Dienstag, 18. September 2012

Die Erdbestattung wurde nicht von den Christen "durchgedrückt"

Römischer Sarkophag ( 2.Jh. .n.Chr. ), Museum Antalya
(Foto: Wolfgang Sauber / Wikimedia.org)
Unlängst, beim Durchstöbern des WWW, stieß ich auf die Homepage eines Museums (ich will da keinen Namen nennen). Neben vielen interessanten Infos stand dort allerdings auch geschrieben, die Feuerbestattung wäre bei den Römern aufgrund christlichen Einflusses nach und nach durch die Erdbestattung ersetzt worden. Eine seltsame Behauptung. Denn als man ungefähr zur Zeit Trajans, also um 100 n.Chr., begann, Verstorbene vermehrt in der Erde bzw. in Sarkophagen zu bestatten, war dies nichts anderes als der Rückgriff auf Gepflogenheiten wie sie während der frühen Republik üblich waren. Außerdem gibt es einige Hinweise, die darauf schließen lassen, dass der neuerliche Trend zur Erdbestattung höchstens am Rande von den christlichen Gemeinden weiter vorangetrieben wurde. Das Christentum hatte damals ja noch einen viel zu geringen Einfluss. Tertulian (  220 n.Chr) war, soweit ich weiß, der einzige  christliche Schriftsteller der Antike, der gegen die Feuerbestattung Stellung bezog. Und das zu einer Zeit, als sie ohnehin schon massiv an Bedeutung verloren hatte. Dieser Bedeutungsverlust kann wohl eher auf die Einflüsse orientalischer Religionen und Kulte zurückzuführen sein, die sich damals im ganzen Reich ausbreiteten.

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Quelle bzw. weiterführende Literatur:
  • Bernard Andreae | Römische Kunst von Augustus bis Constantin (Romische Kunst) | Verlag Philipp von Zabern | 2012 | Infos bei Amazon

2 Kommentare

  1. Ach ja, das gehört auch zu den Märchen, die ich auf Wikipedia vergeblich korrigiert habe. Nach dem 3. Versuch habe ich's dann aufgegeben...
    Ich denke, dieses Problem kommt aus der Grund-Denkweise der Archäologie. Bei Kulturen, wo wir nur noch materielle Hinterlassenschaften haben, bieten Grabsitten eine der wenigen Möglichkeiten, etwas von den geistigen und religiösen Vorstellungen der damaligen Menschen zu rekonstruieren. Klingt eigentlich ganz plausibel, aber dann kommen da die "doofen" Römer, über deren religiöse Vorstellungen wir nun relativ ausführlich Bescheid wissen, und wechseln zweimal (von den diversen Ausnahmen, die es auch immer gab, mal abgesehen) ohne erkennbaren Grund die Bestattungssitten. Da wird dann halt ein Grund gebastelt, denn sonst würden ganze Theoriegebäude ins Wackeln kommen. Und dass zumindest beim ersten Wechsel (von Erdbestattung zur Kremation) aus den schriftlichen Quellen keine diesbezügliche Veränderung von religiösen Vorstellungen erkennbar ist, wird einfach ignoriert...

    LG, Julia

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    1. Ja, da wird der Einfachheit halber in der Tat sehr viel ignoriert. Die Geschichtswissenschaft ist ja nicht gerade exakt. Deshalb ist wohl auch das Gezänk zwischen Historikern miest viel ärger, als zwischen Naturwissenschaftlern. Bei letzeren geht es um klar belegbare Fakten, bei ersteren oft um Glaubensgrundsätze. Der Archäologe steht hier häufig zwischen zwei Stühlen. Er bedient sich zwar sehr stark naturwissenschaftlicher Methoden, ist aber doch auch auf die "freihändigen" Interpretationen von Historikern angewiesen.

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