Montag, 10. August 2015

Eine frühmittelalterliche Thorsberg-Hose aus Leinen

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Da sich die wollene Thorsberg-Hose meiner ottonischen (wikingerzeitlichen) Ausstaffierung für den Sommer schon vor geraumer Zeit als zu warm entpuppte, war die Anschaffung einer Variante aus Leinen dringend nötig. Vor wenigen Wochen ist das entsprechende Kleidungsstück zu meiner Freude aus dem weit entfernten Aachen eingetrudelt. Geschneidert wurde die Hose von Angharad Beyer (Textum Historiae), die auch schon das Gewand dieses fränkischen Panzerreiters anfertigte, der im Vorjahr in einer Ausstellung zu sehen war.
Wie man oben auf dem linken Bild eventuell erkennen kann, ist mir die Hose am Bund eine wenig zu groß, was allerdings nicht die Schuld der Schneiderin ist, sondern vielmehr daran liegt, dass ich in den Monaten zwischen dem Maßnehmen und der Auslieferung gut 5 kg abgenommen habe. Seis drum, die Tunika verdeckt das sowieso und am wichtigsten ist, dass die Hose bequem sitzt :)
Die Gürtung mit dem dünnen Lederriemen ist eher suboptimal, bedauerlicherweise konnte ich aber zum Fototermin mein brettchengewebtes Band nicht finden. Ich hoffe, dass es ist nicht verloren gegangen ist.
Die ungefähren Maße auf den nachfolgenden Bildern stehen nicht für Umfänge; um diese gegebenenfalls zu erhalten, muss der jeweilige Wert verdoppelt werden.

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Rückseite | Bild in hoher Auflösung (Hi-Res) - No rights reserved

Allgemeines zu den historischen Hintergründen

Hosen kamen in Nordwesteuropa ca. ab der frühen Eisenzeit verstärkt in Verwendung, wiewohl parallel dazu auch noch lange Zeit eine hosenlose "Tracht" weiterbestanden haben dürfte. Das grundlegende Schnittmuster der hier behandelten Thorsberghose (siehe auch folgendes PDF) war von der Antike bis zum ausgehenden Frühmittelalter gebräuchlich. Neben der von mir gewählten Form gab es auch eine Variante, die über angenähte Füßlinge verfügte. Wie stark diese allerdings tatsächlich verbreitet waren ist unsicher, da z.B. Gregor von Tours im 6. Jh. schreibt, Krieger hätten auf dem Marsch üblicherweise ihre Schuhe ausgezogen (Tours VJ 32) - evtl. um Blasen zu vermeiden oder die Sohlen zu schonen; ein Vorgang, der beim Vorhandensein von Füßlingen kaum denkbar ist, da man diese binnen kurzer Zeit durchgewetzt hätte. Das nachfolgende Kalenderbild aus dem 9. Jh. belegt diese Annahme, denn auch an der Hose des schuhlosen Bauern sind keine Fußteile angenäht. Man beachte hierbei den daneben angegebene Monat; möglicherweise waren Hosen mit Füßlingen vor allem im Sommer unüblich, wurden aber vermehrt in der kühleren Jahreszeit getragen. Das würde auch zu obiger Aussage Gregors von den barfuß marschierenden Soldaten passen, denn nur in den warmen Monaten führte man Krieg. Denkbar wäre weiters, dass einige Menschen im Sommer überhaupt keine Hosen trugen und sich mit knielangen Tuniken begnügten. Wie aber ein Beispiel weiter unten noch zeigen wird, verzichtete man an heißen Tagen wohl weniger auf die Hose, sonder eher auf die Tunika. 



Bezüglich des Materials habe ich mich für einen Leinenstoff entschieden, der in sogenannter Leinwandbindung gewebt wurde. Hierbei handelt es sich um die wohl am häufigsten anzutreffende textile Bindungsart des Mittelalters. Auch das Bleichen entspricht einer damals sicher weit verbreiteten Gepflogenheit. Anders wäre die in den Quellen mehrfach erwähnte Färbung von Leinenkleidung nur schwer zu erklären, da man naturfarbenes (=graues) Leinen oft nicht sauber überfärben kann. Doch ob gebleicht oder nicht, Leinen mit natürlichen Pigmenten zu färben ist grundsätzlich schwierig, da das Material diese nicht so gut wie Wolle annimmt. Überdies verliert der Stoff die Farbe bei häufigem Gebrauch vergleichsweise rasch wieder. Ich habe daher von vornherein darauf verzichtet.


Beispiele, welche die Verwendung von Leinenhosen im Frühmittelalter belegen:
  • Der Verstorbene im sogenannten Sänger- bzw. Leiergrab von Trossingen  (6. Jh.) trug eine hellgelb gefärbte Hose aus Leinen.
  • Auch der Tote in einem Klerikergrab (7. Jh.) der Augsburger Basilika St. Ulrich und Afra war mit einer Hose aus Leinen bekleidet.
  • Agathias von Myrina beschreibt im 6. Jh. ein aus (Bauern-)Kriegern bestehendes fränkisch-alamannisches Heer, das im Hochsommer lediglich mit Leinenhosen bekleidet - also mit nacktem Oberkörper - in die Schlacht zog (Agathias: Hist. II, 5)
  • Einhard (8./9. Jh.) bezeichnet Leinenhosen als typischen Bestandteile der fränkischen Tracht Karls des Großen. Wobei hier allerdings nicht sicher ist, ob mit dem verwendeten Begriff feminalia linea nicht vielleicht nur Binden aus Leinen gemeint sind (Einhard: Vita Karoli Magni, 23)
  • Notker von St. Gallen (9./10. Jh.) erwähnt rote Leinenhosen, über die man im Bereich der Waden ebenfalls rot gefärbte Binden schlang (Mönch von St. Gallen: De Gestis Caroli Magni, I, 34)


Literaturtipps zu frühmittelalterlicher Kleidung:
  • A. Strassmeir, A. Gagelmann | Das fränkische Heer der Merowingerzeit - Teil I (Bekleidung,...) | Zeughaus Verlag | 2014 | Meine Rezension | Infos bei Amazon
  • Katrin Kania | Kleidung im Mittelalter: Materialien - Konstruktion - Nähtechnik | Böhlau | Infos bei Amazon
  • Christoph Lauwigi | Wikinger selbst erleben! Kleidung, Schmuck und Speisen - selbst gemacht und ausprobiert | Theiss | Infos bei Amazon

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5 Kommentare

  1. Sieht sehr gut aus!

    Leinenhosen mit Füßlingen würde ich, wenn auch nicht ausschließlich, als zusätzliche Unterbekleidung interpretieren. Das würde auch gut zu der Annahme passen, dass man sie tendenziell in der kühleren Jahreszeit trug.

    Liebe Grüße,
    Britta

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    1. Ja, das halte ich auch für möglich. Bei archäologischen Untersuchungen wurde Leinen ja häufig nicht als alleinige, sonder als zusätzliche textile Schicht identifiziert.

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  2. Sehr schöne Rekonstruktionen! Was mich interessieren täte, ob und wie man gerade bei einer militärischen Darstellung nicht doch (zusätzlich)engere Unterhosen getragen hat, um Wundscheuern beim Marschieren oder beim Reiten zu vermeiden. Ein Bekannter der Geschichte studiert, hat bei seiner Legionärsdarstellung entsprechende Versuche bez. Marschieren unternommen, die belegen, dass es ohne subligaculum nicht funktioniert. Das leinene Leibhemd in die Hose zu stopfen, um es als Unterhosenersatz zu nutzen, wie ich das vom ein oder anderen Darsteller auch schon gehört habe, funktioniert m.E. nicht, weils durch die Bewegung rausrutscht. Hast Du da ggf. Quellen?
    Vielen Dank schon mal vorab!


    Beste Grüße


    Stephan

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    1. Quellen habe ich dazu leider keine, nur persönliche Erfahrungen: Die Hose sitzt bei mir im Schritt bzw. zwischen den Beinen gerade so eng, dass auch bei ganztägigen Wanderungen nichts scheuert (viele rekonstruierte Hosen sind heutzutage zu weit geschnitten - in antiken und frühmittelalterlichen Bildquellen sitzen die Hosen hingegen fast immer eng; das wird sicher kein Zufall sein). Noch enger/körperbetonter kann man Hosen aus vergleichsweise elastischem Schurwollstoff schneidern - auch hier hatte ich nie Probleme mit Wundscheuern - allerdings trägt sich Leinen doch angenehmer auf der Haut: http://hiltibold.blogspot.com/2012/10/meine-kleidung-des-fruhen-mittelalters.html

      Es kommt auch auf den Stoff bzw. seinen Träger an. Leinen wird erst nach längerer Nutzung richtig weich. Als Darsteller trägt man seine Kleidungsstücke aber zumeist nur relativ selten.
      Es soll hier angeblich helfen, die rekonstruierte Leinenkleidung bei jeder sich bietenden Gelegenheit zusammen mit der normalen Wäsche in der Waschmaschiene mitzuwaschen. Ratsam ist das aber nur, wenn der Stoff nicht gefärbt ist.

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    2. "viele rekonstruierte Hosen sind heutzutage zu weit geschnitten - in antiken und frühmittelalterlichen Bildquellen sitzen die Hosen hingegen fast immer eng; das wird sicher kein Zufall sein "

      Stichwort Fahrradhosen oder ähnliche Sportkleidung. Liegt die Kleidung eng an, dann kann auch nicht so leicht etwas scheuern. Eine Unterhose benötigt man dann auch nicht zwingend.

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