Dienstag, 11. Februar 2014

Ärger als der Campus Galli: Das absonderliche Limeskastell Pohl


Es ist schon interessant, wie sehr sich doch manches relativiert, wenn man es einem Vergleich unterzieht. So erscheint mir beispielsweise der für seine Ahistorizität arg gescholtene Campus Galli gar nicht mehr so schlimm, seit ich im Netz zufällig auf jene Zumutung stieß, die in den Jahren 2009-2011 im rheinland-pfälzischen Pohl aus dem Boden gestampft wurde. Für sage und schreibe 1,75 Millionen Euro wurde dort mit modernen Baustoffen die Attrappe eines römischen Limeskastells errichtet - siehe Bild oben.
Angesichts dieser hanebüchenen Monstrosität bedaure ich es beinahe, Bert M. Geurten für sein Herumgewurschtel kritisiert zu haben. Verglichen mit dem Limeskastell Pohl ist nämlich selbst die Karolingische Klosterstadt ein lobenswerter Hort der Wissenschaftlichkeit.
Man beachte in diesem Artikel - der anlässlich des Spatenstichs entstand - jene selbstzufrieden dreinblickenden, Anzug tragenden "Entscheider" und "Macher", die von solchen öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen angezogen werden wie Fliegen von einem Dunghaufen Bienen von einem Honigtopf.
Bemerkenswert sind auch die erbosten Leserkommentare, die doch frappierende an jene Kritik erinnern, die man auch von der Karolingischen Klosterstadt kennt, nämlich "Steuergeldverschwendung". Und in der Tat stellt sich die Frage, welchen Zweck dieser absurde Bau erfüllen soll. Ein wissenschaftlicher bzw. experimentalarchäologischer kann ausgeschlossen werden. Bleibt also nur der Tourismus als Erklärung übrig - und natürlich die Selbstverwirklichungsallüren einer ignoranten Dorf-Junta.

Desweiteren ist es erstaunlich, dass sich im Kastell Pohl offenbar diverse Living-History-Akteure tummeln. Man sei mir nicht böse, wenn ich im Angesicht der Sachlage die Frage aufwerfe, ob besagte Darsteller eigentlich kein Schamgefühl besitzen? Dieselben Leute, die einerseits in Foren haarspalterisch über die Feinheiten ihrer Ausstattung diskutieren, beehren andererseits diesen kulissenhaften Unfug mit ihrem Besuch und werten ihn dadurch ungerechtfertigterweise auf. Womit ich eigentlich wieder bei der bereits im Zusammenhang mit schlechten Historien-Dokus gestellten Frage angelangt wäre, ob ein seriöser Darsteller nicht eventuell gut daran täte des Öfteren "nein" zu sagen, anstatt sich auf Teufel komm raus wie eine "Rampensau" in Szene zu setzen.
Es sei an dieser Stelle allerdings betont, dass ich bestimmt niemandem vorschreiben möchte, wie und wo er sein Hobby betreiben soll. Vielmehr geht es mir hier um einen kleinen Denkanstoß.
Unbedingt beklagenswert ist es hingegen, wenn sich vermeintlich seriöse Historiker und Archäologen dazu hergeben, an der Planung eines dermaßen grässlichen Baus mitzuwirken. Was geht in den Köpfen dieser Leute vor? Was sind ihre wahren Beweggründe? Besitzen auch sie kein Schamgefühl?

Abschließend noch ein stimmungsvolles Video von der inkriminierten Attrappe: Aber festhalten, das Gebotene ist nichts für schwache Nerven. Seriöse Experimentalarchäologie wird hier keine geboten - ja nicht einmal die eigenwillige Light-Variante des Bert M. Geurten.

7 Kommentare

  1. Ach du meine Güte! Ich dachte erst, das sei eine schlechtgemachte Computeranimation...

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    1. Man wünscht sich regelrecht, das wäre bloß eine schlampig gemachte Computeranimation. Dafür hätte man zumindest nicht 1,75 Millionen € verschleudern müssen.

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  2. Dort war auch ich schon während einer Limeswanderung. In Natura sieht es noch schlimmer aus als in dem Video. Und Baumängel soll es auch geben.
    Das sinnlos verbaute Geld hätte man besser in die Erforschung des Limes investieren sollen. Ich kenne Experimentalarchäologen mit hochinteressanten Ideen, die seit Jahren aus Geldmangel nicht in der Praxis umgesetzt werden können.
    Aber wie ja schon geschrieben wurde, geht es hier vor allem um eine "billige" Touristenattraktion.

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    1. Tja, wenn jemand ankündigt, er wisse wie man den Tourismus ankurberlt, fließen die Millionen eben. Sobald es aber um wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn geht, heißt es höchstens, man würde zurückrufen. Traurig aber wahr.

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  3. Was zur Hölle soll das sein? Ich lasse mir noch eingehn, wenn man Freilichtmuseen mit Zuhilfenahme von moderner Maschinerie errichtet, solang es danach wenigstens auch von der Nähe so aussieht als wäre es echt. Aber dieses Pappding, was soll das? Hält das überhaupt ein mitteleuropäisches Gewitter aus?

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    1. Bis zur nächsten Wahl wird es wahrscheinlich halten. Was danasch damit passiert, dürfte die zuständigen Provinzpolitiker nicht sonderlich ninteressieren.

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  4. Hallo Hiltibold,

    super, dass du das Thema aufgreifst, denn das Limeskastell Pohl ist auch mir schon lange ein echter Dorn im Auge! Bezüglich des Sinn und Zwecks hat mir einer der Beteiligten (ich glaube es war jemand aus dem Förderkreis) mal erklärt, hier solle den Besuchern primär gezeigt werden, wie so ein Kleinkastell früher ausgesehen hat. Auf meinen Einwand, dass es so ganz bestimmt nicht aussah, da man beim modernen Nachbau keine Ziegeldächer verwendet hat und auch kein echtes Mauerwerk oder Fachwerk, sondern nur angemalte und verschraubte Holzbretter, bekam ich keine Antwort. Bei mir hat das den Eindruck hinterlassen, dass man sich der Mängel nur allzu bewusst ist, diese aber nicht öffentlich zugeben möchte um negative PR zu vermeiden. Aber die haben Sie ja spätestens jetzt trotzdem. ;-)

    Liebe Grüße,

    Gregarius

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