Montag, 30. März 2026

🤔 Warum die Alten Römer ihre Sklaven gegeneinander aufhetzten



Lange ist es her: Vor fast genau einem Jahrzehnt habe ich in den Blogbeitrag "Spartacus und seine Leidensgenossen: Sklavenaufstände in der Antike" veröffentlicht. Darin wurden von mir gleich zehn Beispiele solcher Erhebungen näher betrachtet. Wobei die schiere Anzahl erahnen lässt, dass der berühmte Spartacus-Aufstand - der Karl Marx und Hollywood gleichermaßen inspirierte - kein Einzelfall war.

In den antiken Gesellschaften - und besonders in der langlebigen römischen - wusste man daher genau, dass es ratsam war, den Bogen nicht zu überspannen. Will heißen, der Sklave sollte gar nicht erst auf den Gedanken kommen, sich gegen seinen Herrn aufzulehnen. Eine Mischung aus abschreckenden Strafen und humaner Behandlung dürfte hierfür die Basis bei den meisten Sklavenbesitzern gewesen sein. Lieber ein voller Bauch, vernünftige Kleidung und ein warmes Plätzchen zum Schlafen, anstatt Auspeitschungen zu riskieren - wird sich der Durchschnittssklave gedacht haben (mehr noch: eine der berüchtigtsten römischen Rechtsvorschriften - das wohl auf älterem Gewohnheitsrecht beruhende und unter Augustus verabschiedete "Senatus Consultum Silanianum" - besagt nämlich, dass, wenn ein Sklave seinen Eigentümer ermordet, alle Sklaven des Haushalts gefoltert und hingerichtet werden können; in einem konkreten  Fall zur Zeit Kaiser Neros, sollen das 400 gewesen sein!).

Doch wie so oft, liegt der Teufel im Detail. Beispielsweise Marcus Terentius Varro - Autor des landwirtschaftlichen 'Fachbuchs' "De re rustica" - versuchte im 1. Jahrhundert vor Christus anscheinend seine Sklaven verstärkt durch positive Anreize an sich zu binden.

,Die Vormänner sollte man in der Form mit Belohnungen dazu beflügeln, die anfallenden Arbeiten zu verrichten und zu vergeben, dass sie einen eigenen Kleinviehbestand und Mitsklavinnen zu Lebensgefährtinnen erhielten, von denen sie Kinder bekämen. Dadurch werden sie nämlich verlässlicher und fester an das Gut gebunden.
Marcus Terentius Varro| Über die Landwirtschaft | Übers.: Dieter Flach | Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2006

Völlig anders tickte der wenige Generationen davor lebende Cato d. Ältere. Der ließ - laut Plutarch - seine Sklaven nicht nur schon bei kleineren Verfehlungen auspeitschen, sondern griff noch zu ganz anderen Methoden:

Keiner von den Sklaven durfte ein anderes Haus betreten, außer wenn Cato selbst oder seine Frau ihn schickte. Wurde er gefragt, was Cato mache, so durfte er nichts antworten als, er wisse es nicht. Auch suchte Cato es einzurichten, dass die Sklaven immer Zank und Streit miteinander hatten, weil er ihre Eintracht beargwöhnte und fürchtete.
Plutarch | Große Griechen und Römer | Übers.: Konrad Ziegler | Artemis, 2011

Teile und herrsche, scheint hier das Prinzip zu sein. Cato sät absichtlich Zwietracht unter seinem Personal, damit sich dieses nicht gegen ihn verschwört. Wobei man hier tunlichst nicht den Fehler machen sollte, zu glauben, dass Cato lediglich Angst um sein Leben hatte (zu seiner Zeit gab es in Rom die ersten größeren Sklavenaufstände  bzw. Sklavenverschwörungen). Nein, sehr wahrscheinlich wollte er auch verhindern, dass er von seinen eigenen Sklaven finanziell/materiell betrogen wird. Diese Befürchtung werden dazumal wohl viele Sklavenbesitzer gehabt haben - und das nicht zu Unrecht. Darf man sich das antike Sklavendasein doch nicht nur als bloße Schinderei in der Landwirtschaft vorstellen. Vielmehr arbeiteten Sklaven in allen möglichen Bereichen und Positionen (siehe dazu mein eingangs verlinkter Blogbeitrag). Es ist ja auch sicher kein Zufall, dass der servus callidus - also der schlaue Sklave, der seinen Herrn betrügt - eine Art Standardmotiv in den Werken des berühmten römischen Komödiendichters Titus Maccius Plautus ist (ein Zeitgenosse Catos). Wenn nun aber, wie im Falle Catos, dafür gesorgt wurde, dass die Sklaven uneins, missgünstig und eifersüchtig sind, so war es weniger wahrscheinlich, dass sie Betrügereien und Unterschlagungen untereinander deckten.

Freilich, betrachtet man antike Quellen, dann entsteht der Eindruck, dass viele Sklaven ihre Besitzer besonders gerne finanziell schädigten, wenn sie sich aus dem Staub machten - was angesichts der Quellenlage sehr häufig der Fall gewesen sein dürfte. Die Schädigung erfolgte dann gleich doppelt: Einerseits besaß ja der Sklave selbst einen gewissen Wert (der je nach seinen Fähigkeiten immens sein konnte), andererseits bediente sich dieser natürlich auch nach Möglichkeit am Vermögen des Herrn, um sich nach der Flucht irgendwo in der Ferne ein neues Leben in Freiheit aufbauen zu können. Interessanterweise findet sich dafür selbst in der Bibel ein entsprechendes Beispiel; und zwar in Paulus' "Brief an Philemon". Die entsprechende Textstelle (8-21) ist - Bibel-typisch - vor allem für heutige Leser schlecht zu begreifen, daher hier nur kurz eine gängige Interpretation davon: Onesimus, ein Sklave des Philemon, ist geflohen und hat dabei seinen Herrn geschädigt; wohl indem er etwas von Wert mitgehen ließ (und wenn es nur ein Pferd war, auf dem er davongaloppiert ist; doch Genaues weiß man nicht). Paulus ersucht nun in seinem Brief darum, dass Philemon mit dem wieder eingefangenen Onesimus doch Nachsehen habe; er bietet sogar an, für den Schaden aufzukommen.

Abschließend noch einmal zurück zu dem, was Plutarch oben über Cato schrieb: Es wird daraus auch Catos Befürchtung ersichtlich, dass seine Sklaven über ihn Tratsch verbreiten oder gar für politische Gegner Spitzeldienst betreiben. Auch das hatte eine faktenbasierte Grundlage, wie uns nicht nur die römische Geschichtsschreibung nahelegt, sondern auch der gesunde Menschenverstand.


Was nehmen wir aus all dem mit? Was könnte das Fazit sein? Nun, die römische Sklaverei war kein reines Gewaltsystem, sondern ein fragiles Machtgleichgewicht aus Angst, Misstrauen und pragmatischer Kalkulation. Schlussendlich war es in diesem Umfeld wohl so, dass viele Besitzer nicht auf die Loyalität ihrer Sklaven vertrauen konnten. Das galt besonders für jene, die nicht im Haushalt (der familia) geboren, sondern frisch am Sklavenmarkt eingekauft wurden. Wie es sich im Alltag anfühlte, im eigenen Haus ständig von lauter potentiellen Feinden umgeben zu sein, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Es darf freilich vermutet werden, dass viele Sklavenbesitzer es vorzogen, dieses Damoklesschwert häufig zu verdrängen; rein psychisch wäre ein normales Leben anders auch kaum vorstellbar gewesen. Die Sklaven wiederum hielt - wie schon oben erwähnt - nicht zuletzt die Angst vor Strafen ab, es allzu bunt zu treiben. Wobei grausame Kollektivstrafe wie das erwähnte SC Silanianum ähnlich wirkten wie Catos Strategie des Zwietrachsäens; es sollte unter den Sklaven eine Form der Selbstkontrolle begünstigt werden.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Kommentare werden entweder automatisch oder von mir manuell freigeschalten - abhängig von der gerade herrschenden Spam-Situation und wie es um meine Zeit bestellt ist.