Sonntag, 18. September 2016

Ein außergewöhnlicher Hobel aus dem Frühmittelalter

Bajuwarischer / frühmittelalterlicher Hobel, gefertigt aus einem Stück Hirschgeweih
Links zum Bild in hoher Auflösung bei Flickr und Pinterest
Keine Rechte vorbehalten, doch um die Nennung der Quelle wird gebeten: HILTIBOLD.Blogspot.com

Holz war im Frühmittelalter ein sehr wichtiger Werkstoff, der jedoch wie andere organische Materialien aufgrund seiner vergleichsweise geringen Beständigkeit kaum im archäologischen Fundgut in Erscheinung tritt. Doch es gibt Ausnahmen, wie etwa das bekannte alamannische Gräberfeld von Oberflacht, wo aufgrund spezieller Bodenbedinungen Objekte aus Holz in großer Anzahl erhalten blieben.
Obiger Hobel wiederum - der ein wenig an einen modernen Handstaubsauger erinnert - stammt aus dem frühbajuwarischen Gräberfeld von Straubing und datiert in das 6. Jahrhundert. Er befand sich als Beigabe im Grab eines Mannes, der möglicherweise Tischler/Schreiner war. Mit absoluter Sicherheit kann den Beruf anhand einer Beigabe heute allerdings niemand mehr bestimmen. Der Grund hierfür: Man geht davon aus, dass die Holzerzeugnisse der hauptsächlich bäuerlichen Bevölkerung im Haushandwerk hergestellt wurden; besonders in den Wintermonaten, wenn die Feldarbeit ruhte, fand sich dafür die nötige Zeit. Allerdings deutet die Kunstfertigkeit einiger Objekte darauf hin, dass es (auch abseits adeliger und kirchlicher Zentren) Spezialisten gab, die Auftragsarbeiten von ihren Nachbarn bzw. den Dorfbewohnern annahmen. Ob der gegenständliche Hobel nun aber einem solchen Spezialisten - oder vielleicht doch einem Dilettanten - gehörte, bleibt ungewiss. Das Besondere an diesem Werkzeug ist jedoch, dass es überwiegend aus Hirschgeweih gefertigt wurde.


Detaillierte Beschreibung des Hobels 

Gräberfeld von Straubing, Grab 702: [...] Hobel mit Bolzen-Keil-Widerlager, Hirschhorn, Eisen und Holz, massiver Hobelkörper aus einem Stück Geweih, hinter der Klinge einziehend mit durchbrochenem henkelartigem Griff, Oberfläche stellenweise etwas verwittert. Unverziert, jedoch auf einer Seite zwischen Bolzen und Griff schwach erkennbare Reste von eingeritzten Linien; ähnliche Ritzlinien auf der Sohle zwischen Maul und Griffende, hier durch die vom Gebrauch stammende politurartige Glättung noch weniger deutlich. Langrechteckiger Spankasten, in der Mitte das Bolzenwiderlager, durch die Wangen geführt und auf den Außenseiten nietartig verankert; zwischen Bolzen und Klinge Holzkeil, vollständig erhalten; Klinge trapezförmig zur Schneide breiter werdend, am oberen Ende massiv verstärkt; auf der Sohle vor und hinter dem Maul quer eingesetzte Bandeisen, seitlich hochgezogen und in den Wangen verankert. Gesamt-L 175 mm, B 45 mm, Korpus H 33 mm, Gew 227 g. Sohle L 164 mm, B 42 … 36 mm. Klinge L 79 mm, B an der Schneide 27 mm, am oberen Ende 21 mm, Schneidwinkel 34º. 

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Quellen:
  • Vorlage für die Zeichnung: Brigitte Haas-Gebhard | Die Baiuvaren: Archäologie und Geschichte | Verlag F. Pustet | 2016 | Meine Rezension | Infos bei Amazon
  • Beschreibender Text: Hans Geisler | Das frühbairische Gräberfeld Straubing-Bajuwarenstraße | Verlag Marie Leidorf | 1998 | PDF

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