Samstag, 21. Januar 2017

Buch: 1066 - Englands Eroberung durch die Normannen

Der mittelalterliche Geschichtsschreiber Wilhelm von Malmesbury schrieb, der 14. Oktober 1066, als in der Schlacht bei Hastings die Angelsachsen Englands von einem normannisch-französischen Heer vernichtend geschlagen wurden, sei "ein Schicksalstag für England gewesen"; und die damaligen Ereignisee hätten "zur Zerstörung unseres geliebten Landes" geführt. 
Starker Tobak. Wie es aber überhaupt dazu kommen konnte, wie sich die Abfolge der Ereignisse gestaltete und wer die herausragendsten Protagonisten waren erläutert Dominik Waßenhoven in 1066: Englands Eroberung durch die Normannen (Verlag C.H. Beck).

Das Buch hat mich positiv überrascht. Entgegen meiner Befürchtung konzentrierte sich der Autor auf das Wesentliche und streift die Normannen gerade so viel wie es für die Erläuterung der Ereignisse nötig ist. Im Zentrum stehen stattdessen England und seine Bevölkerung, für die sich nach der Eroberung ihrer Heimat manches änderte - wie etwa der Umstand, dass die neue Oberschicht fremdsprachig war. Doch Dominik Waßenhoven relativiert hier ein wenig. Die Nachfahren der Normannen übernahmen die Sprache der Einheimischen relativ bald, reicherten sie allerdings mit viel eigenem Vokabular an, woraus sich Mittelenglisch - ein Vorläufer des modernen Englisch - entwickelte. 

Vor einigen Jahren hatte ich schon einmal etwas über die normannische Eroberung Englands gelesen. Daher fragte ich mich, ob mir dieses Buch - das zum 950jährigen Jubiläum der Schlacht von Hastings erschienen ist - überhaupt Neues würde bieten können. Doch das konnte es. Beispielsweise erfuhr ich, dass die normannischen Eroberer dem letzten englischen König - Harold Godwinsohn - erst Jahren nach seinem Schlachtentod bei Hastings rückwirkend die Legitimität absprachen. Und zwar zu einem Zeitpunkt, als es wegen anhaltender Widerstände in der Bevölkerung aus politischen und propagandistischen Gründen sinnvoll erschien. In frühen Urkunden war Harold hingegen noch von den Normannen selbst als König bezeichnet worden. Demnach handelt es sich hier um einen typischen Fall von Geschichtsfälschung durch die Sieger.

Auf Fuß- oder Endnoten wurde verzichtet - was halbwegs verschmerzbar ist, da die Quellen zumeist im Text selbst genannt werden und sich der Autor durchaus kritisch mit ihnen auseinandersetzt. Überdies werden in einem eigenen Abschnitt die bedeutendsten historischen Quellen zur normannischen Eroberung behandelt.
An einer Stelle hat der Autor jedoch gepatzt: Und zwar als er den zugegebenermaßen sehr weit verbreiteten Irrtum wiederholte, der Überfall auf das nordenglische Kloster Lindisfarne sei die erste überlieferte Untat der 'Wikinger' gewesen. Ein Blick in die Angelsachsen-Chronik zeigt jedoch, dass dort ein mehrere Jahre zuvor erwähnter Überfall auf Portland ausdrücklich als erster Angriff der Wikinger (Normannen, Dänen) bezeichnet wird.

Fazit: Das Buch ist kurzweilig, informativ und den günstigen Kaufpreis von 9 Euro allemal wert.


Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

Angelsachsen, Norweger und Normannen
- Kontakte und Konflikte
- Herrschaft und Erbe Knuts des Großen
- Angelsachsen und Normannen
- Rebellion in Northumbria

Fünf Könige und drei Schlachten - die Eroberung
- Die Schlacht von Fulford
- Die Schlacht von Stamford Bridge
- Die Schlacht von Hastings
- Von Hastings nach London

Widerstand
- Unruhen im Süden und Westen
- Der Norden erhebt sich
- Rückzug ins Moor
- Edgar Aetheling und Malcolm Canmore

Legitimation und Interpretation
- Wilhelms Legitimation
- Eduards Designation
- Harolds Ursupation

Folgen der Eroberung
- Land und Leute
- Burgen und Krichen
- Sprache und Identität
- 1066 - ein Epochenjahr?

Glossar

Bibliographie
- Quellen
- Literatur

Personenregister

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Weiterführende Informationen:

Hinweis: Interessanterweise hat der C.H. Beck Verlag gleichzeitig zum hier besprochenen Buch ein weiteres veröffentlicht, in dem ebenfalls die normannische Eroberung Englands behandelt wird. Eventuell ist es ganz interessant, allerdings ist es mir mit über 400 Seiten aus Zeitmangel im Moment zu umfangreich. Der Titel lautet: 1066 - Der Kampf um Englands Krone


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1 Kommentar

  1. Das hat mir auch an dem Buch gefallen. Es ist kein weiterer Lobgesang auf die Normannen, mit endlosem Palaver über deren militärischen Fähigkeiten, sondern eine nüchterne Darstellung, die sich stark auf die Angelsachsen konzentriert.
    C3PO

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