Samstag, 12. Januar 2019

📖 Buch: Fakten und Fiktionen - ArchĂ€ologie vs. Pseudowissenschaft

Die ArchĂ€ologie war und ist als Teil der vergleichsweise unprĂ€zisen Geistes-wissenschaften Ă€ußerst anfĂ€llig fĂŒr Fehlinterpretationen. Zwar konnte dieser Mangel in den letzten Jahrzehnten durch den zunehmenden Einsatz naturwissenschaftlicher Methoden verringert werden, doch gleichzeitig erfreuen sich alternative, mitunter reichlich fantasievolle Deutungsversuche archĂ€ologischer Funde/Befunde einer ungebrochenen Beliebtheit. Und keineswegs sind hier immer Wissenschaftslaien die Urheber.
In dem großzĂŒgig bebilderten Buch "Fakten und Fiktionen" beleuchten unterschiedliche Autoren den aspektreichen Einfluss, den Weltanschauung, Religion, Politik, Halbwissen, Ignoranz und menschliches Einbildungsvermögen auf die ArchĂ€ologie bzw. die Geschichtswissenschaft ausĂŒben. Drei BeitrĂ€ge daraus möchte ich hier stellvertretend fĂŒr das gesamte Buch herausgreifen



 Stefan Baumann: PseudoarchĂ€ologie in Medien, Wissenschaft und Politik

In diesem Beitrag betrachtet man u.a. die sogenannte 'PrĂ€-Astronautik' nĂ€her. Dabei handelt es sich um eine These, der zufolge die Entwicklung des Menschen - besonders im Bereich der Religion und der Technik - von außerirdischen Besuchern in der weit zurĂŒckliegenden Vergangenheit gezielt oder zufĂ€llig beeinflusst wurde.
Gleich vorweg: Ich halte von der PrĂ€-Astronautik nicht allzu viel. Allerdings muss man fairerweise einrĂ€umen, dass die Vorstellung von Außerirdischen, die der vorgeschichtliche Mensch irrtĂŒmlich fĂŒr Götter hielt, um nichts unrealistischer ist, als der Glaube an echte Götter.

Bekanntester Vertreter der PrĂ€-Astronautik ist zweifellos der Schweizer Erich von DĂ€niken. Deshalb lag es wohl nahe, speziell ihn aufs Korn zu nehmen. DĂ€niken wĂŒrde archĂ€ologische Befunde/Funde falsch beurteilen und beharrlich wissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren, die ihm nicht ins Konzept passen, heißt es. Und in der Tat, das ist zumindest in einigen FĂ€llen ohne jeden Zweifel zutreffend. Z.B. geht DĂ€niken schon seit Jahrzehnten mit der Behauptung hausieren, es könne nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn die Menschen einer Ă€lteren Kultur bauhandwerklich wesentlich mehr auf dem Kasten hatten, als ihre direkten Nachfolger. Dass dies selbstverstĂ€ndlich zu kurz gedacht ist, zeigt u.a. der Umstand, dass im antiken Rom grosso modo besser gebaut wurde als im anschließenden FrĂŒhmittelalter. Ja, sogar im antiken Rom selbst ist in mancherlei Hinsicht ein QualitĂ€tsverfall bei Bauwerken im Laufe der Zeit festzustellen (wie die Forschung etwa anhand des alten Petersdoms belegt hat). Warum sollte Ähnliches nicht auch fĂŒr Ägypter und diverse prĂ€kolumbische Kulturen gelten, die DĂ€niken so gerne als Beispiele bemĂŒht?

So weit, so gut. Leider schießt der Autor Stefan Baumann an einigen Stellen mit seiner - im Prinzip gerechtfertigten - Kritik ĂŒbers Ziel hinaus und erlag der Versuchung, mehr als nur Fakten zu prĂ€sentieren. Etwa wenn er an den Haaren herbeigezogene 'Beweise' bemĂŒht, um DĂ€niken das Etikett eines Illiteraten und Pseudointellektuellen umhĂ€ngen zu können. Der posiere nĂ€mlich - wie auch manch Akademiker - gerne vor vollen BĂŒcherregalen, um so Belesenheit zu signalisieren; allerdings ließen sich in DĂ€nikens BĂŒcherregalen bloß pseudowissenschaftliche Titel erkennen.
Baumanns Behauptung ist freilich astreiner Nonsens. Zuvörderst, weil er hier den absurden Eindruck erweckt, DĂ€nikens Buchbestand aus der Ferne ĂŒberblicken zu können. Und zweitens, weil aus mehreren Videos - die z.B. auf Youtube zu finden sind - klar hervorgeht, dass DĂ€nikens BĂŒcherregale auch Fachlexika, SachbildbĂ€nde und wissenschaftliche Monographien bevölkern. DarĂŒber hinaus ist allgemein bekannt, dass der Schweizer PrĂ€-Astronautiker sich seit Jahrzehnten mit Fachleuten aus der arrivierten Wissenschaft austauscht und durchaus renommierte Institute mit Untersuchungen beauftragt hat.
Stefan Baumann scheint dergleichen nicht ins Konzept gepasst zu haben. Deshalb macht er hier im Prinzip genau das, was er an anderer Stelle DĂ€niken vorgeworfen hat: Er ignoriert Fakten, um das von ihm gebastelte Narrativ zu schĂŒtzen; nĂ€mlich dass Erich von DĂ€niken nicht einfach nur hochspekulative Ansichten vertritt (was stimmt), sondern ĂŒberdies in einer selbst geschaffenen Blase lebt, die ihn quasi hermetisch von der 'Mainstream'-Forschung abschirmt (was nicht stimmt). Diese wahrheitsoriginelle AusschmĂŒckung - die gut zu einem 'Spiegel'-Redakteur passen wĂŒrde, aber weniger zu einem Wissenschaftler - steht in deutlichem Kontrast zu Baumanns Anspruch, die SeriositĂ€t fĂŒr sich gepachtet zu haben. Dementsprechend scheint es mir nur fair zu sein, ihn fĂŒr die Claas-Relotius-Medaille mit Eichenlaub und Schwertern zu nominieren 😉

Zu den mehr als nur einmal im Fantasiemodus verfassten Einlassungen von Stefan Baumann könnte man - auch abseits des Themas DĂ€niken - noch so manch kritisches Wort schreiben. Da es jedoch den Rahmen dieser Rezension sprengen wĂŒrde, möchte ich mich auf ein einziges weiteres Beispiel beschrĂ€nken: "Verbotene ArchĂ€ologie", also das gezielte Verheimlichen von z.B. Funden, gibt es laut Baumann nicht.
In Wirklichkeit ist die Geschichte jedoch voll mit entsprechenden FĂ€llen. Zwar haben diese nicht zwingend etwas mit PrĂ€-Astronautik zu tun, allerdings liefern sie PrĂ€-Astronautikern und sogenannten "PseudoarchĂ€ologen" die Grundlage fĂŒr ihr Misstrauen gegenĂŒber der arrivierten Wissenschaft. Besonders beredt ist etwa, wie Sir Arthur Evans, der AusgrĂ€ber von Knossos, die Publikation etlicher von ihm auf Kreta entdeckter Dokumente in Linear-B-Schrift verhinderte, weil er befĂŒrchtete, jemand anders könnte sie vor ihm entziffern. Schlussendlich war es ein archĂ€ologischer Laie, der nach Evans' Tod maßgeblich zu ihrer Entzifferung beitrug.
Die ArchĂ€ologie - mit ihrer bis heute inhĂ€renten Unart, Forschungsergebnisse allzu oft nicht halbwegs zeitnah allgemein zugĂ€nglich zu machen - hat es sich zu guten Teilen selbst zuzuschreiben, wenn - wie Baumann es bezeichnet - "Verschwörungstheorien" in ihrem Umfeld blĂŒhen.


 Markus Bittermann: Zwischen politischer Ideologie und religiösem Fundamentalismus - PseudoarchĂ€ologie, Macht und Gewalt

Dieser Beitrag hat mich ĂŒberwiegend positiv ĂŒberrascht. In Kenntnis der Vorlieben deutscher Geisteswissenschaftler bin ich nĂ€mlich davon ausgegangen, dass man hier wieder einmal fast ausschließlich die NS-Zeit bis zum Überdruss durchkaut. Sicher, der gescheiterte Landschaftsmaler aus Braunau am Inn darf nicht völlig fehlen. So heißt es etwa - und das wird sicher einige Leser ĂŒberraschen - dass dieser von der klassischen Antike und den alten Griechen wesentlich mehr hielt, als von den vergleichsweise 'primitiven' Germanen, die sein Kollege Himmler mit der UnterstĂŒtzung willfĂ€hriger Legitimationswissenschaftler zu einer veritablen Hochkultur aufgeblasen hatte.
Neben der NS-Thematik wirft der Autor seinen kritischen Blick aber noch auf wesentlich mehr. Z.B. den mitunter mörderischen Einfluss, den der Sozialismus auf die archĂ€ologische Forschung im ehemaligen Ostblock ausĂŒbte. Auch der Gegensatz zwischen israelischer und palĂ€stinensischer ArchĂ€ologie wird angesprochen, wo auf wissenschaftlicher Ebene die politischen Differenzen fortgefĂŒhrt werden.

Was ich bei den durchaus interessanten - wenn auch nicht sehr tief gehenden - AusfĂŒhrungen Markus Bittermanns vermisst habe, ist eine ErwĂ€hnung ganz aktueller Ideologien, deren Ziel es ebenfalls ist, fĂŒr politische Anliegen mittels ArchĂ€ologie 'Beweise' in der Vergangenheit zu finden. Genannt sei hier z.B. der Third-Wave-Feminismus, dessen relativ weite Verbreitung in geisteswissenschaftlichen Kreisen dazu fĂŒhrt, dass u.a. immer öfter krampfhaft versucht wird, aus wenig beweiskrĂ€ftigen archĂ€ologischen Funden/Befunden ein weibliches Kriegertum fĂŒr das europĂ€ische FrĂŒhmittelalter zu konstruieren (siehe hierzu auch die sogenannte "Feministische ArchĂ€ologie"). Wenn dann ĂŒberdies mit Staatsknete alimentierte AusgrĂ€ber meinen, unbedingt ein fotografisch und filmisch gut dokumentiertes Barackenlager von Kernkraftgegnern aus den 1980ern beackern zu mĂŒssen - wĂ€hrend gleichzeitig unzĂ€hlige BodendenkmĂ€ler aus wesentlich schlechter erforschten Epochen unbearbeitet vor sich hin gammeln - dann darf auch das als Indiz dafĂŒr gelten, wie sehr die ArchĂ€ologie nach wie vor am GĂ€ngelband des jeweiligen Zeitgeistes hĂ€ngt.
NatĂŒrlich ist es nicht sehr verwunderlich, dass der Autor ĂŒber dergleichen weniger gerne etwas schreibt - Stichwort 'Schere im Kopf'. Denn selbst wenn er dazu eine kritische Meinung haben sollte, so ist es aus KarrieregrĂŒnden grundsĂ€tzlich wenig ratsam, Kollegen öffentlich zu kritisieren. Mehr als ein ArchĂ€ologe hat mir das im Laufe der letzten Jahre in persönlichen GesprĂ€chen und in Interviews bestĂ€tigt.


 Gerlinde Bigga: Riesen, Einhörner und krummbeinige Kosaken - Der lange Weg zur vergleichenden Anatomie

In diesem interessanten Beitrag geht es darum, wie Menschen - ohne unser modernes wissenschaftliches Hintergrundwissen - in der Vergangenheit Fossilien deuteten. Mythen von Drachen, Einhörnern und Ă€hnlichen Fantasiewesen dĂŒrften ihren Ursprung in entsprechenden Missinterpretationen von 'urzeitlichen' Knochen haben.
Im Laufe der Zeit stellte man fest, dass auch der Mensch Teil des Fossilienbefundes ist und die Wissenschaft verknĂŒpfte diese Erkenntnis mit der gerade aufkommenden Evolutionstheorie. Damit hatte nicht nur die Kirche wenig Freude, sondern, wie die Autorin schildert, auch Sozialisten nicht, die in der Evolutionstheorie die Bevorzugung einer bestimmten Rasse sahen. Und der Bonner Anatom Mayer behauptete gar, die stark ausgeprĂ€gten ÜberaugenwĂŒlste eines von ihm untersuchten Neandertaler-SchĂ€dels wĂ€ren kein Hinweis fĂŒr eine andere Menschenart, sondern seien entstanden, weil das betreffende Individuum einst unter Schmerzen litt und deshalb stĂ€ndig die Stirn runzelte!


 Fazit

Das vorliegende Buch ist in thematischer Hinsicht abwechslungsreich, allgemein verstĂ€ndlich geschrieben und insgesamt recht interessant. Einzelne Einlassungen und Auslassungen haben meine Gesamtbewertung allerdings etwas negativ beeinflusst. Außerdem scheint mir ein Preis von 40 Euro hier nicht ganz angemessen zu sein.

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

PseudoarchÀologie in Medien, Wissenschaft und Politik
- PseudoarchÀologie als PhÀnomen in Gesellschaft, Medien und Wissenschaft - Charakteristika und Argumentationsmuster
- Zwischen politischer Ideologie und religiösem Fundamentalismus - PseudoarchĂ€ologie, Macht und Gewalt
- Mordfall im Moor - Medialisierung in der ArchÀologie am Beispiel einer Moorleiche

Der Ursprung der Menschheit - Evolution und Urgeschichte
- Riesen, Einhörner und krummbeinige Kosaken - Der lange Weg zur vergleichenden Anatomie
- Kein Eis in der Eiszeit? - Altsteinzeitliche Höhlenmalereien als "Belege" fĂŒr pseudowissenschaftliche Theorien
- Von Rassen und Populationen - Mythen und RealitÀten der genetischen Herkunft

Ägypten und der Alte Orient
- Ägypten, das Land der Mysterien und pseudowissenschaftlicher Mystifizierung
- Die Wahrheit ĂŒber Außerirdische im Alten Orient
- Auf Fels oder Sand gebaut? Das Petrusgrab als Fundament der Peterskirche im Vatikan

Das klassische Altertum
- Atlantis - Vom vielen suchen und nichts finden
- Aus dem Ei gepellt - Die Entstehung Roms zwischen Sage und Forschung

Anmerkungen
Literaturverzeichnis
Bildnachweis
Adresse der Autoren

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Kommentare:

  1. Gut geschrieben!
    Vor allem der Vergleich mit Claas Relotius war ein volltreffer!
    Weil viel mehr noch als DĂ€nikens Theorien nervt die unqualifizierte Kritik daran. Aber das hatten wir ja schon mal hier mit Lesch, wenn ich mich richtig erinnere.

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    1. Harald Lesch ist ein Universaldilettant, aber kein Universalgenie, als das er sich im Fernsehen prĂ€sentiert. Alleine seine kolossal falschen Behauptungen zum Thorium-FlĂŒssigsalzreaktor waren zum FremdschĂ€men. Er hĂ€tte lieber bei seiner Astrophysik bleiben sollen, anstatt in FĂ€cher zu wildern, fĂŒr die ihm die Qualifikation fehlt.

      Gero

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  2. Trotz waghalsiger Hypothesen hat EvD auch seine Verdienste. Z.B. in meiner Generation (geboren 1975) haben etliche junge Leute den ArchĂ€ologenberuf wegen seinen BĂŒchern ergriffen. Darunter auch ich :-)

    Liebe GrĂŒĂŸe,
    Robert

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  3. Stefan Baumann ist an der Uni TĂŒbingen beschĂ€ftigt. Dort hat auch Hannes Napierala, der GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Campus Galli, studiert. Fabulieren scheint in TĂŒbingen einen gewissen Stellenwert zu haben ;-)

    GrĂŒĂŸle,
    Maria

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    1. Manfred Osman Korfmann sollte man bei dieser AufzĂ€hlung der TĂŒbinger FabuliererkĂŒnstler nicht vergessen!

      Mr. Frog

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    2. Michael Butter, ebenfalls UniversitĂ€t TĂŒbingen, hat ein eher fragwĂŒrdiges Buch ĂŒber Verschwörungstheorien geschrieben, in dem er gleich selbst welche verbreitet. Dieser Baumann wollte es dem Kollegen Butter wohl gleichtun.

      Gero

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    3. Der ArchĂ€ologe Baumann ist meines Wissens mittlerweile in Trier beschĂ€ftigt. Es scheint allerdings trotzdem so zu sein, als hĂ€tten da einige TĂŒbinger einen gelehrten Kreiswichsverein etabliert.

      Wer eine jungfrĂ€uliche Geburt und die Verwandlung von Wasser zu Wein nicht kritisch hinterfragt, der wird auch Aliens in der Antike tolerieren mĂŒssen, fĂŒrchte ich.
      ;-)

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  4. Danke fĂŒr deine ausfĂŒhrliche Rezension, Hilti. Ich hatte eigentlich mit dem Gedanken gespielt, das Buch zu kaufen, aber wissenschaftlichen ManichĂ€ismus möchte ich nicht mit meinem Geld unterstĂŒtzen. Es gibt bestimmt seriösere PrĂ€astronautik-Kritiker. Dieser Stefan Baumann riecht mir mit seiner halbseidenen Argumentation zu sehr nach GWUP.

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  5. Hört sich nur zu vertraut an!
    QX

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