Dienstag, 3. Februar 2015

Gab es im Mittelalter Ärztinnen?


Es mag ein wenig überraschen, aber selbst im "finsteren" Mittelalter durften Frauen offiziell Medizin studieren - zumindest an einigen wenigen Bildungseinrichtungen. Als besondere Vorreiterin gilt die bereits im 10. Jh. weithin bekannte Schule von Salerno. Ihr Lehrkörper setzt sich hauptsächlich aus Laien zusammen, was für die damalige Zeit durchaus ungewöhnlich war, denn über eine höhere Bildung verfügten beinahe ausschließlich Kleriker bzw. Mönche. Ebenfalls ungewöhnlich an dieser medizinischen Fakultät war der Umstand, dass im Zuge des Studiums auch Chirurgie gelehrt wurde, die anderenorts oft noch als ordinäres Handwerk galt. Ein seriöser Mediziner sollte sich nicht damit befassen, war die gängige Meinung. Diese Sichtweise fußte größtenteils noch auf philosophischem Denken der Antike, obwohl freilich bereits damals etliche Ärzte zum Skalpell griffen und wenig auf die eher weltfremden Überlegungen von Platon und Konsorten gaben.
Doch zurück zum eigentlichen Thema - den Ärztinnen: Diese konnten sich in Salerno nicht nur ausbilden lassen, sondern durften auch selbst unterrichten. Sie wurden gemeinhin als magistrae medicinae bezeichnet Vor allem weibliche Patienten scheinen sich ihnen besonders gerne anvertraut zu haben. Einerseits, weil vermutlich die Scham geringer war, sich vor einer Geschlechtsgenossin zu entkleiden; andererseits, weil sich diese weiblichen Ärzte naturgemäß besonders gut mit typischen "Frauenkrankheiten" auskannten. 
Eine der herausragendsten Expertinnen auf diesem Gebiet war die (angeblich sehr attraktive) Trotula; sie lebte und praktizierte im 11. Jahrhundert. Aufgrund ihrer umfangreichen Kenntnisse wurde sie auch muliens sapiens (weise bzw. kluge Frau) genannt. Als besonders wissensdurstiger und fortschrittlicher Mensch eckte sie an einigen religiösen Dogmen ihrer Zeit an. Beispielsweise vertrat sie die Auffassung, dass an Kinderlosigkeit nicht immer die Frau schuld sei (was freilich keine völlig neue These war). Außerdem trat sie für die Verabreichung von Opiaten bei der Geburt ein, während vor allem in kirchlichen Kreisen zum Teil immer noch die Vorstellung herumgeisterte, Frauen habe als Strafe für die Erbsünde die ihnen auferlegten Schmerzen einfach hinzunehmen.  Bei schwierigen Geburten führte Trotula den Kaiserschnitt durch, ebenso den damals noch weitestgehend unbekannten Dammschnitt. Sie unterrichtete Hebammen, interessierte sich aber auch für deren Erfahrungen und bezog diese in ihre Forschung mit ein. Als Fachfrau auf dem Gebiet für Frauenkrankheiten verfasste sie ein Buch, das lange Zeit zu den Standardwerken der Gynäkologie zählte.
Eine andere bekannte Ärztin war die im 14. Jh. lebende Jüdin Rebecca Guarna. Auch sie praktizierte ihren Beruf in Salerno und verfasste mehrere Abhandlungen. Weiters wissen wir von einer Francesca di Romana, die nach ihrer medizinischen Ausbildung als Chirurgin arbeitete. Constantia Calenda ist die letzte uns bekannte Ärzin, die in Salerno tätig war. Neben den genannten Frauen wird es sicher noch weitere gegeben haben, deren Namen uns allerdings nicht mehr überliefert sind.

So viel zu den Gegebenheiten in Italien bzw. Salerno. Doch wie war die Situation in Mittel- und Westeuropa? Nun, eine Vorstellung gibt bereits der Umstand, dass die erste deutschsprachige Universität - 1348 in Prag gegründet - Frauen nicht zum Studium zuließ. So kam es, dass sich zumindest in den Städten einige Damen entweder als Autodidakten versuchten oder vermutlich von Ärzten als Gehilfinnen ausgebildet wurden. Machten sie sich eines Tages selbstständig, musste sie allerdings damit rechnen vor Gericht zu landen, da sie ohne Zulassung bzw. universitäre Ausbildung praktizierten. Wir wissen beispielsweise aus dem 14. Jh. von entsprechenden Klagen gegen die in Paris lebende Jacqueline de Alemannia, sowie gegen Jacoba Felicie, die sogar mehrfach wegen illegaler Ausübung des Arztberufs verurteilt wurde. Mächtige Freunde sorgten in ihrem Fall jedoch dafür, dass sie letztendlich unbehelligt praktizieren durfte. Hierbei soll Jacoba deutlich weniger Honorar von ihren Patienten verlangt haben, als es normalerweise üblich war. Möglicherweise war dies auch der Grund, warum die Behandlung mittelloser Kranker vom Kaiser des HRR zum Teil bewusst in die Obhut weiblicher Ärzte gelegt wurde. Diese waren einfach billiger, da sie gesellschaftlich zumeist weniger geachtet waren, als ihre männlichen Kollegen.

Neben Ärztinnen gab es natürlich noch die typischen Kräuterfrauen und Heilerinnen, die vor allem von den kleinen Leuten aufgesucht wurden. Ihr wissen konnten es in einigen Bereichen durchaus mit der damaligen Schulmedizin aufnehmen. Allerdings wurden gerade sie im Laufe des Späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit zunehmend Opfer verleumderischer Anzeigen wegen Hexerei.

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Weiterführende Literatur:

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