Dienstag, 23. Mai 2023

­čÉ« Gewaltige Lebendtiertransporte gab es schon im Mittelalter - da wird der vegane Tiersch├╝tzer in der Pfanne verr├╝ckt!



K├╝rzlich habe ich hier im Blog das sehr interessante Buch "Ochsen, Zimt und Bratwurstduft" von Wolfgang Mayer besprochen. In einem der Kapitel f├╝hrt der Autor aus, dass bereits im Mittelalter und in der Fr├╝hen Neuzeit der Lebendtiertransport in Europa ein Ausma├č angenommen hatte, welches in Anbetracht der damaligen primitiven Zust├Ąnde heute kaum jemand f├╝r m├Âglich halten w├╝rde. 
Freilich, der Begriff "Transport" trifft es nicht ganz, denn die Tiere bef├Ârderten sich auf ihren eigenen Beinen von A nach B. Die Anzahl und die dabei zur├╝ckgelegten Entfernungen erstaunen aber allemal!
Weil die Bauern im Umland der damals rapide anwachsenden St├Ądte nicht gen├╝gend Vieh f├╝r die Fleischversorgung heranz├╝chten konnten, wurde ein r├Ąumlich weit ausgreifender Ochsenhandel aufgebaut. N├╝rnberg war in diesem Netzwerk eine der zentralen Drehscheiben.

Die Tiere aus Ungarn wurden zu einem wichtigen Faktor der Fleischversorgung in Mitteleuropa. Es gab verschiedene Routen f├╝r die Trecks. Die wichtigste, von der N├╝rnberg profitierte, f├╝hrte von Ungarn aus ├╝ber Wien entlang der Donau. Zugleich lieferte Ungarn ├╝ber Villach und Venedig seine Ochsen bis nach Oberitalien. 
[...]
Seit dem 14. Jahrhundert sind die Trecks nach S├╝ddeutschland durch alte Dokumente belegt.
S 78

Warum Ungarn (darunter verstand man damals ein gr├Â├čeres Gebiet als heute)? Weil dort die Bev├Âlkerungsdichte relativ gering war, gleichzeitig aber viel Grasland als Weidefl├Ąche zur Verf├╝gung stand. Entsprechend wird gesch├Ątzt, dass in Ungarn rund 3 Millionen sogenannter Graurinder gehalten wurden. Au├čerdem waren diese Tiere mit ihren bis zu 500 kg Gewicht gr├Â├čer als die meisten Artgenossen anderenorts in Europa. 

Reisende bewunderten schon im 12. Jahrhundert diese Tiere. Ihr Fleisch hatte h├Âchste Qualit├Ąt. In der Forschung in ├ľsterreich wird auf Basis alter Zollregister davon ausgegangen, das z.B. in den Jahren von 1570-1590 j├Ąhrlich zwischen 150.000 und 200.000 Ochsen ├╝ber die Grenze von Ungarn getrieben wurden. Doch ├ľsterreich war nur Durchzugsgebiet. Wolfgang von Stromer sch├Ątzt die Zahl der Ochsen, die von den Zuchtgebieten in die Industrieregionen getrieben wurden, bis zum 30j├Ąhrigen Krieg auf j├Ąhrlich 400.000 (!). 
S 80

Es stellt sich mir die Frage, wo diese gro├čen Tierherden auf ihren langen Reisen (gegen Bezahlung?) weiden durften? Schlie├člich sollten sie nicht vor Ersch├Âpfung und Unterern├Ąhrung tot umfallen. Kaum zuf├Ąllig gab es an den Zielorten eigene Mastwiesen, denn v├Âllig spurlos sind die Strapazen des langen Marschs an den Tieren nicht vorbeigegangen.

Im Extremfall waren es 1500 (!) und mehr Kilometer. Trecks aus Ungarn erreichten entfernte St├Ądte wie Stra├čburg, Frankfurt und K├Âln.
[...] 
Der Ochsenauftrieb war im Grunde nur aus heutiger Sicht sensationell, denn im Mittelalter waren etliche Tierherden ├╝ber gro├če Entfernungen unterwegs. So verbot Kaiser Karl der VI. 1347 das Treiben fl├Ąmischer Schafe in die Reichsw├Ąlder um N├╝rnberg beiderseits der Pegnitz. Andere Quellen sprechen von Schweineherden aus B├Âhmen, die durch das heutige Mittelfranken gebracht wurden.
S 81

Ich vermute, das Treiben der Tiere in diese damals schon intensiv bewirtschafteten W├Ąlder wurde verboten, weil sie dort in Form von Verbiss gro├čen Schaden anrichteten (Kaiser Karl IV. ordnete sogar an, dass auf Kosten der B├╝rger N├╝rnbergs zwei Bereiter angestellt werden, die den Wald im Umland der Stadt "flei├čig besehen" sollten, um von ihm Schaden abzuwenden. 
Zur├╝ck zu den ungarischen Ochsen- bzw. Rinderherden; auch diese sorgten offenbar f├╝r geh├Ârigen ├ärger:  

Sch├Ątzungen zufolge legte eine Herde im Durchschnitt jeden Tag 20 bis 30 Kilometer zur├╝ck. Ein einzelner Tross setzt sich aus mehreren hundert Rindern zusammen. Sogar die Zahl von 1000 Ochsen wird in alten Beschreibungen angegeben.
Die genauen Triebtrassen ├Ąnderten sich von Jahr zu Jahr, denn der Viehtrieb sorgte f├╝r Konflikte mit den Besitzern der L├Ąndereien, die die Tiere durchzogen, und mit ans├Ąssigen Bauern. An manchen Stellen entstand ein Flutschaden auf bis zu 100 Metern Breite.
S 83

Es ist meiner Ansicht nach nur schwer vorstellbar, dass es bei all diesen st├Ąndig durchziehenden Gro├čherden keinerlei Abmachungen mit den jeweiligen Landesherren oder mit einzelnen Grundbesitzern/Bauern gab. Ob die oben beschriebenen immensen Sch├Ąden daher nicht eher die Ausnahme, aber weniger die Regel waren? 


Fazit: Offensichtlich ist es ein Irrtum, wenn man meint, Schlachtvieh m├╝sse in Europa erst in der j├╝ngeren Vergangenheit weite Strecken zur├╝cklegen, um zum Endverbraucher zu gelangen. Und im Angesicht der Sch├Ąden, die diese Viehtriebe verursachen konnten, d├╝rfte es auch schon Proteste gegeben haben. Vielleicht ganz ├Ąhnlich wie es heute Tiersch├╝tzer bei Tiertransporten machen - wenn auch aus anderen Beweggr├╝nden. 

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2 Kommentare:

  1. Jetzt habe ich richtig Lust auf ein sch├Ânes saftiges Steak bekommen. Oder ein Zigeunerschtnitzel ­čśő

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  2. Bemerkenswert, diese Menge an Schnitzeln auf vier Beinen, das h├Ątte ich mir nicht gedacht!
    Durchreisende Kaufmannsz├╝ge hat man ├╝blicherweise mit Steuern belastet, deshalb bin ich mir fast sicher, dass man das genauso mit solchen wertvollen Tierherden gemacht hat.

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