Mittwoch, 27. November 2013

Die Römer-Kritik des Tacitus


In der römisch-antiken Geschichtsschreibung kam es häufig vor, dass die von einem Autor formulierte Kritik am herrschenden System/der Gesellschaft nicht direkt geäußert wurde. Stattdessen bediente man sich diverser Methoden der Verschleierung. Durch diese Vorsichtsmaßnahme machte sich der Schreiber weniger angreifbar und gaukelt der Leserschaft überdies eine neutrale Beobachterrolle vor.
So streicht etwa Tacitus in seiner Germania bewusst die angebliche Sittenstrenge des germanischen Volks hervor - unter anderem bezüglich der Ehe - und stellt sie den römischen Gepflogenheiten gegenüber, die er offensichtlich missbilligt.
Gerade Tacitus konnte seine Kritik an der römischen Gesellschaft jedoch auch in einer Härte und Deutlichkeit formulieren, die erstaunt und manch moderner Einschätzung überaus ähnlich ist. So legt er dem britisch-kaledonischen Heerführer Calgacus folgende bemerkenswerte Charakterisierung der Römer in den Mund:
Als Räuber der Welt durchspüren sie, nachdem den alles Verwüstenden die Länder ausgingen, nun auch das Meer; habgierig, wenn der Feind reich, ruhmsüchtig, wenn er arm ist. Nicht der Osten, nicht der Westen hat sie gesättigt; als einziges von allen Völkern begehren sie Fülle wie Leere mit gleicher Leidenschaft. Stehlen, Rauben und Morden nennen sie mit falscher Bezeichnung "Herrschaft" (imperium); und wo sie Einöde schaffen, nennen sie das "Frieden" (pax romana).   (Tacitus, Agricola 30,4)
Überflüssig zu erwähnen, dass speziell dieses Zitat bei Rom-Kritikern besonders hoch im Kurs steht ;)

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