Montag, 6. MĂ€rz 2023

📖 Buch: Wind und Wetter

Über den antiken Autor

Theophrastos/Theophrast wurde als Tyrtamos, Sohn des TuchhĂ€ndlers Melantes, um 371 v. Chr. in der Stadt Eresos auf der Insel Lesbos geboren. Zuerst war er dort SchĂŒler des Philosophen Alkippos, ging dann aber nach Athen, um von Platon unterrichtet zu werden. Schließlich wandte er sich Aristoteles zu. Dieser war es auch, der ihm den Namen "Theophrastos" gab, was so viel wie "göttlicher Sprecher" heißt. SpĂ€ter ĂŒbernahm er von Aristoteles' die Leitung der - heute vielleicht etwas skurril anmutenden - peripatetischen Philosophenschule.
Die Diadochenherrscher Kassandros und Ptolemaios scheinen ihm ebenso zugetan gewesen zu sein wie die Einwohner Athens; letzteres bezeugt ein Gerichtsprozess, der gegen Theophrast angestrengt wurde; jener Athener nĂ€mlich, der die Anklage angestrengt hatte, zog sich dafĂŒr den Zorn großer Teile seiner MitbĂŒrger zu. Theophrast starb im hohen Alter von 85 Jahren.


Über die vorliegende Ausgabe

Von den rund 200 Schriften des Theophrast wurden nur vergleichsweise wenige ĂŒberliefert, darunter jene, die im Mittelpunkt der vorliegenden Ausgabe steht: "Über die Winde." Daneben hat der Herausgeber und Übersetzer Kai Brodersen aber noch weitere themen- und artverwandte Texte beigefĂŒgt. Und zwar relevante Teile der "Meteorologika", verfasst von Theophrasts Lehrer Aristoteles. Außerdem die vermutlich irrtĂŒmlich wieder Aristoteles zugeschriebenen Texte "Über Zeichen fĂŒr Regen, Winde, StĂŒrme und schönes Wetter" sowie "Lagen der Winde"; sie stammen wohl von Theophrast. FĂ€lschlicherweise dem Aristoteles angedichtet wurde ĂŒberdies das Werk "Problemata"; das umfangreiche Kapitel ĂŒber WetterphĂ€nomene darin wurde in dieser Ausgabe von DeGruyter ebenfalls abgedruckt. Selbiges gilt auch fĂŒr den verbliebenen Teil von Theophrasts ĂŒberwiegend verlorenen gegangener Schrift "Meteorologika" (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Werk des Aristoteles). Zu guter Letzt hier enthalten ist noch die Biographie Theophrasts aus der Feder des Diogenes Laertios. Vor allem ihm verdankt die Nachwelt Informationen ĂŒber das Leben des Philosophen.

Neben den zweisprachig abgedruckten antiken Texten beinhaltet das 240-seitige Buch eine erhellende Einleitung und ein nĂŒtzliches Register. Verpackt wurde das alles in einem robusten Einband. Insgesamt also eine gelungene Ausgabe. Ob das jedoch den ziemlich saftigen Preis von ĂŒber 40 Euro rechtfertigt, muss jeder selbst beurteilen. 
Etwas ungeschickt finde ich ĂŒbrigens den Titel, denn er suggeriert, dass ausschließlich Theophrasts Text "Wind und Wetter" enthalten ist.


Beispiele aus dem Inhalt

Die Mutmaßungen antiker Denker zu  NaturphĂ€nomenen lassen uns heute mitunter schmunzeln. Das im Buch behandelte Wetter ist da keine Ausnahme, wie das folgende Beispiel sehr schön zeigt. 😄

[...] und Blitze werden durch KĂ€lte erzeugt, indem sie durch die Kondensation der  Wolken ausgetrieben werden. 
Aristoteles, Meteorologika

Doch halt! Andere Denker waren, ohne die wirklichen physikalischen HintergrĂŒnde zu kennen, durchaus auf der richtigen Spur. Demnach ist eine der Ursachen fĂŒr das Entstehen von Blitzen ...

... das Schlagen und die Reibung. Etwas anderes können wir auch bei uns beobachten: Wenn ein Stein auf den anderen schlÀgt, dann kommt Feuer aus ihm heraus. [...]
Theophrastos, Meteorologika (syrische und arabische Version) 2

Weitere ErklĂ€rungen zu WetterphĂ€nomenen, die nicht selten auf Jahrhunderte oder Jahrtausende alten Beobachtungen fußen dĂŒrften, lassen uns unschlĂŒssig zurĂŒck. Könnte hier nicht etwas Wahres dahinterstecken? Wertvolles uraltes Wissen, das die moderne Forschung mitunter ĂŒbersehen hat? Gerade diese Textstellen machen das Buch besonders interessant.

Wenn bei schönem Wetter die Bienen nicht weite Strecken fliegen, sondern dort herumfliegen, wo sie sind, zeigt das an, dass es einen Sturm geben wird.
vmtl. Theophrastos, Ăœber Zeichen 46

Ein Hund, der sich auf dem Boden wĂ€lzt, ist ein Zeichen fĂŒr heftigen Wind.
vmtl. Theophrastos, Ăœber Zeichen 29

Man darf hier nicht vergessen, dass Tiere oft wesentlich sensibler auf VerĂ€nderungen in der Natur reagieren; so können sie etwa Erdbeben wittern, lange bevor diese tatsĂ€chlich auftreten. Das alles drĂŒckt sich oft in ungewöhnlichen Verhalten aus.

Unzweifelhaft ernst zu nehmen sind jene Beobachtungen, die RĂŒckschlĂŒsse auf historische KlimaverĂ€nderungen und ihren Einfluss auf den Menschen zulassen.

Wenn es aber wahr ist, was andere sagen, besonders jene, die auf Kreta leben, dass jetzt die Winter grĂ¶ĂŸer sind und mehr Schnee fĂ€llt, dann ist es ein Beweis dafĂŒr, dass die Berge einst bewohnt waren und Getreide und ObstbĂ€ume trugen, weil das Land bepflanzt und kultiviert wurde. Es gibt ja weite ebenen unter dem Ida-Gebirge und unter den anderen, von denen jetzt keine bewirtschaftet werden, weil sie keinen Ertrag bringen. Einst aber waren sie, wie gesagt, tatsĂ€chlich besiedelt, weshalb die Insel in der Tat voller Menschen war. Damals gab es nĂ€mlich starke RegenfĂ€lle wĂ€hrend viel Schnee und winterliches Wetter ausblieb
Theophrastos, "Über die Winde" 13

Eventuell sollten sich jene Weltuntergangspropheten, die wegen der gegenwĂ€rtigen KlimaerwĂ€rmung (eigentlich eine RĂŒckerwĂ€rmung nach dem Ende der "Kleinen Eiszeit") ihre HĂ€nde an Straßen kleben, mit historischen Berichten wie diesem vertraut machen. Dann wĂŒrde ihnen auffallen, dass es fĂŒr die Menschheit unterm Strich von Vorteil gewesen ist, wenn das Klima im Vergleich zum langjĂ€hrigen Mittel vergleichsweise warm war. Weil dann nĂ€mlich die ErnteertrĂ€ge deutlich höher ausfielen. Und wen schriftliche Überlieferungen wie die obige nicht ĂŒberzeugen, der sollte dringend die unzĂ€hligen naturwissenschaftlichen Belege betrachten, welche beispielsweise die archĂ€ologische Forschung in den vergangenen Jahrzehnten vorgelegt hat.



4 Kommentare:

  1. Hallo, mir gefallen solche fast total unbekannten antiken Texte, die Randthemen behandeln, besonders wenn es naturwissenschaftlich sind. WĂŒrde mich freuen, wenn du da zukĂŒnftig vielleicht noch mehr aus der Richt bringst.

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    1. Auf jeden Fall komm noch mehr zu solchen Themenbereichen. Eine Rezension ist schon in Vorbereitung.

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  2. Ja nicht auf die natĂŒrliche RĂŒckerwĂ€rmung nach der kleinen Eiszeit hinweisen, denn da kommt gleich Michael Mann daher, und schwingt seinen Hockey Stick!!! 😉

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    1. Da gibts nicht mehr viel zu schwingen, nachdem ihm kĂŒrzlich sogar einer seiner Hockey-Stick-Mitautoren gehörig in die Parade gefahren ist ;-)

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