Mittwoch, 12. Juni 2013

Marcus Junkelmann: Hollywoods Traum von Rom

Foto: Hiltibold | (C) Verlag Philipp von Zabern
Dass sich Hollywood die historische Realität gerne zurechtbiegt, wenn es beispielsweise der Dramaturgie dienlich erscheint, ist bekannt. Dem Wie, Wo und Warum geht der Historiker Marcus Junkelmann in diesem rund 450 Seiten starken Buch detailliert auf den Grund. 
Wie der Titel bereits nahe legt,  widmet er hierbei sein Hauptaugenmerk dem "Sandalenfilm"; einem Genre also, das mit Ridley Scotts Gladiator vor einigen Jahren ein kleines Revival feierte. 
Als Fachmann für die römische Antike weist Junkelmann aber nicht einfach nur wahllos auf Anachronismen in Darstellung und Ausstattung hin, sondern er erläutert systematisch und ausführlich, wie es um die wissenschaftliche Faktenlage bestellt ist und welche Umstände zu den verschiedenen Fehlinterpretationen führten.
Der Autor bezieht bei seinen diesbezüglichen Betrachtungen unter anderem die Historienmaler des 19. Jahrhunderts mit ein, deren Werke oft einen größeren Einfluss auf die gestalterischen Aspekte des Sandalenfilms hatten, als der jeweils aktuelle Stand der Forschung. So erinnert beispielsweise die im Film Spartacus (1960) gezeigte Ansprache des Senator Gracchus (Charles Laughton), frappierend an ein berühmtes Gemälde von Cesare Maccari --> Link 1, Link 2
Und wer hätte gedacht, dass der Kaiserthron aus Gladiator einem Möbelstück nachempfunden wurde, auf dem der französische Kaiser Napoleon für den Maler Jean-Dominique Ingres posierte? --> , Link 1Link 2

Überhaupt ist die Informationsdichte in diesem Buch enorm. Man erfährt etwa, dass der beinahe nur als Cowboy-Darsteller bekannte Hollywoodstar John Wayne es sich nicht nehmen ließ, in George Stevens Die größte Geschichte aller Zeiten einen römischen Zenturio zu spielen, der nur für wenige Augenblicke im Licht eines zuckenden Blitzes zu sehe ist, während er den am Kreuz sterbenden Jesus betrachtet (Video-Link).
Nicht minder interessant ist, wie Junkelmann das  berühmte Wagenrennen des Films Ben Hur (1959) seziert und dabei unter anderem festhält, dass nicht nur die Anzahl der am Rennen teilnehmenden Gespanne (neun) absolut untypisch für die römische Kaiserzeit ist, sondern, dass auch die Teilnahme römischer Adeliger an solchen Rennen völlig undenkbar gewesen wäre.

Fazit: Für Filmfreunde mit einem Hang zur Antike stellt Hollywoods Traum von Rom eine wahre Fundgrube dar. Analysen von neueren Fernsehserien - wie Rome oder Spartacus - sucht man hingegen vergebens, da das Buch bereits 2004 erschien und die 2. Auflage von 2009 unverändert blieb. Ein besonderer Pluspunkt sind hingegen die über 200 Abbildungen von Historiengemälden, archäologischen Funden, antiken Kunstwerken und vor allem Filmszenen.
5 von 5 möglichen Punkten

Abschließend sei erwähnt, dass das im Verlag Philipp von Zabern erschienene Buch, zurzeit für überaus günstige € 14,95 erhältlich ist (bisher € 34,95).
Bei dem gebotenen Inhalt kann man hier nur von einem absoluten Schnäppchen sprechen.
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Inhaltsverzeichnis:

  • Vorwort
  • Einleitung
  • Wiedergeburt eines totgeglaubten Genres
  • Das Bild von der Geschichte in einer postliteraren Welt
  • Past Imperfect
  • Kathleen M. Coleman: Historische Authentizität scheint eine etwas periphere Überlegung zu sein
  • Die Leiden des Historischen Beraters
  • Kino mit unzureichenden Mitteln - Das Erbe des 19. Jahrhunderts
  • "Wir fürchten keine Konkurrenz" - Vom Aufstieg und Niedergang des schwierigsten Filmgenres
  • Anziehen und ausziehen
  • Großer Spartacus - Kleiner Spartacus
  • Der Prolog oder: Die Stimme der Geschichte
  • Kampf, Rache, Erlösung und der Untergang eines Weltreichs
  • "Lasst die Hölle los!": Die Schlachtsequenz
  • Die Welt der Arena: Das perfekte Guckloch in die römische Welt
  • Die Größe Roms
  • Rom als Traum und Rom als Alptraum
  • Dem Tod zurücklächleln
  • Anmerkungen
  • Anhang
  • Literatur
  • Namen und Titelregister
  • Bildnachweis

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7 Kommentare

  1. Oh ja, tolles Buch! Und man stellt leicht erschreckt fest, wie viele Klischees sich fest in den Köpfen eingenistet haben, die GAR NICHTS mit der Antike zu tun haben...

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    1. Und wie man feststellt, hat sich seit der Stummfilmära kaum etwas verbessert. Gladiator von "Ridley Scott" ist sogar in vielerlei Hinsicht ein Rückschritt gewesen. Bei Robin Hood hat sich der gute Mann dann sogar noch einmal selbst übertroffen (im negativen Sinn).


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  2. Danke für die tolle Rezension! Ich wüsste sofort jemanden, dem ich das Buch schenken könnte - und der es mir dann auch zum Lesen mal leihen würde.
    Leider ist Weihnachten erst im Dezember... :(

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    1. Leider ist Weihnachten erst im Dezember

      Wenn sich das Wetter so weiterentwickelt wie bisher, dann schneit es vielleicht schon in ein paar Monaten und Weihnachten kann vorgezogen werden ;)

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    2. Stimmt... Wobei im August sowieso schon die ersten Plätzchen in den Regalen liegen, da kann ich also genauso gut im Juni Geschenke shoppen *g*

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  3. Danke für die Rezension. Junkelmann ist ein Alltime-Favorit von mir. Wusste gar nicht, dass er sich auch mit den Untiefen von Hollywood befasst hat :)

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    1. Junkelmann ist auch einer meiner absoluten Lieblingsautoren, da praxisorientiert und vom Schreibstil her bodenständig.

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