Montag, 14. Juli 2014

Bücher: Karl der Große, Severin, Radegunde und die Sachsengeschichte des Widukind von Corvey


Wer sich eingehend mit dem frühen Mittelalter beschäftigt - sei es im Zuge des Studiums, der Arbeit oder im Hobbybereich - wird immer wieder auch zeitgenössische Quellen zurate ziehen müssen. Dank Reclams Universalbibliothek ist deren Erwerb oft für relativ wenig Geld möglich. Besonders vorteilhaft - verglichen mit den im Internet einsehbaren Ausgaben - sind hierbei die sehr zahlreichen und ausführlichen Endnoten, welche ein Verstehen und Interpretieren des Textes deutlich erleichtern können. Geschickt ist es seitens des Verlages auch, dass man die Übersetzung dem Originaltext auf jeweils einer Doppelseite gegenüberstellt. Ein Beispiel aus der Vita Karls des Großen soll veranschaulichen, warum diese Form der Präsentation aus meiner Sicht so überaus begrüßenswert ist: Der Autor Einhard bezeichnet dänische Wikinger als Nordmanni bzw. Nordmannos. In der Übersetzung macht man daraus allerdings nicht das naheliegende "Normannen", sondern "Nordgermanen". Was zwar nicht völlig falsch, aber doch ein wenig unüblich ist. Hätte der Leser lediglich den deutschen Text vor sich, wäre wohl ein gewisses Maß an Verwirrung vorprogrammiert. So aber ist das Überprüfen des Originals auf der gegenüberliegenden Seite geradezu ein Kinderspiel.
Mit Einhards Karls-Biografie bin ich dann auch schon bei der ersten der hier vorgestellten Quellen angelangt. Es handelt sich um die "ergänzte Ausgabe" aus dem Jahr 2010. Was unter "Ergänzungen" im Detail zu verstehen ist, entzieht sich meiner Kenntnis; möglicherweise betrifft es die Endnoten. Der deutsche Text beruht auf einer Übersetzung von 1911, liest sich allerdings sehr angenehm - wobei sich die Frage stellt, ob obiges Beispiel mit den "Nordgermanen" vielleicht etwas mit der Entstehungszeit zu tun hat, als der Germanen-Begriff ja besonders gerne bemüht und herausgestrichen wurde. Doch wie auch immer, ein erhellendes Nachwort, in dem auf den Autor und sein Werk eingegangen wird, rundet das Büchlein ab.

Als zweites Beispiel habe ich die von Eugippius verfasste Vita des heiligen Severin ausgewählt, da sie vor allem für das spätantike/frühmittelalterliche Österreich eine sehr wichtige Schriftquelle darstellt. Womit freilich auch schon das Dilemma der Forschung beschrieben ist, denn dem mit mystischen Elementen aufgehübschten Lebenslauf eines Heiligen ist naturgemäß nur bedingt zu trauen. Trotzdem erhält man einen überaus interessanten Einblick in jene politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, wie sie im 5. Jh. in der darniederliegenden Provinz Noricum herrschten. Wer sich eingehend mit der Völkerwanderungszeit beschäftigt, kommt schwerlich an Severin vorbei, der nicht einfach nur ein frommer Missionar war, sondern auch ein erfahrener Staatsmann und Verwaltungsbeamter. Mit viel Geschick stellte er sich vor die drangsalierten Reste der Provinzbevölkerung und versuchte sie vor streitlustigen Germanen zu schützen.
Am Ende dieser Ausgabe findet sich neben den obligatorischen Anmerkungen und dem Nachwort auch eine Zeittafel sowie eine Landkarte.

Nummer Drei unter meinen essentiellen Quellen des Frühmittelalters ist die Vita sanctae Radegundis. Radegunde, die aus Thüringen stammende Frau des fränkischen Königs Chlothar, ließ sich zur Diakonin weihen (ja, das war damals in der röm.-kath. Kirche noch möglich!) und flüchtete vor ihrem Ehemann ins Kloster. Dort konnte sie - ungehindert von den Konventionen des Königshofs - ihre heilige Mildtätigkeit entfalten. So zumindest beschreibt es der mit ihr befreundete Autor Venatius Fortunatus. Doch ob Tatsache oder punktuelle Übertreibung, diese Vita gibt einen sehr schönen Einblick in die Frömmigkeitsvorstellungen der Merowingerzeit - welche für uns von einiger Bedeutung sind, denn wer die Menschen des Mittelalters verstehen will, der muss vor allem verstehen, was ihnen besonders wichtig war: der Glaube.
Das vorliegende Büchlein kann nicht unbedingt als überaus umfangreich bezeichnet werden, denn gerade einmal rund 40 Seiten reichen aus, um sowohl den lateinischen wie auch den deutschen Text aufzunehmen. Noch einmal so viele Seiten benötigen die Endnoten, eine Karte, ein Stammbaum und das Nachwort.
Anmerkung: Bei der Vorbereitung dieses Beitrages habe ich zwecks Gedächtnisauffrischung nochmals ein wenig im Text des Venatius Fortunatus geschmökert, und wie es der Zufall wollte, stach mir ein Satz ins Auge, der besagt, dass Radegunde ein feines Leinengewand trug, welches Verzierungen aus Gold und Edelsteinen aufwies. Damit ist für mich endgültig klar, dass Kleidung aus Leinen im Frühmittelalter keine bloße Unterwäsche war, sondern auch als oberste Kleidungsschicht getragen wurde und sogar repräsentativen Charakter besitzen konnte. Dieser Umstand wurde von mir im entsprechenden Blogbeitrag zu diesem Thema nachträglich vermerkt: Klick mich
Auch zu Karls (Bein-)Kleidung wurde dort übrigens vor einiger Zeit eine kleine aber nicht uninteressante Ergänzung vorgenommen (in Klammer).

Abschließend sei noch die Sachsengeschichte des Widukind von Corvey erwähnt, der in seinem Werk die Geschichte des sächsischen Stammes und des ottonischen Herscherhauses (bis Otto I.) beschreibt - und gewiss auch schönt. Für mich als ottonenzeitlichen Darsteller stellt dieses Werk nichtsdestotrotz eine unverzichtbare Quelle dar. Auf 262 Seiten finden sich der Originaltext, die Übersetzung, eine Stammtafel, ein Register, zahlreiche Endnoten/Anmerkungen und zwei Landkarten. Auch bei dieser Ausgabe (2006) handelt es sich um eine "ergänzte" Version. Wie schon bei der Karls-Vita kann ich allerdings auch hier nicht sagen, was im Detail hinzugefügt wurde.

Fazit: Vier empfehlenswerte und günstig zu erwerbende Quellen, die zeitlich vom 5. bis ins 10. Jh. reichen und somit das gesamte Frühmittelalter abdecken. Wie es um die Qualität der Übersetzung im Einzelfall bestellt ist, ist für mich schwer zu beurteilen. Das oben genannte Beispiel aus der Karls-Vita zeigt jedoch, dass es nicht schadet, wenn man gelegentlich einen Blick in den mitgelieferten Originaltext wirft ;) Im Nachwort der Lebensgeschichte der heiligen Radegunde, deren Übersetzung interessanterweise im Rahmen eines Seminars der Friedrich-Schiller-Universität entstand, wird auf diese Problematik sogar gesondert eingegangen.
Ich rate übrigens dazu, die Nachworte der vorgestellten Bücher im Vorhinein zu studieren, da sie Informationen enthalten, welche für ein sinnerfassendes Lesen des Haupttextes durchaus hilfreich sind (es ist mir rätselhaft, warum man daraus nicht gleich ein Vorwort gemacht hat).

All vier Bücher verdienen meiner Einschätzung nach 5 von 5 Punkten | 

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12 Kommentare

  1. Den Geist muss man erst mal haben, die ganzen Originalquellen durchzuackern!

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    1. Viel "Geist" ist da nicht unbedingt nötig. Ich habe nämlich immer ein Reclam-Büchlein am stillen Örtchen liegen und lese zu jeder "Sitzung" ein paar Seiten. Im Laufe der Jahre kommt so quasi von selbst einiges zusammen ;)

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    2. *lach* das nenn ich Multitasking ^^ Aber ich kann bestätigen: Die Methode ist äußerst effizient, auch, wenn sich Göttergatte regelmäßig über die "Bibliothek" auf dem Badewannenrand und am Waschbecken beschwert ;)

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    3. "Bibliothek" auf dem Badewannenrand und am Waschbecken

      Da kann ich dann übrigens zum Schutz vor Feuchtigkeit nur meine selbstgebastelten Kunststoffumschläge empfehlen - oder am besten gleich ganz einschweißen :)

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    4. Hehe, da hast du recht, alles nur eine Frage der Organisation :-D

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  2. du hast ein super blog :)
    würde mich über ein feedback von dir rießig freuen^^

    mfg
    http://versuch908.blogspot.de/

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  3. Über die "Nordgermanen" bin ich auch schon gestolpert, die sind in der archäologischen Fachliteratur gar nicht so unüblich. Dass man "Normannen" nur im engeren Sinn auf jene aus der Normandie benutzen will, verstehe ich ja noch, warum man dann nicht einfach von "Wikingern" spricht, ist mir aber nicht klar...

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    1. Ja, das mit den Normannen-Begriff ist etwas eigenartig. In verschiedenen Büchern zu dem Thema sind mir schon die unterschiedlichsten Definitionen untergekommen.
      Entweder sind nur norwegische Wikinger gemeint, oder dänische, norwegische und schwedische - oder gelegentlich auch nur die dänischen Siedler in der westfränkischen/französischen Normandie.

      Du hast übrigens absolut recht, dass im archäologischen Bereich "Nordgermanen" häufig verwendet wird, dann aber oft unabhängig von der ca 250 bis 300jährigen Wikingerzeit, also in einem mitunter viel größeren zeitlichen Rahmen.
      Man könnte vereinfacht vielleicht so sagen: Alle Normannen (=Wikinger) waren Nordgermanen, aber nicht alle Nordgermanen waren zu jedem Zeitpunkt auch Normannen/Wikinger (in der Römerzeit war von Wikingern beispielsweise noch keine Rede).
      Die Bezeichnung "Wikinger" wollen einige Autoren übrigens nur dann verwenden, wenn sich Gruppen der genannten skandinavischen Völker in kriegerischer Absicht irgendwohin aufmachten.
      Der Witz ist, dass wichtige zeitgenössische Quellen - wie die Angelsächsische Chronik - im originalen(!) Wortlaut häufig gar nicht von "Wikingern" sprechen, sondern völlig andere Begriffe enthalten, wie "Heiden", "heidnischer Samen" usw.

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    2. Die Bezeichnung "Wikinger" wollen einige Autoren übrigens nur dann verwenden, wenn sich Gruppen der genannten skandinavischen Völker in kriegerischer Absicht irgendwohin aufmachten. (Zitat Hiltibold)

      Find ich jetzt auch logisch, da sich der Ausdruck "viking" tatsächlich nur auf diese Beute-/Raubzüge bezieht. Ein Vikingr war also einer, der auf dem Viking (Kriegszug) war. - Mir persönlich behagt der Ausdruck "Nordmänner" am besten, auch wenn er unwisenschaftlich ist.

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    3. Dass man unter "Wikinger" nur die kriegerisch/räuberischen Elemente dieser skandinavischen Germanenstämme verstehen will, finde ich etwas umständlich, aber vom Wortstamm her ok. Nur geht es in dem meisten Fällen, wo in der Literatur von "Nordgermanen" die Rede ist, um ebenjene Krieger. S. o.: Karl der Große wird sich wohl nicht mit Bauern in Schweden beschäftigt haben...

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    4. Karl der Große wird sich wohl nicht mit Bauern in Schweden beschäftigt haben...

      In der Vita von Einhard geht es in der betreffenden Stelle ("Nordmanni") in der Tat um Seeraub und den Küstenschutz den Karl errichten ließ.

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  4. Aber mit Diplomaten. also Abgesandten der Fürsten-/Königshöfe und der Kirche.

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