Dienstag, 25. August 2015

Der Sabbat und sein Einfluss auf die antike Kriegsführung in Judäa



Die Essener nahmen es extrem genau

Bis vor Kurzem lag bei mir am stillen Örtchen Die Geschichte des Judäischen Krieges von Flavius Josephus auf. Ein wirklich hochinteressantes, von Reclam gut übersetztes Buch, das ich jedem, der sich für antike Kriegsführung und das römerzeitliche Judäa interessiert, nur wärmstens empfehlen kann. Überdies ist der Inhalt gelegentlich sogar unfreiwillig komisch. Beispielsweise wenn Josephus die Frömmigkeit der sagenumwobenen Essener beschreibt. Diese heiligten den Sabbat so sehr, dass sie es noch viel mehr, als alle anderen Judäer vermieden, an diesem wöchentlichen Ruhetag zu arbeiten: 

"Sie wagen am Sabbat nicht einmal ein Gefäß von der Stelle zu rücken oder ihre Notdurft (!) zu verrichten."   
Beinahe könnte man meinen, das stamme aus dem Film Das Leben des Brian ;)


Pompeius belagert Jerusalem (63 v. Chr.)

Die Angewohnheit, am Sabbat eine ruhige Kugel zu schieben, hatte sich bereits Gnaeus Pompeius Magnus - der spätere Widersacher Caesars - bei der Belagerung Jerusalems schamlos zunutze gemacht. Wie Josephus berichtet, ließ der römische General in den Graben eines belagerten Festungswerkes immer genau dann Füllmaterial schütten, wenn seine Soldaten aufgrund der Sabbatruhe dabei nicht von den Juden durch Steinwürfen und Pfeilbeschuss behindert wurden.
Gegen einen direkten Angriff mit blanken Waffen hätten sich die Belagerten übrigens durchaus im Einklang mit den religiösen Sitten verteidigen dürfen, aber Pompeius hatte seinen Männern schlauerweise befohlen, dies vorerst tunlichst zu unterlassen. Erst wenn der Graben gefüllt war, sollten man zum eigentlichen Angriff übergehen.
Mich erinnert diese Geschichte übrigens ein wenig an Asterix bei den Briten, wo die Römer von den Inselbewohnern mitten in der Schlacht stehen gelassen wurden, weil gerade "tee time" war :)


Von wegen "Sabbatruhe" - Der Judäische Krieg (66 - 70 n. Chr.)

Über 100 Jahre nach Pompeius brodelte es wieder einmal gewaltig in Judäa. Während Griechen und strenggläubige Juden in der Hafen- und Provinzhauptstadt Caesarea Maritima einen blutigen Straßenkrieg führten, reiste der römische Statthalter, so als ob ihn das nichts angehen würde, nach Jerusalem und ging dort gegen ebenfalls sich in Aufruhr befindliche Juden vor. Im Zuge seiner überaus harten Strafmaßnahmen ließ er angeblich sogar einen jüdischstämmigen Mann, der das römische Bürgerrecht besaß sowie obendrein den privilegierten Equites ("Rittern") angehörte, öffentlich auspeitschen und anschließend kreuzigen. Ein unerhörter Vorgang, da sowohl Auspeitschung wie auch Kreuzigung keine Strafen waren, die man einem römischen Bürger angedeihen lassen durfte (im Laufe der Kaiserzeit kam dies allerdings immer häufiger vor und war schließlich in der Spätantike beinahe zum Normalzustand geworden).
Nachdem der Statthalter - er trug den blumigen Namen Florus - Jerusalem wieder verlassen und nur eine einzige Kohorte (knapp 500 Mann) zurückgelassen hatte, kam es bald zu neuen Unruhen. Ein Teil der Bevölkerung stellte sich auf die Seite der Römer und lieferte sich mit den Radikalen innerhalb der Stadtmauern einen regelrechten Kleinkrieg. Die Gemäßigten unterlagen und flüchteten oder verbargen sich in unterirdischen Höhlen, derer es in Jerusalem damals viele gab. Auch die kleine römische Garnison, die von einem gewissen Metilius befehligt wurde, bat in der nun ausweglosen Situation darum, abziehen zu dürfen. Dies wurde vom jüdischen Anführer Eleazar gewährt, allerdings unter der Bedienung, dass alle Waffen abgeliefert werden:
"Als aber alle Römer dem Vertrag gemäß ihre Schilde und Schwerter abgelegt hatten und arglos ihres Weges ziehen wollten, stürzten Eleazars Leute plötzlich auf sie los, umzingelten sie und stießen sie nieder, ohne dass die Angegriffenen Widerstand leisteten oder sich aufs Bitten verlegten. Nur auf die Eide und den Vertrag beriefen sie sich mit lauter Stimme. So wurden sie alle grausam ermordet, außer Metilius. Ihn ließen die Empörer am Leben, weil er um Schonung bat und die jüdische Religion samt Beschneidung anzunehmen versprach. [...]
Das besonders Frevlerische an dieser Tat war aus Sicht des römerfreundlichen Juden Josephus nicht einfach nur der Bruch eines Eides, sondern vielmehr der Umstand, dass die Metzelei ausgerechnet an einem Sabbat stattgefunden hatte. Eventuell erklärt dies auch die Vertrauensseligkeit der Römer. Hatte man sich - möglicherweise in Erinnerung an die obige Episode mit Pompeius - an diesem speziellen Tag in Sicherheit gewähnt?

Es sollte nicht die letzte Missachtung der Sabbatruhe in diesem Konflikt gewesen sein. Als Gaius Cestius Gallus - Statthalter der Provinz Syria und somit dem bereits genannten judäischen Statthalter Gessius Florus übergeordnet - mit einer Armee anrückte, um die Ordnung wiederherzustellen, sammelten sich trotz Sabbat spontan viele bewaffnete Juden, die den Römern, "ihre religiöse Pflicht vergessend", entgegen zogen. Tatsächlich erwischten sie die Soldaten des Cestius auf dem falschen Fuß und fügten ihnen schmerzliche Verluste zu. Waren die Römer leichtsinnigerweise auch in diesem Fall davon ausgegangen, am Sabbat habe man nichts zu befürchten?

Erstaunlicherweise scheint man nicht sehr viel aus den vorangegangenen Geschehnissen gelernt zu haben. Als nämlich einige Monate später der zukünftige Kaiser Titus mit seinen Männern vor Gischala eintraf, ließ er sich vom dortigen Anführer der Aufständischen einreden, es könnten aufgrund des Sabbats nicht einmal Verhandlungen zur Übergabe der Stadt geführt werden; die Römer mögen sich noch etwas gedulden. Titus willigte ein, da er im Falle eines Sturmangriffs ein Blutbad unter der Zivilbevölkerung befürchtete, welche dem Krieg größtenteils ablehnend gegenüberstand. Die Aufständischen nutzen die Chance und verdrückten sich - um der Gefangennahme zu entgehen - bei Nacht und Nebel in Richtung Jerusalem. Dort verstärkten sie sogleich die jüdischen Streitkräfte.
Besonders übel sollte sich für Titus allerdings erweisen, dass der fanatische Anführer der Flüchtigen, er hieß Joannes (ohne "h"), bei der späteren Belagerung Jerusalems den Widerstand gegen die Römer besonders stark befeuerte - teilweise mittels Gewaltanwendung gegen die eigene Bevölkerung. Die Juden Jerusalems standen nämlich - ähnlich wie ihre Landsleute in Gischala - bei weitem nicht wie ein Mann hinter dem selbstmörderischen Krieg gegen Rom. Josephus, der am Ort des Geschehens alles persönlich miterlebte, meinte sogar, ohne den Scharfmacher Joannes hätte die Möglichkeit bestanden, Jerusalem friedlich zu übergeben, wodurch die Stadt nicht der völligen Zerstörung anheimgefallen wäre. Doch es sollte bekanntlich anders kommen ...

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Weiterführende Literatur:
  • Flavius Josephus | Die Geschichte des Judäischen Krieges | Reclam | Infos bei Amazon

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