Sonntag, 24. April 2016

Buch: Lernen und Leiden - Schule im Alten Rom

Karl-Wilhelm Weeber ist ein fleißiger Schreiber, der nun bereits seit über drei Jahrzehnten Sachbücher zu den verschiedensten Aspekten des antiken Alltagslebens verfasst. Mehrere seiner Publikationen wurden von mir in diesem Blog bereits vorgestellt und  weiterempfohlen.

Der Titel des Buches, um das es heute geht, lautet Lernen und Leiden - Schule im Alten Rom (Verlag Konrad Theiss). In übersichtlicher und leicht verständlicher Weise widmet sich der Autor darin dem schulischen Ausbildungssystem der Quiriten, das auf uns einerseits recht vertraut wirkt, während andererseits manch Detail doch als ziemlich eigenartig oder gar abstoßend bezeichnet werden muss.
Am Beginn der Ausführungen steht ein kleiner Gesamtüberblick, es folgen Erläuterungen zur Schulorganisation, der Unterrichtspraxis, dem Lehrerberuf sowie der Stellung der Frau im Bildungswesen. Zu guter Letzt werden die rüden Unterrichtsmethoden analysiert, welche bereits in der Antike Kritik hervorriefen und auch im Buchtitel ihren Niederschlag fanden - den gelitten dürften römische Schüler des Öfteren haben.

Um einen Eindruck zu vermitteln, wie umfangreich und interessant das Thema ist, habe ich eine kleine Auswahl an konkreten Fragen zusammengestellt, die im Buch behandelt werden - inklusive kurzer Antworten. Wer nähere Details erfahren möchte, muss selbst nachlesen ;)

  • Wie hoch war die Alphabetisierungsquote im Römischen Reich? Die heutigen Schätzungen reichen von 15-50 %. Gemeinhin wird gerne von ca. einem Drittel ausgegangen. Auch etliche Sklaven waren des Lesens und Schreibens mächtig.
  • Wann wurde die erste öffentliche römische Schule gegründet? Angeblich im späten 3. Jh. v. Chr. - Betreiber war der Freigelassene Spurius Carvilius (viele Schulleiter dürften wie er ehemalige Sklaven gewesen sein).
  • Waren öffentliche Schulen kostenlos? In der Regel nicht, denn "öffentlichen Schulen" im antiken Rom waren keine öffentlichen Schulen im heutigen Sinn, sondern wurden fast immer von Privatleuten betrieben, die für jeden Schüler Schulgeld kassierten. "Öffentlich" bedeutete lediglich, dass diese Schulen von jedermann besucht werden konnten - auch von Sklavenkindern, deren Herren die Kosten übernahmen.
  • Warum lagen viele Schulen ausgerechnet an öffentlichen bzw. besonders lärmigen Orten? Zentrale Orte waren schnell erreichbar, außerdem wurden so möglichst viele Eltern auf die Unterrichtsmöglichkeiten für ihrer Kinder aufmerksam.
  • Warum wurden Kinder aus bessergestellten Familien von Sklaven zur Schule begleitet? Damit sich Fremde nicht an ihnen vergriffen...
  • Welche "Schulstufen" gab es und wie lange dauerten sie? 1. Elementarschule (Eintritt im Alter von 6-7 Jahren; Dauer ca. 4 Jahre), 2. Grammatikschule (Dauer ca. 4 Jahre), Rhetorikschule (Dauer ca. 2-3 Jahre ). 
  • Besuchten auch Mädchen den öffentlichen Schulunterricht? Ja, aber der Anteil fiel deutlich geringer als bei den Buben aus. Außerdem besuchten sie wohl nur die Elementarschule. Unterricht beim relativ teuren Grammaticus mag bei bessergestellten Familien in Form von Privatunterricht vorgekommen sein. Rhetorikunterricht war für Mädchen nicht vorgesehen, da Frauen ohnehin nicht in der Öffentlichkeit auftrumpfen sollten bzw. keine politischen Ämter bekleiden durften. Laut Ovid waren gebildete Frauen eine sehr kleine Schar. 
  • Gab es weibliche Lehrer? Auszuschließen ist es nicht, aber konkrete Hinweise sind so gut wie nicht vorhanden. 
  • Gab es Noten und Zeugnisse? Davon ist nichts bekannt.
  • Gab es Ferien? Ferien sind erstmals in einer Regelung des Kaisers Theodosius (4. Jh.) überliefert (zwei Wochen zu Ostern, ein Monat im Sommer und ein Monat im Herbst). Einen äußerst vagen Hinweis auf Ferien gibt es allerdings auch schon bei Martial (1. Jh.). 
  • Gab es schon in der Antike Lehrerprivilegien? Ja, beispielsweise wurde von Kaiser Vespasian  (1. Jh.) Grammatikern und Rhetoriklehrern in der Stadt Rom Steuerfreiheit gewährt. Die gesellschaftlich weitaus weniger geachteten Lehrer der Elementarschule waren davon allerdings ausgenommen. Und obwohl diese Maßnahme sich nach und nach auch auf andere Städte ausdehnte, kann doch nicht von einer allgemein gültigen Regelung für das gesamte Reichsgebiet ausgegangen werden.
  •  usw. usf.

Fazit: Karl-Wilhelm Weeber redet bzw. schreibt nicht lange um den heißen Brei herum, sondern kommt immer rasch auf den Punkt. Im Anhang befinden sich überdies 279 Endnoten, in denen der Autor sämtliche antiken Quellen feinsäuberlich nennt, die Grundlage seiner Ausführungen sind; bei insgesamt 144 Seiten ist das eine stattliche Zahl. 
Alles in allem ist Lernen und Leiden - Schule im Alten Rom ein hochinteressantes Buch, an dem ich nicht den kleinsten Mangel entdecken konnte (das kommt nicht oft vor). Der Preis ist mit 19,95 Euro auch noch ok. Daher gibt es von mir eine klare Kaufempfehlung.

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