Donnerstag, 18. Juli 2019

đź“– Buch: Der blutige Thron: Anno 486

Unterhaltsame Geschichte, mangelhafte historische Recherche

Mein schreibt das Jahr 483, als ein junger Mann, der später Einar von Skane genannt wird, halb tot an das Ufer des Rheins gespült wird. Mönche finden ihn und sorgen für seien Genesung. Doch Einar hat sein Gedächtnis verloren. Weder weiß er seinen richtigen Namen, noch woher genau er stammt. Immerhin verrät seine Sprache, dass er irgendwo im Norden bzw. Skandinavien geboren wurde. Sein großes Geschick mit dem Schwert deutet wiederum auf eine entsprechende Krieger-Ausbildung hin. Und er ist Heide, der sich, trotz großer Bemühungen seiner Retter, keineswegs zum Christentum bekehren lassen möchte. Schließlich verlässt Einar die Mönche und tritt in den Dienst des gerade erst an die Macht gekommenen Frankenkönigs Chlodwig, der es sich in den Kopf gesetzt hat, auf Kosten seiner Nachbarn ein Großreich zu schaffen. Drei Jahre später ist Einar Teil jenes Heeres, das sich aufmacht, das letzte als "römisch" geltende Gebiet Galliens zu erobern.

Gleich vorweg: Das von Peter Bunt geschriebene Buch hat mich durchaus unterhalten. Ich habe mir deshalb auch schon die Fortsetzung gekauft. Gerne hätte ich daher zumindest vier Sterne vergeben, aber das ließe sich vor allem nicht mit dem Umstand vereinbaren, dass bei der historischen Rahmenhandlung durchgehend kleinere Mängel zu finden sind, die in Summe leider zu einem Punkteabzug führen mussten. Ich möchte das mit ein paar Beispielen untermauern.
  • Der Autor meint offenbar, im römischen Gallien des Syagrius wäre der kurze Gladius noch das Standartschwert gewesen. In Wirklichkeit war dieser aber schon rund 200 (!) Jahre zuvor in der römischen Armee von der langen Spatha abgelöst worden. Ăśberhaupt entspricht Peter Bunts Darstellung der 'römischen' Streitkräfte in Gallien eher der frĂĽhen und hohen Kaiserzeit, aber nicht der Realität des späten 5. Jahrhunderts.
  • Der Autor lässt den Protagonisten die Zeitrechnung nach Christi Geburt verwenden. Etwas, das in der Zeit um das Jahr 500 noch völlig unĂĽblich war.
  • Die Haare standen mir regelrecht zu Berge, als von einem "metallbeschlagenen ledernen Wams" die Rede war, wie es angeblich frĂĽher römische Legionäre trugen. Hierbei handelt es sich leider um ziemlichen Unsinn. Ist hier vielleicht eine 'lorica squamata' - also ein Schuppenpanzer - gemeint? Dann stellt sich allerdings die Frage, warum dieser nicht gleich bei seinem richtigen Namen genannt wurde. SchlieĂźlich war der Schuppenpanzer auch im 5. Jahrhundert neben dem Ketten- und dem Lamellenpanzer immer noch in Gebrauch.
  • Der Autor lässt jemanden etwas mit dem "Schuhabsatz" in den Sand zeichnen. Was freilich in der Realität daran gescheitert wäre, dass Schuhabsätze erst viele Jahrhunderte später in Mode kamen. Im 5. Jahrhundert hingegen bestanden die Sohlen lediglich aus einem flachen StĂĽck Leder.
  • usw.  

All das sind eher unnötige Fehler, die relativ leicht hätten vermieden werden können. Der nicht einschlägig vorgebildete Leser sei deshalb gewarnt: Ein groĂźer Detailreichtum in einem Historischen Roman mag zwar Authentizität suggerieren, ohne diesem Anschein aber in der Realität immer gerecht zu werden. Weniger wäre deshalb oft mehr, sofern man als Autor nicht bereit ist, das Quellenstudium ausreichend intensiv zu betreiben. Dabei gäbe es keinen Mangel an nĂĽtzlicher Literatur - siehe z.B. die beiden aufwendig illustrierten BĂĽcher "Das fränkische Heer der Merowingerzeit", welche im Zeughaus Verlag erschienen sind (auf den bereits vor einer halben Ewigkeit angekĂĽndigten dritten Teil wage ich allerdings nicht mehr zu hoffen).

Noch eine Anmerkung zum Schluss: Peter Bunt dĂĽrfte sich beim Schreiben einige Inspiration von seinem Kollegen Bernard Cornwell geholt haben (dessen BĂĽcher ich sozusagen in- und auswendig kenne). Darauf deuten nicht zuletzt Formulierungen wie "Ziegenschiss" und der auf den christlichen Gott gemĂĽnzte Spottbegriff "der angenagelte Jesus" sehr stark hin. Auch Bunts angenehm zĂĽgiges Erzähltempo erinnert an Cornwell, allerdings ĂĽbertreibt er es damit fĂĽr meinen Geschmack stellenweise, sodass einige Figuren zu flach und einige Szenen unvollständig wirken. In der Fortsetzung bzw. dem zweiten Teil der Reihe ist das spĂĽrbar besser.


Kommentare:

  1. Umgekehrt, wenn nämlich Historiker sich als Romanautoren betätigen, dann werden die Fakten zwar beachtet, aber es leidet oft die Handlung. ;-)

    Grisu

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  2. Stimme zu, dass Bunt sich beim 2. Teil gesteigert hat, obwohl militärhistorisch auch dort noch Fehler vorhanden sind. ZB die Sache mit dem "Wams".

    W.T.C.

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    1. Ist es wirklich von solch eminenter Wichtigkeit, wenn in einem historischen Unterhaltungsroman von einem "metallbeschlagenen ledernen Wams" geschrieben wird? Oder von "Stiefelabsatz"? Ich habe einige BĂĽcher von Bunt gelesen. Keinesfalls ist er ein knochentrockener Historiker. Er schreibt Geschichten vor einem historischen Background, nichts anderes. Wohlgemerkt: Geschichten, keine wissenschaftlichen Abhandlungen.

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    2. "Eminent wichtig" ist es - für sich betrachtet - nicht. Und wenn es wirklich nur eine Ausnahme wäre, dann wäre es nicht einmal erwähnenswert. Da sich im konkreten Fall jedoch solche unhistorischen Einsprengsel häufen, fällt es ungut auf.

      Letztendlich sollten die Autoren froh darĂĽber sein, wenn man ihnen qualifiziertes Feedback gibt und sie auf solche Fehler aufmerksam macht. Das steigert - wie ich beobachten konnte - oft ihren Ehrgeiz, zukĂĽnftig besser zu recherchieren; was sich wiederum positiv auf das vermittelte Geschichtsbild auswirkt. Denn man darf eines nicht vergessen: Die Masse der Menschen bezieht ihre Vorstellung von der Vergangenheit ĂĽberwiegend aus Unterhaltungsliteratur, Kino sowie Fernsehen - und nicht aus "wissenschaftlichen Abhandlungen". Es schadet daher nicht, im Sinne der Allgemeinbildung auch im Unterhaltungsgenre ein wenig mehr Sorgfalt walten zu lassen.

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    3. Das ist wohl richtig, dass ein qualifiziertes Feedback mehr bringt, als rumgenörgle über Dinge, auf die der Autor keinen Einfluss hat. Die Herausforderung, glaubwürdige Storys über eine weitgehend unbekannte historische Zeitspanne spannend und interessant aufs Papier zu bringen, birgt natürlich die Gefahr, dass man sich in der Fantasie veheddert. Das, so mein Empfinden, ist Bunt nicht passiert. Mag er sich auch hier und da bei B.C. bedient haben (Wer tut das nicht? Sich beim Meister einige Dinge abzuschauen, halte ich nicht für verwerflich.) :-) P.M.

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