Dienstag, 4. Juni 2013

Unsere weggebaggerte Vergangenheit

Nachfolgendes Video zeigt wieder einmal, wie wenig sich manche Leute um unser kulturelles Erbe scheren. Die zuständigen Behörden schauen allem Anschein nach dabei auch noch zu; oder besser gesagt, sie schauen weg. Aber Hauptsache, man kann dem kleinen Häuslbauer die Kosten für Notgrabungen aufbrummen.
Mir hat vor einiger Zeit jemand erzählt, wie ein mit einem ähnlichen Sachverhalt konfrontierter Behördenvertreter sinngemäß meinte, im Zuge der Baumaßnahmen (Errichtung einer Lagerhalle) werde doch ohnehin nur die durch landwirtschaftliche Nutzung bereits völlig gestörte oberste Schicht abgetragen, was ja nicht so tragisch sei. Das ist natürlich verallgemeinernder Bogus.

Sicher, man kann nicht alle im Boden verborgen Hinterlassenschaften unserer Vorfahren unter Schutz stellen; dann dürfte in vielen Gegenden nämlich überhaupt kein neuen Gebäude mehr errichtet werden. Aber zumindest eine fachkundige Untersuchung ist unerlässlich.



9 Kommentare

  1. Ganz ehrlich, ich verstehe das Problem nicht. Offensichtlich wurde das Gelände archäologisch untersucht, man sieht ja noch die Profilschnitte. Nicht jedes Stück Keramik, das irgendwo herumliegt, hat einen wissenschaftlichen Wert, auch wenn es "antik" ist. Gerade Ziegelfragmente gibt es zu zehntausenden, da ist die einzige Aussage: es gibt eine römische Fundstelle in der Nähe. Keramik und Knochen, also Massenfunde, sind nur zusammen mit dem genauen Befund interessant. Das Bronzefragment schaut für mich sehr neuzeitlich aus, das wäre also auch belanglos. Insofern ist im ganzen Video nichts zu sehen, was aus archäologischer Sicht irgendwie bewahrenswert sein könnte.

    Und ja, alles, was zur sogenannten "Pflugschicht" gehört, hat wissenschaftlich so gut wie keinen Wert mehr. Das wird eigentlich immer weggebaggert (ev. mit Sonden noch kurz gesichtet), damit man die ewig knappen Resourcen Geld und Zeit den intakten Schichten widmen kann, wo wirklich neue Erkenntnisse zu erwarten sind.

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    1. Na ja, nur weil eine Schicht gestört ist, würde ich trotzdem nicht von vorneherein kategorisch ausschließen, dass sich darin kaum etwas von Interesse mehr befindet.
      Bei der Menge an Keramikfragmenten im Abraum, würden bei mir jedenfalls sofort die Alarmglocken schrillen.

      Etwas, dass man eindeutig als Suchschnitte identifizieren könnte, habe ich im Video nicht entdeckt, sondern nur einen von einem Bagger ausgehobenen Graben, der ja vielerlei Zweck erfüllen könnte.
      Nach einer stratigraphischen Grabung bzw. Untersuchung, schaut mir das nicht unbedingt aus (??).

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  2. "Na ja, nur weil eine Schicht gestört ist, würde ich trotzdem nicht von vorneherein kategorisch ausschließen, dass sich darin kaum etwas von Interesse mehr befindet."
    Glaub mir, das ist jahrzehntelange Erfahrung. Für Archäologen wirklich wichtig sind selten die einzelnen Funde, sondern der Befund. Keramik und Knochen sind vor allem im Kontext und der unterschiedlichen Fundzusammensetzung interessant. Beides ist bei einer gestörten Schicht nicht mehr gegeben. Das tausendste Amphorenfragment aufzubewahren ist sinnlos, wenn keine weiteren Informationen damit verknüpft sind, wir wissen hinreichend, wie eine Amphore aussieht. Und gerade Ziegel werden deswegen bei vielen römischen Grabungen auch aus intakten Schichten gar nicht aufbewahrt, sondern nur statistisch erfasst (Menge, Gewicht ect.) und dann weggeworfen. Auch Archive sind nicht gratis...

    Der Schnitt im Video ist wohl nur ein Bagger-Sondierschnitt, aber zumindest die eine Seite sieht oberflächlich geputzt aus. Das reicht, um ein grobes Profil zu haben, damit man beurteilen kann, ob sich eine Grabung lohnt. Die Industriehalle scheint nicht unterkellert zu sein, dann ist es gut möglich, dass nur die gestörten Schichten vom Aushub betroffen sind (als Indiz dafür spricht auch der relativ kleine Aushub-Hügel für die gesamte Fläche). Dann braucht man keine Grabung, nur eine Baubegleitung, und die scheint stattgefunden zu haben.

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  3. Das Fundament scheint hier schon tiefer in den Boden hineinzureichen, als die üblichen rund 20-35 cm einer typischen Pflugschicht.

    Das Horten von Keramikfragmenten möchte ich sicher nicht befürworten. Im Gegenteil, ich bin der Meinung, in der Hinsicht übertreiben es manch Museen gewaltig - siehe etwa der in Köln entstehende Protzbau, der ja in erster Linie mit solchem Material bestückt werden soll.
    Aber wenn ich bei Aushubarbeiten solche Mengen "Kulturschutt" aus dem Boden hole wie es hier der Fall ist, dann ist eine genaue Untersuchung des Geländes ratsam.
    Ob das aber hier der Fall war? Der Filmer meint nein.
    Es stimm sicher, dass dafür häufig nicht genügend Mittel zur Verfügung stehen, aber genau das ist ja das Problem.
    Ein weiteres Problem ist meiner Meinung nach auch, dass die Archäologen in Europa sich viel zu sehr auf Vater Staat als Finanzier verlassen, anstatt aktiv nach Sponsoren zu suchen. Aber das ist natürlich eine andere Geschichte.

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    1. Leider ist heutzutage eine Pflugschicht nicht mehr nur 20-35 cm tief. Mit modernem schwerem Gerät kann man den Untergrund problemlos einen Meter tief stören, manchmal noch weiter. Fortschritte für die Landwirtschaft bedeuten für archäologische Fundstellen eben oft Rückschritt und Gefährdung.

      Klar wären mehr finanzielle Mittel schön, damit man im Zweifelsfall auch unklare Areale graben könnte. Ob das hier der Fall ist, lässt sich ohne weitere Ortskenntnisse wohl nicht sagen. Aber nach allem, was ich von diesem Film (und dem zugehörigen Youtube-Kanal) gesehen habe, scheint es mir hier zu einem guten Teil auch um Selbstinszenierung zu gehen. Und da offenbar eine archäologische Vorabklärung stattgefunden hat und ich im Film kein einziges relevantes Fundstück entdecken konnte, traue ich dem Urteil der Fachleute jetzt mehr als seiner Amateur-Meinung...

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    2. Natürlich ist da Show dabei - das hört man schon an der Musikuntermalung ;)
      Für mich kam die Sache unterm Strich so rüber, als ob er in der Gegend wohnt und im Vorfeld der Bauarbeiten keine Archäologen gesehen hätte. Wenn die aber mit Georadar und Co. über das Gelände laufen, sollte das doch den Anwohnern auffallen - zumindest einem Interessierten Laien wie ihm. Aber wie sich das genau verhält, lässt sich aus der Ferne freilich schwer feststellen.
      Bei dem Graben bleibe ich trotzdem eher skeptisch.

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    3. Der Graben kann wirklich alles mögliche sein. Ich verlege als Techniker jetzt seit 16 Jahren Rohrleitungen, habe früher gelegentlich auch selbst den Bagger bedient, und kann nur sagen, unsere Gräben sehen kein bisschen anders aus. Aber das ist nur mein Senf
      ;-)

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  4. Die entscheidende Frage ist, zu welchem Zeitpunkt die zustaendige Denkmalschutzbehoerde informiert wird.

    Das Anlegen eines Suchschnitts bringt unter Umstaenden wenig, wenn bereits ein betraechtlicher Bereich des Gelaendes durch die Erdarbeiten in Mitleidenschaft gezogen wurde. Und das ist leider haeufig der Fall, da Baggerfahrer entweder die Hinweise im Boden nicht erkennen, oder sie nicht erkennen wollen/duerfen.
    Die Bauunternehmen lassen sich beim Graben nur ungern unterbrechen, da die schweren Maschinen termingerecht bei der naechsten Baustelle zur Verfuegung stehen muessen.
    So muss man schon froh sein, dass ueberhaupt etwas gemeldet wird.

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    1. Ein Betätigungsfeld für Sondengänger und ähnliche Hobbyisten: Baustellen abgehen und sich in den ausgehobenen Bereichen umsehen.

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