Donnerstag, 11. Juni 2015

Krimskrams: Burgbau Friesach - Schlimmer gehts immer -- Warmes Mittelalter

Burgbau Friesach - Schlimmer gehts immer

Dass es durchaus möglich ist, das Gewurstel im südbadischen Meßkirch zu übertreffen, zeigt zum einen das von mir bereits besprochene Limeskastell Pohl, zum anderen das Burgbau-Projekt in Friesach (Kärnten). Hier geht es zum entsprechenden Video - wohl bekomms!

Wieso tragen beispielsweise die Arbeiter dieses Vorführbetriebes T-Shirts und Cargohosen zu den (wieder einmal ungefärbten) mittelalterlichen Tuniken?
Wenn die Verantwortlichen nicht fähig oder willens sind, die mit Besuchern in Kontakt kommende Belegschaft zeittypisch auszustatten, dann sollte konsequenterweise auf jegliche historisch angehauchte Kleidung verzichtet werden. Schlussendlich würde man eben nur noch Experimentalarchäologie betreiben, aber kein damit kombiniertes (schlechtes) Living History. Weniger ist oft mehr!

Pseudowissenschaftliche Merkwürdigkeiten wie das Burgbau-Projekt Friesach entstehen immer dann, wenn "Lebendige Geschichte" und Experimentelle Archäologie von ignoranten Lokalpolitikern zwecks Vermarktung der Vergangenheit instrumentalisiert werden. Unethisch handelnde "Wissenschaftler" geben sich als Feigenblatt her und sorgen für die Umsetzung, welche sich für gewöhnlich stark an touristischen Gesichtspunkten orientiert - ohne Rücksicht auf Verluste; soll heißen, die historische Faktenlage wird dem Besucher unsachgemäß und falsch vermittelt, trotz längst existierender Quasi-Standards.

Natürlich kann man derlei Bogus nach dem Motto "besser als nichts" ein bisschen schönreden. Dieses Argument ist ja auch bezüglich der schrecklichen TV-Dokus des Guido Knopp und seiner Nachahmer häufig zu vernehmen. Doch damit macht man es diesen Leuten allzu leicht, finde ich.
Am ärgerlichsten ist jedoch, dass solche Projekte ohne übermäßig großen Mehraufwand deutlich qualitätvoller umgesetzt werden könnten. Nur leider, hierfür mangelt es offensichtlich am nötigen Ehrgeiz.
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Warmes Mittelalter

Laut einer aktuellen Studie lag die Durchschnittstemperatur im Ostseeraum zur Zeit der mittelalterlichen Wärmeperiode rund ein halbes Grad über den heutigen Verhältnissen. Vor 4500-8000 Jahren betrug die Differenz sogar ein bis dreieinhalb (!) Grad. Und das alles ohne Unmengen von anthropogenem CO2 in der Atmosphäre...:  Klick mich
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Das Angeber-Latein der Woche

Invidia gloriae comes.
Der Neid ist der Begleiter des Ruhms.
Cornelius Nepos, Chabrias 3,3

7 Kommentare

  1. " Unethisch handelnde "Wissenschaftler" geben sich als Feigenblatt her "

    Im Volksmund ganz unverblümt auch als Wissenschaftsnutten bezeichnet.
    Herr Carlos

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  2. Lebendige Geschichte um jeden Preis halte ich für eine Fehlentwicklung der letzten Jahre. Die wirklich gut durchdachten, hochseriösen Projekte kann man in Deutschland beinahe an einer Hand abzählen.

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  3. Die hier vorgebrachte Kritik am Projekt, bin dort selbst Kulturvermittler, geht eindeutig an der Sache vorbei. Der Burgbau in Friesach verfolgt das Ziel der praktischen Anwendung historisch nachvollziehbarer Baumethoden im schrittweisen Bau einer für die Ostalpen typischen Höhenburg in mehreren Bauphasen. Umfassende "Living History" ist kein Schwerpunkt des Projekts. Dies kommt in der Website aber klar zum Ausdruck. Ich vermisse am (ziemlich polemischen) Artikel einen Hinweis auf einen Besuch des Autors beim Projekt, somit kann ein Urteil nur subjektiv ausfallen. Insgesamt macht man es sich in diesem Blog mit Urteilen über solche Projekte ziemlich leicht, als Einzelperson mit Wickelgamaschen und Lodentuch im Schnee herumzustapfen mag ja leicht einzurichten sein, einen Baubetrieb mit allen heutzutage nötigen Sicherheitsstandards (Versicherung!) 7 Tage die Woche am Laufen zu halten steht auf einem ganz anderen Blatt Papier.
    MfG Richard

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    1. "bin dort selbst Kulturvermittler"

      Du bist demnach per se nur schwerlich objektiv, da dich persönliche Interessen mit dem Projekt verbinden.

      "Living History" ist kein Schwerpunkt des Projekts"

      Nun, auf der Homepage steht: "Sie erleben den authentischen Arbeitstag..."
      Der Versuch, bei einem Vorführbetrieb den Authentizitätsbegriff nach Gutdünken von der historischen Ausstattung der Protagonisten abkoppeln zu wollen, muss entschieden zurückgewiesen werden. Kleidung und Accessoires sind Bedeutungsträger, die den besonderen Geist einer Zeit wiederspiegeln. 50-prozentiges Living History gibt es daher nicht - anderenfalls begibt man sich punkto Darstellung umgehend auf Mittelaltermarkt-Niveau. Entweder man unternimmt also die ehrliche Anstrengung, die Quasi-Qualitätsstandards einzuhalten, welche im Laufe vieler Jahre mühsam von der "Community" etabliert wurden, oder man lässt es bleiben bzw. kleidet die Angestellten konsequent in moderne Arbeitsgewänder und konzentriert sich wirklich nur noch auf die wiederbelebten Bautechniken. Niemand hätte hier damit ein Problem, wie ich in meinem Beitrag deutlich zum Ausdruck brachte.

      Im Übrigen, kein Sicherheitsstandard schreibt moderne (!) Strohhüte und die von mir kritisierten Cargohosen und T-Shirts vor (die Stahlkappenschuhe wurden hingegen nicht zufällig ausgespart, da diese bei vielen Tätigkeiten Pflicht sind).
      Ahistorischen und leicht vermeidbaren Unsinn wie die genannten drei Beispiele muss auch niemand vor Ort persönlich begutachten, um zu einer entsprechenden Einschätzung zu gelangen; die Videoaufnahmen und Fotos sprechen bereits eine überdeutliche Sprache.

      ...als Einzelperson mit Wickelgamaschen und Lodentuch im Schnee herumzustapfen mag ja leicht einzurichten sein...

      Das ist ein Trugschluss. Alleine für das Auftreiben eines kompetenten Webers, der meine Wünsche bezüglich einer tunica angusticlavia zu 100 Prozent umsetzen konnte, habe ich ein geschlagenes Jahr und drei enervierende Anläufe benötigt. Vom im Vorfeld nötigen Quellenstudium ganz zu schweigen, das Monate in Anspruch nahm.

      Worum geht es mir und vielen Gleichgesinnten eigentlich? Nun, wir sind nicht geneigt, schludrige und halb durchdachte Konzepte wie jenes in Friesach oder Meßkirch stillschweigend hinzunehmen. Schließlich prägen solche großen Langzeitprojekte das Bild, welches die Öffentlichkeit von (vermeintlichem) Living History hat, nachhaltig. Soll heißen, das Verwässern der Standards färbt unweigerlich auf uns ab.

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    2. Ich will mal daran erinnern, dass die wissenschaftliche Projektinitiatorin Getrud Pollak abserviert wurde, weil sie den zunehmend unwissenschaftlichen Weg nicht mitgehen wollte, den die Gemeinde beschritten hatte.
      Später wurde auch ihre Kollegin Renate Jerney hinausgeekelt. Sogar eine große Tageszeitung hat davon berichtet
      http://derstandard.at/1334132563266/Kaernten-Friesacher-Burg-braucht-100000-Touristen-pro-Jahr
      Zwar ist Friesach kein totales Desaster geworden, aber vom ursprünglichen Pfad der Tugend abgekommen ist man ganz bestimmt. Ich kenne die ursprünglichen Pläne genau und sehe die Diskrepanz zum Ist-Zustand . Da braucht man sich gar nicht erst auf die Arbeitssicherheit rausreden versuchen. Lg, Martina

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    3. Zu diesem Authentizitätsstreit gibt es übrigens noch einen Artikel vom Standard:

      http://derstandard.at/1322872873774/Kaernten-Moderner-Streit-um-mittelalterlichen-Burgbau-in-Friesach

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    4. Die Beobachtungen sind meiner Ansicht nach leicht überprüfbare Tatsachen und keine Polemik. Kritik muss man außerdem nicht in schmeichlerischem Tonfall vortragen. Ich hätte zu Friesach sogar noch klarere Worte gefunden. Für mich ist das eine halbe Sache,

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