Dienstag, 20. August 2013

Die Schlacht am Harzhorn - oder: Der Archäologe als Märchenonkel ;)


Als "herausragend" bezeichnen die zuständigen Archäologen jene Fragmente eines Kettenhemds, die man im Bereich des römisch-germanischen Schlachtfeldes am Harzhorn unlängst entdeckte: Klick mich

Ich bin so frei und gebe an dieser Stelle kurz meinen ganz persönlichen Senf zum Besten: 
Der Fund an sich ist nicht uninteressant, er stellt jedoch ganz bestimmt keine Sensation dar. Die bisherigen Erkenntnisse über das sogenannte Harzhorn-Ereignis werden davon so gut wie nicht berührt. Was wir hier also zum wiederholten Male erleben, ist die übliche Marktschreierei der zuständigen Grabungsleiter. Amazing, awesome, gorgeous - man meint sich manchmal schon auf einer Produktpräsentation von Apple ;)
Natürlich, auch die Spatenforschung hat es mittlerweile nötig ihr Treiben der Öffentlichkeit möglichst gut zu verkaufen. Anderenfalls käme der Steuerzahler noch auf die Idee, das Ergraben unserer Vergangenheit sei ein fruchtloser und überflüssiger Zeitvertreib für Geschichts-Nerds. 
Was mich im Zusammenhang mit der archäologischen PR allerdings in zunehmendem Maße irritiert, sind jene fantasievollen "Storys", die rund um Funde - wie etwa dem hier behandelten - gestrickt werden. So fabuliert man beispielsweise in der oben verlinkten Presseaussendung beinahe rührselig davon, dass die Kettenrüstung eventuell einem Verwundeten gehört habe, der zwecks medizinischer Versorgung von seinen Kameraden entkleidet wurde; oder, noch besser, es sei möglicherweise ein Beutestück der Germanen gewesen, das diese am Fundort gezielt zur Erinnerung an eine große Schlacht niedergelegt hatten... 
Mit Verlaub, wer über eine dermaßen blühende Fantasie verfügt, sollte unbedingt historische Romane schreiben oder sich als Drehbuchautor für den nächsten Indiana-Jones-Film bewerben ;)
Mit Aussagen wie "Durch das am Körper getragene Stück der Ausrüstung werde hier die Rekonstruktion einer individuellen Geschichte im Kampfgeschehen möglich", begibt man sich schnurstracks in den Bereich der Pseudowissenschaften. Pure Spekulation darf nie das Fundament einer seriösen und aussagekräftigen Rekonstruktion sein.
Ich würde mir von daher wünschen, dass man sich bei einschlägigen Presseaussendungen auf harte Fakten beschränkt und nicht krampfhaft versucht, Geschichte anhand von erfundenen Einzelschicksalen für die Masse interessanter zu machen.

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4 Kommentare

  1. Du hast ja grundsätzlich Recht, aber über deinen Vorschlag, stattdessen besser historische Romane zu schreiben, bin ich nicht gerade glücklich ;) Die schlechtesten historischen Romane stammen von Historikern/Archäologen, die ihrer Phantasie auch einmal freien Lauf lassen wollen. Nur fehlt dann dort das ganze Handwerk, das zum Bücherschreiben eben auch dazugehört. Es hat seine Gründe, warum der Zabern-Verlag die historischen Romane ihrer sonst Fach-Autoren nach kurzer Zeit wieder eingestellt hat...

    Abgesehen davon: ich habe auf Grabungen genügend Pressetermine bestritten, um zu wissen, dass genau solche Pseudo-Infos von den Journalisten gewünscht werden. Und wenn man selbst ein Geschichtchen erzählt, verhindert man dadurch immerhin, dass sich die Schreiberlinge etwas noch phantastischeres ausdenken!

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    1. verhindert man dadurch immerhin, dass sich die Schreiberlinge etwas noch phantastischeres ausdenken!

      Demnach sollten diese Journalisten historische Romane verfassen ;)

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  2. Ich glaube, wir gehören zu den Wenigen, die eher an Tatsachen, als an Einzelschicksalen interessiert sind.
    Wann immer es um irgendeine Katastrophe/irgendein Ereignis geht, bleiben die meisten Menschen von den Fakten unberührt - aber sobald einem weinenden Kind in einem allgemeinen Bericht ein Name und eine Geschichte gegeben wurden, geht dieses Kind um die Welt.
    Wieso dies so ist, weiß ich allerdings nicht :/

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    1. Tragische Einzelschicksalen gezielt zu instrumentalisieren, ist vor allem bei den Medien eine besonders beliebte Masche. Auch wenn das angestrebte Ziel moralisch nicht verwerflich sein mag, so handelt es sich nüchtern betrachtet doch um nichts anderes als fadenscheinige Manipulationsversuche.

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