
Wir leben in Zeiten, in denen es politisch sehr korrekt zugeht. Das gilt besonders für jene, die in der Öffentlichkeit stehen - sei es als Privatperson oder als Organisation/Unternehmen. Auch Freilichtmuseen zählen zu dieser Kategorie. Nun habe ich kürzlich in Karlheinz Deschners bekanntem Werk "Kriminalgeschichte des Christentums" etwas über den Namensgeber der von mir wenig geschätzten Mittelalter- bzw. Klosterbaustelle Campus Galli gelesen - den heiligen Gallus, der im merowingischen Frühmittelalter als sogenannter Missionar und Klostergründer u. a. die süddeutschen Lande 'beglückt' hatte.
Zwar war mir seine Biographie im Kern schon bekannt, aber Deschners direkter (polemischer) Schreibstil hat mich dann mehrmals schmunzeln lassen und in mir die Erkenntnis hervorgerufen, dass die heutigen Möchtegern-Klosterbauer in Meßkirch ihr Projekt eigentlich politisch höchst unkorrekt nach einem äußerst intoleranten Spinner benannt haben, den man heute für seine Taten kaum heiligsprechen, sondern eher in die geschlossene Anstalt oder gleich in den Häfn (Knast) stecken würde. Nachdem Deschner sich zuerst am heiligen Columban abgearbeitet hat, schreibt er:
Einer seiner Schüler, der hl. Gallus, assistierte ihm und brannte, aus Burgund vertrieben, am Zürichsee und Bodensee Tempel nieder, heilige Haine, kurz, er machte Jagd auf Götzenbilder, um dem «in Schmutz versunkenen» Heidengeschlecht durch Jesus Christus «den Weg zum Himmelreich» zu erschließen. Seinerseits hatte er sich noch kräftig und für immer - Heilige unter sich - mit Kolumban zerstritten und von ihm getrennt. Und lange nachdem sein Grab wiederholt geschändet worden und manch Mirakulöses dort geschehen war, stieg der Tempelschänder zum «Volksheiligen» auf, auch zum Patron von St. Gallen, auch der Fieberkranken, auch zum Schutzheiligen der Gänse und Hühner. |
Was für tolles Vorbild dieser Wüterich doch war... Wer jetzt einwendet, man dürfe Personen der weiter zurückliegenden Vergangenheit halt nicht nach heutigen Maßstäben beurteilen, dem sei gesagt: Jain.
Natürlich muss immer der zeitliche Kontext beachtet werden. Aber nicht nur der damalige, sondern auch der heutige. Ein Individuum, dessen Wertvorstellungen in vielerlei Hinsicht nicht in die Gegenwart passen, und der als Zerstörer von unzähligen Kulturgütern in die Geschichte einging, taugt schlecht als Namensgeber für ein modernes Freilichtmuseum.
Wie kann es sein, dass einerseits das Umbenennen von alten Straßen und Plätzen ok ist, obwohl die ihre Bezeichnungen tatsächlich in Zeiten mit anderen Wertvorstellungen erhielten, während gleichzeitig bei etwas ganz Neuem ein solcher Rückgriff (Klogriff) auf jemanden wie den gewalttätigen Fanatiker Gallus als akzeptabel durchgeht?
Freilich, der Campus Galli ist diesbezüglich kein Solitär. Man denke nur an den ebenfalls im Frühmittelalter beheimateten "Sachsenschlächter" Karl den Großen, nach dem man den "Karlspreis" benannt hat. Wobei, wenn ich es mir genauer überlege, dieses Beispiel vielleicht nicht das allerbeste ist. Denn der nach dem Despoten Karl benannte Preis geht ja häufig an Pseudodemokraten und sonst wie charakterlich fragwürdige Individuen. Von daher passt das hier sogar auf verquerte Weise...
Ich möchte meine Kritik übrigens nicht als Aufforderung nach einer Umbenennung des Campus Galli verstanden wissen. Von mir aus können die als Namenspatron für ihr prekäres Projekt auch auf des Teufels Großmutter zurückgreifen. Was mir auf den Zeiger geht, sind hier primär die massiven doppelten Maßstäbe des polit-medialen Komplexes und der staatlichen Institutionen.
Hinweis: Bevor mir jemand ebenfalls mit dem Vorwurf "doppelte Maßstäbe" kommt, hier mein selbstausgestellter Persilschein: Der Blogname ist keinesfalls eine Hommage an den Gallus-Schüler Hiltibold - auch wenn mir der Name im Zusammenhang mit Gallus das erste Mal untergekommen ist. Ich fand ihn einfach lustig, deshalb habe ich ihn gewählt (ich freue mich außerdem jedes Mal, wenn sich jemand davon getriggert fühlt und daran abarbeitet - wie kürzlich der unfreiwillig zölibatär lebende "Informatiker"). Der althochdeutsche Vorname Hiltibold (= "mutiger Kämpfer" - siehe auch das englische Wort "bold"), kommt übrigens in mittelalterlichen Quellen - z.T. leicht unterschiedlich geschrieben - ebenso im Zusammenhang mit ganz anderen Personen vor. Notiz am Rande: Als ich das Blog vor gut 14 Jahren startete, habe ich neben "Hiltibold" noch ein anderer mittelalterlichen Vornamen dafür in Erwägung gezogen: "Hugibert" 😄.
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