Eigentlich besuche ich museale Veranstaltungen weniger gerne, weil das in der Regel den Aufwand bzw. die Anfahrt nicht lohnt. Vorträge höre ich mir lieber - entschleunigt und maximalentspannt wie ein
Campus-Galli-Angestellter - auf der Couch oder im Bett an; wozu gibt es schließlich das Internet?
Gelegentlich lande ich freilich trotzdem in Museen oder Vortragssälen, um andächtig den Ausführungen von Experten zu lauschen. Was ich allerdings kürzlich bei einer dieser Veranstaltungen zu hören bekam, ließ mich nachdenklich mein Hinterteil kratzen, während meine Begleitung, ein gelernter Archäologe, dezent seufzte. Grund: Die Vortragende, eine Master-Studentin der Archäologie, fütterte das Publikum im Rahmen einer Führung mit folgenden Aussagen, die ich hier sinngemäß wiedergebe und zum Anlass nehme, um mit ein paar kleineren 'Mythen' aufzuräumen.
1. Wenn wir eine Münze im Boden finden, dann ist das natürlich immer etwas Besonderes, weil genauere Anhaltspunkte zur Datierung archäologischer Strukturen gibt es kaum.
Stimmt diese optimistische Aussage? Na ja, in dieser undifferenzierten Form eher nicht, denn besonders Münzen müssen mit Argwohn betrachtet werden. Die Gründe hierfür sind u.a.:
- a) Münzen finden sich überdurchschnittlich häufig in gestörten Schichten, von wo aus sie kaum in einen verlässlichen Kontext mit 'benachbarten' Objekten aus ungestörten bzw. geschlossenen Schichten gebracht werden können; siehe die obige Abbildung: Stammt die Münze auf dem Acker ursprünglich aus der ersten, zweiten oder dritten Schicht, die allesamt vom Pflug durcheinandergewirbelt wurden? Ein ähnliches Problem ergibt sich mit den Objekten in der bereits im Mittelalter ausgehobenen und wieder verfüllten Grube, die links eingezeichnet ist.
- b) Münzen sind klein und verhältnismäßig schwer, daher sinken sie in lockeren Böden schneller als andere Objekte. So können sie in Schichten auftauchen, zu denen sie eigentlich in keiner direkten Beziehung stehen. Bsp: Eine römische Münze der Kaiserzeit gelangt durch Absinken in eine 200 Jahre älteren Schicht der vorrömischen Eisenzeit. Ist diese Schicht nicht durch andere Objekte exakt datierbar, kann es zu chronologischen Fehlschlüssen des Ausgräbers kommen.
- c) Bestimmte Tiere sammeln kleine, glänzende Objekte und verschleppen sie. Das kann etwa dazu führen, dass eine Münze der Karolingerzeit in eine Ruine der Merowingerzeit gelangt. Eine falsche Datierung dieser Ruine wäre dadurch möglich.
Da also einzelne Münze nahezu überall auftauchen können, eignen sie sich für umfassende Datierungen nur eingeschränkt. In vielen Fällen sagen sie nur etwas über das eigene Alter aus.
2. Die älteste Keramik, die man bei Ausgrabungen innerhalb einer griechischen Siedlung gefunden hat, stammt aus den letzten drei Jahrzehnten des 6. Jh. v. Chr. Deshalb muss diese Siedlung auch damals gegründet worden sein.
Der Namen der betreffenden Siedlung ist mir entfallen; er ist aber auch nicht von großer Bedeutung, da es hier um den nicht gerade korrekt vermittelten Eindruck gehen soll, wonach die älteste entdeckte Keramik ein verlässlicher Anhaltspunkt für das Gründungsdatum einer Siedlung sei.
Normalerweise findet man die älteste Keramik in der tiefsten archäologischen Schicht, doch es gibt etliche Ausnahmen. Etwa wenn in der Römerzeit für das Aufschütten eines Straßendammes Aushubmaterial verwendet wurde, das bronzezeitliche Objekte enthielt. Diese landeten dann nämlich über der eisenzeitlichen Schicht bzw. direkt unter der römischen; also an einem Ort, wo sie aus chronologischer Sicht eigentlich nicht hingehören.
Ob man weiters bei einer archäologischen Grabung - die flächenmäßig fast immer nur vergleichsweise kleine Bereiche erfassen kann - tatsächlich auf die älteste Schicht gestoßen ist, nachdem man besonders tief gegraben hat, lässt sich häufig nicht mit Bestimmtheit sagen. Denkbar ist, dass anderenorts noch zeitlich weiter zurückliegende Spuren vorhanden sind; doch selbst wenn diese entdeckt werden, müssen Zweifel bleiben, denn vor der eigentlichen Siedlungsgründung könnte es beispielsweise eine Phase gegeben haben, in welcher der Platz nur vorübergehend genutzt wurde. Gefundene Keramikfragmente stammen eventuell aus genau dieser Zeit.
Z.T. sind auch an den keramischen Objekten selbst - mit deren Hilfe archäologische Schichten ja besonders gerne datiert werden - Zweifel angebracht. So wurde beispielsweise in einer griechischen Kolonie eine Vase entdeckt, auf der sich die aufgemalte Kartusche des ägyptischen Pharaos Apries fand. Voreilig ordnete man diese vermeintliche Importware seiner Regierungszeit (589 - 570 v. Chr.) zu. Wie sich jedoch später herausstellte, war der Königsname falsch geschrieben worden. Es handelt sich daher mit hoher Wahrscheinlichkeit um ein später hergestelltes Stück, das von einem Griechen stammte, der die ägyptische Schrift bestenfalls rudimentär beherrschte. Die hübsche Dekoration mit der Kartusche sollte vermutlich nur den Absatz fördern.
Weil die Datierung von Keramikobjekten anhand ihres Aussehens (Stils) nicht immer so verlässlich ist, wie es wünschenswert wäre (in der Fachwelt gibt es dazu mancherlei Diskussionen) wird mitunter auf das Thermolumineszenz-Verfahren zurückgegriffen, das seit den 1960er-Jahren in der Archäologie Verwendung findet. Das Problem hierbei: Die Ungenauigkeit ist relativ hoch. Für die Klassische Archäologie scheidet diese Form der Datierung daher oft aus. Bei Urgeschichtlern, die nicht auf Jahrzehnte genau datieren müssen, sondern weitaus größere Zeiträume betrachten, fällt dieser Mangel nicht ganz so schwer ins Gewicht
Ansonsten wird das Thermolumineszenz-Verfahren auch zur Überprüfung der Echtheit von Keramikobjekten benutzt. Völlig verlässlich ist hier das Ergebnis allerdings nicht, da mittels (aufwendiger) radioaktiver Bestrahlung recht gute Fälschungen hergestellt werden können.
Zusammenfassung
Archäologie ist keine exakte Wissenschaft, auch wenn sie sich zunehmend mit naturwissenschaftlichen 'Brimborium' umgibt, das dem Laien - sicher nicht immer ungewollt - den Anschein von Exaktheit und Unfehlbarkeit vermittelt. Den meisten Archäologen sind die methodischen Unzulänglichkeiten natürlich bekannt, aber in der Regel kommunizieren sie diese nicht gerade 'offensiv' nach außen. Ebenso Problematisch ist, dass Ausgräber dazu neigen, die archäologischen Befunde mit historischen Berichten in Übereinstimmung bringen zu wollen. Durchaus kann hier von "Zurechtbiegen" gesprochen werden.
Es ist aus diesen Gründen ratsam, die veröffentlichte "Expertenmeinung" immer mit Vorsicht zu genießen - natürlich auch abseits der Archäologie. Denn obwohl es seit einigen Jahrzehnten als intellektueller Schick verkauft wird, so stellt blinde Wissenschaftsgläubigkeit letztendlich wohl doch keine immense Verbesserung zu inbrünstiger Religiosität und Gottvertrauen dar.
—————–
Weitere interessante Themen auf diesem Blog: