Dienstag, 5. August 2014

Das Ende der letzten Eiszeit - Die Mutter manch antiker Katastrophenerzählung?


Eine interessante Randbemerkung entdeckte ich kürzlich beim im 2. Jh. geborene Juristen und Schriftsteller Tertullian. Im Apologeticum - einer Art Verteidigungsschrift des Christentums - wird anhand mehrere Beispiele nachdrücklich darauf hingewiesen, dass die Menschheit schon immer von Katastrophen heimgesucht wurde und es demnach nicht statthaft sein könne, diese dem (damals) noch jungen Christentum in die Schuhe zu schieben:
Wenn der Tiber in die Stadt steigt, wenn der Nil nicht auf die Felder steigt, wenn der Himmel ohne Regen bleibt, wenn die Erde bebt, wenn Hunger oder Seuchen sich einstellen, schreit man sofort: "Die Christen vor den Löwen!" So viele vor einen einzigen? Ich bitte euch, vor Tiberius, das heißt vor der Ankunft Christi, wie viele Katastrophen befielen Welt und Städte! Wir lesen die Inseln Hiera, Anaphe, Delos, Kos und Rhodos seien mit vielen tausenden von Menschen untergegangen. Auch Platon erinnert daran, dass eine Landmasse, größer als die Asiens oder Afrikas, vom Atlantischen Ozean verschlungen worden sei. Ein Erdbeben sog aber auch das korinthische Meer aus und die Gewalt der Wellen riss einen Teil Lukaniens los der deshalb den Namen Sizilien erhielt.
Die angeblich "untergegangenen" Inseln - wie etwa Delos oder Kos - gibt es natürlich nach wie vor. Für die ins Meer gerissenen Menschen dürfte daher eher ein Tsunami verantwortlich sein, der aufgrund bestimmter Sedimentationen zum Teil auch nachweisbar ist.

Platons Erwähnung von Atlantis ist natürlich allgemein bekannt und es gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen etlicher Wissenschaftler und Laien, sich über die einstige Lage der sagenumwobenen Insel den Kopf zu zerbrechen. Ich persönlich könnte mir gut vorstellen - und hiermit ist auch schon der Bezug zur Überschrift hergestellt - dass die Legende ursprünglich auf den Schmelzwasserüberflutungen am Ende der letzten Eiszeit beruht, der sehr große Landflächen zum Opfer fielen (der Meeresspiegel lag damals rund 100 Meter unter dem heutigen Wert!). Möglicherweise hat auch die Geschichte der Sintflut hier ihren Ursprung.

Dass ein Erd- bzw. Seebeben das korinthische Meer (Golf von Korinth) "ausgesogen" haben soll, ist durchaus glaubhaft, denn dieser Effekt konnte auch anderenorts beobachtet werden. In der Regel folgt auf den Rückzug des Meeres ein mehr oder weniger starker Tsunami. Auch der jüngere Plinius, der im Jahre 79 n. Chr. als Jugendlicher den schrecklichen Vesuvausbruch und die damit einhergehenden Erdbeben persönlich miterlebt hat, erzählt in einem eindrucksvollen Brief an seinen Freund Tacitus von diesem Effekt (Epistulae VI, 20,9):
Außerdem sahen wir, wie der Ozean in sich zurückflutete und sozusagen vom Erdbeben zurückgeschoben wurde. Der Strand jedenfalls hatte sich vergrößert und hielt auf trockenem Sand allerlei Seetiere fest.
Besonders interessant finde ich allerdings Tertullians Erwähnung von Sizilien. Die Gewalt der Wellen habe die Insel vom Festland bzw. Lukanien losgerissen. Aufgrund dieses Ereignisses soll sie auch ihren Namen erhalten haben, meint der Autor. Tatsächlich könnte sich "Sizilien" bzw. "Sicilia" vom lateinischen Zeitwort scindere herleiten, was so viel wie spalten oder zerreißen bedeutet.
Sollte an dieser Entstehungsgeschichte etwas Wahres dran sein, wie mögen die katastrophalen Ereignisse wohl im Detail ausgesehen haben? Handelte es sich um einen gewaltigen Tsunami, samt vorausgegangenem Erdbeben? Möglich wäre es, denn die betroffene Gegend ist geologisch überaus aktiv (Ätna). Andererseits könnte auch für diese Geschichte der bereits oben erwähnte Umstand verantwortlich sein, demzufolge mit dem Ende der letzten Eiszeit - also vor ca 12 000 Jahren - der Meeresspiegel langsam aber stetig anstieg und so vielerorts natürliche Verbindungen zum Festland unterbrochen wurden. Möglicherweise hat im Falle von Sizilien eine große Sturmflut diese Entwicklung zusätzlich beschleunigt. Dass diese einschneidenden vorgeschichtlichen Ereignisse von Generation zu Generation bis in die Antike mündlich überliefert wurden - wenn auch in leicht veränderter bzw. dramatisierter Form - ist ohne weiteres denkbar. Man sollte das "kollektive Gedächtnis" der Menschheit keinesfalls unterschätzen. 

4 Kommentare

  1. Ich finde diese Gedankengäng sehr interessant. Schon kleinere Katastrophen, wie die Grote Manndränke, eine Sturmflut im Mittelalter, die eine ganze Nordseestadt (Rungholt) regelrecht verschluckte, hat sich tief ins Gedächtnis der menschen gebrannt und wurde zur legende. Hätte ein Forscher nicht so hartnäckig der Sage geglaubt und Rungholt schließlich gefunden, wäre dies heute noch eine der Geschichten, mit denen man sich an langen Winterabenden bei ein bisken zu viel Grog die Zeit vertreibt. Die Sintflut ist nun wohl ein weng länger her, hatte aber wohl noch gravierendere Folgen. Kein Wunder, dass die Geschichte, mannigfachlich abgewandelt, bis heut übrlebte - und das in Kulturen, die lange Zeit mit Juden oder Christen gar keinen Kontakt hatten! Ich glaube übrigens, dass es sicherlich mehrer Flutkatastrphen gab. Sowohl zu Ende der Eiszeit als auch am Übergang zur Kupferzeit und dann nochmals in er Bronzezeit. Aber das hier auszuführen, nimmt zuviel Platz weg.

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    1. Absolut, es gibt mehrere "kataklystische" Ereignisse, die in Frage kommen.
      Die nacheiszeitlichen Überflutungen erscheinen mir deshalb so herausragend, weil sie global und mehr oder weniger gleichzeitig auftraten. Da sich die Menschen damals bereits über relativ weite Strecken austauschten, könnte man diese Katastrophen, zumindest ansatzweise, bereits als globales Ereignis wahrgenommen haben. So wurde etwa nicht nur die fruchtbare Doggerbank zwischen Großbritannien und Norddeutschland verschluckt, sondern auch der bis dahin weitestgehend trocken gefallene Persische Golf.

      http://www.spektrum.de/news/versunkene-kultur-im-persischen-golf/1056942

      In dieser Weltgegend entstand dann später die in der Bibel verarbeitete Geschichte von der Sintflut.

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  2. Dann gibt es noch den Durchbruch des Mittelmeers am Bosporus, der das Schwarze Meer wie eine riesige Badewanne volllaufen ließ. Auch ein Kandidat für die Sintflut.

    - Exilwikingerin -

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    1. Bei Wikipedia behaupten sie übrigens, dass dieser Durchbruch eigentlich viel harmloser war, als man lange Zeit dachte. Aber die schreiben ja auch ansonsten viel, wenn der Tag lang ist...

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