Sonntag, 27. März 2016

Berührende und außergewöhnliche Beispiele für Tierliebe in der Antike



Marcus Porcius Cato der Ältere (234 - 149 v. Chr.) ist bis in unsere Tage bekannt für seine Prinzipientreue. Vermutlich war sie Auslöser für  manch einen der rund 50 (!) Gerichtsprozesse, die im Laufe seines langen Leben gegen ihn geführt wurden. Doch nicht alle von Cato hoch gehaltenen und hartnäckig verteidigten Prinzipien waren bewundernswert - weder aus heutiger Sicht noch aus der seiner antiken Zeitgenossen. Plutarch berichtet nämlich in seinen Parallelbiographien, dass Cato zwar einerseits als vorbildlicher Vater und Ehemann galt, der erklärte, "wer Frauen und Kinder schlägt, vergreift sich an den heiligsten Gütern", andererseits aber bei Sklaven weniger Zurückhaltung übte und diesen die Peitsche vor versammelter Abendgesellschaft über den Rücken zog, wenn ihnen ein gröberes Missgeschick unterlief. Seine Härte ging aber noch weiter; er meinte nämlich, sobald das Personal alt und schwach ist, solle man es möglichst rasch loswerden, da es ansonsten mehr Kosten verursacht als Nutzen bringt. Besonders für diese Haltung wird er von seinem Biographen Plutarch, der ansonsten voll des Lobes für ihn ist, in außergewöhnlich deutlicher Weise kritisiert:
Freilich, das Verfahren, Sklaven wie Zugtiere auszunützen und sie dann im Alter wegzujagen und zu verkaufen, muss ich als Kennzeichen eines allzu harten Sinnes ansehen, der kein anderes Verhältnis zwischen Mensch und Mensch anerkennen will, als das des Nutzens. (Plutarch, Cato, 5; s. a. Cato, De agri cultura, 2, 7)
Plutarchs Kritik veranschaulicht das durchaus zwiespältige Verhältnis, das in der Antike zur Sklaverei herrschte. Einerseits war sie in den Augen der breiten Masse eine völlig natürliche Notwendigkeit, andererseits gab es aber auch einige Stimmen, die sich dafür aussprachen, Sklaven zumindest menschlich zu behandeln und in ihnen nicht einfach nur - wie Aristoteles es ausdrückte - "beseelte Werkzeuge" zu sehen (wobei Aristoteles diesen Begriff durchaus auch auf freie Menschen anwandte, die in einem Dienstverhältnis standen bzw. nicht als Selbstständige arbeiteten).
In weiterer Folge vergleicht Plutarch das Verhalten gegenüber alten Sklaven mit dem gegenüber Tieren. Er veranschaulicht anhand mehrerer Beispiele eindrücklich, dass Achtung und Anerkennung für tierisches Leben in der Antike nicht nur die bloße Forderung einiger weniger Denker war, sondern von Menschen aus dem Volk mitunter auch tatsächlich praktiziert wurde.
[...] alt gewordenen Pferden das Gnadenbrot zu geben und Hunden nicht nur, wenn sie jung sind, sondern auch im Alter Pflege angedeihen zu lassen, ist Ehrenpflicht eines guten Menschen. So befreite das Volk von Athen, als es den Hekatompedos baute (gemeint ist der Parthenon-Tempel), die Maulesel, die es am ausdauerndsten hatte arbeiten sehen, und ließ sie ungehindert weiden. Einer von ihnen, so wird erzählt, kam von selbst wieder zu den Arbeiten gelaufen und lief mit den Zugtieren, die die Wagen auf die Akropolis hinaufzogen, mit oder lief ihnen voran, als wollte er sie anfeuern und antreiben, weshalb man beschloss ihn bis zu seinem Tode auf öffentliche Kosten zu füttern. Die Rennpferde Kimons, mit denen er dreimal in Olympia siegte, haben sogar Gräber dicht bei seiner Gruft erhalten. Hunde, die ihnen durch langes Zusammenleben lieb geworden waren, haben viele bestattet; so auch der alte Xanthippos jenen Hund, der neben seiner Triere nach Salamis mitschwamm, als das Volk die Stadt verließ, bei der Landspitze, die noch jetzt Hundsmal (Kynossema) heißt. Denn mit lebenden Wesen darf man nicht wie mit Schuhen oder Geräten umgehen, die man, wenn sie verschlissen oder zerbrochen sind, einfach wegwirft, sondern wenn aus keinem anderen Grund, dann um sich in der Menschenfreundlichkeit zu üben, muss man sich angewöhnen, gütig und milde mit ihnen zu sein. Nicht einmal einen Zugochsen möchte ich seines Alters wegen verkaufen - und noch viel weniger einen alt gewordenen Menschen aus seiner langjährigen Umgebung und seiner gewohnten Lebensweise um ein paar Groschen wegen verstoßen, zumal er doch auch für den Käufer ebenso unnütz werden muss wie für den Verkäufer. Cato hingegen sagt - als ob er auch noch stolz darauf wäre - ,er habe sogar das Pferd, welches er als Konsul in Spanien geritten hatte, zurückgelassen, um nicht dem Staat die Transportkosten anrechnen zu müssen. Jeder mag selbst darüber entscheiden, ob es sich hierbei um eine großzügige oder kleinliche Denkweise handelt. (Plutarch, Cato 5; s.a. Plutarch, Themistokles 10)

Nicht nur der oben erwähnte athenische Feldherr Xanthippos (der übrigens Vater des berühmten Perikles war) lies seinem geliebten Hund ein Grab errichten. Vielmehr gibt es dafür etliche weitere Belege, so etwa folgende römische Grabinschrift für eine Hündin: 
Sie war so klug, fast wie ein Mensch, auf ihre Art;
welch ein Schatz, oh weh, haben wir verloren!
Du kamst stets, süße Patrice, an unseren Tisch,
saßest auf meinem linken Schoß und schmeicheltest um Bissen;
mit flinker Zunge lecktest du den Becher aus,
den meine Hand dir oft hinhielt,
kam müde ich nach Haus,
empfingst du mich mit freudig wedelndem Schwanz.

(Carmina Latina Epigraphica, 1176, 7)

Die willkürliche Tötung eines Tieres konnte mitunter üble Folgen nach sich ziehen. So gab es in Rom einen Raben, der sich jeden Morgen bei der Rostra (=Rednertribüne) auf dem Forum einfand und dabei unter anderem den Kaiser Tiberius "grüßte", wenn dieser sich dort aufhielt. Eines Tages wurde das Tier von einem Schuster getötet, woraufhin die erboste Menge den Täter durch die Stadt jagte und schlussendlich umbrachte. Der Rabe aber wurde in einem Begräbnis zur letzten Ruhe gebettet. (Plinius, Naturalis historia 10, 62)


Weiterführende Literatur: 
  • Plutarch / Konrad Ziegler und Walter Wuhrmann (Übers.) | Große Griechen und Römer, Band I | Artemis & Winkler / Patmos | 2010 | Infos bei Amazon
  • Cato / Hartmut Froesch (Übers.) | Über die Landwirtschaft | Reclam | 2009 | Meine Rezension | Infos bei Amazon
  • Karl-Wilhelm Weeber | Alltag im alten Rom - Das Leben in der Stadt |  Patmos / Albatros | 1995/2011 | Meine Rezension | Infos bei Amazon

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2 Kommentare

  1. Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist einer jener Aspekte des antiken Lebens, den man gerne übersieht. Danke für den interessanten Beitrag darüber.

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