Donnerstag, 16. August 2012

Waren die Normannen von 1066 "Franzosen"?

Hastings 1066
Mitglieder des Franko-Flämischen Contingents
beim Hastings-Reenactment 2006
(Foto: Duco de Klonia/Wikimedia.org)
Eben las ich auf Youtube im Kommentarbereich einer Doku, jene Normannen, die 1066 England eroberten wären eigentlich nichts anderes als Franzosen gewesen. Hier noch von "Wikingern" zu sprechen sei absurd. Ich sehe das sehr ähnlich.
   
Als der dänischstämmige Wikinger Rollo dem westfränkischen bzw. "französischen" Herrscher Karl dem Einfältigen 911 die Grafschaft Rouen abpresste, also den Kern des späteren Herzogtums Normandie, handelte es sich bei den Eindringlingen sicher noch um typische Normannen bzw. Wikinger. Doch die Geschwindigkeit mit der sie ihre skandinavisch-heidnischen Wurzeln aufgaben war geradezu atemberaubend. Zur obligatorischen Christianisierung kam noch eine massive "Romanisierung" hinzu. Mit dem Ergebnis, dass bereits der Enkel von Rollo, Richard I., von seinem Vater Wilhelm Langschwert nach Bayeux geschickt werden musste, damit er dort Dänisch lernt (das zu jener Zeit in der Gegend von Rouen offenbar nicht mehr gesprochen wurde). Da ist es doch sehr einleuchtend, dass erst recht über 100 Jahre später bei den sogenannten "Normannen" Willhelm des Eroberes kaum noch etwas an die einstige Herkunft erinnerte.

Die Gründe für diese Entwicklung sind, so denke ich, recht einfach zu erklären:
Die Eroberungen auf westfränkischem Boden waren nicht viel mehr als eine Art aristokratische Kolonisation. Die normannischen Krieger stellten zwar die Oberschicht, waren aber ansonsten zahlenmäßig eine Minderheit. Sie heirateten deshalb von Anfang an einheimische bzw. westfränkische Frauen.  Die Kinder, die aus solchen Verbindungen hervorgingen, waren klarerweise noch zweisprachig. Aber deren Kinder wiederum wohl kaum. Sie lebten schließlich in einem zunehmend französischsprachigen Umfeld; wieso hätten man unter diesen Umständen die Sprache der Großväter erlernen sollen?
Eine Ausnahme bildete der oben erwähnte Richard I. Zu seiner Zeit wird es wohl noch eine begrenzte Zuwanderung aus Dänemark gegeben haben. Vielleicht war es deshalb erwünscht, dass zumindest der zukünftige Herrscher auch dänisch sprechen konnte.

Kaum zufällig haben also englische Chronisten die Eroberer des Jahres 1066 als "Franken" bezeichnet. As Normannen - im Sinne von Wikingern (Dänen, Norweger) - galten sie längst nicht mehr. Vielmehr waren sie mit den Franken/Franzosen verschmolzen.

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Weiterführende Literatur:

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