Dienstag, 10. Dezember 2013

Frühchristliche Sturschädeln und Prinzipienreiter?


Setzt man sich näher mit der Christenverfolgung im Römischen Reich auseinander (siehe auch diesen Beitrag), dann fällt auf, dass manch moderner Autor bei den frühen Christen ein gewisses Maß an nicht nachvollziehbarer Sturheit verortet. Kurzum, es wird die Frage aufgeworfen, warum die Christen den Kaiserkult - an dem es sich besonders spießte - nicht einfach mitmachten. Schließlich sei es doch nur eine Proforma-Handlung gewesen, die selbst für die meisten Römer längst jeden tieferen, religiösen Sinn verloren hatte. 
Leider wird hierbei die Religiosität des antiken Menschen arg unterschätzt. Der überall anzutreffende Kaiserkult war mehr als eine flüchtige oder gar "säkulare" Loyalitätsbezeugung. Konkret war es etwa üblich, Weihungen für den Schutzgott des Kaisers (genius Augusti) und seine göttliche Wirkkraft (numen Augusti) vorzunehmen. Neben Trank-, Weihrauch- und Tieropfern gab es vor allem im Osten des Reichs sogar mehrtägige Feste, bei denen den göttlichen Aspekten des römischen Herrschers gehuldigt wurde. Auch im Heer war die Kaiserverehrung von zentraler Bedeutung. Neben der quasi-religiösen Eidleistung am 1./3. Januar jeden Jahres, war es nicht unüblich, das entlassene Veteranen einen dem Kaiser geweihten Altar errichten ließen. 
Für gläubige Christen stellten all diese Dinge naturgemäß eine Zumutung dar. Aber gerade der moderne Mensch, mag er mit Religion auch noch so wenig am Hut haben, sollte für diese Haltung eigentlich ein gewisses Maß an Verständnis aufbringen. Einem Staatschef zu Ehren überall Tempel und Altäre zu errichten, um ihn dort regelmäßig hochleben zu lassen, ist schließlich auch für uns eine reichlich abwegige Vorstellung und kommt schlechtestenfalls in besonders üblen Diktaturen vor.

Freilich, für eine religiöse Überzeugung in den Tod zu gehen, erscheint uns heutezutage andererseits weniger verständlich denn je. Zwar war es im frühen Christentum nicht üblich, aus religiösem Fanatismus heraus Unschuldige mit in den Tod zu reißen, doch maß man zumindest dem eigenen Leben eine beklagenswert geringe Bedeutung bei - Stichwort "gesuchtes Martyrium" bzw. Selbstmord im Christentum. Besonders aufschlussreich ist diesbezüglich das immer wieder anzutreffende Prozedere römischer Gerichte, welches zeigt, wie fragwürdig bzw. unnötig manch Märtyrertod (aus moderner Sicht) doch eigentlich war:

1. Klärung, ob die Vorwürfe, jemand sei ein Christ, der Wahrheit entsprachen
2. Der Beschuldigte wird zur christlichen Lehre befragt
3. Der Beschuldigte wird zu den geheimen Treffpunkten der Christen befragt, um zukünftige Versammlungen verhindern zu können
4. Es folgt nochmals eine Erörterung der christlichen Lehre - diesmal jedoch detaillierter.
5. Das Gericht fordert den Beschuldigten dazu auf dem Christentum zu entsagen, da anderenfalls härteste Strafmaßnahmen getroffen würden
6. Bei Weigerung: Verurteilung und Vollzug

Wie zu erkennen ist, wird den Christen in Punkt 5 die Möglichkeit offeriert, ihr Leben zu retten, sofern sie ihrer "Irrlehre" entsagen. Dies ist überaus ungewöhnlich, denn politischen Verbrechern - die sie in den Augen der Römer waren - wurde normalerweise keine Gnade gewährt.
Neben jener großen Gruppe, die das richterliche Angebot ausschlug und mehr oder weniger freudig in den Tod ging, gab es auch viele Christen die sich fügten bzw. auf den Pfad altrömischer "Tugenden" zurückkehrten. Zumindest klingt dies in den Berichten christlicher Berichterstatter, wie etwa Dionysios von Alexandria, an. 
Die Abkehr vom Christentum dürfte in Zeiten zunehmender Verfolgung vor allem für die Mitglieder der gesellschaftlichen Elite eine Option gewesen sein. Sie hatten - von ihrem Leben abgesehen - deutlich mehr zu verlieren, als ein Tagelöhner, Sklave oder Bauer. Und tatsächlich war das Christentum im Römischen Reich lange Zeit vor allem in den unteren Schichten (humiliores) stark, während sich etwa im senatorischen Adel der Glaube an die alten Götter in einigen Fällen bis in das frühe 5. Jahrhundert hielt.

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Weiterführende Literatur:
  • Zurück zum Start - Was die frühen Christen uns zu sagen hätten; von Alexander Basnar; Verlag Books on Demand;  Infos bei Amazon
  • Christenverfolgung im Römischen Reich; von Hans Dieter Stöver; Econ Verlag; Infos bei Amazon

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