Dienstag, 11. März 2014

Ägyptische Obelisken in einem römischen Circus?



Im Römischen Reich war es üblich, die spina größerer Pferderennbahnen - also die gemauerte Schranke innerhalb des Ovals - mit mindestens einem ägyptischen oder zumindest ähnlich anmutenden Obelisken zu schmücken (siehe die markierten Stellen auf dem linken Bild). Begründer dieser Tradition dürfte Augustus gewesen sein, der aus dem von seinen Generälen eroberten Ägypten einen knapp 24 Meter hohen Obelisken Ramses' II. nach Rom bringen und im Circus Maximus aufstellen ließ. In der Spätantike wurde auf Geheiß des Kaisers Constantius II. ein weiteres Exemplar herangeschafft, welches ursprünglich von Pharao Thutmosis III. stammte.
Doch was steckte hinter diesem überall im Reich imitierten Import ägyptischen Kulturguts? Stand hier die optischen Verschönerung im Vordergrund? Oder steckte Prahlerei dahinter, nach dem Motto, seht her, wir haben selbst das einst so mächtige Ägypten erobert?
Vielleicht mag das im Falle des Augustus eine gewisse Rolle gespielt haben, denn der erste Kaiser war - obwohl er einer verkappten Militärdiktatur vorstand - auf dem Schlachtfeld eine Null und deshalb stets bemüht größer auszusehen, als er in Wirklichkeit war (auch im wörtlichen Sinn, denn er trug laut Sueton Schuhe mit extra hohen Absätzen bzw. Sohlen). 
Da Religion bei den Römern eine sehr wichtige Rolle spielte, dürften die Obelisken jedoch vor allem in diesem Zusammenhang zu interpretieren sein: Sie galten in Ägypten als eine Verbindung zwischen dem Sonnengott Re und der Erde. Diese Vorstellung ging hervorragend mit den Circus-Rennen konform, die, glaubt man antiken Quellen, vor allem zu Ehren des römischen Sonnengottes Sol veranstaltet wurden; nicht zufällig beherbergte die Anlage des Circus Maximus auch eines seiner Heiligtümer. Man vermutet, dass dieser Tempel gleichzeitig der Mondgöttin Luna geweiht war. Luna und Sol wurden in der Mythologie passenderweise als Wagenlenker dargestellt, wobei die Mondgöttin ein zweispänniges Gefährt (biga) über das Firmament lenkt, während der Sonnengott einen Wagen mit vier Pferden (quadriga) vorantreibt.
Die in der Circusbahn kreisenden Wagen spiegeln somit den kosmischen Wechsel von Sonne und Mond bzw. Tag und Nacht wieder. Dies belegt auch Cassiodor, der darauf hinweist, dass die üblichen 24 Rennen pro Tag für die 24 Stunden eines vollen Tages standen; die 7 Runden pro Rennen symbolisierten wiederum die 7 Tage einer Woche.
Wenn also, wie oben erläutert, einer der beiden Obelisken für den Sonnengott stand, dann dürfte der andere die Mondgöttin repräsentiert haben. Bei dieser Deutung stellt sich allerdings die Frage, warum es über 300 Jahre dauerte, bis endlich das zweite Ungetüm aufgestellt wurde. Die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass die Mondgöttin einfach nicht bedeutend genug war, um einen eigenen Obelisken spendiert zu bekommen, dessen Transport von Ägypten nach Rom Unsummen verschlang. Erst der Geltungsdrang eines Kaisers, der hier einen schönen Vorwand gefunden hatte um sich in Szene zu setzen, verhalf Luna zu ihrem eigenen Monument.

Im Gegensatz zum Circus Maximus überstanden die beiden Obelisken die Jahrhunderte nahezu unbeschadet. Der eine steht heute auf dem Lateran, der andere auf der Piazza del Popolo (rechtes Bild).

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Weiterführende Literatur:

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