Dienstag, 17. November 2015

Buch: Die Schiffe der Wikinger

In der modernen Geschichtsforschung drückten die Wikinger einer ganzen Epoche ihren Namen auf: Der sogenannten Wikingerzeit, die vom späten 8. Jh. bis in die Mitte des 11. Jhds. reichte. Doch was wären die reiselustigen Krieger und Kaufleute des Nordens ohne ihre Schiffe gewesen? Erst diese im Laufe von Jahrhunderten technisch perfektionierten Fortbewegungsmittel ermöglichten es ihnen weite Seereisen zu unternehmen, die sie ins Mittelmeer, nach Island, Grönland und sogar Amerika führten.

Im Buch Die Schiffe der Wikinger (Reclam, 2014) beschreibt der Skandinavist, Philologe und Mediävist Rudolf Simek auf rund 110 Seiten kurz und prägnant den aktuellen Forschungsstand zur Seefahrt der frühmittelalterlichen Skandinavier. Dabei erläutert der Autor nicht nur anhand archäologischer Erkenntnisse die Konstruktionsweise der damaligen Schiffe, sondern räumt auch gleich mit einigen Mythen auf, die ihren Weg selbst in jüngere Publikationen fanden: Z.B., dass die Wikinger bei ihren Raubzügen weit ins Landesinnere vorstießen, indem sie Flussaufwärts gerudert seien. Mehrere Versuche auf Rhein und Seine ergaben jedoch, dass dies selbst mit einem schlanken Langschiff aufgrund der Gegenströmung äußerst schwierig ist (von der dickbauchigen Knorr, die über nur wenige Ruderpforten verfügte, ganz zu schweigen). Das Befahren von Flüssen mittels Segel funktioniert hingegen selbst bei widrigen Winden sehr gut. Weiters merkt der Autor kritisch an, dass einige jener für die Wikingerzeit postulierten Hilfsmittel zur Navigation einer genauen wissenschaftlichen Betrachtung kaum standhalten. So ist etwa die Verwendung des berühmten "Sonnensteins" (sólarsteinn) erst aus einer nachwikingerzeitlichen Quelle des 14. Jahrhunderts überliefert. Mit ihm soll es möglich gewesen sein, auch ohne direkten Blick auf die Sonne deren Position am Himmel zu bestimmen. Zwar wurden in Norwegen sogenannte Cordierit-Kristalle ausfindig gemacht, die den beschriebenen Zweck scheinbar erfüllen, allerdings funktionieren sie in der Praxis nur bei unbedecktem Zenit, was dem spätmittelalterlichen Text widerspricht. Auch eine in Grönland gefundene "Peilscheibe" aus Holz, die manche Forscher als Teil eines Navigationsinstrumentes der Wikinger interpretierten, dürfte in Wirklichkeit einen völlig anderen Zweck erfüllt haben. Überdies wurde dieses Objekt mittlerweile in das 12. Jahrhundert datiert, womit es zeitlich bereits außerhalb der Wikingerzeit angesiedelt ist.
Mit welchen Mitteln sich die Nordmänner auf ihren langen Seereisen stattdessen orientierten wird infolge ebenso erläutert, wie auch unzählige weitere Erkenntnisse, die teilweise auf offenbar nicht ganz ungefährlichen experimentalarchäologischen Versuchen beruhen - denn mehr als nur ein Wikingerschiff-Nachbau fand ein überraschend frühzeitiges Ende am Meeresgrund!

Fazit: Das Buch bietet eine sehr gute Zusammenfassung der technischen und seemännischen Fähigkeiten der Wikinger. Die insgesamt 36 beigegebenen Abbildungen fügen sich gut ein und erleichtern das Verstehen des flüssig geschriebenen Textes.
Obwohl ein Hardcover-Einband nicht geschadet hätte, erscheint mir der Preis von knapp 13 Euro absolut angemessen.


Inhaltsverzeichnis:

Vorwort
1. Aussehen und Image der Wikingerschiffe
2. Der Historische Kontext: Die Wikingerschiffe in Nord- und Westeuropa
3. Die archäologischen Schiffsfunde
4. Typen und Klassen von Wikingerschiffen
5. Rudern und Segeln
6. Navigation
7. Vom Einbaum zum Langschiff: Die Entwicklung des Schiffbaus in Skandinavien vor der Wikingerzeit
8. Der Schiffbau in der Wikingerzeit
9. Politische und soziale Organisation der Wikingerfahrten und des Leidgang
10. Das Schiff und seine Bedeutung in der Religion der Wikingerzeit
11. Das Wikingerschiff heute
Glossar
Weiterführende Literatur
Abbildungsnachweis

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