Sonntag, 19. November 2017

Buch: Strategika - von Polyainos

Es war wohl im Jahr 161 n. Chr., als der aus Makedonien stammende Rhetor Polyainos sein Werk Strategika veröffentlichte und es den beiden eben erst an die Macht gelangten römischen Kaisern Marcus Aurelius und Lucius Verus widmete. Da die Zeiten gerade unsicher waren - das Parther-Reich machte wieder einmal große Schwierigkeiten - erschien es dem Autor eine gute Idee zu sein, der Staatsspitze und natürlich auch allen anderen Interessierten Römern eine Art Orientierungshilfe mit historischen Beispielen für kluge militärische - aber auch politische - Strategien an die Hand zu geben.
Seine insgesamt 900 strategemata ordnete Polyainos in acht Bücher:

Buch I: Mythische Zeit (Odyssee usw.), griechische Frühzeit und 5. Jh. (Perserkriege, Peloponnesischer Krieg, Xenophons Anabasis usw.)

Buch II: Sparta und Theben (Agesilaos II. usw.)

Buch III: Athen im 4. Jh. (Demosthenes, Demetrios von Phaleron usw.)

Buch IV: Makedonen (Alexander der Große, Ptolemaios I., Kassandros usw.)

Buch V: Sizilien (Dionysios I., Agathokles usw.) und Seeschlachten (Nearchos von Kreta, usw.)

Buch VI: Weitere Griechen und die Karthager (Hannibal, Pyrrhos usw.)

Buch VII: Perser und sonstige Barbarenvölker: (Kyros, Midas, Xerxes, Mausolos, Mithridates, Thraker, Skythen, Keltinnen usw.)

Buch VIII: Römer und Frauen (Romulus, Scipio, Sulla,  Caesar, Porcia, Laodike usw.)

Die Umfang der einzelnen strategemata schwankt zwischen wenigen Zeilen und mehreren Seiten. Oft sind sie aus dem Zusammenhang gerissen und setzen teilweise beim Leser Kenntnisse bezüglich der Rahmenhandlung voraus. Das wiederum macht es schlicht unmöglich, nach beinahe 1900 Jahren noch jede der vom Autor genannten Tricksereien vollständig in den richtigen historischen Kontext einzuordnen. Siehe etwa folgendes Beispiel.

"Die Kampaner hatten mit den Feinden einen Vertrag abgeschlossen, dem zufolge sie ihnen die Hälfte ihrer Waffen ausliefern sollten. Nun hieben sie ihre Waffen entzwei und ließen jene die Hälfte davon nehmen." 

Ein interessanter Kniff, der überdies einen gewissen Unterhaltungswert besitzt. Allerdings verschweigt uns hier der Autor, um welchen Krieg es sich handelt und wer die Feinde waren, denen die Kampaner ihre ruinierten und somit wertlosen Waffen andrehten. 
Polyainos geizt freilich dergestalt nicht ständig mit Detailinformationen. Ein besonders interessantes Beispiel, das einen spannenden Einblick in die antike Kriegsführung bietet, schildert er im 4. Buch. Dort heißt es über den makedonischen König Perseus: 

"Weil die Römer mit Elefanten anrückten, die sie teils aus Afrika, teils von Antiochos, dem König von Syrien, hatten, ließ Perseus, damit dieses Tier den Pferden keine neue und furchtbare Erscheinung wäre, von den Handwerkern hölzerne Bilder nach Gestalt und Farbe der Elefanten anfertigen. Da aber vor allem das Gebrüll der Tiere Schrecken erregt, musste in das hölzerne Gebilde ein Mann mit einer Flöte gehen, diese durch das Maul herausstecken und einen durchgehenden und rauen Ton von sich geben. So lernten die Pferde der Makedonen, nicht auf das Gebrüll und den Anblick der Elefanten zu achten."

Apropos Flöte: Wer sich schon immer gefragt hat, ob die Soldaten der alten Griechen bereits nach jemandes Pfeife tanzten - bzw. in einer Art Gleichschritt marschierten -, der erhält darauf im 1. Buch der Strategika eine Antwort:

"Die Herakliden Prokles und Temnos führten Krieg mit den Eurystheiden, die Sparta besaßen. Nun brachten die Herakliden der Athene Opfer für einen glücklichen Gebirgsübergang dar, die Eurystheiden aber griffen plötzlich an. Da wurden die Herakliden nicht bestürzt, sondern befehlen den Flötenspielern, die sie (zur Begleitung kultischer Verrichtung) bei sich hatten, voranzugehen. Diese gingen die Flöten blasend voran; die Hopliten aber schritten nach der Musik und im Takt einher, bildeten so eine unzertrennliche Schlachtlinie und besiegten den Feind. Diese Erfahrung lehrte die Lakedaimonier, die Flöte immer als Anführerin in der Schlacht zu haben. [...]"

Die vorliegende zweisprachige Übersetzung (griechisch/deutsch) des Verlags De Gruyter (Sammlung Tusculum) stammt vom Althistoriker Kai Brodersen, der den Originaltext in ein modernes, allgemein verständliches Deutsch übertragen hat. 
Auf erklärende Anmerkungen/Endnoten, wie man sie beispielsweise von den meisten Reclam-Übersetzungen her kennt, wurde hier verzichtet. Stattdessen enthält das Vorwort einige Hintergrundinformationen, die das Verständnis des Textes erleichtern sollen; auch wurden gelegentlich Zusatzinfos direkt in den Text mittels Klammersetzungen eingebunden. Dergleichen kann funktionieren, will mir im konkreten Fall jedoch nicht ganz als vollwertiger Ersatz erscheinen. Wobei ich persönlich aufgrund des Fehlens der Anmerkungen keine Verständnisprobleme hatte; bei Lesern mit nur geringen Vorkenntnissen dürfte das anders aussehen. Freilich, es gibt da ja noch Google ...

Fazit: Ein interessantes antikes Werk in zeitgemäßer Übersetzung. Der Kaufpreis beträgt 70 Euro...

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Kommentare:

  1. Das Buch würde mich interessieren, aber warum muss es gleich so teuer sein???

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    1. Ja, leider. Eine günstige Tschenbuchvariante wäre sicher nicht schlecht.

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