Mittwoch, 31. Dezember 2025

🏹 Zwei überraschende Beispiele für die Verbreitung von Kriegspropaganda in der Antike

Aphaia Tempel

Zwei frühe Beispiele für Kriegspropaganda bzw. psychologische Kriegsführung sind mir im antiken Werk "Strategika" untergekommen (hier meine Rezension), das der aus Makedonien stammende Gelehrte Polyainos in der Mitte des 2. Jahrhunderts veröffentlichte. Der Autor konnte offenbar Einsicht in alte Geschichtsbücher nehmen, die inhaltlich weit in die Vergangenheit zurückreichten. 

Der erste der von mir zitierten Texte handelt von Kleonymos. Er wird von Polyainos als König der Spartaner bezeichnet, obwohl dieser eine solch hohe Stellung nie innehatte (sie aber äußerst gerne innegehabt hätte). Sehr wohl stammte Kleonymos jedoch aus königlicher Familie und war im Laufe seines recht langen Lebens zumindest phasenweise als Söldnergeneral äußerst umtriebig. Aus dem Jahr 279 v. Chr. wird uns von ihm und seinen Aktivitäten in Griechenland Folgendes berichtet:

Als Kleonymos, König der Spartaner, Troizen belagerte, stellte er auf vielen Seiten rings um die Stadt Wurfmaschinen auf und ließ Pfeile mit der Aufschrift abschießen:" Ich komme als Befreier der Stadt." [...]
Polyainos | Strategika 2.29.1 | Übers.: Kai Brodersen | De Gruyter | 2017

Mit dieser Botschaft ließ Kleonymos die Stadtbewohner wissen, dass es nicht sein Ziel war, sie zu massakrieren oder zumindest zu versklaven. Das verringerte zweifellos den Widerstandswillen. Denn gar nicht einmal so selten war es in der Antike, dass sich Eliten und die Durchschnittsbevölkerung aufgrund unterschiedlicher Interessenlagen uneinig waren, ob Krieg geführt werden sollte oder nicht (besonders stark kommt das beispielsweise in Livius’ Beschreibung des 2. Punischen Kriegs zum Ausdruck). Und wenn man es genau nimmt, dann hat sich an dieser Zwiegespaltenheit bis heute nichts geändert.

Mich erinnerte die obige Textstelle freilich sofort an eine andere antike Überlieferung. Sie stammt aus Caesars Werk "De bello Gallico" ("Der Gallische Krieg"), in dem er seinen gleichnamigen Feldzug detailliert erörtert.
Konkret wird darin beschrieben, wie Caesar während der Kampagne gegen den Stamm der Nervier im Jahr 54 v. Chr. eine dringende Nachricht an seinen Untergebenen Quintus Tullius Cicero schickte (den Bruder des Marcus Tullius Cicero), der in seinem Winterlager von Feinden umzingelt war:

Caesar billigte den Entschluß des Labienus. Wenn er auch mit drei Legionen gerechnet hatte, beschränkte er sich nun auf zwei, da er überzeugt war, daß die einzige Hoffnung, alle Legionen zu retten, in schnellem Handeln bestand. In Eilmärschen gelangte er in das Gebiet der Nervier. Dort erfuhr er von Gefangenen, was sich bei Cicero ereignete und wie gefährlich dort die Lage war. Da gewann er einen der gallischen Reiter mit hohen Belohnungen, Cicero einen Brief zu überbringen. Er schickte ihn in griechischer Sprache, damit die Feinde nichts von unseren Plänen erführen, wenn sie den Brief abfingen. Dem Reiter trug er auf, den Brief an den Riemen seines Speeres (Anm.: "hasta") zu binden und in die römische Lagerbefestigung zu schleudern, wenn er nicht näher herankommen könne. In dem Brief teilte er mit, er sei mit den Legionen im Anmarsch und werde in Kürze eintreffen. Zugleich forderte er Cicero auf, sich weiter so tapfer zu halten wie bisher. Der Gallier, der sich vor der gefährlichen Situation fürchtete, warf befehlsgemäß seinen Speer ins Lager. Zufällig blieb dieser aber in einem Wachtturm stecken und wurde zwei Tage lang von unseren Soldaten nicht bemerkt, ehe ihn am dritten Tag ein Soldat erblickte, abnahm und zu Cicero brachte
Caesar | Der Gallische Krieg | 5.48.1-8 | Übers.: Marieluise Deissmann | Reclam | 1980/2000

Man darf stark vermuten, dass diese Methode der Nachrichtenübermittlung wohl immer wieder in der Antike praktiziert wurde. Anzumerken ist an diesem zweiten Beispiel allerdings, dass es unter den Galliern durchaus Personen gab, welche die griechische Sprache beherrschten; in Einzelfällen nicht nur in Wort, sondern auch in Schrift. Daher ist es etwas rätselhaft, warum Caesar hier allem Anschein nach etwas anderes annahm. 

Doch zurück zu Polyainos. Laut ihm wurden schriftliche Botschaften - vor allem propagandistische - auch noch auf eine ganz andere Weise verbreitet. Im Zusammenhang mit den Taten des legendären griechischen Politikers und Feldherren Themistokles heißt es:

Da Ionier in der Flotte des (Perserkönigs) Xerxes mitkämpften, befahl Themistokles den Hellenen, auf die Seitenwände der Schiffe zu schreiben: "Männer aus Ionien, ihr tut nicht recht, dass ihr gegen eure Väter in den Krieg zieht." Als dies zu lesen war, vertraute der (Perser-)König den Ioniern nicht mehr.
Polyainos | Strategika 1.30.7 | Übers.: Kai Brodersen | De Gruyter | 2017

Mit "Ionier" sind die Bewohner der griechischen Küstenkoloniestädte Kleinasiens gemeint. Sie wurden von den Persern gezwungen, sich diesen im Kampf gegen das griechische Mutterland anzuschließen (vereinfacht ausgedrückt). Dass viele dieser Griechen keine rechte Lust hatten, für die Perser gegen ihre Landsleute zu kämpfen, darf man wohl als sehr wahrscheinlich annehmen. Den Persern war dieser Umstand sicher nicht entgangen, und so bedurfte es nur der beschriebenen Kriegslist des Themistokles, um das Vertrauen endgültig zu erschüttern. Das wird in weiterer Folge wohl die Kampfkraft der persischen Streitkräfte geschwächt haben.

Es muss freilich ein beeindruckender Anblick gewesen sein, als die griechische Flotte sich der persischen näherte, die Rümpfe mit großen Parolen bemalt, die an das Zusammengehörigkeitsgefühl der 'Hellenen' appellierten. Was nicht selbstverständlich war, wenn man bedenkt, dass sich die griechischen Stadtstaaten seit langer Zeit untereinander befehdeten. Selbst Alexander dem Großen standen rund eineinhalb Jahrhunderte später noch griechische Kontingente gegenüber. Die sich allerdings oft freiwillig den Persern angeschlossen hatten; aus Hass auf den 'pseudogriechischen' Makedonen und weil der Großkönig Dareios III. gut gezahlt haben dürften...

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Aus Neugierde habe ich von der KI Grok verlangt, sie soll meine Kommentierung der Quellen prüfen.


Ich bin beruhigt. Der KI-Gott hat mir seinen Segen erteilt! 😄


3 Kommentare:

  1. Politische Botschaften auf Schiffsrümpfe gemalt habe ich bisher nur bei Greta Thunberg gesehen 🙂

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    1. Leider ja, Richard. 🙂
      Sie backt jetzt aber kleinere Brötchen. Statt den ganzen Planeten, will sie jetzt nur noch einen Teil des Gelobten Landes retten.

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