Samstag, 21. Februar 2026

🌲 Der antike römische Baumeister Vitruv und seine merkwürdige Art des Baumfällens 🪓

Vitruv war ein erfahrener römischer Architekt und Baumeister, der im 1. Jahrhundert vor Christus lebte. In seinen späten Lebensjahren erfreute er sich der Gunst des Kaisers Augustus, der ihm eine Pension gewährte. So den Geldsorgen enthoben, war es Vitruv möglich, schriftstellerisch tätig zu werden. In seinem Werk "10 Bücher über Architektur" ("De architectura libri decem") hat er uns eine Unmenge an Details zum antiken Bauwesen überliefert. Darunter befindet sich ein Kapitel zum Thema Bauholz, worüber Vitruv - aus heutiger Sicht - zum Teil Ungewöhnliches zu sagen hat, wie die nachfolgende Textstelle bezeugt. Es geht hier um eine mir bisher völlig unbekannte Art Bäume zu fällen, deren Holz für die spätere Verwendung in Bauwerken vorgesehen ist. Den besonders relevanten Teil habe ich fett markiert. 

1. Das Bauholz muss gefällt werden von Anfang des Herbstes bis zu der Zeit unmittelbar ehe der Favonius (Westwind) zu wehen beginnt. Denn im Frühling werden alle Bäume (gleichsam) schwanger und geben alle ihnen eigentümlichen guten Eigenschaften an das Laub und die jährlich wiederkehrenden Früchte ab. Da sie also durch die not- wendigen Verhältnisse jener Zeiten gehaltlos und aufgebläht sind, werden sie taub und durch ihre poröse Beschaffenheit kraftlos [...].
2. Aus demselben Grunde erholen sich die Bäume, wenn in der Herbstzeit nach der Reife der Früchte das Laub welkt, aus der Erde durch die Wurzeln den Saft in sich aufnehmend, wieder und werden zu ihrer alten Festigkeit hergestellt. Anderseits aber zieht sie die Kraft der Winterluft während der oben beschriebenen Zeit zusammen und festigt sie. Wenn man also aus dem Grunde um die oben angegebene Zeit das Bauholz fällt, so wird es rechtzeitig gefällt sein.
3. Man muss es aber so fällen, dass man in die Dicke des Baumes bis mitten in den Kern einschneide und ihn dann stehen lasse, damit der Saft dadurch tropfenweise heraustrockne. Wenn nun so die unnütze Flüssigkeit, die sich im Innern befindet, durch den Splints abfließt, muss nicht der Saft in demselben absterben und die Eigenschaft des Bauholzes verderben. Dann aber, wenn der Baum trocken ist und nicht mehr tropft, dann soll er vollends gefällt werden, und wird so am besten für den Gebrauch sein.
4. Dass dies sich so verhält, kann man auch an den Baumpflanzungen beobachten; denn wenn die Bäume derselben jeder zu seiner Zeit durch Einbohren bis in das Innerste geschnitten werden, lassen sie die überflüssige und schädliche Flüssigkeit, welche sie in sich haben, durch die Bohrlöcher ausfließen, und so trocknend erlangen sie lange Dauer. Die Feuchtigkeit aber, welche keinen Ausweg aus den Bäumen hat, gerät, sich verdichtend, innerhalb in Fäulnis und macht sie hohl und schadhaft. Wenn also die stehenden und grünen Bäume durch das Austrocknen nicht absterben, so werden sie ohne Zweifel, wenn sie zu Bauholz gefällt werden, nachdem sie auf diese Weise behandelt worden sind, bei Gebäuden bis zu hohem Alter großen Nutzen gewähren können.
Vitruv | 10 Bücher über Architektur, 2. Buch, 9. Kapitel | Übers.: Franz Reber | Marix Verlag | 5. Auflage, 2019

Hier eine Grafik, die ich anhand Vitruvs Beschreibung angefertigt habe. So, oder sehr ähnlich, darf man sich die Sache wohl vorstellen.

Wenn Vitruv diese Art des Baumfällens ausführlich erwähnt, dann müssen wir davon ausgehen, dass es dergleichen tatsächlich zu seiner Zeit gab. Freilich, wie oft in der Antike Bauholz genau so dem Wald entnommen wurde, ist - aus meiner Sicht - sehr schwer zu sagen. Vielleicht verfuhr man aufgrund des Aufwands (=Kosten) eher nur bei höherwertigen Bauten dergestalt? 
Denn besteht hier nicht das Risiko, dass diese Bäume relativ leicht umknicken, wenn der Wind einmal etwas kräftiger bläst oder es stark schneit? Und würden sie dann - beim Umfallen - nicht andere (möglicherweise ebenfalls 'angeschlagene') Bäume umreißen bzw. beschädigen? 
Wie lange dauert es außerdem, bis diese Bäume ausreichend ausgeronnen sind? Ein paar Wochen? Oder gar Monate? Ich kann mir nicht vorstellen, dass man Bäume allzu lange in diesem 'angenagten' Zustand herumstehen lassen kann. Nicht nur wegen den oben erwähnten Gefahren durch die Witterung, sondern weil sich - falls der Herbst/Winter wärmerer ausfällt als üblich - Pilze und andere Schädlinge im angeschlagenen Bereich hätten ausbreiten können. 
Und funktionierte diese Methode eigentlich mit allen Bäumen? Oder gab es Unterschiede - beispielsweise zwischen Laub- und Nadelbäumen? 

Fragen über Fragen, die uns der alte Vitruv leider nicht mehr beantworten kann! Dass freilich Bauholz trocken und nicht frisch sein sollte, gilt in den meisten Fällen damals wie auch heute noch. Nur die Methoden haben sich offenbar geändert, denn wir verwenden zu diesem Zweck meist Trocknungskammern. Wobei es mich nicht wundern würde, wenn in irgend einem abgelegenen Winkel der Welt Vitruvs Vorgehensweise in einer ähnlichen Form nach wie vor genutzt wird. 


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