Montag, 7. September 2015

Die durchschnittliche Körpergröße der Menschen in der Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas

Problematische anthropologische Schätzmethoden

Weil für eine Arbeit benötigt, habe ich mir vor ca. zwei Monaten das von Frank Sigmund verfasste Buch Die Körpergröße der Menschen in der Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas und ein Vergleich ihrer anthropologischen Schätzmethoden bei Amazon bestellt. Mein Hauptinteresse galt eigentlich mehr den Ergebnissen selbst, weniger den Wegen, die zu ihnen hinführen. Trotzdem hat sich beim Lesen recht früh herauskristallisiert, dass es die von der Forschung angewandten Größenschätzungen ganz schön in sich haben und häufig nicht jenen Grad an Zuverlässigkeit/Genauigkeit besitzen, wie ich ursprünglich annahm, denn:

1. gibt es eine wahre Unzahl an Methoden, die sich - abhängig von Zeit und Ort - verschiedener Beliebtheit bei den Forschern erfreuen bzw. erfreuten.
2. können sich die Ergebnisse der einzelnen Methoden mitunter gleich um mehrere Zentimeter unterscheiden (beispielsweise für die Frauen des Neolithikums liegen die errechneten Mittelwerte zwischen 149 cm und 157 cm!).
3. kann diese Differenz je nach Methode bei Männern und Frauen unterschiedlich stark ausfallen.
4. ist der Autor anscheinend der Meinung, dass es einen qualitativen Unterschied darstellen kann, ob die "In-situ-Messungen" an den Knochen von einem Anthropologen durchgeführt werden oder einem x-beliebig Archäologen.

usw. usf.

Das alles Bedeutet in der Praxis, Körpergrößenvergleiche zwischen unterschiedlichen Populationen, selbst wenn sie beispielsweise in benachbarten Dörfern und zur selben Zeit lebten, sind äußerst problematisch, sofern nicht bei den Untersuchungen der sterblichen Überreste die gleichen Schätzmethoden angewendet wurden. Sind die Methoden bekannt, dann kann versucht werden, eine mir eher kompliziert erscheinende Fehlerkorrektur durchzuführen. Liegen allerdings nur die nackten Endergebnisse vor - so wie es in vielen Publikationen der Fall ist - dann lassen sich eigentlich keine vernünftigen/präzisen Vergleiche mehr anstellen. Schlussfolgerungen wie "im Dorf A waren die Menschen im Schnitt um so und so viele Zentimeter größer als im Dorf B" sind daher mit äußerster Vorsicht zu genießen. Besonders dann, wenn jemand aus diesen Differenzen weitreichenden Schlüsse - etwa bezüglich der einstigen Ernährungsgewohnheiten oder der ethnischen Durchmischung - herleiten möchte. 


Das Zahlenmaterial

Es existieren weitaus mehr Schätzformeln, als ich in der nachfolgenden Tabelle berücksichtigt habe (z.B. Formel nach Tellkä 1950, Olivier 1978, Sjovold 1990 usw.). Allerdings hat sich der Autor meiner Quelle ebenfalls bei seinem Vergleich auf diese scheinbar besonders gebräuchlich Formeln konzentriert und daraus eine kombinierte Schätzung konstruiert.
Ebenfalls keine Berücksichtigung fanden Datensätze der unmittelbare Gegenwart - falls sich jemand wundert, warum der rote Pfeil beim Zeitabschnitt "Moderne" nach unten zeigt. Dass die Körpergröße hier leicht zurückging, liegt unter anderem auch daran, dass immer wieder vielerorts für geraume Zeit ein schwerer Mangel an Nahrungsmitteln herrschten; vor allem aufgrund der Napoleonischen Kriege, der großen Weltwirtschaftskrise sowie des 1. und 2. Weltkriegs. Ganze Generationen litten unter den sich daraus ergebenden Wachstumsstörungen, was in den Referenzpopulationen der einzelnen Schätzmethoden seinen Niederschlag fand.

Keine Rechte vorbehalten, ausgenommen die Nennung der Internetadresse der Quelle

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Weiterführende Literatur / Quelle:
  • Frank Sigmund | Die Körpergröße der Menschen in der Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas und ein Vergleich ihrer anthropologischen Schätzmethoden | Books on demand | 2010 | Infos bei Amazon

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