Dienstag, 12. April 2022

­č¬é Fallschirm und Bodenradar f├╝r den Tunnelkampf: Die ungew├Âhnlichen Anwendungsgebiete des Schildes in der antiken Kriegsf├╝hrung

Hopliten

Die beiden antiken Werke "Poliorketika" und "Strategika" (siehe auch die verlinkten Rezensionen ganz unten) erweisen sich immer wieder als eine hervorragende Quelle voller interessanter und kurioser Informationen hinsichtlich des antiken Kriegshandwerks. Hier nun einige von mir ausgesuchte Beispiele, in denen der Schild im Mittelpunkt steht, aber z.B. auch Schlaglichter auf den Tunnelkampf geworfen werden (weiter Themenkomplexe folgen in den kommenden Wochen und Monaten, weil ich der Meinung bin, dass es lohnenswert ist, diese weitestgehend unbekannten ├ťberlieferungen der Allgemeinheit zu pr├Ąsentieren).


Der Schild als Bodenradar

Eine alte Geschichte wird erz├Ąhlt: <L├╝cke> den Amasis, der die Barkaier belagerte, als er eine Untergrabung versuchte. Die Barkaier bemerkten das Vorhaben des Amasis und f├╝rchteten, dass er heimlich oder ungehindert seinen Zweck erreichen k├Ânnte; dann kam ein Schmied durch ├ťberlegungen auf folgenden Gedanken: Er trug einen Bronzenen Schild innerhalb der Mauern herum und hielt ihn ├╝berall an den Boden; an den anderen Orten, an die er die Bronze hielt, blieb es ohne Klang, wo man aber untergrub, gab es ein Echo. Nun gruben die Barkaier dort einen Gegentunnel und t├Âteten viele von den Untergrabenden. Daher nutzt man auch heute noch dieses Mittel, um zu erkennen, wo untergraben wird.
Aeneas Tacticus | Poliorketika/Stadtverteidigung 37.6 | ├ťbersetzung von Kai Brodersen, De Gruyter 2017

├ťbrigens, als Philippos V. von Makedonien die Stadt Prinassos belagerte, wollte er diese  untertunneln, um so in sie eindringen zu k├Ânnen. Allerdings stie├čen seine Soldaten im Laufe der Arbeiten auf harten Fels und konnten deshalb das Vorhaben nicht fortf├╝hren. Philippos verfiel nun aber auf eine List: Um die Verteidiger der Stadt in Angst zu versetzen und zur Kapitulation (zu g├╝nstigen Bedingungen) zu bewegen, gaukelte er ihnen vor, er w├╝rde nach wie vor erfolgreich einen Tunnel graben. Aus diesem Grund lie├č er in in den kommenden N├Ąchten aus einiger Entfernung Aushubmaterial heranschaffen und am Tunneleingang aufh├Ąufen. Die Einwohner von Prinassos dachten deshalb, sein Tunnel w├╝rde gute Fortschritte machen und so ├╝bergaben sie schlie├člich die Stadt freiwillig, um ein Gemetzel durch eindringende Truppen zu verhindern (Polyainos | Strategika 4.18.1  | ├ťbersetzung von Kai Brodersen, De Gruyter 2017)
Hier stellt sich die Frage: Warum hatte man keinen Schild zur akustischen ├ťberwachung verwendet? Das erste Beispiel oben vermittelt schlie├člich den Eindruck, dass dies eine durchaus g├Ąngige Methode war. H├Ątte man damit den Bluff nicht leicht durchschauen k├Ânnen? Oder vertrauten die Menschen in Prinassos schlicht dem Ergebnis nicht? War das Abh├Âren des Bodens mittels Schild eventuell keine besonders verl├Ąssliche Sache und stark abh├Ąngig von Faktoren wie der Bodenbeschaffenheit sowie der Tiefe, in welcher der Tunnel gegraben worden ist? 
Dass die besagte Tiefe - eventuell um Felsen aus dem Weg zu gehen - nicht zwingend besonders gro├č war, wird aus einer anderen ├ťberlieferung ersichtlich, in der es hei├čt, die 'Mineure' des persischen Gro├čk├Ânigs Dareios h├Ątten die Agora der Stadt Kalchedon dadurch zielsicher gefunden, indem sie sich an den Baumwurzeln jener Olivenb├Ąume orientierten, welche rund um den Platz gepflanzt waren (Polyainos | Strategika 7.11.5 | ├ťbersetzung von Kai Brodersen, De Gruyter 2017). Das bedeutet, der Tunnel kann sich nur wenige Meter unter der Erdoberfl├Ąche befunden haben, da die Wurzeln von Olivenb├Ąumen selbst unter optimalen Umst├Ąnden nur bis maximal 7 Meter tief ins Erdreich ausgreifen. Es ist also durchaus denkbar, dass man Ersch├╝tterungen, die das Graben und Hacken verursacht, an der Oberfl├Ąche mittels dem beschriebenen Bronzeschild noch wahrnehmen kann. Entsprechend interessant w├Ąre es freilich, das anhand von Experimenten zu ├╝berpr├╝fen.


Eine metallene Alarmanlage und ein mit Vogelfedern gef├╝llter Flammenwerfer

Metallene ("eherne") Ger├Ątschaften mysteri├Âser Art verwendete man auch anderenorts, um unterirdische Grabungsaktivit├Ąten zu orten. Dar├╝ber hinaus bezeugt das folgende Beispiel technischen Einfallsreichtum auch auf einem weiteren Gebiet.

Als die R├Âmer Amprakia belagerten und viele von ihnen teils verwundet, teils get├Âtet wurden, gruben sie, um die Stadt einnehmen zu k├Ânnen, einen engen Tunnel unter der Erde. Lange Zeit hielten sie dies vor den Feinden geheim. Als sich aber der Aushub bedeutend anh├Ąufte, merkten die Amprakioten, was vorging, gruben nun ihrerseits von innen her in entgegengesetzter Richtung einen Tunnel, zogen an dessen Ende noch einen Quergraben und stellten dort d├╝nne eherne Gegenst├Ąnde nebeneinander auf, damit, wenn die Feinde auf diese stie├čen, ein Klang entstehe. Sobald der Klang vernommen wurde, r├╝ckten sie ihnen unter der Erde entgegen und k├Ąmpften gegen sie mit langen Lanzen. Da sie aber in dem engen finsteren Tunnel nicht viel ausrichten konnten, machten sie ein Fass, das in den Tunnel passte, bohrten in dessen Boden ein Loch, steckten eine kleine eiserne R├Âhre hindurch, f├╝llten das Fass mit Flaumfedern, legten ein wenig Feuer hinein und einen Deckel mit vielen L├Âchern darauf. Diesen drehten Sie in Richtung der Feinde und steckten das Fass in deren Tunnel. Hinten am Fass verbanden sie einen Schmiedeblasebalg mit der R├Âhre und setzten, indem sie Luft einstr├Âmen lie├čen, die Federn in Brand. Der Tunnel f├╝llte sich mit einem dichten und bei├čenden Rauch, so dass die R├Âmer, weil sie ihn nicht aushalten konnten, die unterirdische Belagerung aufgaben.
Polyainos | Strategika 6.17.1  | ├ťbersetzung von Kai Brodersen, De Gruyter 2017


Der Schild als Fallschirm oder Paragleiter

Von der finsteren Tiefe nun in die Luft - obwohl es schlussendlich auch hier bergab geht. Der Leser mag selbst entscheiden wie gro├č er den Wahrheitsgehalt dieser letzten ├ťberlieferung einsch├Ątzt ...

Nachdem  Aristomenes, der Anf├╝hrer der Messener, dreimal das Dankopfer f├╝r je 100 geschlagene Lakedaimonier (=Spartaner) dargebracht hatte, wurde er schwer verwundet und mit mehreren anderen gefangen genommen. Die Lakoner beschlossen, alle in den Abgrund zu st├╝rzen, die meisten nackt, den Aristomenes aber wegen seines Kriegsruhms in der R├╝stung. Die meisten also waren, sobald sie herabgefallen waren, sofort tot; den Aristomenes aber trug sein Schild, der die Luft auffing, sanft hinunter. [...]
Polyainos Strategika 2.31.2  | ├ťbersetzung von Kai Brodersen, De Gruyter 2017

Man f├╝hlt sich hier ein bisschen an den Film "300" erinnert. Nur dass man darin dem persischen Gesandten keinen fallschirmartigen Schild in die Hand gedr├╝ckt hat, bevor man ihn in den Abgrund bef├Ârderte.


2 Kommentare:

  1. Die Geschichte mit dem Bodenradarschild erinnert mich an eine ber├╝hmte Szene in "Jurassic Park", als die Ersch├╝tterungen, die ein Saurier beim Gehen verursacht hat, das Wasser in einem Becher zum Schwingen gebracht haben. Vielleicht haben die das damals ├Ąhnlich gemacht, indem sie den Schild ein wenig im Boden eingegraben und mit Wasser gef├╝llt haben?
    W.T.C.

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    1. Das ist eine interessante ├ťberlegung. Man k├Ânnte z.B. auch kleine Kiesel oder Metallk├╝gelchen in den bronzenen Schild legen und schauen, ob diese durch die Ersch├╝tterungen im Untergrund minimal zu h├╝pfen beginnen. Oder hat der Schild doch ohne solche Beigaben den Schall h├Âr- oder f├╝hlbar gemacht (Ohr oder Hand auf den Schild legen)? Wir wissen ja leider nicht einmal, ob der in der ├ťberlieferung genannte Schild sich von jenen Schilden wesentlich unterschieden hat, die damals im Kampf verwendet wurden.

      L├Âschen

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