaten des berühmten karthagischen Feldherren Hannibal, bei der Alpenüberquerung Essigwasser tranken (und mit Essig auch gleich Felsen wegsprengten). Es handelt sich also um keine rein römische Marotte. 
Aber zurück zum eigentlichen Thema: Jener mit Essigwasser vollgesogene Schwamm, der Jesus gereicht wurde, war ein Zeichen des Mitleids, nicht des Sadismus. Meiner Religionslehrerin war das offensichtlich nicht klar. Und - darauf möchte ich wetten - vielen ihrer Kollegen geht es auch heute noch so. Wer an solchen Wissenslücken die Hauptschuld trägt - die Lehrer selbst oder ihre ehemaligen Professoren an den Unis - vermag ich nicht zu sagen. Zu Vernachlässigen ist dieses Unwissen jedenfalls nicht, handelt es sich doch ausgerechnet bei der Kreuzigung um ein zentrales Ereignis der christlichen Religion.

Beinahe gleich oft missverstanden wird die Handlungsweise eines weiteren Soldaten (Longinus), der Jesus im Zuge der Kreuzigung eine Lanze in die Seite stieß. Auch das geschah aus Mitleid! Denn Gekreuzigte starben in der Regel nicht an Blutverlust, der vom 'Annageln' herrührte, sondern vielmehr erstickten sie langsam und qualvoll. Dieser Vorgang konnte sich über Tage hinziehen. Der bei der Kreuzigung von Jesus beschriebene Lanzenstich des Soldaten verkürzte also die Qualen auf drastische, aber wirkungsvolle Weise. 
Näheres zum Erstickungstod am Kreuz findet sich in meinem Blogbeitrag mit dem Titel: Die Fersen ans Kreuz genagelt


Am Schluss noch ein paar kleine Zusatzbemerkung: Die oben verwendete Darstellung (HQ) aus dem Rabbula-Evangeliar beinhaltet einige schöne Details bezüglich merowingerzeitlicher Kleidung, Frisuren und Waffen. Darunter, im Falle des Longinus, ein eigenartiger 'Gürtel', der wie ein um die Mitte gewickeltes, verknotetes Tuch aussieht.
Bemerkenswert ist auch, dass der rechte 'Legionär' (Stephaton mit dem Essigschwamm) eine ungegürtete Tunika trägt. Galt das doch in der römischen Armee als Zeichen der Entehrung und wurde dementsprechend gezielt als Strafmaßnahme eingesetzt. Ob dies dem mittelalterlichen Künstler bekannt war? Wahrscheinlich nicht.
Antikisierende Elemente könnten sich ebenfalls eingeschlichen haben, wie z.B. die Tuniken der links und rechts Gekreuzigten vermuten lassen. Die dunklen 'Flecken' schauen mir nämlich stark nach typisch spätantiken Zierstickereien aus. Wobei andererseits dergleichen zur Entstehungszeit des Evangeliars noch nicht gänzlich aus der Mode war - zumindest im Oströmischen Reich. Kurz gesagt: Interessant, aber nichts Genaues weiß man nicht ...

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Donnerstag, 27. Juli 2017

Krimskrams: Wo bleiben die Merowinger?

Wer sich so wie ich fragt, wo denn der dritte Teil der Merowinger-Reihe des Zeughaus Verlages nach zig Verschiebungen bleibt, hier ein kleines Update: Ich habe kürzlich nachgefragt und die Antwort erhalten, dass der Text des Buches fertig ist bzw. gerade beim Lektor liegt. Allerdings benötigt der Grafiker deutlich länger als erwartet. Man hofft nun, dass sich die Veröffentlichung trotzdem noch bis zum Jahresende ausgehen wird. 

Das hoffe ich auch, denn die Bücher dieser Reihe sind sehr gut - meiner Meinung nach besser als die vergleichbaren von Osprey - und gehören eigentlich in die Bibliothek eines jeden Living-History-Darstellers, der im Frühmittelalter unterwegs ist.

Ebenfalls sehnsüchtig erwarte ich schon lange die Veröffentlichung der Übersetzung von "Zehn Bücher Geschichten" (Gregor von Tours). Vielleicht sollte man hier auch einmal nachfragen. wann das Buch endlich in den Handel kommt ...


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Montag, 10. Juli 2017

PDF: Germanische Kriegerinnen? Leider nein.

Vielleicht erinnern sich einige Leser noch an den Versuch seitens neofeministisch angehauchter Archäologen und Innen, einige germanische/bajuwarische Bestattungen in Richtung eines weiblichen Kriegertums im merowingerzeitlichen Mittelalter zu interpretieren. Eine der Vertreterinnen dieser These hat mittlerweile eingeräumt, dass dem doch nicht so ist (ich habe darauf bereits in meinem Beitrag Feministische Archäologie: In Östrogen gegossenes Wunschdenken hingewiesen). 

Nun hat mich ein Leser freundlicherweise auf eine aktuelle Arbeit aufmerksam gemacht, in der das Thema von den angeblichen germanischen Kriegerinnen ebenfalls behandelt wird; auch hier bestätigt sich, dass ein regelrechtes weibliches Kriegertum im Frühmittelalter nicht belegt werden kann: Klick mich

Zitat:
Normalerweise wurden Individuen im frühen Mittelalter mit geschlechtsspezifischen Beigaben bestattet, so werden Männer und Jungen häufig mit Waffenbeigaben, Frauen und Mädchen meist mit Schmuckbeigaben bestattet (BRATHER, 2008, GÄRTNER, 2013). In der Regel können die Bestatteten dabei auch über ihre Beigaben relativ sicher geschlechtsbestimmt werden (Anm.: Eine Tatsache, mit der manch Neofeministin absolut keine Freude hat - siehe mein Beitrag zur feministischen Archäologie). In dieser Beigabensitte ist wohl auch die klassische Rollenverteilung der beiden Geschlechter im Frühmittelalter widergespiegelt. Während Männer physisch anstrengende Arbeiten verrichteten, Handel trieben, Krieg führten und politische sowie Rechtsgeschäfte tätigten, war es Frauen vorbehalten, zu heiraten, Kinder zu bekommen und sich um Haus, Hof und die Familie zu kümmern (BITEL, 2002). Dennoch gibt es immer wieder Fälle, in denen sich die archäologische und die anthropologische Geschlechtsbestimmung widersprechen (GÄRTNER, 2013, GÄRTNER ET AL., 2014, HAAS-GEBHARD, 2013). In vielen Fällen handelt es sich dabei um Frauen, die mit Waffenausrüstung bestattet wurden und damit Anlass zur Postulierung frühmittelalterlicher „Amazonen“ gegeben haben (z. B. GÄRTNER, 2012, SCHNEIDER, 2008). Ein Absatz der Lex Baiuvariorum, der das Strafmaß für den Angriff auf eine Frau verringert, wenn diese selbst zur Waffe greift, wird häufig auch dahingehend gewertet, dass (bajuwarische) Frauen durchaus als „Kriegerinnen“ fungiert haben könnten, wenngleich vermutlich nur in Familienfehden und nicht in kriegerischen Auseinandersetzungen mit anderen Stämmen (HAAS-GEBHARD, 2013). Befeuert wurde diese Diskussion zusätzlich durch eine mittlerweile widerlegte molekulare Geschlechtsbestimmung einer vermeintlichen Frau, die in Niederstotzingen zusammen mit 2 Männern in Rüstung begraben wurde (WAHL ET AL., 2014, ZELLER, 2000). 
[...] In der vorliegenden Arbeit wurden Bestattungsphänomene, die regelmäßig auf frühmittelalterlichen Reihengräberfeldern angetroffen werden können, aus einer molekularbiologischen Sicht untersucht und beurteilt. Zu diesen Phänomenen zählen neben den sogenannten „Amazonen“, also Frauen, die in Waffenausrüstung bestattet wurden, auch Mehrfachbestattungen in allen denkbaren Variationen. [...]. Durch die erneute Untersuchung von Frauen in Waffen konnte gezeigt werden, dass es diese Art der Bestattung nicht gab, wie auch die übrigen Bestattungen, deren Geschlechtszuweisung von anthropologischer und archäologischer Seite widersprüchlich war (IMMLER, 2013, GÄRTNER ET AL., 2014). [...]. Vor allem vermeintlich spektakuläre Ergebnisse bedürfen hier immer einer unabhängigen Reproduktion, Anwendung verschiedener Verfahren und kritischen Betrachtung, wie der ursprüngliche Fall einer vermeintlichen Amazone aus Niederstotzingen (WAHL ET AL., 2014, ZELLER, 2000) zeigt.  
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Samstag, 3. Juni 2017

Krimskrams: Pseudo-Rezensionen bei Amazon -- Stoffe für Beutel und frühmittelalterliche Mütze -- Frühmittelalterdorf Unterrabnitz

Es geht langsam los: Stoffe für Beutel und Mütze


Letzte Woche habe ich ja davon geschrieben, dass ich nach einer halben Ewigkeit wieder einmal etwas nähen möchte: Und zwar einen Leinenbeutel sowie eine Phrygische Mütze für meine ottonenzeitliche Ausstattung.  Zum Glück hatte ich noch noch passende Textilreste auftreiben können. 
Für den Beutel werde ich einen ziemlich robusten, weißen Leinenstoff verwenden (linkes Bild), der bereits für eine meiner Thorsberghosen benutzt wurde (Blogbeitrag). 
Die Mütze wird aus grünem Schurwollstoff genäht (rechts), aus dem auch meine "Übertunika" ist (Blogbeitrag). Gefüttert wird die Kopfbedeckung mit weißem Leinen, das von einem alten Leintuch stammt (in Deutschland überwiegend "Bettlaken" genannt 😉). Alte bzw. lange benutzte Leintücher sind nämlich schön weich (aber aufpassen, dass das wirklich Leinen ist, und nicht Baumwolle oder irgend ein modernes Mischgewebe!). Den unteren Mützenrand besetze ich mit einem gelben Leinenstoff, der schon seit ein paar Jahre in meiner Näh-Kiste liegt. Ursprünglich wollte ich zwar roten Stoff verwenden, aber Gelb passt meiner Ansicht nach doch besser zu dem Grün der Mütze. Außerdem überlege ich mir noch, besagten Besatz dezent zu besticken - und zwar mit Fäden aus dem grünen Wollstoff der Mütze. Das sollte an sich ganz gut hinhauen, denn beispielsweise auch beim Teppich von Bayeux wurde mit Wolle auf Leinen-Untergrund gestickt. Doch ist es sinnvoll, den Besatz vor dem Anbringen an die Mütze zu besticken oder erst hinterher? 
Bezüglich des Schnittmusters werde ich mich an meiner anderen phrygischen Mütze orientieren (Blogbeitrag), aber diesmal mit den Abmessungen etwas großzügiger sein.
In den kommenden Tagen wird alles zugeschnitten und dann beginne ich (seeeehr) langsam, die Einzelzeile zusammenzunähen. Wobei ich zuerst die Mütze und später die Beutel angehe.
Das Nähgarn werde ich direkt aus den verwendeten Stoffen gewinnen, indem ich bei diesen am Rand Fäden heraustrenne. Das ist besonders beim Besatz von Vorteil, weil hier aufgrund der Gleichfarbigkeit von Stoff und Garn die Nähte so gut wie unsichtbar sein werden.

Einen ausführlichen Blogbeitrag zum Mützenprojekt - inklusive historischen Quellen, Fotos usw. - gibt es dann, wenn alles fertig ist. Ob ich über die simplen Leinenbeutel auch etwas schreibe, weiß ich noch nicht. Es zahlt sich ja fast nicht aus.

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Frühmittelalterdorf Unterrabnitz

Auf das kleine, aber schön gelegene burgenländische Frühmittelalterdorf Unterrabnitz habe ich hier vor wenigen Monaten schon einmal hingewiesen, Nun findet dort vom 5. bis zu 13. August 2017 eine Dorfbelebung durch die Frühmittelalter-Gruppe Solibacher statt.  Am 5. und 6. August wird überdies die Austrian Longbow Society vorbeischauen und Einblicke ins Hochmittelalter geben.
Eintritt: freie Spende zur Erhaltung des Dorfs.

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Pseudo-Rezensionen bei Amazon

Ich habe im Rahmen des Blogs ja schon mehrmals auf kuriose bzw. auffällige Rezensionen bei Amazon hingewiesen. Auch die folgende verdient hier zweifellos Erwähnung. 




Den Screenshot habe ich gemacht, nachdem das betreffende Buch gerade einmal zwei Tage im Handel erhältlich war. Und schon 79 Rezensenten wollen bereits zu diesem Zeitpunkt die 256 Seiten gelesen haben? Sehr fleißig ... ^^

Nicht, dass ich den Autor - einen in seinem eigenen Zensur- und Ideologiewahn abgesoffenen Irrwisch - verteidigen möchte, allerdings sagt mir meine Erfahrung, dass die meisten Rezensenten das Buch gar nicht gelesen haben, sondern hier bloß ihren Ärger über die Politik dieses Herren zum Ausdruck bringen wollten - u.a. daran abzulesen, dass sich bei den Rezensionen der Anteil an verifizierten Käufen meilenweit unterhalb des üblichen Niveaus bewegt (das gilt mehr oder weniger auch für die vereinzelten positiven Rezensionen). Weiters ist bei den von mir stichprobenartig gelesenen Rezensionen kaum je ein klarer Bezug zum Buchinhalt feststellbar. Einer dieser Nicht-Leser schreibt sogar ganz offen: "Endlich mal ein Buch, von dem ich bereits den Inhalt kenne, ohne es lesen zu müssen."
Wieso wird so etwas nicht entfernt? Der Rezensionsbereich von Amazon ist schließlich nicht zum Ablassen von politischem Frust da. Dafür gibt es längst eine viel geeignetere Einrichtung: Ihre Bezeichnung: Wahlzelle!

Wer am aktuellen Stand der Bewertung interessiert ist, der klicke bitte hier.
Übrigens, wie ich einen Tag nach dem Erstellen des Screenshots gelesen habe, soll das Rezensieren mittlerweile nur noch Nutzern erlaubt sein, die das inkriminierte Buch bei Amazon gekauft haben (= verifizierte Käufe). Bezeichnenderweise wurden seit dieser Teilsperre kaum noch Rezensionen veröffentlicht.

Ach ja, wer Zeit hat, kann sich durch die hochgeladenen Kundenbilder des Buch klicken. Sehr lustig 😃

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Sonntag, 18. Dezember 2016

Buch: Wurmbunte Klingen - Studien zur Konstruktion, Herstellung und Wertigkeit der frühmittelalterlichen Spatha in Westfalen

Die Spatha - ein zweischneidiges Langschwert - zählt zu den charakteristischen Waffen des europäischen Frühmittelalters. Aufgrund des enormen Herstellungsaufwandes war sie für ihre Träger vermutlich ein wertvolles Prestigeobjekt. In Wurmbunte Klingen: Studien zu Konstruktion, Herstellung und Wertigkeit der früh-mittelalterlichen Spatha in Westfalen (Aschendorff Verlag) widmet sich der Autor Ulrich Lehmann anhand von 28 westfälischen (und zwei rheinländischen) Schwert-Funden aus dem 6. - 8./9. Jh. diesem Thema in ausführlicher Weise.

Von einiger Bedeutung für die Studien ist die Unterteilung der Spatha in Schwertscheide, Gefäß und Klinge. So sind etwa beim Gefäß - bestehend aus Hilze, Griffplatten/Parierstange und Knaufkrone - Wandel von Stil und verwendeten Materialien zentrale Merkmale, die eine chronologische Einordnung des Schwertes ermöglichen. Wobei Gefäß und Klinge aufgrund von nachträglichen Veränderungen (z.B. durch Reparaturen) zeitlich relativ weit auseinanderliegen können.

Einiges Augenmerk wurde bei den Untersuchungen auch der Schwertscheide geschenkt. Üblicherweise bestand sie aus einer fellgefütterten Holzschale, die außen mit Leder und/oder Textilen überzogen war (21 der 28 in der Studie behandelten Schwerter aus Westfalen wiesen noch unterschiedlich umfangreiche Reste davon auf). Interessant und neu war für mich hierbei, dass frühmittelalterliche Spatha-Schwertscheiden regelhaft plastisch verziert waren (etwa durch das Aufleimen von Schnüren unter dem Lederbezug, siehe nachfolgende Bilder) - ich hielt das bisher eher für eine Ausnahme. Des Weiteren könnte häufig Farbe zum Einsatz gekommen sein,  was mich besonders überraschte. Bunte Schwertscheiden - wer hätte das gedacht? Ein Aha-Erlebnis hatte ich auch bei der geäußerten Annahme, dass es sich bei den an manch Spatha-Fund anhaftenden Textilresten nicht zwingend um eine Bespannung der hölzernen Scheide handeln muss; vielmehr könnten es auch die Reste eines Schutzumschlages sein, in den das Schwert gewickelt wurde, bevor es als Beigabe unter die Erde kam. Das bedeutet, manch heute gezeigte Rekonstruktion beruht möglicherweise auf einer Missinterpretation.

Besonders viel Aufmerksamkeit widmet der Autor natürlich der Klinge, deren Kern in merowingischer und karolingischer Zeit typischerweise aus Schweißverbundstahl bestand. Im Detail erläutert werden hier die Aufbereitung des Metalls sowie das Schmieden und Härten. Unter anderem aufgrund von grafischen Darstellungen verschiedenster Klingenquerschnitte und der auf den polierten Klinge hervortretenden Schweißmuster (= "wurmbunt") entsteht ein gut nachvollziehbarer Einblick in die frühmittelalterliche Schwertschmiedetechnik, für die das Feuerverschweißen von tordierten Metallstäben unterschiedlicher Beschaffenheit besonders charakteristisch ist (und einfach ist es auch nicht, wie ich aus eigener praktischer Erfahrung weiß).

Gesondert erläutert werden die den Untersuchungen zugrunde liegenden naturwissenschaftlichen Verfahren; z.B. die 3-D-Röntgen-Computertomographie.  Auch die Grenzen der modernen Technik kommen zur Sprache; so ist etwa eine verlässliche Härtebestimmung der Klinge häufig kaum möglich, da ausgerechnet die äußeren Schichten des Schwertes, in denen die einstige Härtung naturgemäß besonders stark in Erscheinung trat, fast immer aufgrund von Korrosion zerstört sind. Dementsprechend sind die in Forschungsberichten angegebenen Werte mit Vorsicht zu genießen.





Fazit: Zwar wendet sich der Autor Ulrich Lehmann mit seinem Buch kaum an völlige Laien, doch dürften selbst Interessierte ohne einschlägiges Vorwissen aus den allgemein verständlich geschriebenen Texten viele wertvolle Informationen entnehmen können. Unzählige Illustrationen (inkl. eines Kataloges) erleichtern das Verständnis. Auch wurde von Fußnoten reichlich Gebrauch gemacht, wobei sich der Autor hierbei häufig nicht auf bloße Literaturhinweise beschränkt hat, sondern gleich direkt wichtige Zusatzinformationen einflechtete.
Natürlich bezieht sich der Großteil des Buchs auf Spatha-Funde im deutschen Westfalen, allerdings sind die Unterschiede zu ähnlichen Funden in den germanisch besiedelten Gebieten Mitteleuropas meiner Erfahrung nach vergleichsweise gering. Daher lassen sich aus den Untersuchungsergebnissen wohl häufig relativ allgemein gültige Schlüsse ziehen; etwa die historischen Handwerkstechniken betreffend. Nicht zuletzt für Living-History-Hobbyisten im deutschen Sprachraum ist dieser Umstand von Bedeutung. Sie bekommen mit dem vorliegenden Buch eine sehr detailreiche Recherche-Quelle an die Hand, die es ihnen ermöglicht, ein für die persönliche Darstellung passendes Schwert in Auftrag zu geben, ohne sich dabei allzu blind auf die Kenntnisse des Schmiedes verlassen zu müssen. Wobei freilich auch Schmiede, die Repliken historischer Blankwaffen herstellen, mit diesem Buch ihre Freude haben dürften. 
Für knapp 40 Euro erhält man eine allgemein verständlich geschriebene, gut strukturierte, großformatige und reichhaltig illustrierte Monografie mit einem Umfang von über 500 Seiten; ein meiner Ansicht nach sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis.
Übrigens: Der Autor wurde für seine Spatha-Forschung vor einigen Monaten mit einem Preis ausgezeichnet.

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In nachfolgendem 10-minütigem Video sieht man den Waffenschmied Stefan Roth, wie er mit dem Autor Ulrich Lehmann an der aufwendigen Herstellung jener Spatha arbeitet, die auf dem Cover des oben besprochenen Buchs abgebildet ist. Über eine halbe Tonne Holzkohle wurde dabei verbrannt!




Weiterführende Informationen: 

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Sonntag, 17. Juli 2016

Stolpersteine beim Datieren: Münzen und Keramik



Eigentlich besuche ich museale Veranstaltungen weniger gerne, weil das in der Regel den Aufwand bzw. die Anfahrt nicht lohnt. Vorträge höre ich mir lieber - entschleunigt und maximalentspannt wie ein Campus-Galli-Angestellter - auf der Couch oder im Bett an; wozu gibt es schließlich das Internet? 
Gelegentlich lande ich freilich trotzdem in Museen oder Vortragssälen, um andächtig den Ausführungen von Experten zu lauschen. Was ich allerdings kürzlich bei einer dieser Veranstaltungen zu hören bekam, ließ mich nachdenklich mein Hinterteil kratzen, während meine Begleitung, ein gelernter Archäologe, dezent seufzte. Grund: Die Vortragende, eine Master-Studentin der Archäologie, fütterte das Publikum im Rahmen einer Führung mit folgenden Aussagen, die ich hier sinngemäß wiedergebe und zum Anlass nehme, um mit ein paar kleineren 'Mythen' aufzuräumen.


1. Wenn wir eine Münze im Boden finden, dann ist das natürlich immer etwas Besonderes, weil genauere Anhaltspunkte zur Datierung archäologischer Strukturen gibt es kaum.

Stimmt diese optimistische Aussage? Na ja, in dieser undifferenzierten Form eher nicht, denn besonders Münzen müssen mit Argwohn betrachtet werden. Die Gründe hierfür sind u.a.:
  • a) Münzen finden sich überdurchschnittlich häufig in gestörten Schichten, von wo aus sie kaum in einen verlässlichen Kontext mit 'benachbarten' Objekten aus ungestörten bzw. geschlossenen Schichten gebracht werden können; siehe die obige Abbildung: Stammt die Münze auf dem Acker ursprünglich aus der ersten, zweiten oder dritten Schicht, die allesamt vom Pflug durcheinandergewirbelt wurden? Ein ähnliches Problem ergibt sich mit den Objekten in der bereits im Mittelalter ausgehobenen und wieder verfüllten Grube, die links eingezeichnet ist.
  • b) Münzen sind klein und verhältnismäßig schwer, daher sinken sie in lockeren Böden schneller als andere Objekte. So können sie in Schichten auftauchen, zu denen sie eigentlich in keiner direkten Beziehung stehen. Bsp: Eine römische Münze der Kaiserzeit gelangt durch Absinken in eine 200 Jahre älteren Schicht der vorrömischen Eisenzeit. Ist diese Schicht nicht durch andere Objekte exakt datierbar, kann es zu chronologischen Fehlschlüssen des Ausgräbers kommen. 
  • c) Bestimmte Tiere sammeln kleine, glänzende Objekte und verschleppen sie. Das kann etwa dazu führen, dass eine Münze der Karolingerzeit in eine Ruine der Merowingerzeit gelangt. Eine falsche Datierung dieser Ruine wäre dadurch möglich. 
Da also einzelne Münze nahezu überall auftauchen können, eignen sie sich für umfassende Datierungen nur eingeschränkt. In vielen Fällen sagen sie nur etwas über das eigene Alter aus.


2. Die älteste Keramik, die man bei Ausgrabungen innerhalb einer griechischen Siedlung gefunden hat, stammt aus den letzten drei Jahrzehnten des 6. Jh. v. Chr. Deshalb muss diese Siedlung auch damals gegründet worden sein.

Der Namen der betreffenden Siedlung ist mir entfallen; er ist aber auch nicht von großer Bedeutung, da es hier um den nicht gerade korrekt vermittelten Eindruck gehen soll, wonach die älteste entdeckte Keramik ein verlässlicher Anhaltspunkt für das Gründungsdatum einer Siedlung sei.
Normalerweise findet man die älteste Keramik in der tiefsten archäologischen Schicht, doch es gibt etliche Ausnahmen. Etwa wenn in der Römerzeit für das Aufschütten eines Straßendammes Aushubmaterial verwendet wurde, das bronzezeitliche Objekte enthielt. Diese landeten dann nämlich über der eisenzeitlichen Schicht bzw. direkt unter der römischen; also an einem Ort, wo sie aus chronologischer Sicht eigentlich nicht hingehören.
Ob man weiters bei einer archäologischen Grabung - die flächenmäßig fast immer nur vergleichsweise kleine Bereiche erfassen kann - tatsächlich auf die älteste Schicht gestoßen ist, nachdem man besonders tief gegraben hat, lässt sich häufig nicht mit Bestimmtheit sagen. Denkbar ist, dass anderenorts noch zeitlich weiter zurückliegende Spuren vorhanden sind; doch selbst wenn diese entdeckt werden, müssen Zweifel bleiben, denn vor der eigentlichen Siedlungsgründung könnte es beispielsweise eine Phase gegeben haben, in welcher der Platz nur vorübergehend genutzt wurde. Gefundene Keramikfragmente stammen eventuell aus genau dieser Zeit.

Z.T. sind auch an den keramischen Objekten selbst - mit deren Hilfe archäologische Schichten ja besonders gerne datiert werden - Zweifel angebracht. So wurde beispielsweise in einer griechischen Kolonie eine Vase entdeckt, auf der sich die aufgemalte Kartusche des ägyptischen Pharaos Apries fand. Voreilig ordnete man diese vermeintliche Importware seiner Regierungszeit (589 - 570 v. Chr.) zu. Wie sich jedoch später herausstellte, war der Königsname falsch geschrieben worden. Es handelt sich daher mit hoher Wahrscheinlichkeit um ein später hergestelltes Stück, das von einem Griechen stammte, der die ägyptische Schrift bestenfalls rudimentär beherrschte. Die hübsche Dekoration mit der Kartusche sollte vermutlich nur den Absatz fördern. 

Weil die Datierung von Keramikobjekten anhand ihres Aussehens (Stils) nicht immer so verlässlich ist, wie es wünschenswert wäre (in der Fachwelt gibt es dazu mancherlei Diskussionen) wird mitunter auf das Thermolumineszenz-Verfahren zurückgegriffen, das seit den 1960er-Jahren in der Archäologie Verwendung findet. Das Problem hierbei: Die Ungenauigkeit ist relativ hoch. Für die Klassische Archäologie scheidet diese Form der Datierung daher oft aus. Bei Urgeschichtlern, die nicht auf Jahrzehnte genau datieren müssen, sondern weitaus größere Zeiträume betrachten, fällt dieser Mangel nicht ganz so schwer ins Gewicht
Ansonsten wird das Thermolumineszenz-Verfahren auch zur Überprüfung der Echtheit von Keramikobjekten benutzt. Völlig verlässlich ist hier das Ergebnis allerdings nicht, da mittels (aufwendiger) radioaktiver Bestrahlung recht gute Fälschungen hergestellt werden können.


Zusammenfassung

Archäologie ist keine exakte Wissenschaft, auch wenn sie sich zunehmend mit naturwissenschaftlichen 'Brimborium' umgibt, das dem Laien - sicher nicht immer ungewollt - den Anschein von Exaktheit und Unfehlbarkeit vermittelt. Den meisten Archäologen sind die methodischen Unzulänglichkeiten natürlich bekannt, aber in der Regel kommunizieren sie diese nicht gerade 'offensiv' nach außen. Ebenso Problematisch ist, dass Ausgräber dazu neigen, die archäologischen Befunde mit historischen Berichten in Übereinstimmung bringen zu wollen. Durchaus kann hier von "Zurechtbiegen" gesprochen werden.
Es ist aus diesen Gründen ratsam, die veröffentlichte "Expertenmeinung" immer mit Vorsicht zu genießen - natürlich auch abseits der Archäologie. Denn obwohl es seit einigen Jahrzehnten als intellektueller Schick verkauft wird, so stellt blinde Wissenschaftsgläubigkeit letztendlich wohl doch keine immense Verbesserung zu inbrünstiger Religiosität und Gottvertrauen dar.

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