Mittwoch, 28. Mai 2014

Buch: Deutschlands unbekannte Jahrhunderte - Geheimnisse aus dem Frühmittelalter

Thema meines allerersten Blogbeitrags war Reinhard Schmoeckels 2004 erschienenes Buch Bevor es Deutschland gab. Darin behandelt der Autor rund 1000 Jahre der Geschichte jenes kulturell eng verzahnten Gebietes, aus dem später Deutschland, Österreich und die Schweiz hervorgehen sollten. 
Im Vorjahr wurde nun eine Art "vertiefende" Fortsetzung dieses Bestsellers veröffentlicht, in der unter Einbeziehung des aktuellen Forschungsstandes nochmals die recht informationsarme Epoche der späten Völkerwanderungszeit und des merowingischen Frühmittelalters behandelt wird. Der Titel lautet passenderweise Deutschlands unbekannte Jahrhunderte - Geheimnisse aus dem Frühmittelalter (Lindenbaum Verlag).

Den verschiedenen Kapiteln des Buches stellte man jeweils eine kurze fiktive Episode voran, die mit schriftlichen Überlieferungen und archäologischen Forschungsergebnissen verwoben wurde. Der Leser soll dadurch die Möglichkeit erhalten sich in die jeweilige Zeit hineinzuversetzen. Jenen, die bereits das Vorgängerwerk gelesen haben, dürfte dieses "Stilmittel" nicht unbekannt sein. Allerdings habe ich den Eindruck, dass es dem Autor diesmal ein wenig an Inspiration mangelte. Einige Episoden wirken daher lieblos und überflüssig.

Wie man es von Reinhard Schmoeckel gewohnt ist, versucht er auch in diesem Buch bislang unbeachtete Thesen der Geschichtsforschung aufzugreifen und weiterzuentwickeln. Dazu zählt vor allem die Idee, dass einige germanischer Großstämme, wie die Thüringer, Sachsen und Franken, zumindest teilweise von Adelsfamilien sarmatischer Herkunft angeführt wurden. Das mit Abstand prominenteste Beispiel könnten hierbei die Merowinger sein, meint Schmoeckel. Doch wie kommt der gute Mann überhaupt auf so einen Gedanken? Nun, er interpretiert beispielsweise archäologische Funde anders, als es bisher üblich war. So soll es sich bei den im germanischen Umfeld auftauchenden Pferdebestattungen nicht einfach um einen von Reitervölkern übernommenen Brauch handeln. Vielmehr sei es ein direkter Hinweis, der eine Besiedlung durch kleine sarmatischstämmige Gruppen nahe legt. Diese wurden zwar nach und nach assimiliert, gaben bestimmte Bräuche jedoch lange Zeit nicht völlig auf.
Unsinn? Möglicherweise, allerdings sollte man bedenken, dass etwa auch der bekannte "Turmschädel" bis vor kurzem noch als bloßes Schönheitsideal gedeutet wurde, welches einige Germanen angeblich von benachbarten Reitervölkern abkupferten. Heute weiß man jedoch, dass es sich bei den Menschen mit dieser besonderen Kopfform - zumindest teilweise - um Fremde bzw. Zuwanderer handelte, die inmitten der germanischen Mehrheitsbevölkerung lebten und häufig der Oberschicht angehörten.

Fazit: Das Buch enthält manch interessante These, über die unvoreingenommen nachzudenken sich lohnt. Ob daraus wirklich immer dermaßen weitreichende Schlüsse zu ziehen sind, wie es Reinhard Schmoeckel nahe legt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Meiner Ansicht nach klingt manches plausibel, an anderer Stelle sind jedoch Zweifel angebracht. Wobei der Autor ehrlicherweise betont, dass er ohnehin nicht den Anspruch erhebt im Besitz der absoluten und immerwährenden Wahrheit zu sein.
Ich vergebe 4 von 5 möglichen Punkten.
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Inhalt: 

Teil I: Hunnen am Horizont (407 - 454 n. Chr.)
1. Die Nachhut der  Völkerwanderung
2. Die Burgunder und der Kaiser
3. Der Lange Weg der sarmatischen Reiter von der Donau bis zur Schelde
4. Die Wanderung der Alt-Sachsen
5. Das Ende des "ersten Reichs" der Burgunder
6. Kölns Weg aus dem Römerreich in eine neue Zeit
7. Der Anfang vom Ende Attilas

Teil II: Zuwanderer in ein menschenleeres Land  (455 - ca. 490 n. Chr.)
8. Mit Mensch und Vieh ins Hunenland (Anm.: Nicht "Hunnenland"!)
9. Das römische Köln noch einmal gerettet
10. Sarmatische Könige in Thüringen?
11. Aus Turkerern und Sueben werden Schwaben
12. Einwanderung von der Maas an den Rhein
13. Schachmänner und Hunen in Westfallen

Teil III: Das Reich der Franken greift über den Rhein (500 - 560 n. Chr.)
14. König Chlodwig und die Alemannen
15. Endlich König in Köln
16. Die letzten Römer werden Franken
17. Völkerwanderung an der Ostsee
18. Ganz unmerklich wächst der Einfluss
19. Die Frankenkönige erobern das Thüringerreich
20. Eine Klimakatastrophe und ihre Folgen für das Frankenreich
21. Ein Volk auf Wanderschaft

Teil IV: Mitteleuropa im Kräftefeld zweier Mächte (462 - 640 n. Chr.)
22. Abwehr an der Elbe
23. Die Völkerwanderung der Slawen
24. Der Fürst von Beckum.
25. Der abenteuerliche Sachsen-Zug in die Fremde und wieder in die Heimat
26. Die Friesen müssen neue Wohnsitze suchen
27. Das Urteil von Köln
28. In ein freies Land
29. Franken und Slawen - Der schlechte Beginn
30. Ein Massenmord im Mittelalter
31. Herrschaftswechsel

Teil V: Ein neuer Glaube breitet sich aus - aber nicht überall (650 - 755 n. Chr.)
32. Ein neues Volk wächst zusammen
33. Christliche Sendboten bei den Alemannen
34. Der Ursprung des Kölner Karnevals
35. Die Zeit der Frisia Magna
36. In den "Landen um den Main"
37. Der Aufstieg eines starken Mannes
38. Bonifatius und seine Kollegen
39. Aus der Jugend Widukinds

Nachwort
Literatur
Register
Völker, Stämme Herrschergeschlechter

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